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Minna von Barnhelm

Schlosspark Theater Berlin

 © DERDEHMEL/Urbschat
bis 31. Okt 2017
Schlosspark Theater Berlin
Schloßstr. 48
12165 Berlin

Gotthold Ephraim Lessing

 

Der unehrenhaft aus der preußischen Armee entlassene Major von Tellheim hat nach Ende des Siebenjährigen Krieges mit seinem Diener in einem Berliner Gasthof Quartier bezogen. Voller Stolz lässt er sich nicht anmerken, dass er in Geldnot steckt.

 

Als ein weiterer Gast – eine Dame von Stand – eintrifft, soll von Tellheim in ein schlechteres Zimmer umziehen. Verärgert beschließt er, abzureisen. Was er jedoch nicht ahnt: bei der Dame handelt es sich um Wilhelmine „Minna“ von Barnhelm, seine Verlobte, die ihn in den Kriegswirren aus den Augen verloren hatte und nun nach ihm sucht.

 

Um an etwas Geld für die Weiterreise zu kommen, verkauft von Tellheim mithilfe seines Dieners seinen Verlobungsring an den Wirt. Minna von Barnhelm, die den Ring durch Zufall sieht, erkennt sofort: sie hat ihren Verlobten gefunden! Von Tellheim, der von ihr zur Rede gestellt wird, glaubt jedoch, als verarmter und in seiner Ehre verletzter, aus der Armee entlassener Major könne er Minna nicht mehr heiraten und löst die Verlobung.

 

Durch eine geschickte List gelingt es Minna schließlich, Major von Tellheim wieder für sich zu gewinnen ...

Besetzung
Regie Thomas Schendel
Bühne / Kostüm Daria Kornysheva
Mit Oliver Mommsen
Katharina Schlothauer
Harald Heinz
Oliver Nitsche
Mario Ramos
Maria Steurich und Anton Spieker

Kulturvolk Kritik

Von unserem Autor
Reinhard Wengierek

Sächsisch-preußische Liebeshändel in Berliner Kneipe

 

Es ist ein schweres Paket, das Major von Tellheim da als Heimkehrer aus dem Siebenjährigen Krieg mit sich schleppt: Er sitzt in einem Berliner Gasthof fest , weiß nicht recht weiter, ist verwundet, ziemlich mittellos, fühlt sich ungerecht behandelt von der Truppe, hadert mit aller Welt. Ein Depressiver mit verletztem Ehrgefühl nebst aristokratischem Standesdünkel, Minderwertigkeitskomplexen, Macho-Posen, preußischer Überkorrektheit, Zukunftsängsten, Kriegstraumata – und die große Liebe kam ihm auch noch abhanden.

 

Die aber, das sächsische Adelsfräulein Wilhelmine von Barnhelm, genannt Minna, die hat sich mit Zofe Franziska auf die Suche nach ihrem geliebten, im Kriegs-Wirrwarr verschollenen Major gemacht. Und trifft ihn – glücklicher Zufall! – in eben jenem Gasthof. Doch dem Glücksmoment folgt augenblicklich die Ernüchterung: Tellheim will nicht mehr, weil er meint, er dürfe nicht. Er sei Minna nicht mehr ebenbürtig, sei ein Krüppel ohne Geld, sei ein übel abgehalfterter Kriegsgaul mit verlorener Ehre. Was er aber vor allem ist: Eine totale Frustbeule, ein bis ins Unmenschliche sturer Hund, rechthaberisch, verbiestert, verbittert, was die lebensfrohe, kluge, gewitzte, großherzige und noch nach wie vor schwer verliebte Minna schmerzlich zu spüren bekommt.

 

Trotzdem kämpft sie tapfer um diesen freilich immer noch (äußerlich!) feschen Holzkopf. Dabei kommt es zu massenhaft Missverständnissen, verzweifelten Irrungen, intriganten Wirrungen – komisch bis ins Groteske und Aberwitzige, albern bis ins Dämliche. Beinahe das ganze Spektrum eines sozialen wie psychischen Geschlechterclinchs Mitte des 18. Jahrhunderts – im Grundsätzlichen: fast alles wie heutzutage.

 

Von diesem Clinch handelt Lessings Komödienklassiker „Minna von Barnhelm“ , 1767 in Berlin uraufgeführt und seither fester Bestandteil des deutschen Bühnen-Repertoires. Komödien-klar ist: Es kommt (nach zwei Stunden) zum Happy End. Daran anschließend hätte der große Aufklärer, das nebenbei, den sexuell-psychischen zweiten Teil der Komödie schreiben können. Doch hielt er sich an die praktische Regel, die Kurt Tucholsky, das Kino betreffend, ausrief: „Zum Happy End wird jewöhnlich abgeblendt!“ – Freilich, wenn man auf die gegensätzlichen Charaktere des Paars schaut, dürfte es in Zukunft zwischen den beiden weiterhin kräftig krachen.

 

Doch jetzt kracht’s erst mal in der Lessing‘schen Komödienkneipe; im Schlosspark Theater inszeniert von Thomas Schendel. Den allermeisten Krach dabei macht Bremens TV-Tatort-Star Oliver Mommsen als Tellheim allein durch permanenten Fortissimo-Einsatz seiner Stimmbänder. Die überdonnern wie ein Panzer alles Wehleidige, Schmerzensreiche, Elende und erst recht seine verkrampften, ja verkümmerten Zartgefühle. Er gibt den raubeinigen Poltergeist vom Dienst. Aber auch Katharina Schlothauer als Minna, die sächsische Fräulein-Schönheit, hat sich gepanzert. Natürlich nicht krachledern, sondern mit einer durchweg damenhaften, zuweilen das Salonschlangenhafte streifenden Eleganz, die selbst bei den hanebüchensten Zumutungen ihres Angebeteten kaum wirklich die Contenance verliert.

 

Das Duell des dramaturgisch gesehen hohen Paares ums Lebensglück pflegt sozusagen eine Art kraftvoll hohen Ton, der flott, schrill und laut hinwegfegt über alle Abgründe voller Angst, Wut, Wahn und Verzweiflung. Lessing nimmt sie als den qualvollen Untergrund für seine Oberflächen- und Situationskomik, die er mit leichter Hand hinzaubert. Dafür sind vornehmlich die lustig wuselnden Nebenfiguren zuständig (die durchaus noch hochtouriger und drastischer hätten wuseln können). Maria Steurich als Zofe Franziska läuft zur fein sächselnden Hochform auf.

 

Die große Klassiker-Komödie kommt hier also ohne das Öffnen der vom Autor in dezent aufklärerischer Absicht vielfach aufgestellten Türen aus, hinter denen die arg ungemütlichen Seiten des Daseins gähnen — der im Stück auch noch steckende Psychothriller bleibt unbelichtet. Umso gemütlicher dafür das edel ausstaffierte, in feine Brauntöne getauchte Bühnenbild von Daria Kornysheva; wie vornehm eingerichtet waren doch Berliner Wirtshäuser in der Nachkriegszeit anno 1767. Ein wahrer Augenschmaus! Der genau passt zu dieser geradezu festlich angerichteten, also ordentlich und harmlos unterhaltenden Aufführung. Begeisterter Beifall!

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