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Kulturvolk Blog Nr. 50

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

26. August 2013

Theater am Kurfürstendamm -


Zum Schluss kochte der Saal. In der Fankurve halblinks, hinteres Parkett, springen die wilden Kerle - Lederweste, Holzfällerhemd   auf die Samtsessel, schrauben am Flachmann und recken die tätowierten Arme, wenn Super-Gunter „Haut rein!“ ins Mikro röhrt. „Lasst nicht locker, lasst es krachen! Kriegt den Arsch hoch, empört euch!“ Doch da schießt zur Premiere von Gunter Gabriels Personality-Show auch der etwas feinere Rest vom Publikum hoch von den Plätzen. Das bierselige Gejohle prolliger Hardcore-Fans verschmilzt mit der dampfenden Begeisterung Weißwein trinkender Gutbürgerlichkeit in Schlips und Glitzerkleidchen. Was für eine Mischung! Was für eine Allianz im Einverständnis: „Hab keine Zeit, mich auszuruhn. Es gibt noch massig viel zu tun. Ich hau mich rein so gut ich eben kann. In die Hand gespuckt, die Ärmel hoch. Das lohnt die Sache immer noch!“

 

Mächtiges Rockerfeeling also ausgerechnet im Kudamm-Plüschtheater, vermischt mit Revoluzzerstimmung und heftiger, Testosteron gesättigter Lust auf Ärmelhochkrempeln.

Hochkrempeln wofür? Ums eigene Leben in den Griff zu kriegen, sich nicht unterbuttern zu lassen vom eigenen Schweinehund wie von fremden Bösewichten. Oder von Schicksalsschlägen. Und dabei nicht selber zur Ego-Sau zu werden. Ja, doch: Die Show „Ich, Gunter Gabriel. Mein Leben mit Musik“ ist ein saftiger Mutmacher zur Selbstbehauptung, zu dem auch moralische Appelle gehören; nämlich imstande zu sein, Empathie für den Nächsten zu finden, Unrecht zu vergeben, Rücksichten zu nehmen. Und stets - ein christlicher Impetus - das alle gleich machende Ende im Blick zu haben: „Ob Millionär, Bettler oder Zombie, der letzte Wagen ist immer ein Kombi“.

 

Der Ostwestfale Günter Caspelherr, den Künstlername GG hat er von seiner ersten Frau Gabriele. Jahrgang 1942, Countrysänger (Vorbild: Johnny Cash), Komponist und stark poetischer Texter für fast sämtliche deutsche Schlagergrößen. Produzent und TV-Moderator - „meine Pressemappe ist so dick, kannste Dir ’nen Bruch bei heben…“.

Gabriel war viermal verheiratet, hat vier Kinder, stammt aus ärmlichsten Verhältnissen („Meine Kindheit eine Hölle“), stieg auf zum Star mit kehlig-süffigen, geradezu rockig volksliedhaften Balladen über Männer - oder Arbeitnehmer-Lust- und -Leid im schmissig dröhnenden oder eben auch wehmütig summenden Country-Stil. Er wurde rasch Millionär, stürzte ebenso rasch exzessiv ab ins Elend. Millionen Schulden, wiederauferstanden mithilfe der Gitarre. Comeback-CD „Sohn aus dem Volk“, Riesenerfolg mit der theatralischen Show „Hello, I‘m Johnny Cash“ mit Helen Schneider als June Carter-Cash (Buch und Regie: Volker Kühn). Lebt heute auf einem Hausboot in Hamburg.

 

Und nun wieder große Show. Wieder unter Kühns kühner Führung. Da kommentiert GG sein „elend tolles Dasein wie auf der Achterbahn“  knapp und grummelnd im rabenschwarzen Bass, assistiert von einem gelegentlich nachbohrenden, auch heftig mitröhrenden Zauber-Engelchen mit weißen Flügeln am Rücken (Barbara Felsenstein).

Doch Gabriels Lebenserzählung freilich ist das hell auflodernde oder eben tief glühende, von der absolut virtuosen Allstar-Band (Harry Eimer, Johannes Gehlmann, Ralf Tonnius, Stephan Genze) begleitete Konzert mit 40 Hits seiner wahrhaft sagenhaften Auf- und Ab-Karriere, dem er die Stirn, die Faust, den „angeboren steifen“ und zuweilen schwer gebrochenen Mittelfinger zeigt - oder stolz das V-Zeichen entgegenstreckt.

 

GG, der riesige Koloss mit dem fusseligen Blondhaar und der bohrenden Raubeinstimme, die auch zart zärtlich wispern kann, ist kein Schauspieler, kein Schönling, aber eine extrem musikalische wie kerlige Kraftpumpe, die selbst vornehm Abgebrühte zumindest mit den Füßen wippen lässt. (bis 1. September en suite)

Lesen! -

Hier noch ein Buchtipp, ergänzend zur Berliner Groß-Ausstellung und Dokumentation „Zerstörte Vielfalt“ sowie zum Vortrag von Dagmar Walach „Die Situation der Berliner Theater nach 1933“ im Anschluss zur Mitgliederversammlung am 30. August, 19.45 Uhr.   Vor ein paar Jahren erschien im Verlag Beltz, Wiesbaden, die erschütternde Monografie „Verehrt, verfolgt, vergessen“ von Ulrich Liebe.

 

Die Namen jener Schauspieler und Entertainer, die, zunächst vom Volk gefeiert, dann unter den Nazis in Ungnade fielen und später unter reger Anteilnahme beträchtlicher Teile der Bevölkerung verfolgt und schließlich ermordet wurden, deren Namen strich man seinerzeit sofort aus den Archiven; die Filme kamen auf den Index. Es gab keine Nachrufe, nicht einmal Todesanzeigen durften erscheinen. Umso wichtiger ist das Buch des Theaterhistorikers Ulrich Liebe, das sieben Schicksale erst berühmter und schwer beliebter, dann primitiv verdammter und letztlich „verschwundener“ Stars dokumentiert.

Neben den ausführlich geschilderten Lebensläufen von Robert Dorsay, Kurt Gerron, Joachim Gottschalk, Fritz Grünbaum, Paul Morgan, Hans Otto und Otto Walburg steht ein Kompendium mit 40 Kurzbiografien weiterer NS-Opfer aus dem Betrieb der darstellenden Künste Den obendrein reich bebilderten Band (278 Seiten, 29 Euro) ergänzt eine CD mit gesprochenen und gesungenen O-Tönen von Dorsay, Grünbaum, Morgan, Walburg und Kurt Gerron, dem Tiger-Brown in der „Dreigroschenoper“-Uraufführung 1928 im Theater am Schiffbauerdamm.

Haifisch mit Goldzähnen -

Ein halbes Jahr gab Josef Aufricht sich Zeit. An seinem 30. Geburtstag am 31 August 1928 (meine Gratulation und treu verehrendes Gedenken jetzt zum 115.!), an diesem Tag sollte es auf Teufel komm raus losgehen. Der ziemlich wohlhabende Herr Papa Aufricht in Breslau hatte Sohnemann Josef in Berlin mal eben 100 000 Reichsmark spendiert, damit der sich seinen tollen Traum erfüllen konnte, das just herrenlos gewordene Theater am Schiffbauerdamm wiederzueröffnen; heute Bertolt-Brecht-Platz Nummer 1. Um dort fortan als Urahn von Claus Peymann den Theaterdirektor zu geben.

Der Beginn sollte, ja musste - allein schon wegen der massenhaften Konkurrenz - extrem spektakulär und obendrein avantgardistisch sein. Also eine Uraufführung. Doch nichts Gescheites fand sich. Schließlich traf Josef auf Bertolt; man verstand sich, „wir hatten beide die übliche Linkstendenz“. Brecht bot ein „Nebenwerk“ an, die Bearbeitung eines altenglischen Textes (von seiner Freundin Elisabeth Hauptmann), handelnd von einem Korruptionsskandal im Londoner Gangstermilieu. Das „roch nach Theater“, passte zu Berlin, man „machte Vertrag“, schreibt Aufricht in seinen Memoiren. Und er überraschte mit Star-Besetzung: Harald Paulsen, Erich Ponto, Lotte Lenya, Rosa Valetti, Kurt Gerron, Kate Kühl, Ernst Busch. Regie: Erich Engel.

 

Die Proben begannen für heutige Verhältnisse recht spät, nämlich erst Anfang August. Mit hysterischen Krächen am laufenden Band und radikalen Änderungen bis ganz zuletzt. Sogar Karl Kraus dichtete mit in der Kantine. In Windeseile hatte sich - super Werbung! - das Chaos herumgesprochen. Tout Theaterberlin quasselte, so Aufricht, vom Spektakel „Ritt übern Bodensee“. Dann endlich Generalprobe, startend am Vorabend, endend morgens um sechs Uhr in der Früh am Tag der Uraufführung. Noch acht Stunden vor Premierenbeginn wollte Ponto seine Rolle (Peachum) schmeißen. Man hatte seinen Part allzu arg kürzen müssen. Erst in letzter Minute, das Adrenalin kochte, dichtete Brecht den Haifisch-Song, fand Bühnenbildner Caspar Neher einen Ballen Rupfen, um den bloß die halbe Bühnenhöhe abdeckenden Zwischenvorhang zu installieren; die später berühmt gewordene „Brecht-Gardine“. Und Brecht stellte sich unentwegt stur gegen den Titel „Dreigroschenoper“; klang ihm zu kulinarisch. Er plädierte für das anklägerische „Die Mörder sind unter uns“. Das Kulinarische obsiegte, lief am Schiffbauerdamm ein Jahr lang en suite; Brecht kaufte sich von den Einnahmen ein Horch-Automobil; Aufricht bezahlte Schulden und Mackie Messer & Co. erstürmten die weite Welt: Der Evergreen ist bis heute einer größten Hits des Theaters.

 

Die aktuelle „Dreigroschenoper“-Inszenierung am Berliner Ensemble von Robert Wilson - artifiziell, gewitzt, amüsant, also auch ziemlich kulinarisch   eröffnete vergangenen Freitag die neue Saison am Schiffbauerdamm, 85 Jahre nach der Uraufführung.

 

Und was ruft das kleine, fette, dummfreche Comedy-Aas in der BBC-Serie "Little Britain" immer gern und begeistert? - "Champagner für alle!!!" Stimmt, denn es ist mein 50. Spiralblock. Prost!

 

 

Die Frei Volksbühne Berlin sagt -   UND VIELEN DANK DAFÜR!!!!!!!