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Kulturvolk Blog Nr. 93

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

2. Juli 2014

Sommerliches Happening der Freien Volksbühne


Die Wetterlage: eine Unverschämtheit; die Wettervorhersage: ein Grauen. Doch dann hatte der Herr des Himmels ein Einsehen, schob schwarze Wolken beiseite, schickte Sonne vorbei und sorgte so für ein donnerndes Stein-vom-Herzen-Fallen bei allen FVB-Mitarbeitern: Denn das Wetter, das die Hauptrolle hat beim alljährlichen Sommerfest des dem Schönen und Guten sich hingebungsvoll widmenden Vereins, das Wetter spielte bravourös mit! Als ob es wüsste, dass es einen Plan B nicht geben kann für dieses große Spektakel – bei Regen nämlich muss es aus- und buchstäblich ins Wasser fallen.

 

So aber war der Andrang der Menge beträchtlich, darunter der Kulturstaatssekretär sowie Würdenträger vom Wilmersdorfer Bezirksamt. Und alle, alle staunten über das schier sensationelle, spektakulär breit gefächerte Programm, das da in fünf Stunden über die Bühne wirbelte und für jeden Geschmack prima Bonbons parat hielt. Eine Mammut-Show mit Solisten großer und kleiner und kleinster Hauptstadt-Bühnen, darunter alle Opern- und Konzerthäuser sowie das DSO und das Staatstheater Cottbus. Eine organisatorische Glanzleistung; noch dazu das Zusammentrommeln der vielen Info-Stände (so mancher Presse- oder Marketing-Chef kam selbst vorbei), dazu die Technik, das Catering, die Bestuhlung… Applaus, Applaus!

 

Und zum Finale abends nach Neun orgelten unter Lampions die Berlin City Stompers. Doch das allseits beliebte Glücksrad rotierte noch bis spät in die Nacht; ein Dreh ein Euro, Hauptgewinn auf Nummer eins – Freikarten, in großzügiger Menge spendiert von FVB-Partnern.

Übrigens, unter den Gästen fand ich einen Mitarbeiter vom rbb-TV, der sich arg wunderte, dass sein Sender nicht dabei war, um aus der super Show sowie dem bunten Gewimmel drum herum eine saftige Sendung zu machen. Die wüsste doch allerhand zu erzählen von kultureller Vielfalt, von weit gespannter Kunstbegeisterung in des Volkes Mitte, von der Hingabe vieler professioneller und ehrenamtlicher Kulturarbeiter. – Doch der Heimatsender schweigt. Ignoranz? Hochmut? Quotengier? Dabei war die Party der totale Pop.

Am Rande sei vermerkt: Mir als Blogger mit meinen montäglichen „Theaterbetriebsnotizen“ wurde inmitten des Trubels eine Plauderecke eingerichtet. Beim Plausch kamen wir auch mal aufs Geld; doch nicht die Ticketpreise waren Thema; man spart ja als FVB-Mitglied und genießt den Service. Erregung fand vielmehr die Subventionspolitik: Man wähnt, bei allem Verständnis für aufwändige, kostspielige und (welt-)berühmte Spitzenleistungen, ein Zuviel für den fest etablierten Betrieb. Und findet den eher kleinteiligen „Breitensport“ am Hungertuch nagend. Vor allem ärgert die vergleichsweise dürftige Finanzierung des Kinder- und Jugendtheaters, der Musikschulen und überhaupt die Vernachlässigung künstlerischer Schulfächer.

 

Ein anderes Thema: Kulturkritik. Die meisten, stellte sich heraus, lassen sich nicht von bühnenkritischer Reflexion beeinflussen; auch nicht von der Kritik in Radio und Tagespresse. Vielmehr will man selbst sehen und hören, um dann das Urteil zu vergleichen mit dem der Profi-Kritik dafür hat ein jeder so seine Lieblings- oder auch Feind-Figuren. Fazit: Die ohnehin nicht üppige Kulturberichterstattung sei gut für den Überblick. Und eine alte Weisheit wurde wieder bestätigt: Kritik darf frech, soll verständlich, muss unterhaltsam sein. Ich werde mir Mühe geben!

Doch werde ich jetzt erst mal verschnaufen. Sommerpause! Anfang September bin ich wieder da; gleiche Stelle, gleiche Welle…

Mein Ausflug nach Wien

Vorm Abgang in die Ferien noch ein Gruß aus dem Habsburger Großkulturzentrum, das nur so strotzt vor Glanz und Prunk – sollte Berlin sich was von abgucken. Die historische Innenstadt strahlt komplett saniert, nachts pompös illuminiert (kein Museumsinsel- oder Unter-den-Linden-Gefunzel). Vorm Rathaus unentwegt Freilichtkino für lau (mit reichlich Opern-, Ballett- und Konzertfilmen, also nicht nur stur Hollywood-Blockbuster). Und in der lauschig ländlichen Umgebung unter freiem Himmel spielen Oper, Operette, Musical und Volksstück wie verrückt um die Wette.

Just beim Eintreffen in Wien beschäftigte die Stadt eine schwer wiegende Umfrage: Welche Farbe soll es sein für die kommende Frühjahrsblumenbepflanzung gelb, lila, rosa? Die Mehrheit rief Dottergelb. Und sonst? Im Hofmobiliendepot die Ausstellung „Enzyklopädie des Ungeschmacks“. Unter dem Motto „Böse Dinge“ wird Kitsch von köstlich bis dämlich oder peinlich vorgeführt; etwa Gebrauchsgegenstände in Form von Brüsten und Genitalien (Kämme, Nussknacker, Schuhlöffel). Das Heeresgeschichtliche Museum beleuchtet ausführlich den Ersten Weltkrieg; Stars unter den Exponaten: Die Pistole des Attentäters vom 29. Juni 1914, das Auto, in dem der Thronfolger durch Sarajevo fuhr, ein Graef & Stift, vier Zylinder, Baujahr 1910, die blutbefleckte Uniform des erschossenen Erzherzogs, die Chaiselongue, auf der er starb. Das Theatermuseum im Lobkowitzpalais (Berlin hat noch immer kein solches) illustriert „Richard Strauss und die Oper“; das Wien-Museum blickt zurück auf „Die Weltausstellung 1873“. Mit sechs Millionen Besuchern war es damals die bislang größte, sie spiegelte die Gründerzeit, als das boomende Wien voller Ehrgeiz sich radikal umbaute zur Weltmetropole (Ringstraße!) – und die ganze Gesellschaft gleich mit. Danach kam der Börsenkrach; gegenwärtig knallt die Schlagzeile: „Österreich zweitreichstes EU-Land nach Luxemburg“.

Natürlich sah ich, noch kurz vor Saisonschluss, ein bisschen Theater, etwa im reichsten und größten Schauspielhaus der Welt, das soeben seine Direktoren schasste, viele Millionen Schulden bunkert und Burgtheater heißt. Doch trotz der Querelen ums Geldverprassen, die Leute hier nehmen es seltsam lässig und meinen trotzallem, Kunst darf verschwenden. Dabei ist auch an der Burg nicht alles große Kunst, was massenhaft Knete verschlingt.

Dafür zwei Beispiele: Zwei Mal Shakespeare, zwei Mal tradiertes, also in Berlin als hoffnungslos gestriges, altmeisterliches Literaturtheater gebrandmarktes Schauspiel, sozusagen das krasse Gegenteil vom performativ-installativen oder wie auch immer neumodisch etikettierten Regisseurs-Theater. Nämlich „Hamlet“ mit einem schnöselhaft durchgeknallten August Diehl unter Regie von Andrea Breth (fast sechs Stunden, zwei Pausen) sowie „König Lear“ unter Peter Stein mit einem erst im Zottelfellmantel alterssturen, dann im Nachthemd altersleidenden Klaus-Maria Brandauer.

Breths XXXL-Hamlet (wann wurde er je gezeigt?) spiegelt meinungslos eine total chaotische menschenfeindliche Welt; wobei das freilich auch eine Meinung gegenüber der Welt ist. Aber: rechtfertigt sie derart viele Spielstunden? Nein! Sie langweilt. Das ehrpusselige Aufblättern der Handlung mit all ihren wenig interessierenden Verästelungen bringt keinen sonderlichen Erkenntnisgewinn und auch keinen (schau)spielerischen Genuss.

 

Auch Steins „Lear“ bleibt stecken im bloßen Bebildern der Story. Beide Male kaum Subtext, kaum tiefere oder höhere Bedeutung. Und keine Zuspitzung, kein packender theatralischer Zugriff auf im Stoff steckende, brisant allgegenwärtige Themen. Immer nur das mehr oder weniger feine Deklamieren des Textes. Die Tragödie, das Explosive, Erschütternde, das alles bleibt unentdeckt. Es sei denn, man setzte es sich selbst im Hirn und im Herzen zusammen. Fordern das etwa Breth & Stein? Doch da kann man gleich zu Hause auf der Couch das Reclam-Heft schmökern.

 

Erstaunlich: Das gern als Alternative zum so genannten Avantgardistischen herbei gesehnte konservative Theater, exemplarisch demonstriert an höchstem Ort mit weltbesten Texten, das gerät trotz allen Aufwands nur zwergenhaft. Merke: Allein das Konservative gibt keine Qualitätsgarantie!

Nun, von ganz anderer Art, das Beispiel Nummer drei: Jürgen Bosse, das nun auch schon fast 50 Jahre alte, aber noch immer sich wild fühlende Kind eines vehement behaupteten Avantgarde-Regietheaters, mit Tschechows „Möwe“, dieser großen schwarzen, grausig, ja geradezu absurd verrückten Komödie von armen Menschenkindern, die glühend und rasend vor Sehnsucht ihr Glück nicht finden, daran verzweifeln und kaputt gehen. Stein und Breth nehmen das Unglück der Shakespeare-Figuren zwar ernst, behaupten es aber bloß – todernst; belassen es vornehm zurückhaltend im mehr oder weniger erregt Rhetorischen. Bosse hingegen ist das Unglück der Tschechow-Figuren wurscht; er verjuxt es keck, macht krachend Tschechow-Typen-Kabarett, ulkig oder albern hysterisch, schäkert mit dem Publikum und verschnörkelt alles mit Banalitäten aus unserem Alltagsleben. Auch das ist nicht abendfüllend, dafür aber schnell abgetan. Ich darf zusammenfassen: Alle drei berühmten Regisseure arbeiten – ob lang- oder kurzatmig, ob direkt oder umständlich – am Autor vorbei.

 

Man erkennt: Weder die vermeintlich konservative noch die vermeintlich alternative Art, Dramen zu inszenieren, greift uns wirklich an, wenn es so geschieht, wie es geschehen ist. Also trotz enormer Potenzen und Ressourcen: Kein Glanz, keine Schönheit, keine Wirkung.

Doch stop!!! Da explodiert kurz vor der Rückreise doch noch ein Wunder in der Burg: Hebbels mörderisches Trauerspiel „Maria Magdalena“ unter Regie von Michael Thalheimer. Der Meister eines wuchtig expressiven Minimalismus erzählt das gnadenlose, mit Menschheitsdreck und Herzensreinheit vollgestopfte Untergangsstück klar, einfühlsam, erschreckend. Ganz großes, mit Eiseskälte und bebender Wut fest ins Gedächtnis gehauenes Theater von einem, der weit jenseits der Traditionalisten steht. Also doch Regie-Glanz und Schauspieler-Schönheit an der Burg; wenn auch mit Schmerzen und mit Schrecken.

 

Bleibt halt die uralte Weisheit, Fraktionen, Etiketten, Absichten sind nichts, Können ist alles.

Und jetzt Schluss! Weg vom Laptop, rein in die Badehose, raus in die Pause.

PS - Berlin-Wiener Nachhall von Claus Peymann, Burgtheater-Ehrenmitglied, BE-Direktor

Den sinnigen Text fand ich super Zufall und super passend zu meiner Wiener Melange beim Sommerfest am fülligen Infostand des Berliner Ensembles. Es ist, wie jedermann sofort erkennen wird, ein geniales Zitat von Peymann aus einem Gespräch über den Wiener und den Berliner mit der Süddeutschen Zeitung, nachgedruckt im Programmheft zur Inszenierung von Thomas Bernhards „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“:

 

Claus Peymann: „Unmusikalisch, die Berliner sind vollkommen unmusikalisch! Die Berliner haben andere Qualitäten: Sie sind schnell, witzig, bis zu einem gewissen Grade präpotent intelligent! Das ist mit Wien nicht zu vergleichen. Die Wiener sind auch subkutan aggressiv. Der Berliner ist offensiv aggressiv. Selbst der dümmste und verkommenste Wiener Clochard ist zehnmal musikalischer als irgendein bedeutender Professor in Berlin. Es gibt eine Grundempfänglichkeit für Musik. Dieses phantastische Empfinden der Wiener für Tonfälle! Dieses untrügliche Gefühl für Stimmen! Diese Selbstdarstellung durch Sprache. Die Berliner sind neugierig, aber unbegabt. Die Wiener sind begabt, in dieser Hinsicht. Die Wiener haben entsetzliche andere Eigenschaften, sie gehören praktisch alle nach Steinhof. (= Psychiatrie, R.W.) Es ist genau, wie Peymann in den Peymann-Dramoletten sagt: Wir haben die Wiener unterschätzt/ sie sind viel gehässiger und bösartiger als wir gedacht haben/ aber sie haben auch einen viel höheren Kunstverstand als wir gedacht haben.“

Als geborener Sachse darf ich anmerken: Gleiches gilt für Unterschiede zwischen Berlinern und, sagen wir, Dresdnern… Küss die Hand!