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Faust

Volksbühne

 © Thomas Aurin
bis 27. Mai 2017
Volksbühne
Rosa-Luxemburg-Platz
10178 Berlin

Goethes Faust-Figur entwickelt sich unter dem Einfluss Mephistos vom zweifelnden und verzweifelten Intellektuellen zu einem globalen Unternehmer. Er wird zum Prototyp eines totalen ökonomischen Weltherrschers und den Planeten umspannenden Kolonisten, der freilich ebenso scheitert wie der frustrierte Gelehrte, der seiner perspektivlosen Studien so überdrüssig ist, dass er sterben will. Sein Pakt mit dem Teufel bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine Entscheidung für den Individualegoismus und die Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Rest der Welt. Das ist für Faust eine Alternative zum Selbstmord und gleichzeitig der Einstieg in die moderne Marktwirtschaft, die das private Eigeninteresse zum Movens der gesellschaftlichen Entwicklung erklärt.

Besetzung
Regie Frank Castorf
Bühne Aleksandar Denic
Kostüme Adriana Braga
Licht Lothar Baumgarte
Kamera Andreas Deinert
Mathias Klütz
Videoschnitt Jens Crull
Maryvonne Riedelsheimer
Ton Tobias Gringel. Christopher von Nathusius
Tonangel Dario Brinkmann
Lorenz Fischer
William Minke
Dramaturgie Sebastian Kaiser
Mit Thelma Buabeng
Frank Büttner
Angela Guerreiro
Hanna Hilsdorf
Marc Hosemann
Sophie Rois
Lars Rudolph
Alexander Scheer
Sir Henry
Lilith Stangenberg
Abdoul Kader Traoré
Valery Tscheplanowa
Martin Wuttke und Daniel Zillmann

Kulturvolk Kritik

Von unserem Autor
Reinhard Wengierek

Das Männliche ist das Vergängliche

 

Ob sportiv-performativ oder exzessiv einfühlend, ohne Konditionsschwächen schlüpft das Allstar-Ensemble treppauf, treppab im fliegenden Wechsel in unterschiedliche Rollen durch das kompliziert verwobene Szenengeflecht von Schauplatz zu Schauplatz im rotierenden, monumentalen Bühnenkonstrukt von Alexandar Denic: Ein märchenhaft illuminierter, verschachtelt gebauter Albtraum aus Kolonialherren-Station mit Wachturm, Knast, Grenzzaun, aus Pariser Boudoir, Grusel-Schloss, Gespenster-Puff „L‘Enfer“ und Metrostation „Rue Stalingrad“. Größtenteils verschwinden die Figuren für ihre Live-Auftritte hinter dem Sperrholz, wo sie im Interieur perfekt gefilmt werden und über geschickt eingebaute Video-Screens flimmern – überlebensgroß gezoomt, was suggestiv-dramatisch überwältigt. Hier macht die unentwegte Filmerei Sinn und Effekt.

 

Freilich gibt es auch Wahnsinns-Solo-Nummern direkt vorn an der Rampe. Sophie Rois als Hexe Ladylike mit der flüssigen Wunderdroge und mit Wuttke-Faust, der als uralter Lustgreis (unter der Gummimaske seine Klassik-Verse mümmelnd), den Zaubertrunk kippt. Der dann als geiler Lederkerl, scharfer Intellektuellen-Hund oder alberner Wirrkopf mit dem in echt lebenden schwarzen Pudel namens Bukowski an der Leine herumtobt.

Pressestimmen

„Eine Ära endet würdig. Es ist ein starker Abgang. Kein Selbstmitleid, keine billigen Witze. Noch einmal packt Castorf die große Form aus. Genialisch, schluffig, aggressiv, assoziationswütig, so wie man ihn kennt und liebt und oft nicht aushalten kann.“ (Rüdiger Schaper, 04.03.2017)

„Das Ensemble läuft zu großer Form auf. Martin Wuttke ist als Faust kein heroischer Wissenschaftler, sondern ein Neurotiker. Er taumelt über die Bühne, stürzt, rappelt sich auf und bellt seine Texte heraus. Das hat so viel Kraft und Ausdrucksreichtum, dass es einfach faszinierend ist.“ (Oliver Kranz, März 2017)

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