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Iphigenie auf Tauris

Deutsches Theater

Foto  © Arno Declair
bis 11. Jul 2017
Deutsches Theater
Schumannstraße 13 a
10117 Berlin

Johann Wolfgang von Goethe

 

Sie ist die Tochter des fluchbeladenen Geschlechts der Tantaliden. Nur himmlischer Intervention verdankt es Iphigenie, dass sie noch am Leben ist, wollte ihr Vater Agamemnon sie doch einst den Göttern opfern, damit das griechische Heer vorankomme Richtung Troja. In letzter Sekunde entführte Artemis das Mädchen und brachte sie nach Tauris. Jetzt, nach vielen Jahren als Artemis Priesterin in der Fremde, sehnt sie sich nach Rückkehr. Und ist zugleich dem Taurerkönig Thoas tief verplichtet, dessen Gewaltgesellschaft sie in eine humane verwandelt hat. – „Es fürchte die Götter das Menschengeschlecht“, heißt es im Parzenlied, das Iphigenie in ihrer Kindheit gehört und so gern vergessen hatte. Heiner Müller hat einmal gesagt, man müsse nur einen einfachen Druckfehler machen und schon werde der Satz aktuell: „Es fürchten die Götter das Menschengeschlecht“. Das ganze Stück zittere vor diesem Druckfehler.

Besetzung
Regie Ivan Panteleev
Bühne / Kostüme Johannes Schütz
Sound-Design Martin Person
Dramaturgie Claus Caesar
Mit Moritz Grove
Camill Jammal
Kathleen Morgeneyer
Barbara Schnitzler
Oliver Stokowski
Trailer

Kulturvolk Kritik

Von unserem Autor
Reinhard Wengierek

Klassiker-Utopie dick verkleistert mit alpin-weiß

 

Achtung: Frisch gestrichen! Und jeder der fünf Mitwirkenden in Goethes abgeklärt abstraktem Denkspiel „Iphigenie“musste mitmachen, musste Eimer voll „Alpina weiß“ schleppen sowie fleißig Pinsel und Roller schwingen auf der Treppenleiter vom Baumarkt. Die Fünf schafften es gerade mal bis höchstens zur Hälfte, den riesigen schwarzen Kasten mit dem mannshoch monumentalen Tisch (oder Altar) notdürftig zu weißen. Johannes Schütz hat diesen Bunker auf die Rampe vors Publikum geknallt als Sinnbild für eine Welt der Finsternis, in der mythische Gottheiten drakonisch-blutig herrschen über eine ihnen hilflos ausgelieferte Menschheit (soweit Goethe). Nun kommt da diese Handvoll Goethe-Figuren, um gegen das ewig-dunkle Böse endlich und im Guten anzugehen mittels Pinsel und Farbe, womit sie sich – fern von Goethe reichlich bekleckern und alsbald gegenseitig einseifen.

 

Diese stumme Ouvertüre ist das starke Bild einer gescheiterten Weltverschönerung und Menschenbesserung. Zugleich aber macht sie von vornherein den in preziöse Verse gegossenen Klassiker „Iphigenie auf Tauris“ platt. Der nämlich handelt von möglicher Selbstbestimmung und mutiger Befreiung des Menschengeschlechts von göttlicher Bevormundung und vermeintlich schicksalhaft bestimmter, ewiger Kriegerei von Mensch zu Mensch. Doch das Personal auf dieser Insel namens Tauris (heute: Krim) hat allein schon wegen der geradezu himmlischen Höhe dieser Black-Box-Tauris-Welt keine Chance zur Goetheschen Selbstbefreiung. Denn die Farbe reicht nicht, und die Treppenleiter ist viel zu kurz, das Schwarze ins Weiß zu wandeln, wie Goethe es wollte. Regisseur Ivan Panteleev will es anders. Seine immerhin originell witzige Anstreicher-Performance bekräftigt von Anfang an nur das eine: Achtung, Vergeblichkeit! Dazu passend sein Schlussbild: Alle stehen bekleckert und bedeppert da als Alpina-vergipste Menschenkinderclowns. – Keine Menschheits-Erhöhung. Goethes Humanismus höchstens närrisch vorgegaukelt. Alles bleibt beim bösen Althergebrachten. So etwa die fundamentale Regie-Kritik am Stück.

 

Selbstredend war Goethe klug genug, das Ganze als einen schönen, zugleich quasi zwingend notwendigen Traum zu nehmen. An Versuchen, diesen szenisch zu hinterfragen, hat es bislang nicht gefehlt. Panteleev tut dies gleich vorab mit besagter Anstreicher-Pantomime. Die vermeldet als programmatischer Auftakt: Keine Utopie! Folglich gibt es auch kein Spiel, keine szenische Kollisionen der Konfliktparteien, keinen Kampf gegen himmlische Blutgesetze wie das Töten von Fremdlingen, die sich einschleichen auf Tauris. Kathleen Morgenheyer als Iphigenie im lächerlich kurzen weißen Leinenhemdchen macht erst ordentlich larmoyant auf Klageweib, um dann zum Finale mit keckem Triumphalismus ihren Big Boss abzubürsten. Der soll gefälligst Schluss machen mit dem Opfern von Menschen sowie, das auch noch, verzichten auf die Heirat mit ihr. Oliver Stokowski als Inselkönig Thoas bleibt da nix weiter übrig, als ausgetrickster, zur Menschlichkeit zwangsbekehrter Depp offenen Munds dumm da zu stehen und Iphigenie ziehen zu lassen gemeinsam mit den frechen Eindringlingen, nämlich ihrem Bruder Orest (Moritz Grove) und dessen Kumpel Pylades (Camill Jammal).

 

Überhaupt gehört zur Grundidee dieser Inszenierung, ihr Personal rumstehen und Goethes kunstvolle Verse abspulen zu lassen, so, als sei man ziemlich genervt von den Zumutungen dieses Dichters. Mithin wirken die Redner, weiß verschmiert, wie abgeschmiert aus der philosophisch-moralischen Höhe, die der Autor ihnen andichtete. Man darf das womöglich hinnehmen als Realismus. Doch wozu dann noch Goethes kämpferischer Idealismus? Etwa als reine Idiotie? Warum denn nicht wenigstens einmal diesen immerhin genial formulierten Idealismus als grandioses Exempel demonstrieren?

 

Dazu freilich fehlte es der Regie an Lust und Mut. Sie lässt Goethe mürrisch durchlaufen und schielt dabei aufs konservative Publikumslob der Texttreue. Meuchelt aber so den Klassiker samt seiner Intentionen hinterrücks. Goethes hoffnungsselige „Iphigenie“ plappernd entsorgt in die schwarze Kiste als Endstation jeglicher Hoffnung. Warum dann aber überhaupt noch diesen Johann Wolfgang von?

Pressestimmen

Foto

„Kathleen Morgeneyer schafft es als Iphigenie tatsächlich über weite Strecken, den klassischen Pathos-Ton in eine zeitlose Gegenwärtigkeit zu wenden, die zeigt, was dieser Klassiker heute im Idealfall sein kann: ein dialektisches Denkspiel.“ (Christine Wahl, 15.10.2016)

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