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Kulturvolk Blog Nr. 63

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

2. Dezember 2013

Deutsches Theater


Als damals, Ende der 1990er Jahre, ein sympathischer Bursche in der Volksbühne an der Rampe vorm Parkett sein Regiepult zur unterhaltsamen Musikbeschallung aufbaute, war klar: Stefan Pucher inszeniert als DJ-Regisseur – und wurde alsbald Kult, stürmte, nunmehr unter dem weitaus griffigeren Label „Popregisseur“, alle großen Bühnen im deutschen Sprachraum; meist mit großen klassischen Stücken in flinken Händen. Mit denen wirbelte er als erklärt postmoderner Ironiker Texte, Popmusiken und Videotapes durch die Bühnenluft, was allemal kurzweilig und amüsant, zuweilen sogar überraschend sinnfällig, aber eben oft auch ziemlich banal war. Das tat seinem Kultstatus keinen Abbruch. Im Gegenteil. Was freilich auch an der Auswahl extrem widerstandsfähiger, also kaum kaputt zu kriegender Stücke lag.

 

Mittlerweile ist der gute alte Popper auch schon fast Fünfzig und entert mal wieder das Deutsche Theater: Mit „Elektra“ von Sophokles. In dessen Kern steckt ein Streit: Hat Mutter Klytaimnestra (Susanne Wolff) ihren Gatten Agamemnon nicht nur aus Geilheit auf ihren Liebhaber Aigisth (Andreas Döhler), sondern etwa durchaus rechtens erschlagen? Und liegt mithin die so verzweifelt wie stur am göttlichen Racheprinzip klammende Tochter Elektra (Katharina Marie Schubert) mit ihrem Ruf nach Muttermord ein bisschen daneben? Beide Seiten führen triftige Argumente an, und deren vehementen Austausch lässt denn die Regie auch mit heiligem Ernst zu: Die Redeschlacht zwischen Mutter und Tochter um die Herrschaft im Diskurs, der sich ausweitet zu einem um Daseinsprinzipien (Verbitterung, Krieg, Rache versus Lebenslust, Frieden, Vergebung), dieser rhetorische Kampf auf Leben und Tod ist mithin das starke Zentrum dieser Sophokles-Veranstaltung, das die beiden schon vom Typ her herrlich gegensätzlichen DT-Stars zum immerhin sensationellen Ereignis machen. Hier die um Coolness bemühte, doch von Angst gequälte hohe Frau, dort das knäbisch intellektuelle, wütende Girlie. Beide um Contenance und Souveränität bemüht. Und beide, jede auf ihre Art, das heulende Elend. Damit sind sie samt dem hier bemerkenswert artigen, also pop-losen Regisseur dicht dran am antiken Autor.

 

Also war ich geneigt, diese „Elektra“ als ziemlich tolles Ding auszurufen. Und lax beiseite zu wischen, dass der Rest vom Ensemble außerstande ist, den beiden Großmeisterinnen das Wasser zu reichen; dass die Tragödie infolge Kürzung nicht wirklich auserzählt wird; dass die rohen Bluttaten via Video (Chris Kondek) bloß hübsch plakatiert werden; dass das mit doofen Kunstblümchen und klobigen Möbeln aus Uralt-DDR-Kantinenbestand vollgestopfte Bühnenbild von Barbara Ehnes eigentlich aus einer so nichtssagend wie hässlich aufgeklotzten Revuetreppe im Look der Fifties besteht und dass die Kostümierung der Damen vornehmlich aus glitzernd schwingenden Ballroben besteht und dass auch noch und überflüssigerweise hin und wieder nette Popsongs geträllert werden (u.a. von Charles Manson, es hätte aber auch Frank Schöbel sein können).

 

Uff, die Mängelliste bläht und bläht sich und ist nicht länger zu ignorieren. In ihrer Ballung nerven die bemüht witzigen Spielereien mit Schnörkeln aus dem Fundus der Popkultur, Ironie und probaten Verfremdung. Allzuviel Firlefanz umwuchert und vor allem bespaßt frei von Erkenntnisgewinn den besagt tollen Kern des 90-Minuten-Abends; verhindert aber wenigstens jedwede dämliche Aktualisierung.

Übrig bleiben letztlich eine ins Neckische greifende Sophokles-Show sowie das fundamentale Missverständnis, dass der üppig verstreute Flitterkram auch nur irgendwie wie man so sagt „produktiv irritiert“.

Schaubühne

Immer schon debattiert da ein um den Zustand der Welt („im Arsch“) schwer besorgtes Paar darüber, wie durch verantwortungsvolles Handeln („Wasserhahn abgedreht beim Zähneputzen“) der Weltuntergang abzuwenden sei. Da ist es nur natürlich, dass selbst beim Ikea-Einkauf die Kinderfrage zur Debatte steht: Kann man auf diesen von Überbevölkerung („jede Sekunde 2,6 Menschen mehr“) sowie von Treibhausgas-Ausstoß bedrohten Planeten noch Nachwuchs pflanzen? „Ich könnte sieben Jahre lang jeden Tag nach New York und zurück fliegen und mein CO2-Fußabdruck wäre immer noch nicht so groß, wie wenn ich ein Kind bekäme: zehntausend Tonnen“, sagt sie. Er ist baff und nickt verständnisvoll.

 

Das zwischen ernster Betroffenheit und feiner Ironie schwankende Konversationsstück des 33-jährigen Briten Duncan Macmillan belichtet so trefflich wie zart- und mitfühlend amüsiert die von Zukunftsangst beschwerte Befindlichkeit der gerade hierzulande so sehr, um nicht zu sagen so radikal Umweltbesorgten – am Beispiel des besagten Paares; sie eine promovierte Akademikerin, er in der Musikbranche.

 

Der Zufall machte die Berliner deutschsprachige Erstaufführung des in England als „Bestes Stück des Jahres“ ausgezeichneten, gewitzt geschliffenen Werks an der Schaubühne brandaktuell. Wälzte sich doch nur wenige Stunden vor der Premiere von „Atmen“ durch die Mitte der Hauptstadt dem Kanzleramt entgegen der Massenprotest von aus sämtlichen Provinzen herbei geeilten Umweltschützern gegen einen befürchteten Rückdreh der Energiewende. Wäre das Wetter nicht so kalt und regnerisch, die Schaubühne hätte Katie Mitchells minimalistisch schnörkellose Inszenierung flugs open air ins Protestcamp übertragen und obendrein das als Öko-Info gestaltete Programmheftchen dort verteilen können. Denn alles, was einen ökologisch, politisch, sozial, sexuell, solidarisch und überhaupt korrekten Bürger umtreibt, das erörtert auch unermüdlich und hemmungslos bis an den Rand der Selbstzerfleischung Macmillans zwar namenloses doch eben überhaupt nicht haltungsloses Paar.

 

Aber es bleibt nicht beim Diskurs um die rechte Haltung, um Öko-Vernunft, um Verhütung und Gen-Weitergabe nebst der bedenklichen Frage, warum die leistungsarme Unterschicht am laufenden Band Kinder produziert, hingegen die Leistungsträger sich diesbezüglich auffallend zurückhalten und so eine exquisite Füllung des Genpools verhindern. In den Sog der Öko-Diskutierwut gerät unversehens auch noch die akribische Analyse sämtlicher psychischen, seelischen und überhaupt zwischenmenschlich-intimen Zustände unseres so skrupulösen Paars. Es redet und redet und quasselt und verquasselt sich mit erlebten und angelesenen Erfahrungen („Der Mensch ist zu 25 Prozent  effizient“) über die Gefährdungen seiner Liebe nebst die seiner Welt. Und es kommt dabei nicht recht zum Lieben und kaum noch zum Leben – die spannende, durchaus tragische Grundierung in Macmillans hörspielhaftem Text. „Einen Moment lang doch mal die Umwelt vergessen, sich einmal nur sorglos und unbesiegbar fühlen, nur einmal wenigstens in einer Glücksblase schweben und nicht immer nur hämmernde Ratio.“ – Diesem Sehnsuchtstraum stehen westlich-wohlstandsgeprägte Skepsis und obendrein durchaus nachvollziehbare, ehrbare Skrupel im Wege. Doch mit etwas Mut kann es eine glücklich machende Leidenschaft geben. Jenseits aller Zwänge, jenseits aller ökologischer oder von welcher Art auch immer geprägten Fußabdrücke – so die die frohe Botschaft des Autors nicht nur im Advent!

 

Die gerade in Deutschland gegenwärtig heftig reüssierende, mit dem eloquenten Autor befreundete britische Regisseurin Katie Mitchell, berühmt ist ihre originelle, meist wirkungsstarke Verbindung von Spiel und Multimedia, die hat diesmal auf ihre probate Kameraarbeit am Live-Set auf der Bühne verzichtet. Und lässt die beiden rhetorisch großartigen Protagonisten Lucy Wirth und Christoph Gawenda sich beim Reden einfach auf Fahrrädern abstrampeln, um so den Öko-Strom zu erzeugen, der für ihre (dürftige) Bühnenbeleuchtung sorgt. Zwei liebenswerte Figuren quasi qualvoll und schweißtreibend im Rad ihrer Rederei ums kleine private und große menschheitliche Glück. Verlässt sie die Kraft der Rede, Argumente und Zuversicht, treten sie schwächer. Ihr Licht schimmert dann noch dürftiger und düsterer. Sehr sinnfällig. Sehr menschlich und nachdenklich machend.

Berliner Ensemble

Claus Peymanns Künstler-Ehrungen – ob in Freud oder im Leid – schwelgen immer in Glückseligkeit und Schmerz. Sie sind eine kostbare Girlande aus großen kleinen Kunststücken, theatralischen Miniaturen, signifikanten Dokumenten und geistreich formulierten privaten Erinnerungen – musikalisch durchwoben, feinsinnig und doch sehr effektvoll komponiert. Eigentlich (auch logistisch-organisatorisch) enorm aufwendige dabei ziemlich minimalistisch (oder sagen wir Understatement-mäßig) daherkommende und gerade dadurch wirklich großartige Theaterstücke in selbstredend stets erstklassiger Besetzung. Kaum einer kann das so gut wie Claus Peymann mit seinen Getreuen Jutta Ferbers und Hermann Beil. Zuletzt war es das Adieu für den vor kurzem verstorbenen Schauspieler Walter Schmidinger (s. Spiral-Block 55). Sein Wahlspruch (von Arthur Schnitzler) war (er hing bei ihm zu Hause an der Wand) „Wir spielen, wer es weiß, ist klug“. Und  das Aufregendste, Unvergessliche an ihm war seine Stimme, dieses Wunderinstrument in seinem Kehlkopf. Man kann es noch heute hören, vom Band – im Finale von Robert Wilsons längst Kult gewordenen „Dreigroschenoper“-Inszenierung am BE.

 

Das letzte Wort bei Schmiedingers Abschied hatte er selbst. Aus der Tonkonserve. Mit einem seiner liebsten Gedichte. „Selige Sehnsucht“ von Goethe.

 

Sag es niemand, nur den Weisen,

Weil die Menge gleich verhöhnet:

Das Lebendge will ich preisen,

Das nach Flammentod sich sehnet.

 

In der Liebesnächte Kühlung,

Die dich zeugte, wo du zeugtest,

Überfällt dich fremde Fühlung,

Wenn die stille Kerze leuchtet.

 

Nicht mehr bleibest du umfangen

In der Finsternis Beschattung,

Und dich reißet neu Verlangen

Auf zu höherer Begattung.

 

Keine Ferne macht dich schwierig,

Kommst geflogen und gebannt,

Und zuletzt, des Lichts begierig,

Bist du Schmetterling verbrannt.

 

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und Werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

 

Und in diesem Sinn: Einen besinnlichen, schönen Advent.