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Kulturvolk Blog Nr. 77

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

10. März 2014

Berliner Ensemble


Jeder kennt Brechts „Baal“, das weltberühmte Skandalstück über einen so verführerischen wie asozialen Ego-Shooter. Doch „ Hans im Glück“ ist allgemein bekannt bloß als Grimmsches Märchen. Ist aber auch ein fast fertig formuliertes Stück vom 21 Jahre jungen Bertolt Brecht .

 

Und wie „Baal“ nebst anderen dramatisch-frühgenialen Unfertigkeiten eins aus dessen postpubertärer Schreibwerkstatt, in der er wie verrückt und kalkuliert spektakulär vornehmlich das exzentrische, auf anarchische Entgrenzung erpichte antibürgerliche Ich feierte.

 

Mit „Baal“ wollte Brecht endlich groß rauskommen; „Hans im Glück“ hingegen, quasi parallel zu „Baal“ verfasst, ließ er auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung verschwinden. Werner Hechts 1253-Seiten-Tag-Für-Tag-Lebenschronik des Großen Rauchers (1898-1956) dokumentiert nur einen einzigen Eintrag zum „Hans“. Am Dienstag, 14. September 1920, schimpft der mit seinen bisherigen Künsten hadernde Augsburger über das „Chaos“ seiner „Papiere“: „‘Hans im Glück‘ misslungen, ein Ei, das halb stinkt“.

 

Es verschwand also im Orkus. Am „stattlichen Schmöker ‚Baal‘ “ jedoch wurde ewig herumgebastelt; der war Brecht viel „zu spielerisch, zu kulinarisch“. Die bislang praktizierte Überrumpelungsmechanik des Expressionismus war nämlich dem Autor zu unpolitisch geworden -- ungeeignet für ein weltverbesserisches „Theater der Zukunft“, für das er alsbald die heutzutage so nervend zeigefingerhafte Form des Lehrstücks erfinden sollte.

Und der Hans? Der ist überhaupt kein Baal. Kein „Kloß, der am Himmel Fettflecke hinterlässt“, kein „maitoller Bursche mit unsterblichem Gedärm“, den man kunstgriffig (wie eben den Baal) auch zum (vor)revolutionär radikalen Macho zurecht biegen könnte.

 

„Er ist etwas dumm, aber tut alles, ist stark, ist ein guter Mensch“, heißt es über ihn im Stück. Hans ist ein durch und durch naives Hascherl in ländlicher Idylle, in der er erschütternd wehrlos auf lauter böse Menschen trifft, die dem bäuerlichen Simpel alle irdischen Güter abluchsen, bis ihm bloß noch das nackte Leben bleibt. „Jetzt ist kein Mangel mehr“, murmelt er am Ende so verloren wie glückselig träumend unterm Sternenzelt. Hans ist ein liebenswürdiger Romantiker, ein wehrlos Verlorener, permanent zu seinem totalen Nachteil Manipulierter in einer total rationalen Ego-Gesellschaft. Also ein Anti-Baal. Und ein derart weltentrückt passiver Gutmensch passte nicht in Brechts Polit-Theater, mit dem eine Welt umgekrempelt werden sollte.

„Hans im Glück“ wurde erst anno 1998 in Hamburg ohne nachhaltige Wirkung uraufgeführt. Jetzt kam die Mär im Studio von weiland Brechts Berliner Ensemble heraus, wo sie hingehört, schon aus theaterhistorischer Sicht. Der noch ganz junge Brecht als Träumer, aber auch als hellsichtiger Menschenkenner und starker Poet dazu. Seine Dichtung wird auf jeden Fall bleiben, wenn auch seine Dramen in den Zeitläuften allmählich verblassen werden wie sein edel-ruppiges Bilderbogen-Rührstück vom vermeintlich glücklichen Hans, das Regisseur Sebastian Sommer jetzt als fantasievollen, minimalistisch-spielerischen Comic in possierlicher Guckkasten-Ausstattung von Maria-Elena Amos aus der tiefen Versenkung holte. Mit dem schmächtigen, blauäugig bittersüßen Strahlemann Peter Miklusz in der Titelrolle. Und einem herrlich slapstickhaft agierenden Ensemble nebst jazziger Volksmusik (Tenorhorn, Gitarre, Harmonium, Schlagzeug). Ein aufschlussreicher, dabei anrührender, dennoch cool-witziger Blick auf den frühen Brecht (anstatt wie vielerorts der massenhafte Hype schmallippiger Jungschreiber). Wäre der alte, längst ernüchterte Meister dabei gewesen, er hätte eine sentimentale Träne lässig weggesteckt. (wieder am 14., 24., 29. März)

Schlosspark Theater

Ein distinguierter älterer Herr wird auf einem Parkplatz von einem 16jährigen Stricher angemacht – und dann geht’s einvernehmlich ab ins dicke Auto. Man mag das finden wie man will, aber es ist nicht strafbar. Und bleibt es auch, wenn Paparazzis die kurze nächtliche Affaire beobachtet haben und deren Fotos schon am nächsten Morgen ins Frühstücks-TV knallen. Denn der distinguierte ältere Herr ist Geoffrey Hammond, Englands berühmtester Nachrichtensprecher. – Doch da sieht die Sache schon ganz anders aus. Da genügt es nicht, auf Paragraphen zu pochen, da muss der Starjournalist als öffentliche Person sich umfassend seinem Publikum erklären. Und damit beginnt Hammonds verzweifelter Kampf um seine berufliche (und auch private) Fortexistenz, den er zusammen (seltsame Kumpelei) mit seinem zwielichtigen, die Medienmacht missbrauchenden und die (hämische) Öffentlichkeit manipulierenden PR-Berater Larry de Vries führt. Ein Kampf, den der vielfach ausgezeichnete deutsch-britische Autor Sam Peter Jackson mit dramaturgischer Pfiffigkeit in ein pointenstarkes Well-Made-Play gießt; sein trefflicher Titel: „ Öffentliches Eigentum“.

 

Der höchst erfahrene Regisseur der deutschsprachigen Erstaufführung, Michael Bogdanov, lässt keinen Zweifel, dass unter der komödiantisch funkelnden Oberfläche tragische Abgründe gähnen, dass hier sehr ernste, äußerst relevante (und also aktuelle) moralische und politische Fragen zur Debatte stehen - ohne, dass dabei ein verkopfter Diskurs losgetreten würde. Was auch am Können der beiden Protagonisten Rainer Hunold (Anchorman Geoffray) und Ulrich Gebauer (PR-Fuzzy Larry) liegt.

Ein tolles Stück im originell viedeogestützten, elegant praktikablen Bühnenbild von Stephan von Wedel, feinfühlig inszeniert mit tollen Schauspielern, zu denen noch Arne Gottschling als Stricher Jamie gehört. Und mit einem super Gag auf der Bühnenrückwand: Da wird sozusagen „brandaktuell“ in einem Filmeinspieler der „Fall Hammond“ in der TV-Show diskutiert mit Dieter Hallervorden als Moderator, mit Gesprächsgast Hape Kerkeling und in der Außenschalte mit Jan Hofer. Intelligentes Unterhaltungstheater! Gratulation dem Schlosspark zu diesem brillanten Erfolg. (wieder vom 26. Bis 29. März)

Komödie am Kurfürstendamm

Seit vielen Jahren schon setzt der Komponist, Musiker, Dichter und Inszenator Franz Wittenbrink dem Theater Glanzlichter auf. Mit seinen wehen, witzigen und weisen Singsang-Abenden, die sich durchs poppige, politisch-propagandistische oder rein klassische Liedgut schlängeln. Dabei geht es um Mütter, Männer, Brecht, Heine, Sekretärinnen, Fußball oder Tod.

 

Der Mittsechziger einst ein Regensburger Domspatz mit musikalisch umfassender Grundausbildung, dann (ausgerechnet) Soziologiestudium, dann längerzeitliches Herumjobben und erst mit Mitte 30 Neustart im Musikbetrieb, nunmehr mit ingeniöser Anbindung an den Theaterbetrieb, dieser auch international erfolgreiche Tausendsassa Wittenbrink weiß nur zu gut, wie das Leben spielt. Und bringt es zum Lachen wahr, zum Heulen traurig und zum Grinsen aberwitzig auf die großen wie kleineren Bühnen. Sein schillerndes Markenzeichen: Die geistreiche, poetische Verquickung von musikalischem Raffinement mit sinnreichem, (schau)spielerischen Hintergrund (Story).

In Berlin erinnern wir uns an sein hinreißend vernebeltes und eben dadurch so hellsichtig musikalisches Porträt des großen Rauchers Bertolt Brecht am BE. Und an seine genial zeitgenössische Wiederbelebung der ersten großen deutschen Boy-Group Comedian Harmonists, indem er heutige Hits neu arrangierte in deren unverwüstlich-, unverwechselbarem Stil, mit dem die eigens neu formierten Berlin Comedian Harmonists sagenhafte Erfolge feierten – erstmals vor fünf Jahren im Kudamm-Theater mit „Verrückte Zeiten“. Für dieses Nostalgie und Moderne verbindende Unterhaltungstheater gab es 2011 den österreichischen Theater-Oscar: Den berühmten „Nestroy“.

Nun, da liegt es auf der Hand, die Erfolgsmasche weiter zu stricken. Franz Wittenbrink und seine Ko-Autorin Anne X. Weber erfanden also eine „Comedian-Harmonists-Geschichte von heute“, in der die singenden Berliner Gebrüder Kasupke das einst florierende, inzwischen arg herunter gekommene „Café schöne Aussicht“ betreiben. Doch nach einigem Hickhack bringen sie es wieder hoch – eben mit ihrem modernen Singsang nach Art der alten Comedian Harmonists. Und trotzdem heißt diese umständlich organisierte Erfolgsgeschichte „Café ohne Aussicht“. Obendrein schwitzt sie vor der Anstrengung, noch eine saftige Berlin-Geschichte sein zu wollen, in der alles vermeintlich Metropolitane drin stecken müsse: Hartz-IV-Elend, Mietwucher, Gentrifizierung, Investorengier, Schwulsein, Ost-West-Knatsch, Alkoholismus, Waldbühnen-Konzertfuror, Proletenmuff und Glöökler-Glam. Soll Hauptstadt-witzig sein, ist aber bloß doof. Wären da nicht die subtil nostalgisch arrangierten Hits mit dem furiosen, als Penner verkleideten Horst Maria Merz am Pianoforte sowie die perfekten Jungs Holger Off, Olaf Drautschke, Ralf Steinhagen, Philipp Seibert sowie Wolfgang Höltzel als Kasupkes Berliner Comedien Harmonists – der Alt-Neu-Berliner Abend wäre vollends versackt im Läppischen.

 

Es ist so: Eine starke Gesangstruppe voller musikalischer Großartigkeiten wird erstickt von der Verpackung in eine dämliche, auch spielerisch nicht bewältigte Geschichte. Wie schade! Wie ärgerlich! Die Chose wäre vielleicht noch zu retten, indem man heftig mit dem Rotstift im Script herumstriche und möglichst noch einen gewieften Regisseur nachträglich ein paar Proben machen ließe. Lohnte sich; schließlich soll „Cafe ohne Aussicht“ noch bis zum 26. März außer montags en suite laufen.

Abschied Fritz Marquardt

„Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“ nur wenige wissen, dass dieser seltsame Titel einem Defa-Film gehört, den Siegfried Kühn Anfang der 1970er Jahre in entlegenster märkischer Landeinsamkeit drehte. In einer unvergesslichen Szene lallt da am Küchentisch ein sturzbetrunkener Dorfdepp seinem Suffkumpel Platow die schwermütig aberwitzige Frage entgegen: „Du bist so gut zu mir, bist du in der Partei?“

 

Diesen guten Kauz am schnapsseligen DDR-Weltenende, dieses dürre, zähe, ältliche Männlein namens Platow, dem die Tragödie widerfuhr, seinen Daseinssinn als Schrankenwärter zu verlieren, weil man die zu hütende Nebenstrecke still legte, und der am toten Gleis dann doch seinen Todpunkt überwindet auf grotesk anarchische Art, diesen verrückten Kerl spielte einst Fritz Marquardt.

 

Die Figur des einzelgängerischen, schwermütigen und doch vertrackt gewitzten, lebensklugen Plebejers P. entsprach ziemlich genau dem Wesen Fritz Marquardts, der vor 85 Jahren in einem Kaff im Warthebruch geboren wurde und jetzt, am 4. März, in einem Kaff bei Pasewalk gestorben ist. Diesen zarten und doch zähen Menschen mit seinen großen, dunkel glühenden, Augen zwischen buschigen Brauen und zottigem Schnauzer, der nie in den Schlagzeilen stand und doch unentwegt im „systemkritischen“ DDR-Kultur- und Theaterbetrieb mitgemischte, diesen Künstler können wir uns gar nicht anders vorstellen als mit seiner ewigen Baskenmütze auf dem Kahlschädel sowie der ewigen Fluppe im knochigen Gesicht.

Fritz Marquartdts Weg ins Musische wie Politische ist DDR typisch: Aus kleinsten Verhältnissen kommend, nach traumatischen Erlebnissen im Krieg und als Verschleppter im sibirischen Straflager, sah er dennoch im Sowjet-SED-System zunächst die Grundlage zur Weltverbesserung, um alsbald zu begreifen, dass es der Menschenbefreiung entgegenstand. Wer dieser Erkenntnis nie abschwor, aber unbedingt und voll trotziger Dennoch-Hoffnung bleiben wollte in diesem System, dem bestand das biografische Zickzack als „schwieriger Genosse“ bevor, eben das üblich-notorische Rauf und Runter zwischen sturer Aufsässigkeit und gewieftem Opportunismus: „Die DDR war Arbeitsbedingung; im Guten wie im Bösen.“

Nach schwerer Landarbeit darf M. Proletarier auf die Schulbank! – schließlich das Abitur machen an der Arbeiter- und Bauerfakultät und Philosophie studieren; gleich am prominentesten Ort in Berlin bei Wolfgang Heise (Diplomarbeit über „Das Komische bei Hegel“). Dann das berüchtigte Raus und Rein: Erst Zeitungsredakteur und Kreissekretär für Jugendweihe, dann fort in die Produktion als Bauhilfsarbeiter, dann zurück als Redakteur wieder ganz oben in Berlin beim Fachblatt „Theater der Zeit“. Dann, nach dem Skandal um das Heiner-Müller-Verbot („Die Umsiedlerin“), wieder zurück in tiefste Provinz ans Parchimer Theater. Und dort, nach einem enorm expressiven, enorm antinaturalistischen „Woyzeck“, wiederum Rausschmiss, dennoch Einstellung als Lehrkraft an der Babelsberger Filmhochschule und als Regisseur in Potsdam. 1969 wieder Berlin: die Volksbühne. Matthias Langhoff erzwingt beim Neu-Intendanten Besson das Engagement als Regisseur. So avanciert M. schließlich zur prägenden Kraft einer der wichtigsten Phasen des DDR-Theaters, das in den 1970er Jahren in der Volksbühne auf ungewohnt sinnliche, unerhört kritische Weise Grundprobleme des realen Sozialismus eine Zeitlang durchspielt. Dort wurde Marquardt zum wichtigsten Mann Müllers mit den Uraufführungen „Die Umsiedlerin/Die Bauern“ und „Der Bau“ – die monströse Metapher für DDR, in der eines Arbeiters „Gratulation zum Schutzwall“ so ausfällt: „Hätt ich gewusst, dass ich mein eignes Gefängnis bau hier, jede Wand hätt ich mit Dynamit geladen“.

Damit war Schluss mit Volksbühne. Zur Entschädigung und Ruhigstellung durfte M. im Westen gastieren und etwas später sogar als Regisseur im Berliner Ensemble. Dort trat der vom Dauerzorn auf die Verhältnisse und von beinahe selbstzerstörerischer Suche nach Wahrhaftigkeit Gequälte 1993 noch einmal mit aufreißerischem Aplomb an. Unter nunmehr gänzlich neuen Verhältnissen: Als Mitglied des BE-Vierer-Direktoriums mit Zadek, Palitzsch, M. Langhoff, das schnell scheiterte. Still zog sich M. wie nach einer letzten Schlacht (und nach einer schönen Ibsen-Inszenierung) als dichtender, malender und verschmitzt weltweiser Eremit zurück auf einen Bauernhof im weiten Land der Uckermark mit seinem hohen Himmel. Der war ihm Trost und letztes Glück.