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Kulturvolk Blog Nr. 53

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

16. September 2013

Deutsches Theater


Zum Paket der Saisoneröffnung des Deutschen Theaters gehört neben Schillers "Demetrius" (Spiral-BLOCK 51) das so genannte Projekt „Agonie“ von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel. Ein zaristisches Lehrstück soll es sein, was da mit beträchtlichem Aufwand auf die Bühne der DT-Kammerspiele gesetzt wird.

Petersburg 1904: Zar Nikolaus II., verheiratet, mit Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt, bekommt endlich, nach vier Töchtern, einen Sohn als Thronfolger. Doch der Zarewitsch („Babyzar“) ist Bluter, unheilbar. Der zwielichtige, mythische Wanderprediger, Wunderheiler, Frauenverführer und heimlicher Lebemann, der Mönch Rasputin, soll helfen. Er kommt an den Hof. Und übernimmt dort die heimliche Herrschaft sonderlich über die starke Zarin, der Domina des schwächlichen Zaren, der gerade den aussichtslosen und schließlich für Russland verlustreichen Krieg um die Vorherrschaft in Fernost durchpeitscht, was wiederum im Russischen zu Aufständen führt, die „Niki“ niedermetzelt. Er hält stur fest an der autokratischen Adelsherrschaft. – Soweit die Situation, in die Kuttner/Kühnel ihr „Zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows“ stellen – umfassend die Zeitspanne 1905 bis 1917.

Demonstriert wird da die verkommene russische Elite, kindisch, dumm, borniert, egomanisch, machtbesessen – und sonst wird – Lehrstück ???   nichts demonstriert. Nichts von angekündigter Welterklärung. Warum also das ganze Theater? Das ist die schlimme Frage. -- Für ein illustres Kostümfest (Daniela Selig)? Für ein paar hübsche Effekte auf der Drehbühne (Jo Schramm)? So viel Leere und platte Illustration muss man bei diesem fetten Thema schon erst mal hinkriegen. Aber die Werkstätten hatten viel zu tun, super Schauspieler rackern sich ab. Und es wird dick aufgeschmiert mit Farce, Groteske, Melodram, Polit-Krimi (die Ermordung Rasputins). Wie bei einer ironisch eingefärbten Geschichts-Soap. Und sonst? Sonst nix!

 

Gar nichts. Abgesehen von eingespielten, dennoch total wirkungslosen (also albernen) Agitprop-Songs von Ernst Busch. Dabei wäre das womöglich ein Ansatz gewesen für die ausgebliebene Auseinandersetzung mit der von Busch besungenen „proletarischen“, also zunächst vernünftig erscheinenden kommunistischen Leninschen Revolution als Antwort auf das dekadent-unmenschliche Zaren-Regime.

 

Da will das DT erklärtermaßen nun unbedingt und immer höchst politisch und noch dazu tagespolitisch sein. Und entpuppt sich wieder einmal hemmungslos (die Dramaturgie im Tiefschlaf?) als gereckt flachbrüstig. Eine derart kostspielige und entsetzliche Plattheit würde sich kein Off-Brettl trauen. Man kommt aus entsetztem Staunen nicht heraus.

Schaubühne

Ein Flokati-Gebirge unter einem Himmel aus weißen Volants, das ist die von Mascha Mazur nostalgisch installierte Residenz der in den 1970er Jahren berühmten Designerin Petra von Kant (Jule Böwe). Sie macht in Mode, ist reich, geschieden, die Tochter auf teurem Internat. Und sie ist einsam sowie genervt vom Leben. Schlingert zwischen Weltekel, Emanzen-Boheme, Whisky; ihrer stumm dienenden Masochistin Marlene (Patrick Wengenroth im schwarzen Fummel) und ihrer großen Vergeblichkeitsliebe, der aus ihrem Proletentum ins Reich der dominanten Herrscherin empor gekraxelten, lasziven Karin Timm (Lucy Wirth).

 

Regisseur Patrick Wengenroth konzentriert sich in seiner komprimierten, von Nebenfiguren befreiten Fassung der immerhin schon vier Jahrzehnte alten melodramatischen Edelklamotte „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner Fassbinder vor allem auf die durch ganz unterschiedliche Sehnsüchte geprägte Beziehung zwischen der ältlichen Petra und der rosigen Karin, die sich vornehmlich im eloquenten Dialog offenbart und sich weitet zum geradezu lehrstückhaften Diskurs über das gesellschaftliche Oben und Unten, über die freie Lust der Liebe sowie die Last ihrer Fesseln. Jule Böwe, schon verbittert, angewelkt, gepanzert mit echter wie angeschaffter Souveränität und die drall blühende, so naive wie nüchterne, blutjunge und lebensschlaue Blondine Lucy Wirth ringen mit sich und gegeneinander in einer schaumig ungelüfteten, schwülen Welt, in der die heißen wie eisigen Aggressionen krachend explodieren.

Aus erregter Lesben-Affaire und sarkastischem (Ehe-)Männer-Bashing, aus Erfolgsgier und Allmachttrieb, aus Unterwerfungsabwehr und Aufruhr, Lebensgier und Resignation wird schnell etwas Komplexes, Abgründiges: Eine Tragödie, gespeist von vergeblicher Herzenssuche, der verfluchten Unfähigkeit zu Kompromiss und Opportunismus und ätzendem Ganzkörperkopfweh durch den Verlust von Lebenslust und Daseinssinn. Also ein Menschendrama.

Zwei starke Schauspielerinnen, stets in spektakuläre Korsagen gepresst (Kostüme: Andy Besuch), demonstrieren das in knapp 90 Minuten sozusagen als konzertierte Aktion im Allein-zu-zweit-Gang. Die Regie tut da nicht viel dazu und auch das überraschend lax und halbherzig.

 

Ich kenne Inszenierungen, die ingeniös ein weites, auf gegenwärtige Katastrophenhaltigkeit zugespitztes Panorama entfalten – reichend von reißerischer Schmonzette und philosophischem Exkurs, anspielungsreichen Macht- und Ohnmacht-Exzessen, von süffiger Gesellschaftssatire und delikatem Erotissimo bis hin zum horriblen Psychothriller.

Unter Wengenroths blässlicher Regie mit eingeschobenem Pop-Singsang (mit Musiker Matze Kloppe) mögen da Wünsche offen bleiben. Doch das kompensieren souverän die beiden Clinch-Ladies Böwe & Wirth, die immerhin den schlagenden Satz aus Petras bitter verzogenem Munde eindringlich beleben: „Man braucht sich und weiß nicht, wie man zusammen ist.“

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