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Kulturvolk Blog Nr. 309

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

27. September 2019

HEUTE: 1. „Das achte Leben (für Brilka)“ – Hans-Otto-Theater Potsdam / 2. „Mütter und Söhne“ – Berliner Ensemble - Neues Haus / 3. Brecht-Happening im Babylon

1. Schauspiel Potsdam: - Sturz in Katastrophen, Gier nach Glück

Das achte Leben (Für Brilka) © Thomas M Jauk
Das achte Leben (Für Brilka) © Thomas M Jauk

Was für eine Wucht. Was für ein mutiger, weil schwieriger, weil Ensemble und Publikum über vier Stunden hinweg enorm fordernder Einstieg in die neue Saison. Aber so soll es doch sein: Starkes Theater mit einem kompakt politischen, ja epochalen Thema samt den tragischen Verstrickungen unterschiedlichster Menschen, die ihr Glück begehren und dann doch kaputt gehen – sowohl an zwanghaft äußeren Umständen wie eigenen Schwächen, am Egoismus und Opportunismus. ‑ Das große Gesellschaftliche und das große Persönliche in der Zusammenschau, das erzählt Nino Haratschwilo (jetzt in Hamburg lebend) in ihrem georgischen Familienepos „Das achte Leben (Für Brilka)“. Es erschien vor fünf Jahren und steht in seiner Genauigkeit, seiner Poesie und Ereignisdichte wohl einzigartig da im gegenwärtig literarischen Betrieb. Auf Anhieb bekam es zahlreiche Preise; jetzt im Buchhandel in bereits achter Auflage.

 

Aus unseren Dramatikerwerkstätten ist derzeit nichts vergleichbar Starkes und Vielschichtiges zu haben. Also stürzen die Theaterleute sich auf diesen autobiographisch gefärbten 1275-Seiten-Roman (Ullstein Verlag), der über sechs Generationen hinweg den Bogen vom Georgien der Zarenzeit über den Aufstieg und Fall der Sowjetunion unter Lenin, Stalin, Chruschtschow, Breschnew, Gorbatschow bis hin ins Europa nach dem Mauerfall spannt. Ein blutiges Jahrhundert wird da besichtigt: voll von Krieg und Menschenmassenvernichtung, von Dogmatik und Gewalt, euphorischem Aufbruch und tödlichem Sturz, von Liebe, Treue, Betrug und Verrat, Hoffnung, Verzweiflung und Untergang.

 

Die Klammer dieser faszinierenden Generationengeschichte ist Niza, die Urenkelin eines georgischen Schokoladenfabrikanten aus Tiflis. Diese modern-westliche junge Frau von heute erzählt für ihre Nichte Brilka die von Katastrophen durchwirkte Geschichte ihrer Familie.

 

Nach Inszenierungen andernorts griff sich – Bravo! ‑ nun am Hans-Otto-Theater die seit Jahrzehnten Schauspiel und Oper inszenierende Regisseurin Konstanze Lauterbach das Opus magnum und kelterte unter Mitarbeit von Bettina Jantzen aus der enormen Fülle der ins historische Breitwandpanorama eingebetteten privaten Ereignisse ein lebenspralles, dabei pointiertes szenisches Geschehen. Fürs große, freilich nicht durchweg großartige Ensemble eine Riesenherausforderung: Immer auf Anhieb im fliegenden Wechsel der Szenen, Situationen, Zeiten präsent, präzise und zugleich locker zu sein ist Schwerstarbeit für die immer noch heterogen agierende Truppe. Noch dazu die Bewältigung des kühnen Mix‘ gegensätzlicher Spielweisen – psychologische Einfühlung, expressive, auch komische Überzeichnung, satirisches Agitprop, nüchterner Report, episches Erzählen, komödiantische Verspieltheit bis hin zu witzigem Slapstick, zu Tanz- und Gesangseinlagen, fein kontrapunktiert mit reichlich Musik von Klassik bis Pop.

 

Die bewundernswert einfallsreiche Lauterbach zieht alle Register von großer Oper über Agitprop bis hin zum sublimen Kammerspiel. Dabei entstehen suggestive Bilder; kommt es zu monumentalen Aufgipfelungen, entsetzlichen Abstürzen, grausamer Stille. Dass dazwischen immer wieder Bilder und Einfälle trödeln, die weniger zupackend sind, das wäre mit distanzierterem Regieblick im Verlauf der Repertoirepraxis zu tilgen. Macht es doch die schier ungeheure Menge sich wiederholender Katastrophen jedweder Art schwierig, trotz vieler Regiekünste die Spannung unentwegt hoch zu halten. Letztlich wird jedoch die von Weisheit wie Einfühlsamkeit getragene, herzbewegende Aufführung beherrscht von der erschütternden Raserei geschundener Menschen nach ihrem Glück und Seelenheil.

 

Alles in allem ist die durch sowjetisch-georgische Schreckenszeiten von 1900 bis Mitte 1990 mäandernde Erzähl-Chronik ein großer, freilich langer Abend, auf den man sich einzulassen hat. Und der uns entlässt mit einem bitteren Menetekel: „Die Vergangenheit ist nicht tot“, heißt es am Schluss. Sie warte nur darauf, wiederzukommen.

 

(wieder 4., 27. Oktober)

 

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2. Berliner Ensemble - Neues Haus: Hysterische Mütter, hasserfüllte Söhne

Mütter und Söhne © JR Berliner Ensemble
Mütter und Söhne © JR Berliner Ensemble

Natürlich bleiben die Bauleute. Auch nach Einweihung des alten Proben- und Verwaltungsgebäudes zum nüchtern funktionalen, allerweltsmodisch grau-schwarz-weiß ausgepinselten Studio Neues Haus, das im nächsten Jahr noch extra eine metallische Verkleidung bekommt, damit der ausgerechnet jetzt so besonders dem Zeitgeist entsprechende grüne Anstrich verschwindet.

 

Und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die Vision Wirklichkeit wird vom BE-Parcours mit Hofidyll, Garten, Gastronomie unter alten Bäumen; mit Fahnen auf dem Dach (einst in Peymann-Weiss, künftig in Reese-Gelb) und mit endlich einem freundlichen Vorplatz, auf dem jetzt inmitten von Staub und Dreck ziemlich verloren das Denkmal vom freundlichen Brecht grüßt.

 

Ansonsten aber funktioniert ‑ zumindest technisch ‑ der feine neue Laden (Kosten: 5,5 Millionen Euro). Zum Opening gab es allerdings kein Drama, kein großes Stück, sondern das kleine Projekt „Mütter und Söhne“. Freilich ein höchst politisches, das uns wohl auf noch sehr lange Zeit in Atem halten wird, nämlich das gesellschaftliche Abdriften nach rechts. Oder anders gesagt, das Einsickern des rechten Denkens in die gesellschaftliche Mitte.

 

Besagtes Projekt ist eine Recherche-Arbeit der Autorin und Regisseurin Karen Breece, die am BE vor einiger Zeit eine wenig begeisternde Arbeit über Obdachlose herausbrachte („Auf der Straße“). Jetzt also Jungnazis und deren verzweifelte Familien sowie ‑ so steht‘s auf dem Programmzettel – Organisationen, die sich um Menschen kümmern, die sich aus rechtsradikalen Strukturen lösen wollen und solchen, die Rechtsextremismus im Blick haben. Die journalistisch zusammengetragenen Informationen hat Breece „mehrfach überschrieben und zu einem Theatertext für Schauspieler geformt“.

 

Und diese Überschreiberei, dieserart Formung ist das Problem. Denn damit wurde nichts packcnder oder gar komplexer. Vielmehr wurde alles verwischt. Die vielen befragten Figuren verschmelzen zu vier: eben zwei Mütter, zwei Söhne. Und die bleiben in jeder Hinsicht allgemein, ohne jede soziale Verortung. Und mutieren so zum Quartett propagandistischer Schablonen: Mama Nr. eins als weinerliche Hysterika (Corinna Kirchhoff), Mama zwei als aggressiver Wutbatzen (Bettina Hoppe); zwei Mütter, zwei perfekt erregte Klageweiber („Mein Sohn ein Nazi. Und ich liebe ihn dennoch.“). Neben den beiden Sohn Nr. 1 als grölendes Hakenkreuz (Nico Holonics) sowie Sohn Nr. 2 als die etwas weichere, reflektiertere Variante (Oliver Kraushaar); zwei gewaltgierige, die Welt hassende, nach neuer Führung lechzende NS-Jungmänner.

 

Diverser Kommentare (Videos, Fremdtexte) enthält sich Breece bei der hilflosen Inszenierung ihrer eigenen, dramaturgisch diffusen Vorlage. Stattdessen infernalische Musik und als theatralische Garnierung donnernde Saalschlachten mit gefühlt tausend Stühlen, mit denen die Spielfläche zugestellt ist. Und obendrauf einige Portionen Mitmachtheater (Stühle aufräumen – das Publikum als die betroffene Gesellschaft; gemeinsames Absingen der Brandenburg-Hymne). Ziemlich peinlich, ohne sonderlichen Erkenntnisgewinn und qualvoll für uns alle, besonders für die bedauernswerten Spieler und Spielerinnen.

 

Wenn denn ein solches ehrenwertes 90-Minuten-Projekt, dann ganz sachlich als korrekte Dokumentation, ohne Vertheaterung. Wenn schon poetische Verdichtung und Überschreibung, dann mit der Qualität etwa einer Elfriede Jelinek. Die mag dann auch, wenn man’s kann, vertheatert werden.

 

Der trotz seiner Kürze und thematischen Brisanz langweilende Abend wäre akzeptabel als Einbettung in ein Übergeordnetes ‑ und diese gibt es unter dem Motto „Rechtes Denken“. Das ist die Überschrift eines aufwändig mit Spezialisten besetzten leider einmaligen Thementags über das Verstehen politischer Kategorien und rechter Ideologie. Gute programmatische Idee für eine Spielstätten-Eröffnung. Fand großes Interesse. Karen Breeces „Theaterstück“ aber steht künftig frei im Repertoire. Ohne Publikumsgespräche sollte das nicht laufen.

 

(wieder 7.-10. Oktober)

 

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3. Tipp: - Brecht komplett im Kino

Brecht-Filmfestival im Babylon Kino Berlin © Babylon Berlin
Brecht-Filmfestival im Babylon Kino Berlin © Babylon Berlin

Das gab es noch nie: „Brecht in echt“ im Babylon. Das gesamte Filmerbe Brechts wird auf diesem spektakulären Festival vom 4.- 6. Oktober erstmals gezeigt, mithin alles, was B.B. selbst im Film realisiert oder initiiert hat.

 

Zur Eröffnung katapultiert das Regie-Team Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 4. Oktober um 19.30 Uhr Brechts legendäre „Hofmeister“-Inszenierung (nach R.M. Lenz) am BE von 1950 ins heute: Samuel Finzi und Kathleen Morgeneyer bringen live den originär stumm, weil äußerst bescheiden als Doku gedrehten Film zum Klingen, der auf der großen Leinwand läuft. Eine Premiere!

 

Daneben zahlreiche Theaterdokumentationen: „Mann ist Mann“ (1931), „Galileo“ (1947), „Urfaust“ (1952), „Die Gewehre der Frau Carrar“ (1953), „Mutter Courage“ (1961); dazu nie gezeigtes Stummfilmmaterial und Einzelbildschaltungen mit Live-Musik, private Filmaufnahmen, Ausschnitte aus Wochenschauen und in Privataufnahmen das berüchtigte Verhör vor dem House Committee on Un-American Activities.

 

Außerdem Kino-Klassiker wie „Kuhle Wampe“ von Slatan Dudow (1932, Drehbuch: Brecht), „Hangmen Also Die“ von Fritz Lang (Hollywood 1942, Drehbuch: Brecht), „Die Dreigroschenoper“ (1931, Exposé: Brecht, danach Rechtsstreit) und „Puntila“ von Alberto Cavalcanti (1955/1960).

 

Interessant im aktuellen Vergleich mit Ersan Modtags BE-Inszenierung: „Baal“ (1970, Regie: Schlöndorff) mit Fassbinder in der Titelrolle; anschließend Gespräch mit dem Regisseur. Am 5. Oktober, 20.15 Uhr.

 

Am 4. Oktober, 22 Uhr, gibt es die Bühnen-Aufzeichnungen von „Mann ist Mann“ (1931) und „Galilei“ (1947); kommentiert von Brechts Meisterschüler B.K. Tragelehn.

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