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Kulturvolk Blog Nr. 102

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

27. Oktober 2014

Deutsches Theater Box -

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1941 war die große deutsche Schriftstellerin Anna Seghers auf der Flucht vor den Nazis und schrieb unmittelbar unter dem Eindruck ihrer eigenen Erlebnisse (das angstvolle Verstecken, das ätzende Warten auf Visa, das Hoffen und Verzweifeln, das Finden und Verlieren von Freundschaften oder auch Lieben…). Davon handelt der starke Roman „Transit“, den Alexander Riemenschneider kürzlich in die kleine Box brachte. Und es wurde gleichfalls stark! Und lieferte wiederholt den Beweis: Auch mit Romanadaptionen auf der Bühne kann alles gut werden. – Hier: Mit dem wunderbaren jungen Schauspieler Thorsten Hierse, für mich eine Entdeckung. Ein gut einstündiges Solo, das alles Wesentliche des Textes beeindruckend zum Reden brachte. Was präzise, genau gearbeitete Schauspielkunst alles vermag, ganz auf sich gestellt, ohne effektheischende Zutaten! Das ist, wenn man’s denn kann, weitaus intensiver und packender als viele großmäulige, schillernd sich spreizende Inszenierungs-Happenings auf den Hauptbühnen dieser Stadt. Und man könnte mal wieder geneigt sein zu meinen, die Box sei die heimliche Hauptbühne des DT. (wieder am 8.11.)

Tipi am Kanzleramt -

Ach, ich war so froh gestimmt und neugierig und lüstern, mal wieder ins Tipi zu kommen: Schicker Laden, feine Atmosphäre, ein kleines bisschen wie Zirkus, gute Gastronomie, freundliches Personal, heimisches Publikum, durchmischt mit Touristen aus aller Welt und allen Teilen Deutschlands. Sehr charmant, alles prima. Und diesmal eine sexy Truppe mit sechs Herren aus Australien: „The Brief“, was grob ins Berlinische übersetzt, „die sechs Schlüpper-Jungs“ heißt (Brief = Herrenunterhose).

 

Annonciert ist vielversprechend ein hierzulande immerhin noch nicht sehr oft vorkommender „Boylesque-Comedy-Zirkus“, also ein exquisiter Spaß. Es fängt denn auch furios an, mit komisch Ballettösem, mit Artistik, grotesk komisch verpackt. Ich verstehe: es wird alles total ironisch, satirisch, frech und verrückt also „camp“ auf der ganzen glamourösen Linie. Und zugleich ist es unerträglich! Nämlich durch die bis zum Anschlag und über die Schmerzgrenze hinaus aufgedrehten Bässe der elektronisch eingespielten Pop-Hits. Das wummert, dass man befürchtet, ein Herzinfarkt sei im Anmarsch.

 

Was nur hat die Regie geritten, die tollen Auftritte niederzubrummen. Die tollen Jungs haben es doch überhaupt nicht nötig, ihre raffinierte Kunst mit derartigem Gedröhn aufzupeppen. Meinen die wirklich, das steigere noch ihre Wirkung? Das macht nur alles kaputt. Aber auch die künstlerische Intendanz des Tipi hätte den Kollegen an den Reglern mal auf die Finger klopfen müssen. Oder sind sie alle schon schwerhörig? Da kämpft man gegen jedes Dezibel Fluglärm, doch in dieser „hottest Vaudeville-Show in town“ wird Krach gemacht, als müsse man das Kanzleramt kaputt dröhnen. Und meine Trommelfelle und mein Kreislaufsystem dazu. Ich bin freilich allerhand gewöhnt im Entertainment (und im Theater), auch allerhand Lärm. Doch das war kein Lärm mehr, sondern ein Presslufthammer-Einsatz. Der trieb mich alsbald fluchtartig ins Freie. Schade. Die hottest Boys in town mussten ihre vermutlich waghalsigen und supertollen Dinger ohne mich weiter drehen. Kann ich also nicht empfehlen, es sei denn, man nimmt fortan das unzumutbare Vollgas von den hottest Reglern. (bis 9.11.)

Maxim Gorki Theater -

Auf der selbstredend tiefschwarzen, leeren Bühne ein ausgebeulter Mercedes, rein zufällig mit der hübschen Nummer „BRD 89-14“, man darf sich viel denken dazu. Und um das schwarz glänzende Luxusding tobt furchterregend die Nibelungen-Gang, großer akrobatischer Einsatz, passt in jeden TV-Serien-Thriller, womöglich ungemein jugendtauglich. Fetzt eh! Cool eh! Dazu wird ein bisschen Hebbel-Text gemurmelt aus dessen „Nibelungen“, aber die tolle Gang kann zwar toben, nicht aber Klassik sprechen, die nuschelt nur und piepst, in der achten Parkett-Reihe ist höchstens ein Drittel verständlich, was wiederum ohnehin unwichtig ist: Die Auto-Gang zeigt ja was Sache ist: Mord und Totschlag findet immerhin gleichfalls bei Hebbel statt. Ansonsten bleibt das Drama voll auf der Strecke, auf der immerzu Autos akustisch zusammenkrachen. Dass sämtliche Figuren bei dieser total billigen Ranschmeiße ans Splatter-Movie-Publikum gleich mit platt gemacht werden, ist nebensächlich. Das braucht praktischerweise auch keine Schauspielkunst, Regisseur Sebastian Nübling macht Freak-Show-Time. Und die Dramaturgie (Jens Hillje) gibt vor: Das ewig deutsche Desaster startet (Nazis vorweg nehmend) im Nibelungen-Mythos und endet (neuer Text) in der auch nicht nazifreien BRD. Platter geht’s nicht mit Geschichtsklitterung. Da dürfte selbst die Linkspartei den Kopf schütteln.

 

Dabei ist die Vorlage für dieses große Trauerspiel geradezu gigantisch: Es ist das den Homerschen Epen an Wucht nicht nachstehende „Nibelungenlied“, dessen monumentale Katastrophenhaltigkeit aus dem Übermut und Starrsinn seiner Helden wuchert. Was den Großdramatiker Friedrich Hebbel (1813-1863) dazu trieb, sich die mittelalterliche Verserzählung zu nehmen, für seine Jamben die „Adlerfeder“ zu spitzen und innerhalb eines Jahrzehnts diesen „dramatischen Schatz“ als Mehrteiler mit insgesamt zehn Stunden Spieldauer „für die reale Bühne flüssig zu machen“.

 

Im allzu flüssigen und flapsigen Theater des Jahres ist man in flott verquasten zwei Stunden fertig – aber mit allem: Mit Drama, Tragödie, Trauer sowie mit der Kunst. Und die Katastrophe wird allein durchs blecherne Karacho mit Mercedes behauptet. Ein Triumph des Banalen. Eine aufgeregt kleinkarierte Autoren-Verklapse und Stück-Vernichtung. Am Ende ist das schöne Auto Schrott, die Inszenierung ist es von Anfang an.

Gedenken an Gert Voss -

(10. Oktober 1941 – 13. Juli 2014)

 

Februar 2011, Berliner Ensemble, Probe des Thomas-Bernhard-Monologs „Einfach kompliziert“, Regie Claus Peymann. Mit Gert Voss. Er gibt einen steinalten einsamen Schauspieler im sauren Wartestand auf den Tod. Also eine stinkige, unverschämte Altmänner-Tirade, aber auch ein gewitzt hochfahrendes, sarkastisch tiefschürfendes Philosophierstück. Ein elender Lebenskrampf und gieriger Überlebenstriumph. Gemacht von zwei alten Herren, beide bittersüß lebens- und souverän kunsterfahren: Regisseur Peymann war damals 73, sein Spieler Voss knapp 70. Er hängt am Schminktisch, ziemlich erschöpft nach der Probe spät abends. Im Schmuddelhemd mit ausgeleierter Hose gar nicht so sexy wie sonst immer im schick schwarzen Zivil mit Bügelfalte, T-Shirt, Künstlerschal. Doch in den hellen Augen, da blitzt es schalkhaft, da glimmt selbst nach schwer getaner Arbeit locker Verführerisches. Ach, diese Schauspieler…

Ich mache im Februar 2011 in der BE-Garderobe ein Interview mit Voss.

Ach, Herr Voss, sind auch Sie solch ein „geborener Grimassenschneider“, wie es im Stück heißt?

 

Voss: Natürlich. Ob auch „geboren“, da müssten Sie meine Eltern fragen. Und vor dem Spiegel darf ich in meiner Rolle als komisch-grotesker Mime ja ordentlich Grimassen schneiden. Ein Vorrecht der Kinder und Greise. Ansonsten weiß man ja nichts wirklich Exaktes über meinen Beruf. Wie ich da wirke und erst recht wieso, keine Ahnung, rätselhaft.

 

Sie denken beim Spielen?

 

Voss: Naturgemäß nicht, aber davor und danach. Spielen geschieht selbstvergessen. Ansonsten ist es wie Abspulen von Einstudiertem.

[caption id="attachment_1034" align="alignleft" width="267"] Gert Voss (re.) und unser Autor Reinhard Wengierek in der Garderobe des Berliner Ensembles nach einer Probe des Bernhard-Stücks "Einfach kompliziert" im Frühjahr 2011 Foto: Amin [/caption]

Dennoch probieren Sie besessen bis zur Bewusstlosigkeit.

 

Voss: Eben. Aber im Spiel muss Unverhofftes, bislang Unmögliches hinzukommen. Nur das greift den Zuschauer wirklich, das, was in dieser, sagen wir, Sekundenkunst passiert. Und das zumindest etwas mehr erzählt als das, was im Text steht. Macht die Sache so irritierend, so erregend. Meine ewige Angst im Beruf ist, dass solche Momente ausbleiben. Dann wird alles Schmiere. Kantinenschauspielerei.

 

Ziemlich mystisch.

 

Voss: Kunst ist so. Im Gegensatz zur Wissenschaft, die immer alles beweisen muss. Ohne Selbstentblößung, Seelenaufreißerei, Herzpreisgabe, Kopfaufborung kommt man der Kunst nicht bei.

 

Mein Gott, diese Verletzungen. Aber was ist mit Lessing, Aufklärung, moralischer Anstalt?

 

Voss: Die ist Aufklärung darüber, was jenseits der Aufklärung stattfindet. Das Leben ist ganz einfach, und zugleich eben einfach kompliziert. Darüber mag man moralisieren. Moralisiert jedoch die Kunst, ist sie keine. Denken Sie sich Shakespare als Moralisten…

 

Prima Beispiel. Ihr „Richard III.“ oder „Othello“ waren keine Moralapostel, aber Rollen, die Ihren Ruhm auf Gipfel trieb.

 

Voss: Na ja, da passierte es halt, dass trotz pingeliger Vorbereitung mir beim Spielen etwas wie aus dem Himmel Gefallenes beisprang.

 

Das Göttliche?

 

Voss: Wie auch immer: Es ist, sagen wir, eine Geheimnisträumerei, die rüber kommen muss. Das gehört zur Erziehung zum Menschlichen. Ist meine Mühe um ein kleines bisschen Menschenverbesserung. Gelingt selten, macht die Qual des Berufs.

 

Bei Bernhard heißt es, während die 82 Jahre alte Figur des Schauspielers sich eine Pappkrone aus „Richard III.“ aufsetzt: Erst wenn der Kopf blute, sitze das goldene Ding richtig. Stimmt das?

 

Voss: Stimmt. Alles Schwerarbeit. Nur darf niemand das Blut sehen.

 

Der Totenschädel als Menetekel nicht nur für Hamlet?

 

Voss: Ein Alltagsrequisit. Allein schon die Schauspielerei ist eine tödliche Kunst.

 

Und das schmerzvolle Altwerden? Das mühselige Totschlagen der Zeit bis zum Ende in Einsamkeit?

 

Voss: Sie verwechseln meine Rolle mit mir. Zwar schwindet Elastizität, nicht aber die Lust. Noch sehe ich mich als tapferen Mann. Ich kann keinen Frieden finden mit dem Tod. Angst, nun ja. – Aber, wie bei Bernhard: Es gibt Antworten, doch Genaues weiß man nicht.

 

Dreieinhalb Jahre nach diesem Gespräch starb Gert Voss nach schwerer Krankheit in Wien, wo er Jahrzehnte lang am Burgtheater engagiert war. In Berlin arbeitete er mit Thomas Ostermeier an der Schaubühne (Shakespeares „Maß für Maß“) und mehrfach auch am BE, Anfang der Neunziger unter Zadek/Müller und später unter Peymann. Jetzt bereitet ihm das BE eine Hommage. Mit der Buchpremiere „Gert Voss auf der Bühne“, herausgegeben von Ursula Voss (2.11., 11 Uhr BE-Foyer). Daneben gibt es eine Voss-Filmwoche mit insgesamt 20 Filmen (Theater-Dokumentationen, Porträts, Interviews, TV-Beiträge) in der BE-Tischlerei vom 31. 10. bis zum 8. 11. ab 18 Uhr.

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