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Kulturvolk Blog Nr. 40

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

17. Juni 2013

Volksbühne -

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René Pollesch ist Miterfinder des so genannten postdramatischen Theaters (kein Plot, keine Figuren, kein Drama). Der talentierte Absolvent des dauer-avantgardistisch erregten Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft an der Uni Gießen schlug vor gut zehn Jahren mit diesem Überraschungsei blitzend ein in der Praxis, die gerade dabei war, sämtliche Theaterformen auf den Prüfstand zu stellen. So wurde im Volksbühnen-Studio Prater Pollesch sofort Kult mit seinen aberwitzig zerschnippelten Aufbereitungen philosophisch-soziologischer Theorie-Texte berühmt-gesellschaftskritischer Denker. Damit wiederum hauten sagenhafte Schauspieler ein oberschlaues, Soaps, Dokus oder Talkshows vereinnahmendes Polit-Diskurstheater (Grundthemen: das Ich, die Vermarktung, die Entfremdung) auf die grotesk verkitscht dekorierten Bretter. Und das im rasenden Schnellsprech (Markenzeichen). Und mit massig Popmusik.

Das war bewundernswert theatralischer Hochleistungssport. Und die Theaterwelt war hingerissen von der frech intelligenten Novität, die der begeisterte Antikapitalist Pollesch mittlerweile allüberall vervielfacht und zu allerhand Geld gemacht hat. Nun ist sie etwas verkommen zum ausgeleierten Redeschwall-Betrieb.

 

Jüngstes Beispiel in der Volksbühne: Der 80-Minuten-Auftritt von zwei Schauspielerinnen unter dem Titel „Der General“, dessen Sinn arg im Trüben klebt. Wie überhaupt die ganze Veranstaltung auf leerer Riesenbühne. Da wird unentwegt monologisch gebrabbelt von den beiden kampferprobten, diesmal konfus zerstreuten Volksbühnen-Actricen Silvia Rieger und Lilith Stangenberg.

Schlimmer ist freilich, dass sich der Rederei Inhalt nur mit aufwändiger Gedankenarbeit erschließt – aber eben auch nur vage. Immerhin hilft der Programmzettel mit einem langen Adorno-Zitat über Utopie und Tod. Irgendwie also geht es um letzte Dinge und um Utopie und Empathie, um die Endlichkeit des Daseins in der Unendlichkeit des Universums. Womöglich aber auch um Krieg und Gewalt und die entsprechende, aber schwierige, vielleicht gar unmögliche Gegenwehr (mittels Liebe?). Viel klarer wird’s nicht. Doch als hübsches Requisit wird gelegentlich ein Sperrholz-Panzer ziellos hin und her kutschiert von einem Trio sportiver Teenies aus dem Volksbühnen-Jugendclub. Nette Gelegenheit für eine sinnarme kleine Zitatenschlacht aus dem liebevollen alten US-Filmspaß „Leoparden küsst man nicht“.

Was allein übrig blieb vom Entertainment der frühen Pollesch-Jahre war schließlich die Popmusik als Weckruf aus dem Minutenschlaf. Zum Schluss rieselt Schnee aus Silberpapierschnitzeln. Tinnef wie die ganze, glücklicherweise kurze Veranstaltung. (wieder am 20. Juni, 3. Juli)

 

Vielleicht ahnt unser amtierender oberster Postdramatiker etwas von der Ausdünnung, Verflachung und Phantasiearmut seiner Künste. Lieferte er doch unlängst zur kompakten Selbsterklärung ein 92-Seiten-Pollesch-Buch mit saftigen Ansichten zum Theater unter dem schmackhaften Titel „Der Schnittchenkauf“ (Galerie Buchholz). Zitat gefällig? „Das sind richtige Seelenfotzen, diese Schauspieler, die in jede Dunkelheit nur Seele hineininterpretieren; authentische Seelenkühe…“ So etwa. Klingt nach Revolte, nach Umsturz althergebrachten Schauspiels. Die aktuelle Pollesch-Praxis aber ist auch keine Alternative, wie ich soeben wieder erleben durfte im Schneegeriesel.

 

Als Kommentar dazu könnte man geltend machen den Stoßseufzer des Rektors einer dem Gießener Institut ziemlich entgegen gesetzten Theaterschule. Wolfgang Engler von der „Busch“-Hochschule, der berühmtesten Kaderschmiede deutscher Spiel-Stars: „Das Rollenspiel ist nicht mehr schick!“ Er meint damit: Grassierende Vernachlässigung der Figuren, ihrer Psyche, Konflikte, Dramen. Der Professor plädiert ganz altmodisch wenigstens für ein gewisses Quantum Seele und Sinn. Auch daraus immerhin kann tolles Entertainment werden. Dabei geht Englers Ärger gar nicht total gegen Postdramatik. Nur: Ein bisschen plausibel muss sie schon bleiben.

Ausflug nach Wien -

Mal wieder die alte, schicke Kaiserstadt mit der Mozartkugel im heimlichen Wappen. Zu den Wiener Festwochen, zweite Halbzeit. Das traditionsreiche, extrem hoch subventionierte Festival alljährlich zwischen Frühling und Frühsommer als Aushängeschild von Stadt und Staat konzentriert sich wie immer in den letzten Jahren jenseits gängiger Stadt- und Staatstheaterprogramme auf die Sprengung der Spartengrenzen, auf international besetzte Parcours, Performances, Projekte – man feiert hingebungsvoll das Postdramatische. Was man ja auch in Berlin unentwegt tut. Also ein paar wenige, mit Stars glamourös verpackte große Brocken und unübersichtlich viel Kleinteiliges, das ziemlich verschwindet im ohnehin unentwegt wogenden Kulturgroßangebot an diesem mit Kunst so herrlich gesättigten Ort.

 

Zum cool sein wollenden, betont werkstattmäßigen Auftritt der Festwochen passend das Turnschuh-Outfit des jugendlichen Service-Personals: Feuerwehrrote T-Shirts mit weißem Schriftzug im hippen Englisch auf Brust und Rücken. Man darf sich zusammenbuchstabieren: „How – to get – from here – to there“. Ha, wie witzig.

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Das Großereignis im Schauspielprogramm: Die mit allerhöchsten Erwartungen bedachte, weil letzte Wiener Inszenierung von Luc Bondy im Amt des Festival-Chefs. Der 64-Jährige hatte es immerhin elf Jahre inne. Doch er selbst prägte die Festivität nicht sonderlich; abgesehen von wenigen eigenen Regie-Hits. Das eigentliche Programmachen, das Hereinholen von akut Politischem, gebunden in neue und allerneueste Formen und Formate (auch Förmchen und Formatchen) des globalen Bühnen- und Bühnchenbetriebs, das interessiert Bondy, die europäische Berühmtheit einer konservativ auf Psychologie und Einfühlung orientierten Regiekunst, eher am Rande (wir gedenken dankbar seiner Berliner Schaubühnen-Zeit). Auch, dass sich das Festival in seinen letzten Jahrgängen zunehmend verästelte in die Adern der Stadt; Motto: Weg von den traditionellen Prunk-Spielstätten, hin zu Jedermann im Alltagsleben – dieser Trend mag nicht wirklich Luc Bondys Intentionen entsprechen.

Doch war er klug genug, ihn nicht zu ignorieren – und ließ seine gern zugeknöpft, schmallippig und spitzzüngig auftretende Schauspielchefin Stefanie Carp frei agieren. Sie ist eine namhafte Dramaturgin aus Deutschland mit ausgeprägter Vorliebe für angesagte, hoch politisch sich spreizende theatrale Projekte aus aller Welt (Carps Reise-Etat ist dementsprechend!). Zuletzt verstärkte sich der Eindruck, der Mainstream eines internationalen so genannten Avantgardebetriebs werde – werbewirksam verpackt unterm probaten Stichwort „Globalisierung“   nur noch flott durch gewinkt.

 

Dagegen wirkt Luc Bondys aufwändig kostbare Abschiedsinszenierung von Molières „Tartuffe“ geradezu wie ein Statement des klassischen, unverwüstlichen Schauspielerensemble- und Menschentheaters der alten Hochleistungsschule, die da, um es gleich zu sagen, herzbewegend groß und wie neu glänzt und gleißt – etwa mit Joachim Meyerhoff, Gert Voss, Johanna Wokalek oder Edith Clever.

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Ein austriakischer Telefonanbieter als Hauptsponsor verfiel auf die neckische Idee, zur „Tartuffe“-Premiere auf jeden der tiefroten Plüschsessel im Akademietheater (der Dependance des Burgtheaters als Koproduzenten) ein Taschentuch zu legen mit der Aufschrift „Good-bye and good Luc!“. Denn Luc verlässt jetzt - allerdings ohne Tränenvergießen - die Festwochen und übernimmt die Intendanz des Pariser Theaters Odeon, an dessen Subventionierung gegenwärtig heftig gekratzt wird, was den in Wien etatmäßig luxuriös Verwöhnten arg ärgert.

Doch sein Ade mit Molière beschert noch einmal und selten genug das reine Theaterglück. Freilich, ein schwarz gerahmtes. Die frivole Komödie eines durch religiöse Heuchelei und durchtriebene Verführungskunst Manipulierten (Voss als Orgon), der nach Halt sucht in einer als haltlos empfundenen Welt und dem ruchlosen Menschenfänger (Meyerhoff als Tartuffe) seine Familie nebst seiner ganzen Habe opfert, diesen geradezu absurden Aberwitz treibt die Regie mit leichtester Hand unversehens in schwerstes Entsetzen. Da tänzelt ein rasend eloquentes Ensemble mit vor Sprachlosigkeit gleichsam offenem Mund in eleganter Wohnküchenhalle (Bühne: Richard Peduzzi) um den Herd des Grauens, an dem der Täter und seine Opfer sich furchtbar verkeilen in Komik und Tragik.

Ich darf sagen, man sah schon viele Inszenierungen des genialen Stücks (zuletzt am DT Berlin), meist langweilend als platte Klamotte voller Deppen. Doch jetzt unter Bondy mit seinem vor Gier, Not, Wut, Wahn oder Resignation vibrierenden Menschen-Ensemble wurde mit verzogenem Lächeln der schauerliche Abgrund erregend erlebbar, der in jedermann gähnt, wenn Vernunft sich kaputt schlägt an einer unstillbaren, schmerzvollen, zutiefst menschlichen Sehnsucht nach Halt und Erlösung durch ein vermeintlich Höheres und Besseres. Radikale Wirklichkeitsverweigerung als Überlebensstrategie – die Folgen sind vernichtend. Thema und Text dieses 350 Jahre alten Stücks strahlen frei von simplen Gegenwarts-Zutaten in vollkommen spielerischer Anverwandlung unerhört heutig. Zauber und Schrecken der Theaterkunst.

 

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Für das besagt andere, dem Zeitgeist der Postdramatik frönende Festwochen-Schauspiel steht in einem schummrigen Off-Keller nahe der weltberühmten Berggasse (Freud-Museum) das Projekt „Schwarze Botin“, ein informatives kleines Historical, das die Redaktion der frauenbewegten „Schwarzen Botin“ vorstellt, die einst zwischen 1976 und 1987 in Wien und Westberlin in loser Folge den Diskurs gegen das Patriarchat führte.

Obendrein werden einige der aufrecht auftretenden freundlichen, journalistisch-poetischen Damen von damals von drei ihrer heutigen Schwestern im Geiste aus dem akademischen Milieu von Gender und Queer Theories befragt nach dem Stand gegenwärtiger Männerherrschaft und Frauenemanzipation. Das Fazit kommt gedehnt: Najaaa, einiges an Machismo habe sich schon erledigt...

 

Dazu passt die Nachricht aus Leipzig. Beschloss doch soeben die dortige Universität, alle akademischen Titel weiblich zu formulieren, was fürs Offizielle wie Umgangssprachliche gilt. „Herr Doktor Müller“, also das war gestern. Ab jetzt heißt es „Herr Doktorin Müller“. Oder „Guten Morgen, Herr Professorin Meier!“ Klingt komisch, ist aber fortschrittlich. Oder?