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Kulturvolk Blog Nr. 55

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

30. September 2013

Berliner Ensemble


Ja doch, zugegeben, es hat mich erwischt. Mal wieder, was selten geschieht; leider. Mit Shakespeares großem Abschieds-Wunderwerk „Der Sturm“; einer Produktion des Wiener Burgtheaters, inszeniert von Barbara Frey, jetzt – Peymann sei Dank!   im Repertoire des Berliner Ensembles.

Ja, was heißt „erwischt“: Es hat mir das Herz gedrückt und gestreichelt und das Auge ein kleines bisschen feucht gemacht.

 

Das Zaubermärchen des alten Williams imaginiert eine von Menschen, Tieren, Fantasiefiguren bewohnte Trauminsel, die von dem weisen Prospero beherrscht wird, dem in seinem langen Leben viel Schlimmes widerfahren ist. Und auch auf seinem Eiland geht es nicht friedlich zu – halt wie überall auf der Erde. Doch Prospero hat einen Zauberstab, der das Böse vernichtet, der die Menschen menschlicher macht, ihnen ihre Schuld vor Augen führt und sie zur Reue bringt. Der den mörderischen Kreislauf der Gewalt durchbricht: dieses fatale „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.

 

Prosperos Sturm reinigt die Welt, auf dass Gnade und Güte die Oberhand gewinnen. Doch die Welt, die bleibt eben doch Nirgendland Utopia. Dichtung. Die finale Herrschaft von Gnade und Güte bleibt bloß frommer Wunsch und frohe Hoffnung am Rand von grausamen Abgründen. Das wundersame Werk – zugleich ein überwältigendes, klares Sprachkunstwerk  ist blutiger Dampf und drastische Komik und voller Bitterkeit und schwerer Melancholie weil: Erlösung gibt es nur auf der Bühne vorgespielt.

Barbara Frey tuscht Shakespeares Traumspiel kurz und knapp gefasst (Dramaturgie: Joachim Lux) wie ein luftiges Aquarell auf die Bretter mit nur drei Schauspielern für ein gutes Dutzend Rollen. Tolle, frappierend flinke und treffliche Verwandlungsarbeit von Maria Happel, Joachim Meyerhoff und Johann Adam Oest. Minimalistisches, ganz auf Gestik und Sprache gestelltes Spiel – eigentlich gar kein Sturm, sondern, bei allem Gepolter aus Krieg, Krampf, Liebe, graziös daher geweht wie ein verspätet lauer Sommerwind – und schließlich verwehend wie ein leises, kühles Adieu. Wie ein gnädig sanftes Sterben. „Wir sind vom gleichen Stoff, aus dem Träume sind; und dies kleine Leben umfasst ein Schlaf.“ Alles berückend schön und unendlich traurig. Und so albern und so sehr wahr.

Deutsches Theater

Gut 3500 Verse, etwa 120 Buchseiten: Schillers Historical „Jungfrau von Orleans“ ungestrichen gespielt würde einen ganzen Arbeitstag dauern. Obendrein ist die Handlung nicht eben eingängig; nicht nur für uns heutzutage in total aufgeklärten Zeiten.

Die religiösen Visionen der jungfräulichen Schäferin machen Johanna (anno 1430) zur Kriegerin, die in getreuer (nationalistischer?) Heimatliebe Frankreich vor englischen Invasoren rettet und die kaputt geht, als Männerliebe über sie kommt. Eine Sache nicht ganz von dieser Welt – schwer vermittelbar, schwer spielbar. Regisseure (und auch das Publikum) haben sich immer schon die Zähne daran ausgebissen. Man kommt dieser „romantischen Tragödie“, diesem überkomplexen Ding, weder mit geballter Philosophie noch Psychologie (also mit Kant und Freud), mit Moraltheorie, religiöser Mystik oder Religionskritik oder gar mit Soziologie wirklich auf die Sprünge – wie auch sollte man das alles triftig bebildern.

Doch es bleibt eben eine Dichtung enormen Ausmaßes! Und darauf setzt Regisseur Michael Thalheimer, Meister der minimalistischen Reduktion und also poetischen Konzentration, in dieser Koproduktion Salzburger Festspiele / Deutsches Theater.

 

Die total leere Bühne ganz im Dunkel. Nur Kathrin Morgeneyer in der Titelrolle steht stundenlang stoisch im weißen Kleidchen, gestützt auf ihr Schwert, als Monument ihrer selbst im kalten Lichtkegel. Schon allein das eine sportive Leistung – und im Rhetorischen großartig. Ein zartes Mädel, ja auch das. Und darüber hinaus vor allem eine von ihrer Mission durchstählte, radikale Ideologin. Die Figuren um sie herum bleiben meist in der Finsternis, sprechen quasi (ein Quantum Sprecherziehung täte gut) wie aus dem Off.

Buh-Rufer meinten nach 130 Minuten: Der szenische Minimalismus sei nun doch allzu extrem; Theater als Hörspiel sei halt zu wenig. Mag sein. Aber: Was ich bisher sah an Aufführungen in historisch-naturalistischen Verkleidungen oder in angestrengten Vergegenwärtigungen im Kleid unserer Alltäglichkeit, führten halt auch nicht zu überzeugenden höheren Offenbarungen dieses geheimnisumwölkten Werks. Thalheimer überlieferte uns immerhin die Wortoper, von der Thomas Mann zwar verhalten, aber doch schwärmte.

Letzte Feier für Otto Sander

Eine Beerdigung ohne Polizeiwagen tauge nichts, meinte Marcel Reich-Ranicki; da stand er noch unter uns in Saft und Kraft. Jetzt haben wir Otto Sander zu Grabe getragen. Und beim Abschied zuvor im Berliner Ensemble habe ich – immerhin – zwei Polizeiwagen am Bertolt-Brecht-Platz gesichtet, die dann auch den anschließenden Trauerzug zum Gottesacker begleiteten.

Weil die Feierhalle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof saniert wird, fand das Adieu im BE statt – ist ja gleich um die Ecke. Im Foyer Kondolenzbücher mit Kerzen, im Schaukasten am Eingang Otto Sander 2001 als komisch-linkische Figur Sankt Florian aus Christoph Ransmayrs Theaterfantasie „Die Unsichtbare“ – Sander ein bisschen wie die Jungfrau von Orleans im gepanzerten Flügelkleide; also Helm, Brustblech mit Federn am Rücken. Und in feuerroten Strumpfhosen.

Draußen knallte an diesem Samstagvormittag, 28. September, die Sonne vom blauen Himmel, drin gedämpftes Licht, der schmucklose helle Eichensarg auf der Bühne, bestreut mit Rosenblättern, daneben ein paar Kerzen. Hausherr, Kollege und Freund Peymann machte den Anfang im illustren Reigen der Redner, erinnerte – frei und sehr zärtlich sprechend – an gemeinsame wilde Zeiten in Heidelberg, als da die Luft brannte. Er nannte Otto einen deutschen Nestroy, einen Berliner Karl Valentin und befand, es könne für einen Schauspieler doch letztlich nichts Schöneres geben, als direkt von der Bühne weg in Grab zu kommen, in dessen Nachbarschaft auf dem Dorotheenstädtischen schon so viele Brüder im Geiste sind – „was für einen Totentanz wird das wohl geben“.

Dann Klaus Wowereit; sehr hölzern, sehr routiniert. Dann Jürgen Flimm: „Der Rotschopf mit den Sommersprossen, der rauen Stimme und dem grübelnden Herzen – wir hatten ihn alles so lieb.“ Margarita Broich erzählte vom letzten Glas am Totenbett bei ihm zu Hause in Charlottenburg; er starb im Kinderzimmer, bei einem nachmittäglichen Nickerchen, ganz friedlich.

Es wurden Botschaften verlesen von Michael Gorbatschow, Luc Bondy, Botho Strauß („Er ist eine Kreatur des Traurig-Komischen“). Robert Wilson grüßte via Bandeinspielung aus dem Off. Max Raabe sang ein leises Liedlein und Peter Raue und auch Gerd Wameling, der mit Sander einst oft unterwegs war auf Segeltörn („Er war ein Seemann mit der Sehnsucht nach Ferne“), beide erinnerten an Sanders melancholische Auftritte im „Weißen Rössl“. In Klaus Pohls letztem Gruß an diesen „herzenstiefen Menschen“, der nie laut war und immer voller Hingabe und keinen falschen Ton hatte. „Er hat uns im Spiel seine Augen aufgesetzt.“ Zwischen den Rednern wunderbare Filmeinblendungen; im Ausschnitt eines TV-Porträts gibt Sander sein Credo: „Wenig machen! Mit allen darstellerischen Mitteln undarstellerisch sein.“

Zum Schluss kommen die Kinder. Ben Becker mit einem Gruß an den Seemann, Meret Becker mit einer Spieluhr, die sie auf dem Sarg ganz sachte zum Klingen bringt. Wie schön. Traurig schön. Aber es wurde auch so manches Mal gelacht bei diesem innigen, gelösten Abschiedsfest für den unvergesslichen Otto Sander, der nach langer Krebskrankheit mit 72 Jahren am 12. September gestorben war.

Walter Schmiedinger ist tot

Am Tag nach Sanders Beerdigung, also gestern kam die Meldung, dass sein Kollege, der Schauspieler Walter Schmiedinger (80), gestorben ist – nachdem wir bei Otto Sander auf dem Friedhof waren. Claus Peymann, bei dem Schmiedinger eine späte neue Heimat fand und noch schöne Altersrollen spielen durfte, würdigte ihn als großen, verrückten, blitzgescheiten Geistesclown im Reigen Bernhardscher Bühnenkünstler. „Er war Alpenkönig und Menschenfeind zugleich, musikalisch und böse, intelligent und naiv, hochgebildet, ein Wirrkopf und großer Denker, ein schwieriger Mann und ein geliebtes Kind, ein Verrückter und natürlich ein echter Österreicher, der alle und alles hasst und dennoch von allen geliebt werden möchte. Auf der Bühne war er ein Theaterfabeltier, das die Stücke weiterdichtet. Mit seiner Stimme, seinem Sprachgefühl und seiner Sprechkunst war er einzigartig.“