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Kulturvolk Blog Nr. 47

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

5. August 2013

Shakespeare Company -


Ein bucklicht Männlein, ein Hässling, Hassling, Monster, ein abscheulicher Bösewicht, genialer Charakter, raffinierter Verführer, ein Renaissance-Riese, der seine Klugheit für eigenes Verdienst und die Beschränktheit seiner Umwelt für deren Laster hielt   oder einfach bloß, so Alfred Kerr, ein heuchlerischer Metzger? - Das alles sagt man über Richard, Herzog von Gloster, der ohne mit der Wimper zu zucken sich den Weg frei mordete auf den englischen Königsthron.

Shakespeare schrieb darüber um 1592 die horrible „Tragedy of King Richard III.“, ein Paradestück für alle Schauspieler. Und seither quälen sich alle mit der Frage, wie sie wohl diesen Extrem-Typ einfärben, wie sie Vernichtungswahn und Verführungskunst, Charme und Aashaftigkeit gewichten und zusammen bringen und wie sie es also überhaupt halten mit erfolgreich machtpolitischen Tätern und deren willens- und widerstandsschwachen Opfern – mit dieser saftigen Vorlage für ein komplexes, politisch grundiertes, philosophisch-psychologisches Lehrstück.

 

Diesmal jedoch, auf dem Sommernachtspodium unter freiem Himmel im „Natur-Park Schöneberger Südgelände“ (was für ein sperriger Begriff für ein so lauschiges Gelände), da stellt sich besagter Fragenkomplex nicht: Denn der so starke wie sportive Schauspieler Andreas Petri von der Shakespeare Company gibt nicht nur die Titelrolle, sondern gleich noch das Doppeldutzend Figuren des Stücks dazu.

 

„Richard-Drei“ also als artistische Ein-Mann-Show. Rollenwechsel im Sekundentakt mit immer einem neuen Requisit als pfiffigem Zeichen. Im Hintergrund markiert der famose Musiker Matthias Trippner Stimmungen und Situationen und macht so den brillanten Soundtrack.   „Richard III“ als rasender Comic atemlos auf- und hin geblättert. Als Slapstickiade in der minimalistisch-trefflichen Regiefantasie von Iwona Jera und mit eben Andreas Petri als virtuosem Pantomimen und stimmstarkem Rhetoriker, der die Schlegelsche Übersetzung – auch im Konzentrat noch wirkungsmächtig   zum schönen Klingen bringt.

 

Ja, man kann das machen: Eine Shakespeare-Performance als herrlich brettelndes Volkstheater, als gallig gewitztes, freilich eindimensionales Entertainment. Und Andreas Petri kann’s! Das Publikum ist hingerissen und feiert seinen Star. Dass der ätzend sarkastische Schlussmonolog, nicht von Shakespeare, sondern von  Martin Engler hinzugedichtet, kraftlos ins Leere lief, mag am Premierenstress gelegen haben. Als finaler Paukenschlag aber sollte er künftig weithin drohend in die Nacht hallen. Unbedingt! Denn bei allem Spaß am mörderischen Greuel: Ohne höllischen Aufschrei ist letztlich kein Shakespeare – wo auch immer er gespielt wird – zu haben.

 

Die so rührige, fleißige und spiellustige Shakespeare Companie gibt noch den ganzen August hindurch ein respektables Kompendium des großen Elisabethaners, jeweils natürlich in Open-Air-Strichfassungen: „Romeo & Julia!“, „Der Sturm!“, „Die Zähmung der Widerspenstigen!“, „Sommernachtstraum!“, „Macbeth!“. Und immer mit Ausrufezeichen. Also nix wie hin!

Zerstörte Vielfalt -

Prima, dass für die kommende Mitgliederversammlung des FVB als sozusagen krönendem Abschluss die renommierte Theaterwissenschaftlerin (FU Berlin) und Ausstellungsmacherin Dagmar Walach gewonnen werden konnte für einen gewiss äußerst spannenden Vortrag mit dem noch immer aufregenden Thema „Die Situation der Berliner Theater nach 1933“. Am 30. August, 19.45 Uhr, offen für jeden in der Geschäftsstelle Ruhrstraße 6.

 

Dr. Walachs Thema ordnet sich obendrein ein in das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“, das aus gegebenem Anlass (1933/2013) von Kulturprojekte Berlin und dem Deutschen Historischen Museum organisiert wurde und an verschiedenen historisch bedeutsamen Orten in Berlin auf 40 unübersehbar hohen, dicken Säulen die Biografien von mehr als 200 Menschen darstellt (quasi wie Plakate auf Litfaß-Säulen). Es sind Berliner, die aus politischen oder "rassischen" Gründen aus Deutschland vertrieben und später zumeist ermordet wurden; darunter viele Berühmtheiten, überwiegend aus dem Kultur-, Kunst- und Wissenschaftsbetrieb.

 

Die Open-Air-Schau wird ergänzt durch eine fulminante Ausstellung im Pei-Bau des DHM; sozusagen die facettenreiche Hintergrund-Illustration für die Stichwort-Bildinformationen auf den Säulen im Freien. So wird noch einmal das so üppig blühende, ja wuchernde geistige und gesellschaftliche Leben in der Reichshauptstadt vor 1933 kompakt illustriert   zusammen mit den Dokumenten über die rigorose Zerstörung dieses singulären und weltberühmten urbanen Biotops mit Antritt der NS-Regierung. Wobei unmissverständlich klar wird, dass der staatlich verordnete Terror gegen nicht nur politisch Andersdenkende sowie die systematische Verfolgung der jüdischen Mitbürger von der überwiegenden Bevölkerungsmehrheit hingenommen, teils auch für gut und richtig befunden wurde.

Theatergeschichte -

In den Kontext des Walach-Vortrags und der DHM-Ausstellungen passt das Buch „Theater in Deutschland. 1887 bis 1945“ (Fischer Verlag, 2007). Es hat das Zeug zur Bibel für alle, die wie auch immer am Theater hängen, und wurde in jahrelanger Schreib- und Forschungsarbeit verfasst von dem Publizisten Günter Rühle (einst Frankfurter Allgemeine Zeitung, dann Theaterdirektor Schauspiel Frankfurt/ Main, dann Berliner Tagesspiegel, jetzt 89 Jahre alt).

 

Noch nie gab es eine solche Zusammenschau, eine derart detailreiche und anschauliche Erzählung der einzigartigen „großen Kurve“, die das deutsche Theater zwischen Kaiserreich und Nazikapitulation hatte. Rühles singuläre Leistung liegt in seiner grandiosen Fähigkeit zur, wie er sagt, „rekonstruktiven Fantasie“, die aus der Fülle der Archive die Vielfältigkeit und Stärke, die Irrtümer, Zäsuren und Kontinuitäten der vergangenen Szene, also die „ruhm- und lehrreiche Biografie des Theaters und seiner Menschen“ packend vor uns auf tausend Seiten ausbreitet.   Gegen den „horrenden Verlust historischen Bewusstseins“.

Rühles trefflich finales Wort: „Theatermachen entspringt spontaner Lust, hat mühsame Praxis, will abendlichen Erfolg, ist aber utopische Arbeit.“