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Kulturvolk Blog Nr. 61

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

11. November 2013

Vaganten-Bühne


Die aus dem reizenden brandenburgischen Landstädtchen Dahme stammende Autorin Birgit Vanderbeke (kurz vor dem Mauerbau floh die Fünfjährige mit ihrer Familie in den Westen) landete als Mittdreißigerin kurz nach dem Mauerfall ihren großen Hit: „Das Muschelessen“. Und gewann mit dieser Erzählung den berühmten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

 

Der mit Humor gewürzte Text (Rotbuch Verlag) wühlt in Vanderbekes frühem Nähkästchen, nämlich in ihren ost-westlichen Kindheitserinnerungen. Die sind heftig getrübt durch einen dominanten, so karrieresüchtigen wie engstirnigen oder auch arg spießigen Vater, der die kleine Birgit, ihren Bruder sowie die liebe Frau Mama kaltherzig malträtiert. Es handelt sich also um einen Rachetext. Um Abrechnung, um das öffentliche Niederreißen einer krampfhaft aufrecht erhaltenen Kleinbürgerfassade und einen unblutigen, weil schriftlich verübten Vatermord. Nicht sehr originell, doch ganz nett zu lesen aufgrund seiner ironischen Distanz sowie kleinen Ausschlägen ins Phantastische. Dennoch ist es nicht gerade zwingend, dass Lars Vogel die Petitesse jetzt, nach so langer Zeit, für die Bühne adaptierte, deren Bretter die Vaganten sinnigerweise mit Muschelschalen zuschütteten. Auch entwickelt die Inszenierung von Bettina Rehm in ihrer wohlfeilen Artigkeit keinen Ehrgeiz, uns dieses Psychogramm einer zerstörten Familie sonderlich packend ans Herz zu legen. So hält sich denn auch die Wirkung der drei sich redlich mühenden Schauspieler Eva Mannschott, Julia Sontag und Florian Rast in eher engen Grenzen.

Der Ignorant und der Welt-Rand

Dass unsere Theater nichts als „Kaff-Kunst“ böten; eine „verlorene Kunst in dem Sinn, wie man von einem Kaff am Rand der Welt sagt, es sei verloren“, das meint unser TV- und Groß-Philosoph Peter Sloterdijk flott und pauschal zwischen 639 Suhrkamp-Seiten in seinem Tagebuch „Zeilen und Tage“ (24,95 Euro). – Dass die Besucherzahlen in den letzten Jahren gestiegen sind (wie auch die Zuschüsse der öffentlichen Hand sowie die Eigeneinnahmen der Bühnen), wird hochmütig nicht zur Kenntnis genommen; obendrein wird das Publikum für blöd verkauft. Denn immer mehr Leute konsumieren immer mehr Kaff-Kunst. Der Rand der Welt wird immer beliebter, aber in ihrer Mitte hockt der Philosoph.

VIP-Show der Veteranen

Promi-Bilder-Gucken in Berlin. Denn er hat sie schließlich alle, alle, die ganz wahnsinnig oder etwas weniger wahnsinnig wichtig waren, gemalt: Anton Graff, der größte Porträtist der deutschen Aufklärung. Den feiert die Alte Nationalgalerie aus Anlass seines 200. Todestags mit einer opulenten Retrospektive, die sie organisiert hat zusammen mit dem Museum Oskar Reinhart in Winterthur, wo Graff 1736 in einer Zinngießerfamilie geboren wurde.

Sein sensationelles Händchen nebst Hirn und Herz fürs Porträt machte ihn früh berühmt. Schon mit Dreißig kam die Berufung nach Dresden als kürfürstlich sächsischer Hofmaler, und eine große internationale Karriere begann. Als der fleißige, in Sachsen wie in Europa eifrig herumgereiste Graff anno 1813 mit 73 Jahren an Typhus starb, hinterließ er mehr als zweitausend Bilder mit den VIPs seiner Zeit. Und achtzig Bilder seiner selbst; das letzte wenige Wochen vor seinem Tod – zur Selbsterkenntnis und zur Übung.

 

Freilich, nicht alle waren glücklich mit ihrem Abbild, das immerhin seinen Preis hatte: „Halbe Figur mit oder ohne Hand 50 Thaler, mit zwei Händen 100 Thaler.“ Herder fand sich zu prälatenhaft, Wieland zu hässlich, Lessing zu freundlich, Schiller monierte die melancholisch-entrückte Pose. Geschenkt! Die Welt wusste sehr wohl, was sie  an Graffs Kunst hatte, und war schwer beeindruckt von der beseelten Lebendigkeit und „lebensechten“ Präsenz der Porträtierten. Graffs Schwager, der Schweizer Philosoph Sulzer, hat Bezeichnendes beobachtet: Die Modelle hätten „die scharfen und empfindungsvollen Blicke“ des Malers bei der Arbeit oft kaum ausgehalten.   Er hat halt die große Gabe, die sein einzigartiges Künstlertum prägt: nämlich seine Kunden zu durchschauen – der schonungslose Blick. Womöglich war das ausschlaggebend, warum Superstar Goethe, mit dem Graff gut bekannt war, ausgerechnet von ihm, dem Besten der Branche, nie gemalt wurde. Obgleich der Chef-Klassiker sich gern porträtieren ließ (von Tischbein, Kügelgen, Stieler), und die übrige Weimarer Geisteselite komplett Schlange stand bei Graff.

Übrigens, auch Friedrich der Große saß nie im Atelier des Meisters. Doch ist sein Konterfei wohl Graffs weltweit berühmtestes Bild, nicht zuletzt durch die poppige Adaption von Andy Warhol. Graff malte nach Skizzen, sie entstanden, als er den großen König bei einer Parade beobachtete. Das Ergebnis: genial.

Witziger Buchtipp - Trauriger Therapeut

Ingomar von Kieseritzky, schrieb in mutiger Verarbeitung persönlichster Erfahrungen das „Buch der Desaster“. Der Roman wurde auch als Lebenshilfe ein Riesenerfolg; wie sein „Kleiner Reiseführer ins Nichts“. Es hagelte Literaturpreise. Und allein schon diese beiden Titel machen klar: Es geht diesem feinen, aus Sachsen stammendem Autor mit seinem reichlich schwarz funkelndem Witz um die hübsch entsetzlichen Malaisen der so sehr unzulänglichen Großeinrichtung „Welt“. In der wir alle als einigermaßen Geschädigte umherirren.

Davon erzählt selbstredend auch Kieseritzkys neuer Roman „Traurige Therapeuten“ (C.H. Beck). Dessen Held ist ein an „zivilisatorisch indizierter Hypersensibilität“ leidender Erzähler von so abwegigen wie abgründigen Anekdoten. Und dieser zarte brave, kompliziert kränkelnde Kerl weiß zudem: Gegen die Unerträglichkeit der Realität helfen keine Sachertorten, sondern nur Neurosen. Gesundheit sei eine Provokation.

Zitat gefällig? – „Frau Beata, sagte ich getragen, ich war Tierheilpraktiker, Ethologe und ein Spezialist für verhaltensgestörte Kleintiere. Ich bemühte mich auch um Männer, Kinder und Greise als Heilpraktiker – ich absolvierte zwei Fernlehrkurse, aber die Menschen sind verschieden  , ich denke und glaube, dass ich die Sprache der Tiere besser verstehe, wenn es sich nicht um Insekten, Schlangen oder Echsen handelt.“

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Nr. 230
30. Oktober 2017
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