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Kulturvolk Blog Nr. 67

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

30. Dezember 2014

Publikumskracher -

Immer im Piano, immer ungeniert, immer peinlich: Es ist auch an dieser Stelle wieder dringendst geboten, den Draufloshustern im Theater gehörig die Leviten zu lesen.

Ich verstehe ja, wer seit langem schon ein Billet auf Lager hat, der will die Show nicht ausfallen lassen und kommt, auch wenn eine Erkältung dazwischen niest. Doch da er oder sie ja genau weiß, wie gut die Chancen stehen, ein nervender, ganze Szenen zerstörender Krachmacher zu werden, sollte er oder sie sich vor Beginn der Veranstaltung entsprechend  präparieren: Dickes Taschentuch als Schalldämpfer, Lutscher, Salbe, Pillen griffbereit  und nicht erst nach dem ersten Hustenanfall nach all dem in den Taschen knisternd kramen.   Die allgemeine Praxis aber ist: Lauthalses Heraushusten ohne jeden Schallschutz, dann im Halbdunkel ächzendes Suchen nach Bonbons, verpackt in knisterndes Zellophan, sowie nach raschelnden Papiertaschentüchern – sehr rücksichtsvoll.

Übrigens, Erstaunliches war eben jetzt erst zu beobachten: In der supertollen „Westsidestory“ (Komische Oper) war es rappelvoll mit vielen Jugendlichen  und mucksmäuschenstill; tags zuvor aber beim supertollen Star-Duett Manzel-Matthes („Gift“ im Deutsches Theater, gleichfalls rappelvoll, gleichfalls mit viel Jugend), da krächzten die Kehlen, was die Stimmbänder hergaben…

Volksbühne -

Honoré de Balzac hat in 20 Jahren mehr als 80 Romane geschrieben, eine ziemliche Überforderung; mit 51 war er tot. Was dagegen sind fünf Stunden mit Frank Castorfs Adaption des Balzac-Romans „La Cousine Bette“ in der Volksbühne Berlin...

Die „Bette“ von 1846 ist eine Riesen-Soap aus dem aristokratisch-bürgerlichen Familienleben, und Castorfs vor Fantasie strotzende Übersetzung erzählt sie nicht nach, sondern umspielt weit schwingend Balzacs Grundthema: die Gier auf Geld und Sex   bis hin zur Selbstzerstörung. „Wenig arbeiten, viel verbrauchen und noch viel mehr Geschlechtsverkehr haben“, so beschrieb es der französische Anarchist Proudhon, dem als nüchternem Materialisten längst klar war, dass im auftrumpfenden Kapitalismus auch Liebe zur Ware wird. Und Moral was für Schöngeister ist, nichts weiter als Deko. Dahinter tobt ein brutaler Kampf um dickste Kontostände, reichste Kerle, tollste Weiber.   So etwa steht’s in Balzacs fulminanter Familienstory, in der es finanziell und sexuell kreuz und quer geht zwischen geilen Ehemännern, Nutten, einer Gattin, Tochter, Bedienten. Eine hübsche Raserei jeder gegen jeden und massenhaft Szenen voll hasserfüllter Kräche, hysterischer Ausbrüche, lüsterner Bitten, schamloser Lügen, dazu „Rudelbumsen“ – von der Regie hingebungsvoll ausgepinselt. In die drastischen Bildchen eingewoben sind jede Menge Stichworte aus heutigen Diskursen wie Klassenkampf, Gentrifizierung, Hartz vier, Lampedusa, Bootsflüchtlinge, Festung Europa, Kolonialismus, Neger, Revolution, Renegat, Nazikacke, Islamismus, arabischer und sonstiger Antisemitismus. Alles nur sehr indirekt bei Balzac, aber eben irgendwie auch plakativ zu ihm passend, zum letztlich triumphierend Abgründigen seines sich selbst zerfleischenden Menschen-, seines elenden Menschheitspanoramas.

 

Selbstredend verschwindet alles Plakative in der exzessiv aufgedrehten, slapstickhaft-kabarettistischen Spielweise, die meist via Video-Großbild zu bestaunen ist. Die Balzac-Soap als grob wirkende, aber könnerisch feinst gemachte Langzeit-Klamotte, als endlos ins Groteske und Aberwitzige getriebene, höchstens streckenweise wirklich kapierbare Freak-Show. Unbedarftere Gemüter steigen kopfschüttelnd spätestens in der Pause aus, trotz des üppigen Augenschmauses und Virtuosenspiels (Jeanne Balibar, Alexander Scheer, Kathrin Angerer, Claire Sermonne, Bernhard Schütz, Lilith Stangenberg, Maximilian Brauer). Eigentlich ist alles eine um sich selbst kreiselnde Seance über die letztlich vergebliche Jagd nach Glückseligkeit.

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Wissbegierige Reisetante, nimmermüder Wandervogel, geistvolle Feuilletonistin, dieser Dreier in einem, das ist die thüringische Berlinerin Renate Hoffmann, die liebend gern Entlegenes, Besonderes, Schönes, Komisches, Befremdliches und Wissenswertes aufspürt und das dann auf witzige Art mitzuteilen weiß. Daraus macht sie gelegentlich ein hübsches Büchlein mit feuilletonistisch hinreißenden Miniaturen, das als unterhaltsamer Ratgeber in den Rucksack eines jeden Flaneurs gehört, der durch brandenburgische und sonstige europäische Lande zuckelt. Frau Renates jüngste Drucksache übers Herumkutschieren, Fußmarschieren und Inspizieren berühmter und gänzlich unberühmter Sehenswürdigkeiten heißt naheliegend „Streifzüge“, im Untertitel „Reise- und andere Bilder“, wozu auch ein paar Gedichte gehören. Hier eine Hoffmannsche Jahresend-Reimerei (Verlag am Park / Edition Ost Berlin; Eulenspiegel-Verlagsgruppe):

 

Sylvester, Sylvester

 

der Vorsatz wird fester,

ein anderes Leben

anzustreben:

 

Freundlich beweglich,

im Umgang verträglich.

Etwas mehr fasten,

weniger hasten.

Höflich zu jedermann,

Eigennutz hintenan.

Was man schon oft gedacht,

wird man jetzt über Nacht:

ein besseres Wesen,

von manchem sich lösen…

 

Erster Januar, erster Januar –

alles ist wie’s vorher war.

 

Meiner treuen wie auch neuen Leserschar: Ein prickelndes „Prost Neujahr!“

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