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Ein eigenes Haus und der I. Weltkrieg

Nach jahrelangen Planungen der beiden rasch auf 70.000 Mitglieder angewachsenen Organisationen begann ein Jahr vor Kriegsbeginn der Bau der Volksbühne am Bülowplatz, heute Rosa-Luxemburg-Platz, nach einem Entwurf von Oskar Kaufmann.

 

Der 1914 vollendete Bau war in zurückgenommener Eleganz und Abkehr vom barockgestalteten Hoftheater ganz auf die Bedürfnisse eines Großstadtpublikums zugeschnitten. Mit einer gelungenen Mischung aus intimer Atmosphäre und gleichermaßen festlichem Ambiente entsprach das Theater mit seinen 2.000 Plätzen somit der demokratischen Grundhaltung, die diesen Bau in Besitz nehmen sollte. Technisch gesehen besaß die Freie Volksbühne damals das am modernsten ausgestattete Theater.

 

Die Eröffnung der Volksbühne wurde von der Presse hurrapatriotisch als "Kulturtat inmitten des Kriegslärms" gefeiert, "um die uns unsere Feinde staunend beneiden können". Trotzdem wurde den Vereinen auch weiterhin das alte Misstrauen entgegengebracht, das in moralischen Einwänden zur volkserzieherischen Arbeit vor sozialistischem Hintergrund begründet lag.

 

Zu intensiven Auseinandersetzungen um die künstlerische Leitung kam es nach der Eröffnung des Hauses zwischen künstlerischem Ausschuss und Vorstandsvorsitz. Mit dem neuen großen Haus konnte man in direkte Konkurrenz zu den anderen Bühnen treten. Der Spagat bestand zwischen politischer und sozialer Zielstellung der Vereine. Man musste einerseits den Bestand der großen Besucherorganisation und ihrer proletarischen Basis sichern, sich andererseits aber nun auch bestimmten Geschäftsgebaren des Privattheaters und somit dem Bürgerlich-Klassischen öffnen. Max Reinhardt übernahm 1915 als erster Direktor der Freien Volksbühne das Theater. Unter seiner Führung und mit Friedrich Kayßler als künstlerischem Leiter konnte die Stagnation und der kriegsbedingte Rückgang der Mitgliederzahlen erfolgreich aufgefangen und schließlich die Zahl der Mitglieder sogar verdoppelt werden. Dennoch stand die Freie Volksbühne weiterhin unter permanenter Beobachtung durch Polizei und Politik ob ihres Zwecks und ihrer ideologischen Ausrichtung.