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Kulturvolk Blog Nr. 54

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

23. September 2013

Schaubühne -

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Der Saal eine schicke Lounge. Und vorn im lila Neonlicht die Bühne mit Revuetreppe und goldenem Vorhang. Klare Ansage: Die verrückte Shakespeare-Komödie „Viel Lärm um nichts“ kommt als Shakespeare-Show. Und schon schlüpft der Gouverneur eines imaginär sizilianischen Messina, wo Schüttelspeers wundersam komisch-freches Intrigenspiel um Liebe und Heirat stattfindet, schon kommt Kay Bartholomäus Schulze im Frack durch die Glitzergardine und röhrt „That’s how it goes/ Everybody knows“.

Leonard Cohen liefert sozusagen den Titelsong für Williams bittersüß abgeschmeckten Lug-und-Trug-Scherz. Das Publikum ist entzückt. Und wird es bleiben bis zum Happyend für diesmal gleich zwei Paare, die von durchtriebenen Mitmenschen in schwere Verwirrungen gehetzt werden: Es sind das cool eloquente, zynisch um sich schlagende Doppel Beatrice (Eva Meckbach) und Benedikt (Sebastian Schwarz) sowie das romantisch naive Küsschen-Pärchen Hero (Jenny König) und Claudio (Moritz Gottwald).

 

Doch wehe, wenn das Publikum seinen Spaß hat. Dann polarisiert das die Kritik. So auch diesmal. Denn der privat zwar vornehm zurückhaltend auftretende Marius von Mayenburg ist als Regisseur randvoll mit kochendem Theaterblut. Und verzaubert Shakespeares rasende Verliebungs-Entliebungs- und Wiederneuverliebungs-Mär in einen so opulent fantastischen wie viril überhitzten Sommernachtstraum. Stopft ihn – Gewitztheit ohne Ende   übervoll mit saftiger Ironie und krachenden Zitaten der Popkultur; also zuerst mit reichlich Musik (Claus Ernskorn & Thomas Witte), dann mit gesammelten Schnipseln des Unterhaltungsfilms von Nosferatu, King-Kong, Tarzan, Siegfried über High-School-Schmonzetten bis hin zu Science-Fiction-Thrillern   und zur Muppet-Show (raffiniert geschnittene Videos: Sebastian Dupouey).

Fast alles, was nur irgend passt zu Ulk und Fantasy, ist drin. Warum auch nicht. Das unterhält. Spielt an, schäumt auf, wenn auch zuweilen mit einem Quantum zu viel. Und ja, das erschreckt gelegentlich.

 

Wie zu erwarten: Derartiges ist einem oberlehrerhaft gereckten Zeigefinger viel zu oberflächlich. Zu platt. Wir hingegen finden forsch: Alles Quatsch! Shakespeare war drastischer Humorist, beherrschte die Klaviatur höherer Blödelei – und Mayenburg reagiert adäquat als Übersetzer und Regisseur. Sein „Much Ado about Nothing“ ist ein technisch, schauspielerisch wie sängerisch betörendes, von Nina Wetzel opulent-verspielt ausgestattetes Shakespeare-Musical. Versetzt mit signifikanten Mitteln multimedialer Gegenwart. Ohne dabei zu vergessen, worum es dem Renaissance-Riesen bei all seinem schallenden, zuweilen sardonischem Gelächter auch ging: nämlich sowohl um das reine Gefühl als auch um die Himmelsmacht Liebe als „soziales Konstrukt“, das so außerordentlich zerbrechlich ist durch die so oder so verwirrten, von solchen oder solchen Interessen gesteuerten und verunsicherten Figuren.

Obendrein demonstriert der gut zweistündige Abend, über welch vielseitig starke Kräfte das (nebenbei bemerkt) gern abfällig beurteilte Schaubühnen-Ensemble verfügt. Extra erwähnt sei – kleine Liebeserklärung!   der so alert-elegante Robert Beyer in den verrücktesten körperlichen Zuständen – zwar meist in der zweiten Reihe, immer aber erstklassig. Wie sein geradezu sensationeller Komiker-Kollege Sebastian Schwarz.

Was für ein dreister, geistreicher Saisonstart dieses mithin klar in Hauptstadt-Führung gegangenen Theaters – ich seh‘ den „Lärm“ schon auf internationaler Gastspiel-Tour. Dazu Benedikt mit Elvis Presley, zitternd vor schmachtender Erregung: „I cant’t help falling in love with you…“

Stiftung Schloss Neuhardenberg -

„Die gesehene Welt zerfällt./ Ich bin von meinem Blick umstellt./ Ich reite händefuchtelnd im Palaver/ Durch diesen Wirklichkeitskadaver.“ Reimt Horst Sagert über sich selbst.

Sagert, Jahrgang 1934, klein, rundlich, grauer Rauschebart, malt, zeichnet, collagiert, schreibt, dichtet, bastelt. Und baut traumhafte Bühnenbilder. Er verstand sich als „multipler Künstler“, der für seine fantastisch weite Gedankenwelt in pingeligster Kleinstarbeit eine adäquate Gestalt in unterschiedlichsten Genres sucht. Mit der Ausstattung von „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz am Deutschen Theater Berlin 1965 wurde er weltberühmt. Einar Schleef später euphorisch: „Er war der größte Theaterkünstler, den die DDR hervorgebracht hat. Er experimentierte mit anderen Mitteln als ich – mit Rüschen, Schmuck, Federn. Aber er versuchte, den Themen Ernst zuzuführen.“ Seine heilig ernsten Versuche freilich hielt Sagert für durchaus gültig. Erst kürzlich gab er zu Protokoll, dass die Besten, zu denen er sich selbstbewusst rechnet, einen Schritt vor gingen und dreihundert zurück. „Wenn sie aus der Vergangenheit in der Gegenwart angekommen sind, bringen sie die Zukunft mit.“ Sagerts permanenter Avantgardismus.

 

Sehr viel früher, 1970 am Grab von Heinrich Kilger, seinem berühmten Lehrer an der Bühnenbild-Klasse der Ostberliner Kunsthochschule Weißensee, sagte er: „Kilger war der erste Lehrer, der mit dem Marxismus nicht erpresserisch umging. Immer wenn er marxistische Gedanken aussprach, hatten sie die Zuversicht, die ihnen eigen ist.“ Übers Wesen der DDR-sozialistischen Parteibürokratie meinte er allerdings, sie verfolge die Selbstständigen und belohne die Unselbstständigen, die Mitläufer, weil die stumme Übereinkunft existierte, dass sie weiterhin Mitläufer seien.

Sagert: „Der Grund einer Theaterwelt ist der Mensch, ist die Angst, wie die Sonne zu erkalten. Die Zuschauer brauchen etwas Liebesspiel, nicht immer das Austeilen von Wissen.“ Deshalb sein geradezu barocker „Mummenschanz um den Altar“, den er gern für die Bühne hielt. -- Einen faszinierenden Einblick in diesen schillernden Mummenschanz gibt jetzt die von Mark Lammert und Stephan Suschke zusammengetragene Ausstellung „Sagerts Welt“ im Großen Saal der Stiftung Schloss Neuhardenberg. Der wundersame große alte Mann (ost)deutschen Theaters weit draußen im Osten, im Brandenburgischen – und bezeichnenderweise nicht im einstigen Zentrum seines Wirkens, in Berlins Deutschem Theater...

Im Buch zur Ausstellung („Zwischenwelten“, Verlag Theater der Zeit) schreibt Sagert: „Das Tollste, was die Deutschen zu bieten haben, ist der Balsam der Hoffungslosigkeit.“ So geht Dialektik, das dennoch Tröstliche.

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