0

Kulturvolk Blog Nr. 97

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

22. September 2014

Deutsches Theater -


Was die “Lola” für den Film, ist der “Faust” fürs Theater, nämlich die Auszeichnung (am 8. November in der Hamburgischen Staatsoper) fürs Beste der jeweiligen Branche. Für die Sparte Beste Schauspielerin ist in diesem Jahr Dagmar Manzel nominiert worden. Für ihre Rolle im Zwei-Personen-Stück „Gift" von der niederländischen Autorin Lot Vekemans, womit die Manzel nach grandiosen Ausflügen ins Musiktheater (Komische Oper!) endlich wieder zurück kommt ins Schauspiel, in ihre alte Heimat Deutsches Theater.

 

 

„Gift“ ist das Drama, oder die Tragödie gescheiterter Eheleute. Der Mann (Ulrich Matthes) bringt es auf den Punkt: Erst verloren beide ihr einziges Kind bei einem Unfall, dann sich selbst und schließlich einander. Nun treffen sie sich nach Jahren wieder auf dem Friedhof am Grab des Kindes – und reden, zwangsläufig, mal wieder miteinander. Sie blicken zurück, klären auf, verletzten sich erneut gegenseitig, missverstehen, aber verstehen auch. Unendliche Trauerarbeit beiderseits, aber auch die (schwierige!) Schau nach vorn. Doch das Trauma und die vielseitigen Verletzungen der bitteren Entfremdung - einstmals eng und voller Liebe Verbundener - die ätzen weiter; insbesondere bei ihr.

 

Schwere Sache, leicht boulevardesk aufbereitet, nicht ganz frei von Komik. Am Ende umarmen sich die beiden „wie zwei Schiffbrüchige sich klammern an eine Boje“. Tolles Schauspielertheater von zwei ganz Großen des Theaters; sternstundenhaft unter diskreter Regie von Christian Schwochow. Verwunderlich nur: Wie kann man bei diesem einzigartigen Doppel nur die eine Seite des Faust-Preises für würdig erachten? (jetzt endlich wieder am 27. September)

 

Übrigens noch eine Berliner Sache: Als Bester Schauspieler wurde Taner Sahintürk nominiert, für seine Rolle als Lopachin im "Kirschgarten" am Gorki Theater; die gefeierte Eröffnungsinszenierung der Intendanz Langhoff/Hillje - sehr empfehlenswert! - läuft wieder am 11. Oktober und 1. November.

Gratulation Grips -

Just am vergangenen Wochenende feierte das Grips Theater (genialer Name!) sein 40jähriges Bestehen mit einem großartigen Happening und mit tollen Gastspielen aus Griechenland und Indien. Es war der 30. September 1974, als das Grips im umgebauten Bellevue-Kino sein eigenes Haus bekam; im Ostteil der Stadt existierte seit Jahrzehnten schon das Kinder- und Jugendtheater Freundschaft; heute „Theater an der Parkaue“. Volker Ludwigs „Fest bei Papadakis“, eine Reise vom Hansaplatz um die Welt, war die Eröffnungspremiere – mittlerweile ein Klassiker.

 

Lutz Hübner, einer der meistgespielten deutschen Gegenwartsdramatiker (seine Stücke laufen im Grips, dem er seit langem verbunden ist, im Renaissance Theater und in Potsdam), Hübner feiert im Tip-Magazin „sein“ Grips überschwänglich als „großartigstes Theater der Welt“: Ein Abend dort sei kein normaler Theaterabend; entweder der Saal gehe mit oder man schmiere ab und alles käme einem banal vor. Hier müsse alles besonders leicht und trefflich aussehen, was bekanntlich Schwerstarbeit sei. Grips sei nicht subtil? „Hardrock aber auch nicht, oder auf andere Weise subtil als beispielsweise ein Cembalo-Konzert.“ Grips erreiche den Kopf durch den Bauch, müsse immer wissen, wo sich sein so rasch wandelndes Publikum gerade befindet, was dessen Themen sind, seine Tabus. „Grips verändert sich, wie sich Rockmusik ständig verändert, um im Kern doch das zu bleiben, was es ist: ein Energieschub.“ Wir freuen uns auf künftige Energieschübe und gratulieren heftig, sonderlich dem so umtriebigen künstlerischen Leiter Stefan Fischer-Fels, der vor der Sommerpause zu Gast war in unserem „Theater-Talk" im Alex-TV (abrufbar auf youtube).

Volksbühne -

Volksbühne Seitenschiff, Roter Salon, plüschig, kuschelig, man trinkt Bier, nippt Wein – alles fein lässig bürgerlich. Dazu, im Kontrast, ganz unkuschelig, Karl Kraus, der eiskalte, grellsichtig schmerzliche Wüter gegen Dummheit, Wahn, Entmenschung, gegen (gut bürgerlich verpackte) Verlogenheit und vor allem gegen Verderben und Tod bringende Phrasen. Das alles (und noch mehr) spielt zusammengefasst in seinem unspielbaren Kopftheater (500 Rollen!) „Die letzten Tage der Menschheit“. Kraus, dieser geniale Wiener Welt- und Weltkriegssezierer (1874-1936), schrieb es mit blutender, auch glühender Feder von 1915 bis 1922; tritt darin selbst auf als „Nörgler“, gemeinsam mit einem Widerpart, dem „Optimisten“. Zwei Kommentatoren der nach Meinung des Apokalyptikers immerwährenden, von Menschen herbei organisierten Katastrophe.

 

Und diese beiden machen – Motto „September 1914“ mit ausgewählten Sentenzen die Show. Machen! Denn Kathrin Angerer, schick verkleidet als schneidend damenhaftes Girlie, „spielt“ nicht die Nörglerin. Und Daniel Zillmann, mit seiner beeindruckenden Leibesfülle ein rüstiger Nachfahre des dauerschwitzenden austriakischen Zynikers Hermes Phettberg, „spielt“ nicht den Optimisten. Vielmehr konzentrieren sie sich mit ihrer beträchtlichen und zielsichernen Kehlkopfkraft auf die Pointengewalt des Textes. – „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er muss auch Krieg führen, um es nicht zu haben.“

 

Beschallt wird der konzentrierte 60-Minuten-Kurzbesuch auf der Karl-Kraus-Intensivstation („wir, das Volk der Richter und Henker“) mit Musiken von Erik Satie, dessen gefällige, dabei höhnisch grinsende Moderne von 1914 (aber immer mit Hüftschwung) von einer klasse Band extrem gehärtet wird (Klavier: Jörg Mischke; Gitarre: Johannes Feige; Kontrabass: Helge Marx; Schlagzeug: Nicolai Ziel). Zwischendurch trällern Angerer & Zillmann volkstümliches Liedgut (Walter Kollo) von anno 1913/14, dessen Texte jedwede Tümlichkeit in den Orkus kippen. Eine höllisch gewitzte Veranstaltung, bei der Bier und Wein im Halse klumpen. Und Gegenwärtigkeit uns angrient.

 

(wieder am 23. September, 20 Uhr)

Große Menge, stabile Zahlen -

Die kürzlich erschienene Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins für die Saison 2012/2013 dokumentiert die kulturelle und zugleich wirtschaftliche Bedeutung der Theater und Orchester in Deutschland. Und offenbart alles in allem stabile Zahlen!!

 

Die Gesamtbesucherzahl der öffentlich getragenen Theater, Orchester, Privattheater, Festspiele ist gesunken, aber nur um ein Minimum: von 32,1 Millionen auf 31,9 Besucher vor Ort und rund 2,9 Millionen bei Gastspielen (Vorjahr 3,08 Millionen). Die beste Auslastung hatte das Kinder- und Jugendtheater mit 84,3 Prozent, die durchschnittliche Auslastung aller Sparten lag bei 78,2 Prozent.

 

Die öffentlichen Zuschüsse der Stadt- und Staatstheater sowie Landesbühnen stiegen in der Spielzeit 2012/2013 minimal von 2,25 auf 2,3 Milliarden Euro. Die Häuser konnten ihre Eigeneinnahmen diesmal nicht steigern, mit 497 Millionen Euro wurde das Niveau der Spielzeit 2010/2011 erreicht (2011/2012 waren es etwas über 500 Millionen Euro). Die Zahl der fest angestellten Theatermitarbeiter ist leicht gesunken, von 39 187 auf 39 086. Die Zahl der nicht ständig beschäftigten Mitarbeiter stieg von 23 415 auf 24 913. Die Personalausgaben an den öffentlich getragenen Theatern machen – wie seit vielen Jahren – rund 73 Prozent der Gesamtausgaben aus.

 

Die Statistik berücksichtigt – was für eine Fülle! 142 Staatstheater, Stadttheater und Landesbühnen sowie 130 Orchester (inklusive Theaterorchester), 221 Privattheater und 75 Festspiele.