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Kulturvolk Blog Nr. 5

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

4. Oktober 2012

Potsdam -

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Gerade jetzt läuft im Land das große Tellkämping. Hat mit unserem glückseligen Feiertag sowie mit dem wahrscheinlich bislang stärksten belletristischen Text über die DDR zu tun, dem 1000-Seiten-Roman „Der Turm“ (2008) des Dresdner Autors Uwe Tellkamp. Und dessen aufregender zweiteiligen Fernseh-Verfilmung (ARD). Auch lief vor kurzem erst (3Sat) die so überaus beeindruckende TV-Adaption von Wolfgang Engels Dresdner Bühnen-Inszenierung; selten, dass eine Live-TV-Übertragung aus dem Theater die Bühnen-Wirksamkeit noch übertrumpfte. Auch im Hans-Otto-Theater gibt es eine spannende „Turm“-Inszenierung des Intendanten Tobias Wellemeyer.

Und jetzt im selben Theater am idyllischen Ufer vom Tiefen See schon wieder ein Tellkamp: Chefdramaturgin Ute Scharfenberg filterte aus dem frühen Roman von 2005 „Der Eisvogel“ ein Theaterstück. Die Inszenierung von Stefan Otteni dauert gut drei Stunden (mit Pause) und ist damit deutlich länger (schon mal kein gutes Zeichen!) als Engels Dresdner „Turm“ (ohne Pause gut zwei Stunden). Obgleich es beim „Eisvogel“ bloß 300 Seiten theatertauglich zu komprimieren galt. Auch war „Eisvogel“ eher ein Ladenhüter im Vergleich zum Sensations-Bestseller „Turm“. Was an „Eisvogels“ dramatisch-erzählerischer Fadheit liegt, nicht aber am Thema. Es geht nämlich um nichts Geringeres als das grassierende Unbehagen an Demokratie, an unserer freiheitlichen Ordnung, die womöglich bloß der wuchernden kapitalistischen Profitgier dient, soziale Ängste befördert und den gesellschaftlichen Halt unseres Gemeinwesens unterminiert. Fürwahr ein großes Thema! Doch das bleibt eher essyistisch-theoretisch, ohne klare, plastische Figurenzeichnung, deren Konflikte Papier sind, anstatt Roman oder eben Drama zu werden. Da ist der Jung-Philosoph Wiggo (Alexander Finkenwirth), den sein gutbürgerliches, zynisch-egomanisch bloß auf Karriere und Erwerb erpichtes Elternhaus ankotzt („Wozu lebt ihr?“). Enttäuscht steigt er aus und rasch ab in Armut, wird dort aufgelesen von Mauritz (Wolfgang Vogler), der ihn zunächst als Macho-Macher-Typ fasziniert (latent homophile Aura). Der aber einer super elitären, extrem rechten Geheimorganisation „Wiedergeburt“ vorsteht, die Beethoven und Bach liebt, steinreich ist und mittels Bomben und Knarre einen Fascho-Staat anstrebt. Totalitäres Motto: Schluss mit dem Weicheier-Demokratismus, hin zum Führerprinzip. Hin zur Herrschaft der erlesen Wenigen über die vielen entmündigt Dienenden. Die konservative Revolte von oben mit Mitteln des Terrors (der altlinken RAF). So die "neue" Religion. Und was sagt der Humanist/Idealist Wiggo dazu? - Das alles hätte ein provokanter Theater-Knaller werden können, krepierte jedoch im Thesengeplapper. Regisseur Otteni, der seine sehr schönen Meriten hat im fein psychologischen Kammerspiel, der hätte hier fantasievoll szenisch kontrapunktieren und kraftvoll meinungsstark zuschlagen müssen, statt das Script bloß edel zu illustrieren. Und freiweg labern zu lassen bis ins Langweilende. So wurde das Dramatische, das brisant Politische vergeigt. Wie schade.

Zur Brisanz passend - Deutsches Theater

Auch wenn mache ehrwürdige Kollegen das anders sehen: Sartres kommunistischer Parteidisziplin-Thriller „Die schmutzigen Hände“ geht mir bis heute an die Nieren. Denn noch immer tummelt sich die Ums-Verrecken-Weltverbesserung unter einer verzweifelten Menschheit. Jetzt bringt die bewundernswerte Regisseurin Jette Steckel (wird eine ganz Große werden!) das wahn-satte Drama aus Politik und Privatem, aasigem Pragmatismus und höllischer Ungeduld so grauenvoll wie glasklar (all-)gegenwärtig ins Deutsche Theater Berlin. Toll! Ein elend herrlichen Taumel zwischen Lebensgier und Sucht nach daseinserhöhendem Sinn, die sich in Blutbädern erfüllen will-soll. Wie Ulrich Matthes den schillernden Polit-Zampano macht, ist total cool. Aber hinreißend ist Katharina Marie Schubert, die als Jessica jenseits von allem Polit-Hickhack und aller (vermeintlichen) Sinnstifterei als ideologiefrei frisches Girlie nichts weniger als das eine verkörpert: Daseinslust! Wunderbar und wundersam. A star was born.

Theater 89 -

Noch 1989 galt (sogar im Westen) offiziell: Die DDR gehört zu den zehn stärksten Industrienationen der Welt. Dabei lebte sie schon seit 1973 über ihre Verhältnisse. Und spätestens 1988 war der „Schuldensockel“ nicht mehr beherrschbar – es sei denn, der Lebensstandard würde radikal gesenkt, was Honecker sich kreischend verbat. Auch davon ist die Rede in den Protokollen der letzten Sitzungen des ZK der SED im Spätherbst 89; seinerzeit strengst geheim gehalten, jetzt in bereits fünfter Auflage im Ch. Links Verlag erschienen. Sie gleichen den Aufzeichnungen des Flugschreibers einer abgestürzten Maschine. Und sind Zeugnisse horrender Ignoranz sowie triefender Verzweiflung einer aus Allmacht in Ohnmacht gekippten Gerontokratenkaste. Aus diesem schier unglaublichen Material mit dem wehleidigen Tenor „Habe zu lange geduldet; habe mich nicht durchgesetzt“ montierten Hans-Joachim Frank (Regie) und Jörg Mihan (Dramaturgie) vom Berliner „Theater 89“ die Doku-Tragödie „Das Ende der DDR“. Und kontrapunktierten sie musikalisch. Ein atemberaubend aufklärerischer, kunstvoll oratorischer Abend mit neun Schauspielern, stimmgewaltig wie die mitwirkende Singakademie Frankfurt/Oder. Jetzt (gerade anlässlich des 3. Oktobers!) wieder am 6. 10. im Auswärtigen Amt Berlin, 20 Uhr. Und dann in der Heinrich-Böll-Stiftung am 17. November. Ein Muss!

Deutsche Oper -

Das in seiner architektonischen Klar- und Nüchternheit herrliche Haus mit nicht einem einzigen sichtbehinderten Platz (Bornemanns klassische Nachkriegsmoderne, wie auch die alte tolle Freie Volksbühne!), das sagenhafte Haus, die Institution DOB, wird 100! Und ihr Orchester feiert am 7. Oktober 2012 ab 11 Uhr vormittags mit „Jazz & Breakfast“ – bis um 17.30 Uhr im Restaurant mit Salonorchester der Tanztee abgeht. Dazwischen in den Foyers die vielen einzelnen Instrumentenformationen mit Leckerbissen und Workshops und obendrein für Kinder „Das klingende Museum“. Solches war noch nie. Eintritt frei. Wahnsinn.

Marion & Irina -

Auch wenn zu viel Text, es muss aus dem Spiralblock noch raus und fix rein in diesen Blog, gerade jetzt zum Nationalfeiertag und bitteren Blick zurück: Fünf Gräber auf drei Friedhöfen in drei Stadtbezirken. Ist für Marion Brasch zum Blümchenbringen stets eine Rundfahrt durch die Stadt. Zu den Eltern und den drei Brüdern, den letzten einer Familie zwischen jüdischer Emigration (nach England), politischer Machtausübung (DDR) und politischer Verfolgung (DDR). Eine Familie zerfetzt in ideologischen Grabenkämpfen, von Liebe und Hass, Euphorie, Wahn, Verbitterung und Verzweiflung. Und klein Marion einsam zwischen allen Fronten. Davon erzählt sie, inzwischen längst erwachsen, ganz lapidar. Locker summt sie einen lebensprallen 400-Seiten-Blues, Titel des „Romans meiner fabelhaften Familie“, die eine exemplarische war: „Ab jetzt ist Ruhe“ (S. Fischer Verlag). Ist mir ein Herzensbuch! Wie das von Irina Liebmann über ihren Vater Rudolf Herrnstadt (Berlin Verlag). Auch eine exemplarisch östlich deutsche Familiensaga unter dem alles sagenden Motto „Wäre es schön? Es wäre schön!“. – Tja, dieser ewige, selig-unselige Konjunktiv. Zweimal erschütterndes Lesetheater. Schönen 3. Oktober!