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Kulturvolk Blog Nr. 58

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

21. Oktober 2013

Berliner Ensemble -


Ein an Leib und Seele Verwundeter kehrt heim aus dem Krieg. Ein Häufchen Unglück und Elend schlurft ausgeleert über die weite BE-Bühne. Ein stumpfer, halbtoter Schmerzensmann (Samuel Finzi), der dennoch – oder gerade deshalb – „den Damen nicht entrinnen wird“, wie der Österreichische Dramatiker Ödon von Horvath schreibt. Im Vorwort zu seinem in den 1930er Jahren verfassten und erst 1952 im Wiener Kellertheater uraufgeführten (seither zu Recht eher ignorierten) Stück „Don Juan kommt aus dem Krieg“. In dem Vorwort heißt es aber auch, es käme in dieser Paraphrase auf den Ahnherrn aller Frauenverzauberer und Frauenvernichter zu "keiner einzigen Liebesszene“.

 

Dabei bleibt es ja selbst beim klassischen Don Juan offen, inwieweit der wirklich liebt oder sich bloß sexuell abarbeitet; allerdings fürs erste zumeist glücksbringend. Doch immerhin: Der seltsam eigenschaftslos streunende Horvathsche Juan hat es mehr oder weniger heftig mit sage und schreibe 35 Damen aller Arten und Klassen zu tun.

Dabei ging es dem Autor eigentlich überhaupt nicht ums Erotissimo und also nicht um die Don-Juan-Figur, sondern ganz wesentlich und leider ganz undramatisch um die desolate Nachkriegsstimmung. Um die Auf- und Umwertung aller Werte nach dem Ersten Weltkrieg. Also um ein atmosphärisches Bild eines in Auflösung befindlichen gesellschaftlichen Gefüges. Das artikuliert sich in einer reichen und raschen Folge kleiner Szenen, in denen die allesamt wegen akuten Männermangels als Kriegsfolge sexuell unterversorgten Frauen auf unseren ach so gleichmütigen und gelangweilten Don Juan treffen. Doch der wiederum hat nichts im Kopf als die sentimental Suche nach seiner großen Liebe. Die nämlich verließ er bei Kriegsausbruch. Und nun, unterwegs auf der Suche nach ihr (sie ist leider längst tot), kreuzt seinen Weg die Masse so unbemannter wie nervender Weiber – Finzi taumelt durch sie hindurch wie ein entrückter Schwerenöter wider Willen.

 

Und Regisseur Luc Bondy, ein subtiler Menschen- und Frauenversteher von höchsten Graden, inszeniert hingebungsvoll das düstere, zuweilen grell aufblitzende soziale Stimmungsbild unglücklich verlorener, verstört radikal und emanzipiert auftrumpfender Nachkriegsfrauen als albtraumhaft schwarzen Reigen, durch die ein müde zynischer Gentleman unverstanden geistert – ach, dieser wundersame Samuel Finzi...

 

Das Ensemble dieser Nachkriegsfrauen besteht aus neun tollen Schauspielerinnen, unter ihnen Kathrin Angerer, Antonia Bill, Ilse Ritter, Swetlana Schönfeld oder Katharina Susewind, die in all jene besagten 35 Rollen schlüpfen. Luc Bondy verhindert selbstredend in den vielen Wenig-Minuten-Auftritten jegliches Chargieren. Er beschwört ein so faszinierendes wie befremdliches Rondo genau gezeichneter Miniaturen, grundiert von der Bitterkeit des Vergeblichen. Ein Welttheaterchen der armen Unglückseligen, durch das Don Finzi entnervt und, ja auch, angewidert stolpert – um im leise rieselnden Schnee eines eisigen Winters zu erstarren. Eine Rotzgöre in roten Strümpfen und mit wippendem Röckchen (und auch das erwärmt ihn längst nicht mehr) steckt ihm eine Möhre ins süß gespitzte Mäulchen; die Karikatur seiner Manneskraft.

 

Das alles ist präzises, dabei stimmungsvolles Psycho- oder Seelentheater. Bravo Bondy! Und dennoch: Warum gerade dieser Horvath? Warum dieser von Karl-Ernst Herrmann (Kostüme: Moidele Bickel) expressionistisch rabenschwarz nebst Nebenschwaden ausgestattete und von Bela Korenys Live-Band aus der Seitenloge sentimental begleitete Bilderbogen einer tiefen Depression? In dem ist doch schon in der ersten halben Stunde alles aber auch alles klar?

 

Ich muss an dieser Stelle an Bondys wunderbare, tolldreiste Wiener „Tartuffe“-Inszenierung vom Frühsommer dieses Jahres erinnern. Die erzählt in so ätzender wie subtiler Genauigkeit mit fantastischen Spielern so sehr viel über der Menschen Lust, Leid, Not. Das eher schwächliche Horvath-Stück hingegen illustriert poetisch unergiebig und dünnflüssig eine Epochensituation. Schildert blass und simpel einen Daseinszustand. Damit ist inszenatorisch wenig anzufangen – eben höchstens meisterlich szenische Genremalerei.

Lieber Herr Peymann: Wenn Sie schon einen so kostbaren wie teuren und obendrein weltberühmten Großkünstler wie Luc Bondy dankenswerterweise endlich, endlich wieder nach Berlin holen, dann doch nicht mit diesem vergleichsweise öden Ödon von Horvath! Sondern mit – sagen wir: Mit einem Tschechow (wäre sensationell!). Oder (nur Mut!) mit einem Feydeau. Oder mit Volpone, mit einer Shakespeare-Klamotte (die ja immer auch eine Komödie ist). Oder mit einem arg bösen Gegenwartstück von beispielsweise Sibylle Berg??

 

Schwamm drüber. Auch „Don Juan kommt aus dem Krieg“ ist freilich fulminante Inszenierungskunst, was die Berliner Lokalkritik unglaublich hochmütig übersah. Auch wenn Bondy nicht so ganz aus dem so unermesslichen Vollen, das ihm eigen, schöpfen konnte. Weil: die relativ unergiebige, ziemlich dürre, ärgerlich einsilbige Horvath-Vorlage...

 

Subtilitäten, Feinstgestimmtheiten, Psychofinessen, Schmerzlichkeiten, Träumereien, Düsternis, Trauriges, Parthetisches, Vages, Unaussprechliches, Andeutungsvolles, romantisch Verzücktes und Verspieltes – das alles mag - zumindest die veröffentlichte - Hauptstadt-Kritik überhaupt nicht. Sofort holt sie das Beil der Total-Vernichtung („Vorgestrig!“) aus ihrem mit Coolness vollgestopften Ranzen. Geht überhaupt nicht, weil schnöde altmeisterlich! Weil lahme Old-School! Weil dröges Museum (womit das Dinosaurier-Projekt BE gemeint ist). – Wieso eigentlich sind Museen per se dröge? – Das alles stinkt nach unsinnigem Kulturkampf.

 

Hallo, Jungs und Mädels der avantgardistisch angehauchten kritischen Schreibe: Lasst doch auch mal so einen Oldie wie Luc Bondy zur Wirkung kommen, ohne ihn sofort abzuwatschen als doof, routiniert, einfallsarm, sentimental, kitschig und überhaupt fürs Heute unmöglich.

 

Das Theaterfeuilleton der „Berliner Zeitung“ als vermeintliche Speerspitze des akut Zeitgenössischen schrieb in ihrer Bondy-Kritik gleich gegen alles-alles an in Peymanns Berliner Ensemble: „In diesem Gasthaus ist das Theater nicht mehr das Spiel der Kunst mit der Welt, sondern ängstlich-zynische Spielplanabsolvierung und gönnerhafte Publikumsbeschenkung.“ So viel Pauschal-Schmäh war noch nie! Der „Berliner“ eine Rakete zur Feier ihrer totalen Nassforschheit. Aaaaber: Peymanns BE ist durchweg ausgebucht. Gilt also noch immer die modrige Avantgarde-Formel: Nur ein leeres Theater sei ein gutes??

 

Diesen albernen Diskurs hatten wir erst kürzlich am Leipziger Theater, wo ein freilich prima Intendant das Haus leer spielte. Doch „prima“ (wie auch ich diesen sympathischen Bühnenboss fand) ist keine wirklich gute Lösung, wenn dessen Hütte allabendlich höchstens halb leer bleibt.

Okay, der Vergleich mit Sachsen hinkt: Peymanns BE präsentiert allerhand verschiedene künstlerische Handschriften, freilich in einem massenkompatiblen Rahmen, in dem die Kunst sehr wohl ihr Spiel hat mit der Welt. Das ist unstrittig, liebe Kollegen von der Berliner Zeitung. - Zugegeben, vielleicht ein Quantum braver als anderswo, aber dafür allgemeinverständlicher.

Lassen wie also die vom Publikum goutierte Besonderheit des Peymannschen BE lässig gelten in der Berliner Szene. Der Steuerzahler ist der Souverän, oder? Machen wir also endlich Schluss mit dem dämlichen Peymann-BE-Bashing!

Hans-Otto-Theater Potsdam -

O diese Kerle! Immerzu wird angebaggert, Liebe versprochen, Liebe gemacht. Und dann wird sitzen gelassen. Iván ist so einer, so ein verführerisches Miststück: Mitte fünfzig, verheiratet mit Lucia dazu die heimliche Geliebte Pepa und neuerdings eine zweite Heimlichkeit, für die er Pepa den Laufpass gibt – auf dem Anrufbeantworter. Natürlich sagt er nicht die Wahrheit, sondern faselt von „Auszeit“ und „Zu-sich-Kommen“. Und ahnt nicht, was für ein Chaos seine erotischen Egotrips auslösen. Denn die Betrogenen mit noch immer loderndem Herzen entfesseln – auch aus verletztem Stolz –  eine wüste Hatz nach dem herumschwänzelnden Luftikus, in die sich obendrein beste Freundinnen, ein sexy Terrorist und sexy Telefonmonteur sowie Taxifahrer, Rettungssanitäter, Polizei und Justiz aufs aberwitzigste verstricken. Aus dieser geradezu irrsinnigen aber zutiefst menschlichen Raserei ums Liebesglück, an dem vermeintlich alles Glück des Lebens hängt, machte Pedro Almodóvar 1987 seinen vielfach preisgekrönten Film mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, den es jetzt als Musical gibt.

 

Jeffrey Lane (Buch) und David Yazbek (Musik/ Liedtexte) adaptierten den Kino-Klassiker für den Broadway. Und Stefan Huber inszenierte das New Yorker Erfolgsstück am Hans-Otto-Theater mit wachem Sinn für die bis ins grell Groteske getriebenen traurigen Realitäten des Alltags, durch den die vor Sehnsucht blutenden Frauenherzen wütend und unerlöst toben. Ein musikalisch zwischen griffigen Latino-Rhythmen und jazzigen Blechbläsern swingender Albtraum (Dirigent der Live-Band: Ferdinand von Seebach), in dem sich Bitterkeit und Süße, Schrilles und Sentimentales, frivole Farce und melancholische Komödie fein mischen auf der von Stephan  Prattes fantastisch bizarr bebauten Drehbühne, die für den fliegenden Wechsel der vielen Schauplätze sorgt. Und auf denen die bunte, verwegene Truppe ballert, heult, kreischt, küsst und kopuliert, sich kloppt und böse Wahrheiten gegenseitig vor die Stöckelschuhe knallt.

Die unter Krach und Schmerzen schließlich zu neuem Selbstbewusstsein erweckten schrägen Königinnen im Ensemble sind Christiane Hagedorn (Pepa), das Model-Girlie Franziska Melzer als Pepas wilde Freundin, die Gott sei Dank den Selbstmord nicht hinkriegt und flugs sich neu verliebt, sowie – und die vor allem:  Andrea Thelemann als Lucia, die herzenswunde Furie mit großer Stimme, die trotzige Rächerin aller betrogenen Ehefrauen dieser Welt (wieder am 26. und 27. Oktober).