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Kulturvolk Blog Nr. 44

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

15. Juli 2013

Bar jeder Vernunft


Volle Dröhnung Tastendonner vom Klavier – und schon rauscht sie herein. Wackelt mit dem Hintern, blitzt mit den Augen und knallt uns den – wie sie kokett erklärt – „unsexiest“ Satz vor die Ohren: „Ich bin in den Wechseljahren!“.

Tja, da sind wir baff. Solch ein Bekenntnis passt nun nicht wirklich zum Show-Glimmer; passt eigentlich überhaupt nicht in unser stets gern hübsch flott dekoriertes Dasein. Obgleich alle Welt, also nicht nur deren weiblicher Teil, irgendwann mit Wechseljahren und überhaupt mit wechselnden Problemen heftig zu tun hat.

Doch so ist das mit Gayle Tufts, dieser lausbübischen Großen Dame des Comedy: Immerzu mischt sie mit flotter Eleganz unglamouröse Tatschen aus den Problemzonen des Daseins wie knallhart gekochte (Überraschungs-)Eier unters schillernde Konfetti ihres rasend gewitzten Entertainments. Dann blickt da für nachhallende Momente der ganze Ernst des Lebens durch ihr unermüdlich optimistisches Lachen – und macht es gerade dadurch so nachhaltig. Weshalb ganz Deutschland diese amerikanische Berlinerin ins Herz geschlossen hat.

 

Die Tufts ist eine feinsinnige Philosophin mit sanftem oder auch hart zuschlagendem Humor; ist eine durchtrieben zärtliche Feministin; ist wie ein tuft-er Kumpel, der mit schallendem Gelächter zynisch auf die Kacke hauen kann. Mit dem man aber auch ganz gern beim Bier auf dem Sofa besagte Problemzonen besprechen würde. Sie hätte dann sicher noch den passenden Pop-Hit parat und die Welt sähe gleich ein bisschen heller aus. Wie jetzt in der lauschigen Bar jeder Vernunft bei „Some like it Heiß“.

Da werden nicht nur bei allerhand griffiger Musik die Wechseljahre behandelt, sondern überhaupt Wechselfälle des Alltags, von denen ja durchaus – Motto des Abends! – „positive Energie“ ausgehen kann; wenn man nur will. Und mit der Tufts an der Hand will jeder.

 

Ach ja, Gayle Tufts, immerhin ein Jahr jünger als Madonna, kann nicht nur toll singen und mitreißend rocken, kann nicht nur Comedy, Sprachakrobatik, Slapstick und furiose Extempores, sie kann auch prima schreiben. In dem kleinen Kompendium ihrer Lebensgeschichtchen spürt sie mit scharfem Blick und Verstand trefflich sowohl das Tragische wie Komische, ja Aberwitzige auf. Köstlich! Und auch als Vorleserin packt sie uns Herzchen an den Herzen („Some like it Heiß“, 256 Seiten, 16,99 Euro bei Rütten & Loening im Aufbau Verlag).

Freilich dürfen wir den begnadeten Klavier-Virtuosen Marian Lux nicht vergessen. Ohne diesen charming Boy keine Show, trotz aller Talente der Tufts.

Eins der herrlichsten Berliner Sommernachtsvergnügen. Noch dazu mit staatstragender Botschaft: Jeder sollte – Kopf hoch! Keine Müdigkeit vorgeschützt! – das Showgirl in sich los treten; sich straffen, zusammenreißen und dem launischen Leben mutig die Stirn bieten. „The change we can believe in.“ Das Publikum nickt mit Frisur und Schuhspitzen. Und reißt sich beinahe von den Stühlen zum donnernden Bumbum-Finale als Disco-Happyend. Zum Rauslassen vom letzten Rest an Frust. Auch das ist Volkstheater.

Nicht verpassen (noch bis 28. Juli)!

TIPI am Kanzleramt

In der geräumigen Außenstelle der intimen Bar jeder Vernunft: Die Wiederaufnahme der TIPI-Erfolgsinszenierung (2005) von „Cabaret“. Der Musical-Klassiker nicht Breitwand, sondern als feines schmissiges Kammerspiel, das im Brettl-Format der Revue gehörig Zunder gibt und doch äußerst sensibel die menschliche Tragödie im rapide aufkeimenden Nazi-Terror ausspielt. Da bleibt der Spaß schließlich im Halse stecken. Perfektes großes Theater großartig besetzt bis in die Nebenrollen im Show-Zelt (noch bis zum 1. September).

Kudamm-Komödie

Für sehr Neugierige hier kurz mein Eindruck von der gestrigen Sonntags-Premiere: Es war, wieder einmal wie vor zwei Jahren mit dem Boulevard-Hit „In jeder Beziehung“, ein Meisterstück von Jochen Busse, dem großen Komiker, der messerscharf sarkastische Pointen schleudern und es dann auch wieder unversehens berührend menscheln lassen kann.

Busse ist starker Schauspieler und Entertainer zugleich – diesmal als so brüllend dämlicher wie rasend durchtriebener US-Präsident in der total durchgeknallten Polit-Farce „November“ des amerikanischen Star-Autors David Mamet, der alles Unmoralische und politisch Korrekte in gellendem Aberwitz verquirlt und mächtig überkochen lässt. Es geht um allerhand: Um Wahlkampf, Geld, Gier, Macht, Homosexualität, Truthähne, Vogelgrippe, Spielcasinos, Minderheitenquoten, Schweinefleisch, Lesbenheirat, Indianer, Gleichberechtigung, Mediengeilheit, Lüge, Betrug, Größenwahn, Dummheit – um alle nur denkbaren Sauereien und Untugenden der hohen und niederen Politik (natürlich nicht nur in USA). Ein Hochgeschwindigkeits-Stück (Regie René Heinersdorff) aus dem Tollhaus also. Mit Busse als Tollstem; der Rest des klasse Ensembles ist dabei mehr als bloß Stichwortgeber. Ovationen.

Abschied

Gottfried Greiffenhagen, Jahrgang 1935, ist tot. Der promovierte Jurist kam 1966 in seiner Geburtsstadt Bremen ans dortige Stadttheater als persönlicher Referent von Intendant Kurt Hübner, zwei Jahre später als Chefdisponent an die Freie Volksbühne Berlin. 1969 holte ihn Peter Palitzsch als Dramaturg nach Stuttgart; in den 1970er Jahren war er Zadeks Chefdramaturg in Bochum, danach Tätigkeit als freier Bearbeiter und Übersetzer zahlreicher Stücke  von Sophokles bis Arthur Miller oder Alain Ayckborn.

 

Martin Woelffer, Chef der Kudamm-Bühnen, über den Kollegen: „Ich darf sagen, es ist ein Geschenk, ihn gekannt und mit ihm so oft und so erfolgreich zusammen gearbeitet zu haben. Gemeinsam haben wir die Uraufführungen „Die Comedian Harmonists“, „Das kunstseidene Mädchen“ und „Fabian“ herausgebracht. Durch sein Denken, sein Wissen und sein Theaterfeeling habe ich unendlich viel gelernt: Das Theater von Gottfried war kreativ, feinfühlig, immer am Puls der Zeit. Die Theater am Kurfürstendamm und ich verlieren mit ihm nicht nur einen wunderbaren Freund, sondern auch einen wichtigen Theater-Begleiter, die deutsche Theaterlandschaft einen der prägenden Köpfe der letzten Jahrzehnte, einen immer neue Wege suchenden Theater-Enthusiasten.“

Sommerkino

Man nehme: 200 g Zucker, 4 Eier, 1 Tasse Mehl, 1 Tasse geschmolzene Butter, Schale einer Zitrone oder Zitronenaroma, 2 EL Rum, 50 g Bitterschokolade, geriebene Haselnüsse – und eine Prise Cannabis nach persönlichem Ermessen. So geht das Rezept für Hasch-Kekse.

Paulette, Mitte siebzig, ist Meisterin im Herstellen dieser Köstlichkeit. Kein Wunder, als Konditorin mit Meisterbrief – doch das ist lange her. Jetzt lebt sie als raue Rentnerin mit großer Klappe in einem noch raueren Pariser Vorort und kommt nicht aus mit ihrer Mini-Rente. Da wirft ihr der Zufall ein Päckchen Marihuana in die Einkaufstasche; ein von der Polizei verfolgter Dealer muss heiße Ware loswerden. Pauline, ziemlich kaltblütig, verkloppt selbst den Stoff, entdeckt völlig neue Möglichkeiten für die Aufbesserung ihrer monetären Situation, kooperiert mit den lokalen Drogenbossen. Und steigt unversehens auf zur umsatzstarken Rauschgift-Oma – bis ihr der Boden zu heiß wird.

Geschäftstüchtig, wie sie ist, besinnt sie sich auf ihren gelernten Job und macht unter tatkräftiger Mithilfe ihrer nun eben auch nicht wohlhabenden Freundinnen aus der kleinen Wohnküche eine respektable Manufaktur für erlesen präpariertes Backwerk. Für den Nachmittagstee der besonderen Art und florierenden Verkauf außer Haus. Was den Neid der Lederjacken, Messer, Knarre tragenden Konkurrenz weckt, der schließlich lebensgefährliche Probleme schafft für die pensionierte Damen-Gang und ihre kreative Königin des eleganten Drogenvertriebs.

 

Das ist der süß fantastische und zugleich bitter realistische Stoff, aus der Regisseur Jerome Enrico eine so tolle wie anrührende Komödie fabrizierte. Witzigst geschliffene Dialoge, Action, Alltags- und Altersfrust, (Über-)Lebenslust, ruppige Mitmenschlichkeit und schwer kriminelle Skrupellosigkeit sowie eine Star-Besetzung machen den zwischen Märchen und Realsatire changierenden französischen Film „Paulette“ zum so befreienden wie bedenklichen Kino-Lacher dieses Sommers.

Sensationell in der Titelrolle die Nouvelle-Vague-Ikone und mehrfache César-Preisträgerin Bernadette Lafont, Jahrgang 1938. Pralles Kino über radikale Selbstbestimmung und ungewöhnliche Freundschaften. Selten, dass dies derart flott und erfrischend, vertrackt aberwitzig und politisch hintersinnig gelingt.

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