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Kulturvolk Blog Nr. 66

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

23. Dezember 2013

Schaubühne


Molieres „Tartuffe“ ist die große Komödie von einem durch religiöse Heuchelei und durchtriebene Verführungskunst manipulierten Familienvater (Orgon), der in einer als haltlos empfundenen Welt Halt suchend sich einem Menschenfänger (Tartuffe) hingibt und ihm beinahe alles opfert. Aus diesem gallig wogenden Aberwitz vom Aussetzen aller Vernunft macht der neue Schaubühnen-Hausregisseur Michael Thalheimer kurzerhand eine starre Karikatur total Verblödeter, die in einer engen, vergoldeten Schachtel steckt und schließlich auf dem Kopf steht (Olaf Altmanns sinnfälliges Bühnenbild ist der einziger Lichtblick der Veranstaltung). Da rattert und rotiert also  ein technisch perfektes Aufsage-, Rumschrei-, Grimassier- und Verrenkungstheater. Mit super Schauspielern wie Ingo Hülsmann und Lars Eidinger, Regine Zimmermann oder Judith Engel. Garniert ist die 90-Minuten-Performance von lauter Zombies mit endlos herunter geleierten Bibelzitaten.

 

Im Sommer trieb Luc Bondy im Wiener Burgtheater das Stück aus dem allgemeinmenschlichen Tollhaus radikaler Wirklichkeitsverweigerung mit leichtester Hand in schwerstes Entsetzen. Kein Zerrbildtheater, sondern spannendes Menschenspiel! Zählt zu meinen Theater-Höhepunkten des Jahres! Claus Peymann plant ein Gastspiel in seinem Berliner Ensemble – nicht verpassen, wenn es soweit ist. Wer hingegen diese gespreizte „Tartuffe“-Klamotte verpasst, muss sich überhaupt nicht ärgern. ‑ Was aber hätte da werden können mit diesem Ensemble sowie einem anderen, zumindest weniger plakativen Zugriff.

Berliner Theatermuseum

Ja leider, Berlin hat noch immer kein solches, sondern nur die kleine feine so genannte Theaterabteilung im Märkischen Museum. Doch die „Initiative Theatermuseum Berlin e.V.“ mit Klaus Wichmann an der Spitze kämpft seit langem unverdrossen um die Einrichtung eines „richtigen“, also eigenständigen Theatermuseums. Die kontinuierlich anwachsenden, kostbaren Bestände (darunter mehrere ererbte, in sich geschlossene Sammlungen) lagern in mehreren über die Stadt verstreuten Archiven und warten sehnsüchtig auf dauerhafte Präsentation in der Öffentlichkeit.

 

Da lässt nun jetzt der so verdienstvolle Herr Wichmann eine Kostprobe gucken ‑ inmitten vom Weihnachtstrubel in der Kreuzberger Marheineke-Markthalle, in deren Galerie in der oberen Etage. Sie zeigt (freilich kurz gefasst) in anschaulichen Dokumenten die Geschichte der Staatsoper samt ihrer vielen wagehlasigen Umbauten und faszinierenden Umbauplanungen – vom friderizianischen Anfang bis zur Rekonstruktion heute. Dabei wird klar: Der Baugrund im Berlin-Warschauer Urstromtal (Sumpf und Sand) war schon immer das Grundärgernis; die gegenwärtige Reko wird mithin dauern. ‑ Teil zwei der liebevoll improvisierten Schau: Eine Illustration des prachtvollen europäischen Barocktheaterbaus. In Bayreuth (nicht zu verwechseln mit Wagners Walhall) und in Drottingholm stehen unversehrt edelste Beispiele. -- Jeder Theaterfan sollte sich ein Stündchen Zeit nehmen für diese schöne kleine, aufschlussreiche Show der Fotos, Modelle, Zeichnungen, Plakate. Im Anschluss mag man getrost Futtern und Einkaufen unten im Markthallengewusel (noch bis zum 11. Januar; wochentags 8 bis 20 Uhr, samstags 8 bis 18 Uhr; Eintritt frei/ FVB-exklusive Führung).

Gorki Theater

Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ ist eine Übermalung von Tschechows Lebenslüge- und Stillstandskomödie „Drei Schwestern“, 1987 von Thomas Langhoff am Gorki DDR-erstaufgeführt. Braun lieferte eine präzise DDR-Standortbestimmung zwischen sozialistisch heller Utopie und finsterer realsozialistischer Wirklichkeit. Ein Satz wie „Die Revolution kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen“ hätte jeden Bürgerrechtler sofort in den Knast gebracht. Von der Gorki-Bühne geschleudert, schlug das ein wie eine Bombe. Da brannte die Luft!

 

Ein Vierteljahrhundert später wird das Theater der Väter, das etwas sagen und dem Publikum etwas aufhelfen wollte in seiner Not und das obendrein allgemeinmenschliche Seelenqualen subtil beschrieb, das wird jetzt von den Söhnen (von Lukas Langhoff, von dessen Dramaturgen Holger Kula) nassforsch zum totalen Gesülze reduziert. Eitel Lukas fällt weder zu Tschechow noch zu Braun etwas ein und auch nichts wirklich Triftiges zur Gegenwart. Dafür lassen ein paar schräge Typen unentwegt bloß allgegenwärtig läppischen Frust ab, blödeln und lachen sich halbtot dabei. So geht der Übergang des Politischen ins Banale. Da brennt keine Luft mehr. – Bleibt höchstens die Frage: Ist derart einfältiges Theater womöglich doch ein weiter greifendes Symptom?

Lauschiges Heimspiel

Weihnachtskonzert zu Hause auf der Kommode neben dem Schreibtisch mit einem Traditionsorchester: Die Sächsische-Erzgebirgische Privatkappelle „Kühne & Wendt“ (seit 1915) in ganz großer Besetzung, die himmlisch hölzernen Heerscharen im possierlichen Fünf-Zentimeter-Kleinstformat in bester Verfassung musizierend auf der luxuriös breiten blauen Wolke mit den sechs Stufen und goldenen Sternlein drauf. Dabei haben die ältesten als Engel verkleideten Instrumentalisten knapp 90 Dienstjahre auf dem Buckel mit den grünen Flügeln dran; ein jeder mit korrekt elf weißen Punkten geschmückt. – „Jauchzet frohlocket…!“

Nr. 282
21. Januar 2019
Ensemble

1. Primetime Theater: Raus aus der Dönerbude, rein ins Datingportal

2. Schlosspark Theater: Wenn liebende Töchter Vorurteile nieder trampeln

3. Hausbesuch: Herr Heiner nickt und nippt. Nachtrag zum Gedenken an den 90. Geburtstag Heiner Müllers

Nr. 281
14. Januar 2019
Die stillen Trabanten © Arno Declair

1. Deutsches Theater-Kammerspiele: Was treiben die dort bloß?

2. Kino: Zum Lachen und Heulen

3. DT-Abend im DDR-TV: „Ei! Kennt ihr noch das alte Lied…“

4. „Stasi raus – es ist aus!“

Nr. 280
7. Januar 2019
v.l. Constanze Becker, Sascha Nathan © Matthias Horn

1. Berliner Ensemble: Monument der Trostlosigkeit

2. TV-Rederei über Theater

3. Schwerstarbeit am Ich. Gedenken an Einar Schleef zum 75. Geburtstag

4. Tipp fürs Neue Jahr

Nr. 279
17. Dezember 2018
Anton (Jochen Busse, l.) und Erik (Hugo Egon Balder) © Bo Lahola

1. Komödie am Kudamm im Schiller Theater: Es geht um nichts und gleichzeitig um alles

2. Admiralspalast: Hochtourige Gute-Laune-Maschine

3. Lese-Tipp und Mitschreib-Lust: Heiner-Müller-Bücher zum 90. Geburtstag am 9. Januar 2019

4. Gruß zum Jahreswechsel

Nr. 278
10. Dezember 2018
Traute Hoess, Benjamin Schröder, Sebastian Schwarz, Juri Padel, Annedore Bauer, Veronika Bachfischer, Christoph Gawenda © Arno Declair

1. Schaubühne: Miefige Demokraten, geile Neonazis

2. Deutsches Theater Kammerspiele: Eine „gewisse Blindwütigkeit im Spiel.“ Porträt-Film über den Regisseur Jürgen Gosch

3. Zum Advent ins Planetarium: Die drei berühmten Sterndeuter B-M-C

Nr. 277
3. Dezember 2018
Udo Lindenberg vor dem Brandenburger Tor (September 1989) © Herbert Schulze

1. Damals in Ostberlin: Herbert Schulze über seine Erlebnisse mit Udo und seine Fotos von Lindenberg

2. Platypus: Geheimsache Händchenhalten

3. TV-Rederei über Theater

4. Geschenkbuch-Tipp: „Ich soll mich für Sie plagen“

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