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Kulturvolk Blog Nr. 78

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

17. März 2014

Deutsches Theater -


Weihnachten 1183: Der englische König Henry II. ruft seine Sippe zusammen, um die finale Familienschlacht um die Thronnachfolge zu eröffnen: Old Henry (Michael Schweighöfer, zuweilen splitterfasernackt), drei Söhne (Felix Goeser, Peter Moltzen, Benjamin Lillie), seine Geliebte (Natalia Belitski), deren Bruder (Andreas Döhler) sowie Gattin Eleanor (die große Almut Zilcher) – sie alle gehen sich wechselseitig an die Wäsche und die Gurgel in John Goldmans mörderischem Psychothriller „Der Löwe im Winter“. Der US-Dramatiker entwirft ein höllisches, gutbürgerlich gemeintes Familien-Dickicht aus Lüge und Intrige, in dem eine Horde moralisch verkommener, gleichwohl nach Glückseligkeit sich sehnender Egomanen sich bei scharfer Rhetorik in den Tod würgt; es wurde von Hollywood gleich zweimal verfilmt, 1968 und 2004.

 

Jetzt hat der Monumentalist und Langstrecken-Regisseur Sebastian Hartmann, der mit brachialen Dekonstruktionen als regieführender Intendant zuletzt das Leipziger Stadttheater demolierte, an Berlins Deutschem (Staats-)Theater Goldmans Schlammschlacht um die Macht inszeniert. Er war schon in drei Stunden damit fertig. Und hat auch nicht dekonstruiert. Sondern sich auf den Schlamm konzentriert. Auf die Vorführung der herrschaftlichen Family als Kloake, in der mit hemmungsloser Ironie gewühlt wird. Man kotzt sich gegenseitig in die Fresse, kloppt sich wie verrückt und schreit unentwegt „Fuck you!“.

 

 

 

Goldman entwickelt in seinem grauenvollen Historical nach Shakespeare-Art fein sarkastische Szenen von abgründiger Tragik. Bei Hartmann ist Handlung Nebensache. Es gibt keine Abgründe, keine Fallhöhe vom Komischen ins Tragische, kein Grauen und auch keine Sehnsucht nach etwas anderem. Nur ein Horror-Stadel voller versauter Deppen. Die toben durch ein sinnlos mit Stahlkonstruktionen vollgestopftes Bühnenlabyrinth. Da hängt dann selbst ein so hellsichtiger Satz hilflos in der Luft: „Wir selbst sind die Mörder, unsere Gier brütet Kriege aus; weder die Vergangenheit zwingt uns dazu noch die Gegenwart, nicht Gesetze, Ideologien, Religionen, Regierungen.“

 

Doch diese fürs Regiekonzept so taugliche Bemerkung interessiert die auf Karikaturen-Comic erpichte Regie nicht. Und das im DT, das sich so viel auf zeitgenössische Bezüglichkeit zugutehält! Doch unpolitischer kann dieses bei aller Broadwaytauglichkeit durchaus politische Stück nicht über die Rampe kommen, an der sich die Schar starker Schauspieler albern abrackert.

 

 

 

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Grips-Theater im Podewil

 

Boris, Berliner Gymnasiast, 11. Klasse kommt als Austauschschüler in die indische Millionenstadt Pune und trifft dort, in der gastgebenden Familie, auf die gleichaltrige Radha. Ein Kulturschock, alle Bereiche des Zusammenlebens betreffend – auch des erotischen.

 

Lutz Hübner, einer unserer allererfolgreichsten Dramatiker (sein auch im Grips beständig ausverkauftes Stück über absurde Abwegigkeiten des hiesigen Schulalltags „Frau Müller muss weg“ wird gerade von Sönke Wortmann verfilmt), Hübner also illustriert die immerhin schwerwiegenden westeuropäisch-fernöstlichen Irritationen in seiner so komischen wie ziemlich nachdenklich machenden Szenenfolge „Der Gast ist Gott“. Da wird auf enorm fantasievolle Art äußerst gekonnt mit Klischees jongliert – und so bringt das klasse Klein-Ensemble die kulturellen Differenzen vehement spielerisch auf den Punkt. Das erhellt durchaus gewisse Fragwürdigkeiten der jeweiligen kulturellen Praxis. Führt aber zugleich zumindest zu einem gewissen gegenseitigen Verständnis zwischen beiden Seiten. Unheimlich amüsantes, heimlich lehrreiches Volkstheater, diese erfrischende – um es passend englisch zu sagen ‑ Culture-Clash-Comedy, mit der das Grips-Theater unter Regie der hoch talentierten Mina Salehpour in seiner Zweitspielstätte Podewil die Schuljugend begeistert. Und auch die Eltern.

 

 

 

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Akademie der Künste

 

Drei Sätze aus dem soeben auf Deutsch erschienen Buch „Dramaturgie einer Leidenschaft“ von Gerard Mortier, dem vor kurzem an Krebs verstorbenen Opernintendanten: „Theater machen bedeutet, die Routine des Alltäglichen zu durchbrechen, die Akzeptanz wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt als Normalität in Frage zu stellen, die Gemeinschaft zu sensibilisieren für Fragen des menschlichen Daseins, die sich nicht durch Gesetze regeln lassen, und zu bekräftigen, dass die Welt besser sein kann, als sie ist. Theater machen ist also ein priesterliches Amt beinahe, ohne darum eine Offenbarungsreligion zu sein. Das Theater ist eine Religion des Menschlichen.“

 

 

 

Mortier beschreibt in seinem erkenntnisreichen Buch sein künstlerisches Credo, seine aufregende künstlerische Praxis. Der Übersetzer aus dem Französischen, Sven Hartberger, Leiter des Klangforums Wien, stellt es am 23. März um 18 Uhr in der Akademie der Künste am Pariser Platz vor. Es ist zugleich eine Gedenkfeier für Mortier, dem in den letzten Jahrzehnten weltweit maßgeblichen Opern-Visionär.

 

 

 

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DT-Tipp für den 22. März

 

Der antike Chor des Aischylos frontal zum Publikum: Hängende Schultern, Kopf lauernd nach vorn, Arme angewinkelt, Hände geballt, zwei stechende Augen. In stoischer Monotonie hämmert da eine unerbittliche Sprechmaschine den Horror des Kriegs in den Saal, dass einem das Atmen schwer wird. Es ist, als stießen Nadeln ins Hirn. Schnürten sich – Millimeter für Millimeter – Drähte ums Herz.

 

Dieser so schreckensmächtig sprechende Chor in Aischylos‘ Schlachten-Tragödie „Die Perser“ ist eine einzelne Frau: Starr an der Rampe des Deutschen Theaters steht sie; verhärmt, geduckt, zerbrechlich und dennoch herrisch. Ein Monument trotzigen Schmerzes und zugleich eine Figur stoischer Gebeugtheit gegenüber den ewig mörderischen Zeitläuften ‑ die große Schauspielerin Margit Bendokat.

 

Und neben ihr kämpfen die verfeindeten Krieger Samuel Finzi und Wolfram Koch gegen eine rotierende Mauer, die so berühmt sinnbildliche, irrwitzig rotierende Mauer, die die beiden trennt und doch verbindet in der genialen „Perser“-Inszenierung von Dimiter Gotscheff. Wer sie noch immer nicht gesehen hat – wieder am 22. März!! Sie gehört neben den Tschechow-Produktionen von Jürgen Gosch zu den Glanzstücken im ansonsten an Glanz nicht eben reichen DT-Repertoire.

 

 

 

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Dicke Luft – es stinkt

 

Das Wiener Burgtheater verweist in seinen aktuellen Informationen zur Inszenierung „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende (Regie Antu Romero Nunes) ausdrücklich auf Folgendes:

 

In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.“

 

 

 

Dicke Luft also. Es ist schon erstaunlich, auf was die Intendanz der Burg neuerdings glaubt extra hinweisen zu müssen. Es war wohl eine ihrer letzten Verfügungen, bevor die sehr viel dickere, sehr viel mehr stinkende Luft in den Verwaltungsstuben des reichsten und größten Repertoiretheaters der Welt zur fristlosen Entlassung des Intendanten Matthias Hartmann führte, der immerhin mehr verdient als der österreichische Bundeskanzler. Der Grund für seinen spektakulären Rausschmiss: Ein Mehrere-Millionen-Defizit, gezinkte Bilanzen, feudale Geldverschwendung, entsetzliche Verantwortungslosigkeit.

 

Da drängt sich (auch hierzulande!!) die Frage auf, ob denn die gigantischen Etats der ganz großen Theatertanker mit ihrem gern egomanischen und gierigen Führungspersonal sowie den allzu oft bloß durchschnittlichen Leistungen überhaupt noch zu rechtfertigen sind – erst recht im Vergleich mit den sich redlich am Existenzminimum abrackernden Mittel- und Kleinbühnen.

 

 

 

Da lodern Probleme, die weitaus gefährlicher sind als die mit der Raucherei. Dabei ist’s doch des Theaters spielerische Aufgabe, die gefährlichen Dinge des Lebens zu zeigen wie Alkoholtrinken, Koksen, gellende Rockmusik (man verteilt Ohrstöpsel), nackt Herumlaufen, zu fettig Essen, Feuersbrünste, Bluträusche, mit der Knarre herumfuchteln oder Sterben mit dem Dolch in der Brust – freilich das alles außer dem Pop-Gedröhn in unecht; von hemmungsloser Geldverschwendung und buchhalterischem Betrug mal gar nicht zu reden.

 

 

 

Wieso macht dieses auf der Bühne der prallen Wirklichkeit mehr oder weniger kunstvoll Abgeschaute gewissen Theaterdirektionen neuerdings Angst? Befürchten sie Klagen gegen ihr Haus als bösen Publikumsverführer oder Gesundheitsschädiger? Haben wir also demnächst fürsorglich warnende oder beruhigende Hinweise zu erwarten wie: Hier wird nur scheinbar und aus rein künstlerischen Gründen nicht nur geraucht, sondern noch gemordet, vergewaltigt, betrogen…? -- – Was auch immer hinter solch überkorrekt annoncierter Besucherwarnung stecken mag: So macht sich Theater total zum Affen! ‑ Und mit nicht scheinbar, sondern tatsächlich krimineller Buchführung und hemmungsloser Geldverschwendung ganz ohne künstlerische Gründe macht es sich total unglaubwürdig.