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Kulturvolk Blog Nr. 69

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

13. Januar 2014

Theater am Kurfürstendamm -


Er hat sich 800 Dollar gepumpt und in der Autostadt Detroit das Plattenlabel „Motown“ gegründet, um fortan wie am laufenden Band Welthits zu produzieren. So schrieb der Afroamerikaner Berry Gordy große Popgeschichte – zusammen mit Marvin Gaye, The Temptations, Diana Ross & The Supremes, The Jacksons Five, The Four Tops oder Stevie Wonder.

Der damals, in den 1960er Jahren, neuartige, scharf rhythmisierte und dabei melodienselige Klang – Etikett „The Sound Of Young America“ – trieb unerbittlich zum Tanzen und Mitsummen, aber eben auch zum Träumen „When A Man Loves A Woman...“ Und so ist das bis heute; „Motown“ ist Klassik-Pop, unschlagbar. Wie auch jetzt wieder im Kudamm-Theater in einer Koproduktion mit dem Rathaustheater Essen und dem Euro-Studio Landgraf. Da werden zunächst ein paar aufschlussreiche Blicke geworfen hinter die Kulissen der Hitfabrik am Michigan, dann aber wird losgelegt mit einem zünftigen Livekonzert. Da kocht der Saal, da vibriert der Fußboden. In den letzten zwanzig Minuten sitzt keiner mehr im Sessel. Alles stampft im Stehen „Stop In The Name Of Love“. Und wackelt mit dem Hintern. Aufs heftigste animiert von den zwei Damen und drei Herren, dem super sexy Quintett mit Riesenbums in der Kehle, faszinierender Präsenz und irrem Hüftschwung. Kein Wunder: die tollen Fünf sind handverlesene Stars aus verschiedenen internationalen Musicalproduktionen; begleitet von der klasse Band unter Hans Kaul, der auch die die Arrangements für diese ziemlich sensationelle Show schrieb.

Und die ist das ideale Gegengift zum kühlen, müden Grau des Berliner Januars. „Motown“ für alle, die den Lebensmotor genüsslich hoch fahren, sich mal wieder so richtig durchfeuern wollen und Lust haben, auch im Theater ordentlich abzurocken. Also nichts wie hin noch bis zum 9. Februar.

Märchenhütte -

Draußen vor der Tür fackelt herrlich das Holzfeuer, in der Hütte drin, die so romantisch-kuschelig ausschaut wie eine sibirische Holzfällerbehausung (und das am Rand vom Monbijou-Park gegenüber dem Hochkulturtempel Bode-Museum), da drin gibt’s vormittags fürs Kindervolk Märchenerzählung. Und abends für die etwas Größeren Märchenspiel. Diesen Winter mit Hans Christian Andersens „Schneekönigin“, der Mär von der rätselhaften, weiß wie Eis glitzernden Winter-Schönen, die den braven Kai in ihr aristokratisches Kühlschrank-Reich lockt, bis er schließlich und zum guten Ende von seiner getreuen Freundin Gerda auf abenteuerliche Weise befreit und wieder heimgeführt wird ins warme, frühlingsbunte Menschenreich.

Nur drei prima Schauspieler Claudia Graue, Vlad Chiriac, Tilla Kratochwil schlüpfen in diesem fein ironisch gefassten Klassiker unter Sarah Kohrs witziger, geschickt minimalistischer Inszenierung auf der winzigen Hüttenbühne in sage und schreibe 14 verschiedene Rollen. Was dem lustvoll, aber präzise aufspielenden Trio wie dem dankbaren Publikum einen Heidenspaß macht. Naivität und Hintersinn, Poesie und Ulk kommen herrlich zusammen und bringen auch die schon etwas älteren Kinderaugen (wie etwa die meinen) wundersam zum Strahlen. Ein köstliches gutes Stündchen am Abend zum Lachen und Staunen; dazu gibt‘s Glühwein und Schmalzstullen. Noch bis zum 2. März.

10 Jahre Primetimetheater -

„Neues Theater in Wedding! Blockbuster zur besten Sendezeit!“, das waren die Reklame-Rufe damals im Januar anno 2004, als in der Freienwalder Straße 30 die (mittlerweile verheirateten) Enthusiasten Constanze Behrend und Oliver Tautorat mit ein paar Freunden ein Wohnzimmer-Brett'l aufzogen für ihr Spaßprojekt (Beginn zur Primetime pünktlich 20.15 Uhr): Nämlich die etwas andere, nämlich stark kabarettistische Soap „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“. Die Ironie im Titel war das Programm: Respektloses, deftig realistisches, also gern auch politisch unkorrektes Volkstheater (ein „korrektes“ kann es ja auch wohl kaum geben). Die fein ins Groteske geschubsten Figuren und ihre dem Alltag abgelauschten kuriosen, verrückten oder anrührenden Geschichten fand die beinahe schon genialische Autorin Behrend (mittlerweile 111 Sketche für 88 Folgen) natürlich auf der Straße, wo das Leben so lust- wie qualvoll dampft. Viele davon sind längst Kult -- wie Dönerbudenbesitzer Ahmed, Postbote Kalle, Amtsleiterin Heidemarie, Latte-Macciato-Künstler Claudio, der „Prenzlwichser“, Rapper Mushido oder Punkerin Ratte.

 

GWSW schlug sofort ein. So dauerte es nicht lange, und die Sitcom wurde zum lokalen Geheimtipp. Der wachsende Publikumszuspruch sprengte alsbald das Wohnzimmerchen, man musste umziehen: Von der Freienwalder in die Osloer Straße und später in die Müllerstraße, direkt am U-6-Bahnhof Wedding, wo man seit ein paar Jahren residiert und ein feines schickes Kleintheater etablierte, 220 Plätze, 14 Quadratmeter Bühne plus angeschlossener Restaurantbetrieb (es flossen europäische Fördergelder).

 

Freilich, die Förderung durch öffentliche Hände ließ auf sich warten; 2007 gab‘s eine erste „Basisförderung“, da war der Geheimtipp schon längst keiner mehr. Sogar die Touristen strömten nach Wedding, angelockt von diesem, so sprach sich das herum bis in die Prospekte der Reiseveranstalter, diesem vergnüglich frechen, „echt Berliner Original“. Jetzt stehen immer öfter Reisebusse vor der Tür, und das Primetime hat einen eigenen Haushaltstitel (120.000 Euro pro Jahr). Hat sich also zur „ordentlichen“, schon längst nicht nur Kiez-berühmten, freilich trotzdem noch immer ziemlich selbstausbeuterisch betrieblichen Kultureinrichtung gemausert, die knallhart rechnen muss, um zu überleben. Auch wenn der Laden so gut wie immer ausverkauft ist (in zehn Jahren mehr als 300.000 Besucher).

Doch jetzt wird erst mal der "Zehner" gefeiert. In der Jubiläumsgala „Best of 10 Jahre GWSW“ toben die sechs wunderbaren Komödianten des Ensembles (alles gelernte Schauspieler) in 34 verschiedenen Rollen durch die Nummernrevue. Bombenstimmung; doch hinterrücks zupft am Hirn die Nachdenklichkeit.

Noch bis 8. Februar. Dann ab dem 14. Februar die neue Folge, Nr. 89: „Dönerlovebox“.