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Kulturvolk Blog Nr. 1

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

20. September 2012

Deutsches Theater -

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Unverdrossen in Liebe und Geduld warte ich auf den richtig großen Knaller. Drei Spielzeiten hat der zuvor in Konstanz, Hannover, Hamburg (Thalia) vom Erfolg verwöhnte Intendant Ulrich Khuon hinter sich, aber noch immer werkelt Berlins größtes und reichstes Schauspielhaus bloß irrsinnig fleißig für sich hin. Ja, es gibt die tollen Autorentheatertage, das prima Tüftel-Labor „Box“, das Education-Programm „Junges DT“, die rührige Theaterpädagogik. Aber es gibt keinen Sprung in den Olymp. Schöne Details mit schönen Spielern, doch kein Theaterwunder.

Wie jetzt wieder zum Saisonstart mit „Ödipus Stadt“, dem Verschnitt der Tragödien „König Ödipus“, „Antigone“, „Sieben gegen Theben“, „Die Phönizierinnen“. Handwerklich wohlfeil destilliert, will das Thriller-Quartett des antiken Autoren-Trios Sophokles, Aischylos, Euripides nicht wirklich packen. Zwar sorgen starke Spieler wie Ulrich Matthes (Ödip), Susanne Wolf (Kreon) Sven Lehmann (Teiresias) oder Katrin Wichmann (Antigone) für erregende Momente, zwischen denen die routinierte Regie Stephan Kimmigs leider beständig nervt mit bedeutungshubernder Mätzchenmacherei. Warum immer diese spektakulären Extras (vier tolle Dramen zu einem nun nicht mehr so tollen verwurstet)? Warum nicht bloß „Ödipus“, bloß „Antigone“?

Auftakt Nummer zwei, DT-Kammerspiele: „Verbrennungen“ vom libanesisch-kanadischen Autor Wajdi Mouawad. Eine grauenvolle Familiengeschichte als arg konstruierte, kompliziert verschachtelte Erinnerungszeitreise in den Bürgerkriegshorror des Nahen Ostens. Um nicht in Gefühligkeit und im Horror der Story zu versinken, inszeniert Tilmann Köhler minimalistisch auf leerem Spielpodest. Handwerklich okay. Und doch sticht das entsetzliche Geschehen in seiner performativen Theaterei über drei quälend lange Stunden nicht ins Herz. Es kratzt bloß. Und so ist es eigentlich immer in diesem Traditionshaus, seit es (vor drei Jahren) sich das neue verkrümelte Logo ans Revers gesteckt hat: Das Kürzel „dt“ in Kleinbuchstaben im kleinen Kreis, wie zwei Erbsen auf winzigem Tellerchen. Ein programmatisches Zeichen? Für Erbsentheater?

 

Maxim Gorki Theater

Schiller hielt es für „Schmiererei“, was er da als Aufreißer für sein verkaufsschwaches Intellektuellen-Blatt „Thalia“ hinschrieb. Doch „Der Geisterseher“, die Sex-, Drogen- Gangsterstory vom reichen Prinzen, den unerträglicher „Realitätsterror“ ins Ferne treibt, um dort die „Schranken der Gegenwart“ niederzureißen, dieser Youngster-Thriller wurde prompt ein Hit. Weil: Ein wahrlich großer Text über Vernunft, Glaube, Irrsinn, über den Strudel aus Rausch und Erkenntnis, Ratio und Irratio. Ein theatertauglicher Mix, den sich Jungregisseur Antú Romero Nunes für seine Examensarbeit (Busch-Hochschule) vornahm, um ihn zusammen mit zwei Schauspiel-Absolventen gleichen Instituts (Paul Schröder & Jirka Zett) ins Gorki-Theater zu knallen. Das 80-Minuten-Ding wurde ein kleines Theaterwunder, und Nunes auf Anhieb zum Regie-Prinzen. Das rasend umtriebige, fast immer innovative „Gorki“ (mein Berliner Lieblingstheater, ätsch DT!), das gilt ja überhaupt als Kaderschmiede für Bühnenstars. Schröder und Zett scharren zwar an der Startrampe zum Ruhm noch heftig mit den Hufen. Doch immerhin: Der rumpelstilzig trieselnde Paul Schröder, eine Wuchtbrumme von Präsenz, gleichermaßen stark in komödiantischer Überdrehtheit wie tiefernstem Innehalten, der bekam zu Anfang des Sommers den Preis der Gorki-Freunde. Ein Strauß Margeriten plus 2000 Daruber hinaus werden Sie verdienen Slots Hauptstadt Punkte jederzeit vermitteln ein auf die Spiele wetten, in der zweiten sehr Sie sich dem Casino. Euro.

Am Ende des Sommers als Einstieg in die neue Gorki-Saison gleich wieder ein Aufreißer – wieder mit Nunes (ein Jung-Genie ist auszurufen, ja wirklich!). Und mit Schröder plus Michael Klammer (noch ein erster Spieler mit großer Zukunft) sowie mit Aenne Schwarz. Die drei liefern eine virtuose Schiller-Show: „Die Räuber“ nicht nachbuchstabiert und nicht auserzählt; dafür signifikante Szenen kompakt als drei super Soli für einen zwischen Pathos und Kabarett schillernden Diskurs über Freiheit, Zwang, Gerechtigkeit. Coole Lebenslektionen, krachender Theaterdonner eingeschoben. Für verzärtelte Ohren gibt’s – verdammt korrekte Kunst! – Stöpsel im Foyer.

 

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Nun ist der Molière-Dreier komplett: Nach „Der eingebildete Kranke“ (Regie Martin Wuttke) und „Der Geizige“ (Regie Frank Castorf) jetzt „Don Juan“ (Regie Rene Pollesch). Und immer mit einem atemlos rasenden Turbo-Wuttke in den Titelrollen.

Bislang war das Amüsement enorm schaumgebremst. Der „Kranke“ wurde zugepflastert mit Artaud-Zitaten, was die Lebenskomödie fein gallig grundierte, was dann wiederum ekelsüß überzuckert wurde durch Alberei: Kreischende Tobsucht von Karikaturen auf der Blödheits-Schmiere.

 

Der „Geizige“ quälte, randvoll mit Senilität und Boshaftigkeit, vier Stunden lang seine depperte Nachkommenschaft (wie das gähnende Publikum). Grimassieren und Klistieren als Krampf im Kopf und in den Eingeweiden bis zum Umfallen. – Und jetzt also brandneu „Don Juan“ auch wieder mit Molière als bloß spärlichem Stichwortgeber. Und wieder auf der probaten Bierzelt-Kaspertheater-Bühne von Bert Neumann. Fängt witzig an mit süffiger Rederei über den lebensprogrammatischen Unterschied zwischen risikolos egomanischen Lüstlingen und pragmatisch abwägenden Langweilern. Zwischen der philosophisch gefärbten Gedankenfetzerei wird fleißig rumgeknutscht, demonstriert die Handvoll profilloser Figuren viele flotte Fünfer. Bisschen sexy, aber recht lustig. Dann wird es zunehmend unlustig mit verschnipselten Endlosmonologen über Euphorie, Depression, Ewigkeit, Endlichkeit, Genuss, Abstinenz, Zeit, Liebe, Verachtung, Rauchen, Therapie und Heterotopie. Noch Fragen? Polleschs einst straff-knackiges Polit-Diskurstheater degenerierte mit den Jahren zum ausgeleierten Redeschwall-Betrieb.

 

Schaubühne am Lehniner Platz

Keine Freude ist schöner als Vorfreude: Also abwarten, die Halbjahrhundert-Feier der Schaubühne kommt erst demnächst im Spiral-BLOCK. – Und: Keine Volkshochschule ist schöner als die von Patrick Wengenroth im Schaubühnen-Studio. Dabei geht es um komplexe Sachen wie die Theatertheorien von Schiller und Brecht. Oder wie neuerdings um Friedrich Nietzsches Beschwörung des Übermenschen „Also sprach Zarathustra“. An der Uni verschlingt das ganze Semester. Wengenroth schafft es an einem Abend. Verpackt in viel Musik bringt er ganze Denkgebäude auf die Knackpunkte. Glanzbrocken aus Zarathustras prallem Spruchbeutel werden geistvoll kontrapunktiert mit philosophisch durchwirkten Popsongs von der mal sentimentalen, mal rockigen Art. „Zarathustra“-Entertainment. Aber so, dass es dem sächsischen Großdenker keinen Abbruch tut. Er hätte dazu gegrinst. Und sich verlegen am Schnauzer gezupft, dem üppigen Busch unter der Nase.

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