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Kulturvolk Blog Nr. 65

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

16. Dezember 2013

Deutsches Theater 1 -


Der israelische Schriftsteller David Grossman gehört zu den einflussreichsten seines Landes; seine zahlreichen Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und vielfach mit Preisen bedacht. Grossman setzt sich ein für die Beilegung des israelisch-palästinensischen Konflikts, kämpft gegen die Aufrüstung auf beiden Seiten und gegen die Brutalitäten des israelischen Besatzungsregimes, was ihm viel Ehre (u.a. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010) und auch, sonderlich in seiner Heimat, viel Kritik einbrachte.

Grossman verlor im Zweiten Libanon-Krieg eins seiner drei Kinder. In diesem Schmerz schrieb er 2006 das Buch „Aus der Zeit fallen“. Der Autor „triumphiert mit dieser Arbeit über den Tod, weil es ihm gelingt, die Trauer bis in ihre verborgene Winkelsprachlich auszuloten“, schrieb das Magazin „Der Spiegel“. Jetzt hat Grossman aus diesem Prosawerk eine Bühnen-Fassung gemacht, die Andreas Kriegenburg im DT zur Uraufführung brachte.

 

Eine schwierige Sache, die mich, um es gleich zu sagen, nicht überzeugte. Ich halte Grossmans meditativen Trauerarbeit-Text ohne klare Handlung und Figurenzeichnung in seiner poetisch-abstrakten Weitschweifigkeit und üppig wuchernden, überangestrengten Vieldeutigkeit (bezüglich historischer, philosophischer, moralischer Anspielungen) nur ansatzweise verständlich, der große weite Rest bleibt diffus, aber bedeutungsschwanger. Die Sache ist wenig theatertauglich, man hätte deutlich straffen müssen. Und die Regie hätte all das Schwebende, Vage, Unklare nicht noch verstärkt durch aufwendig performative Spielereien mit viel schwarzer Folie und wandernden Riesenkästen (der Erinnerung?) im ewigen Bühnendunkeldämmer, in dessen Höhe unentwegt Grablichter flackern. Das wirkt eher hübsch als eindringlich; so will nicht recht – wie das Programmheft verspricht ins eins kommen, nämlich Totenklage und Hymne auf das Leben. Was die gut gemeinte Drei-Stunden-Inszenierung (plus Pause) auf rotierender Drehscheibe betroffen ausbreitet, ist Raunen, Klagen, Qual. Trauerschwerstarbeit.

 

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Deutsches Theater 2

Höchst Erfreuliches ist zu vermelden; leider nicht vor, sondern hinter den Kulissen des DT. Grundsteinlegung für das neue Probengehäuse, zwei wohlproportionierte Quader für drei Probebühnen nebst zugeordneten Garderoben und Werkstätten sowie für Büroräume und Archiv. Feine Sache, wenn das 12,5-Millionen-Ding denn dem zurzeit ziemlich maroden DT-Kunstbetrieb aufhelfen sollte. Ein bisschen schade nur, dass man von der herrlichen Terrasse draußen vor der Kammerspiel-Bar (eine Spende des Fördervereins) alsbald nicht mehr den großartigen Blick hat auf den nächtens romantisch illuminierten, elegant klassizistischen Rundbau des vom Brandenburger-Tor-Langhans erbauten Tieranatomischen Instituts der Humboldt-Uni. Der DT-Funktionsbau wird, sobald die Mauern stehen, die Sicht verbaut haben.

 

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Deutsches Theater 3

Aber noch existiert ja die schöne Aussicht als Trostpflaster in der Bar nach schwer verdaulichen Bühnenveranstaltungen. Beispielsweise in den Kammerspielen mit der verkrampft-verkopften Schreibübung des hierzulande sehr beliebte Briten Martin Crimp. In der „Republik des Glücks“ räkelt sich bis zur Pause in erlesen hässlichem Ambiente ziemlich unglücklich verkrampft eine Allerwelts-Mittelstandsfamilie und macht sich mit ebenso erlesen hässlichen Worten zur Feier des Heiligabends gegenseitig fertig. Nach der Pause ist Schluss mit bösartig weihnachtlicher Anmache. Da wird in verstiegener Verkopftheit Allerwelts-Gesellschafts- und Glückskritik geübt. Und zwischendurch schnappt sich ein jeder mal das Handmikrophon und trällert aufmunternd poppige Glücksliedchen.

Womöglich hätte ein gewiefter Regisseur aus diesem Quark noch eine aashafte Groteske mit scharfen politischen Seitenhieben geformt, doch Regisseur Rafael Sanchez lässt das durchaus respektable Ensemble den Quark bloß quatschend breit treten. Ach ja, eins bleibt in süßer Erinnerung: das infernalisch anschwellende, irrwitzige Geschrei-Duett von Margit Bendokat und Christian Grashof.

Es gibt im Großen Haus doch eine wirklich bewundernswerte Bühnenveranstaltung - Ulrich Matthes liest Balladen von Friedrich Schiller.

Doch was heißt „lesen“. Matthes inszeniert und spielt lauter große Dramen voller Action und – auch das – moralisch erhobenem Zeigefinger. Matthes macht hinreißend das erregende Spektakel, aber auch mit heilig nüchternem Ernst das so anrührend jauchzende Idealische – eben den Schiller mit der hohen Stirn und den rotlodernden Locken. In den Versen rasen Menschenwahn und Menschheitsbeglückungs-Sehnsucht um die Wette. Man muss diesen Dichter kopfschüttelnd hingebungsvoll lieben. Schön, wie der Schauspieler zum Schlussbeifall die Handvoll Textblätter wedelnd hoch reißt zum Bühnenhimmel – schöne Geste der Verehrung. Und schön, dass der Schauspieler jeweils zwischen die Gedichte persönliche Bemerkungen streut. Da wird nicht vom hohen Podium herab rezitiert; vielmehr ist es wie in privater Runde daheim beim Geschichtenerzählen. Eine kostbare gute Stunde. Und fortan wird die Erinnerung an Schillers Dichtung im Bunde sein mit Matthes‘ Stimme. „Das Auge sieht den Himmel offen… / Die Liebe --- muss ---  bleiben…“ Ach, diese so bedenklichen Pausen zwischen Liebe, Müssen, Bleiben…

 

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Salute! Inge Keller 90

„Ich war kein Star. Hab viele große Rollen gespielt. Basta.“ Sagt sie kurz angebunden und mit genervtem Augenaufschlag ob des öffentlichen Rummels im Vorfeld der Verleihung des „Faust“-Theaterpreises kürzlich im Schiller-Theater: Inge Keller bekam diese Ehrung für ihr Lebenswerk (Tochter Barbara empfing die Urkunde, Mama blieb kränklich zu Haus).

 

Und wahrlich, ihr Werk ist gefüllt mit großen Rollen – unter großen Regisseuren wie Fritz Kortner, Heinz Hilpert, Wolfgang und Thomas Langhoff, Wolfgang Heinz, Benno Besson oder Alexander Lang, Peter Stein, Harry Kupfer, Einar Schleef, Robert Wilson oder Michael Thalheimer… Allein diese Namen, für ziemlich gegensätzliche Spielarten stehend, umreißen die Phalanx der Spitzenleistungen unserer neueren Theatergeschichte. Die Keller hat sie mit geprägt. Durch ihren strikten Willen zur präzisen, stets dem Text dienenden Form (auch in kleinen Rollen, auch beim Film).

 

[caption id="attachment_1034" align="alignleft" width="267"] Bild © Fabian Schellhorn 2013[/caption]

 

Das wurde weithin bewundert; Robert Wilson etwa schwärmt enthusiastisch, nur Jessy Norman könne so singen, wie Inge Keller spricht. Das war für manchen aber auch unbequem oder gar suspekt. Was viele so sehr faszinierte, diese einzigartige Noblesse, wurde zuweilen abgetan als aus der Zeit gefallen. Es gab Phasen, da war die Keller mit ihrem – sagen wir – gestyltem Psychorealismus, kalt gestellt. Dennoch, sie glaubte unbeirrbar an Max Reinhardts uraltes Zauberwort vom „Glanz“, ohne den Theater nichts sei. Das hat die Keller verinnerlicht. Bei allen Brechungen, es wurde ihr wesenseigen, letztlich ihr Triumph über Zeiten und Moden hinweg.

 

Hinter diesem Triumph steckt phänomenal körperliches, technisches Können, also schlicht Handwerk. Sie meint lakonisch: „Ich spiele halt. Nicht zu viel Gefühl, nicht zu viel Verstand.“ – Sie hat ja überhaupt immer, „was auch geschehen mochte“, gespielt. Eine Besessene mit eiserner Disziplin und der Bühne als ihrem eigentlichen Zuhause – „privates Glück kam, schwankte, zerbrach“. Und doch sah sie sich als „Glückskind“; sei zur rechten Zeit am richtigen Ort im richtigen Stück gewesen und habe den richtigen Regisseur gehabt, „der mich trug und der mich liebte“. So wurde sie, lange vor der Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Theaters, zum gesamtdeutschen Star. Doch als man sie neulich in einer Zeitung zur „Ur-Diva“ ausrief, da kicherte sie und tippte sich an die Stirn.

 

Immerhin gesteht sie, in DDR-Zeiten sich am Telefon gern als „diensthabende Gräfin der Deutschen Demokra- tischen Republik“ gemeldet zu haben. Denn die im Berliner Westen geborene Fabrikantentochter hat die Lady im Blut; und dazu steht sie, nach wie vor. Dominanz, Distanz, Kühle und -wenn es sein muss-„kühle Fürchter- lichkeit“ (wie Friedrich Luft gelegentlich anmerkte), auch das ist ihr Wesen. Wer jedoch Glück hat, der kann, selbst wenn er sie nicht näher kennt, erleben, wie sie unvermittelt bezaubernd sein kann, zugewandt, herzlich, witzig, keck und komisch. 'Ne Komödiantin halt.

 

Debütiert hat Inge Keller 1942 am Kurfürstendamm-Theater. Dem folgten Stadttheater in der sächsischen Provinz; erst Freiberg (dort hörte sie erstmals Namen wie Brecht, Feuchtwanger, Gorki), dann Chemnitz. Schon 1948 aber war sie wieder in Berlin, am Schlossparktheater unter Boleslaw Barlog, dann am Renaissancetheater als Eliza in „Pygmalion“ unter Rudolf Noelte. 1950 wechselte sie, nicht nur aus triftig künstlerischen Gründen, sondern auch, weil sie entflammt war von sozialistischen Idealen (umso enttäuschender alsbald selbst für sie, als hoch Privilegierte, der reale Sozialismus), da ging sie also in den Osten ans Deutsche Theater, dessen kostbares Gehäuse sie gern mit einer Stradivari verglich, die man so wundersam zum Klingen bringen kann, wenn man es kann.

 

Jetzt, erst ein Jahr ist’s her, zum siebzigsten Bühnenjubiläum, da stand oder besser da saß sie (zwei kaputte Hüften) auf der Bühne ihres geliebten DT, ihrem eigentlichen „Lebensgrund“: In der Rolle der Tilla Durieux, einer Avantgardistin um 1900, die rigoros Schluss gemacht hatte mit dem üblich altbackenen Aufsage-Theater. Außerdem: Die Durieux war eine scharfe Skandalnudel; vor allem durch die exzentrische Ehe mit dem Verleger und Kunstmäzen Paul Cassirer. Mit „Tilla“ lieferte der Berliner Autor Christoph Hein seiner Freundin Inge Keller eine sarkastische Anekdotenplauderei über Tillas so sehr lustvolles wie tragisch grundiertes Ehe-Hickhack mit Paul. Da glänzte noch einmal altgolden verführerische Vortragskunst aus delikat ironischer Distanz und vornehmer Einfühlung. Ein herber Abend voller Grazie und Grandezza. Diventum   höchste Reife, krasse Unverschämtheiten, durchweht von leiser Abschiedsbitterkeit. Eine unvergessliche Seltsamkeit. Rasende Ovationen! Das Publikum umjubelte Inge Keller, die am dritten Advent ihren 90. Geburtstag feierte, freilich, so der Kommentar, bei „leider nicht ausreichender Gesundheit“. Aber sie fühle sich „fabelhaft!“. Basta.

 

Sie wird wohl jetzt tapfer einen Whisky kippen. Wird all ihre Preise und Orden, all das großartig Erfüllte aber auch schmerzlich Versäumte und Trostlose lax beiseite wischen und im Geist ihre „Geliebten“ herbei zitieren – Heinrich von Kleist, die Bachmann oder Stefan Zweig und Thomas Mann, die ihr Beistand waren in manch schweren Stunden. Und sie wird an die vielen Toten denken: an die Gefährten, Freunde, die Kollegen von einst. Aber es gibt ja das Kind, die beiden Enkel. Und immer noch gibt es ein zweites Glas. Salute!