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Kulturvolk Blog Nr. 38

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

3. Juni 2013

Admiralspalast


In die Betondecke vom Hof des prächtigen Admiralspalastes hat man, links von der Tordurchfahrt, eine elend enge Treppe gehackt. Der steile Abstieg in die Unterwelt des so legendären wie riesigen Entertainment-Tempels. Dort, im Keller also, die Überraschung: Ein neuer Klub! Und was für einer! Geheimnisvoll schimmerndes Licht, Kuschelsofas zwischen Bistrostühlchen, Beinahe-Darkroom-Winkel. Die endlosen Betonwände dekoriert mit Jagdtrophäen sowie zugestellt mit einem Sammelsurium von einem Halbhundert Schnörkel-Schränken aus bürgerlich Guten Stuben aller Stile zwischen 1900 und 1970, teils als Getränkeausschank funktionierend. Dazu illuminierte Vitrinen voller Tinnef und exotischer Raritäten bis hin zu ausgestopften Tieren. Und im Nebenraum, zu betreten durch eine Tür im gläsernen Schaufenster, eine kreisrunde Lümmelbar wie im Innern eins Ufos. Und voller bunter Flaschen. Ein schimmerndes Ambiente, konkurrierend mit dem kitschigsten Hollywood . Eine zauberische Wunderhöhle. Eine märchenhafte Überrumpelung. Zum Träumen, Trinken, Schmusen, Rocken.

Selbstverständlich gibt es auch ein Podium. Und dort tobt zur Klub-Eröffnung der wundertolle Sven Ratzke mit seiner Band in dem One-Man-Woman-Musical „Hedwig and The Angry Inch“, das eigentlich ein kommentiertes Konzert ist mit aufreißender Gute-Laune-Musik aus Glam, Powerpop, Country und purem Rock’n’Roll. Auch bei älteren Semestern zucken da die Muskeln ekstatisch. Da geht die Post ab, da packt der Sound die Lenden.

 

Aber es wird eben noch eine schlimm-schöne, eine tragikomische Geschichte erzählt: Hansel, ein junger Sexy-Bursche aus Ostberlin, verknallt sich in einen super sexy US-Soldaten, der ihn im Military-Fahrzeug an den Vopos vorbei aus der eingemauerten Halbstadt rausholt. Doch zuvor muss sich Hansel ins Soldatenliebchen Hedwig verwandeln. Es kommt zur Geschlechtsumwandlung mit sozialistisch stumpfem OP-Messer. Ein „zorniger Zentimeter“ bleibt zurück, zu nichts mehr nütze – the angry inch.

Hansel-Hedwig immerhin kommt mit ihrem Stummel zwischen den Beinen raus aus der DDR und schließlich rüber nach USA. Und rockt dort oftmals einsam und verloren und enttäuscht durch des Lebens glitzernde Höhen und grauenvolle Tiefen als toll-traurige, doch aufs schwierig Glück sehnsuchtspralle Drag, wovon sie schließlich, gestützt von ihrer Low-Budget-Band The Angry Inch, dem verdatterten Publikum ungeniert, wütend und sentimental Bericht gibt.

 

So geht die Musical-Story. Ein Lebensreport, den sich John Cameron Mitchell, Sohn eines in Westberlin stationierten US-Generals, mit Blick auf Selbsterlebtes um 1990 ausgetüftelt hat. Womit er gemeinsam mit dem Komponisten und Songwriter Stephen Trask am New Yorker Off-Broadway Sensationserfolge einheimste. Die verrückte Story samt Mainstream-Musik wurde 2001 sogar verfilmt und gewann internationale Filmfestivalpreise (darunter auf der Berlinale). Jetzt nun ist Hansel-Hedwig im gelenkigen Revuekörper von Sven Ratzke, dem wilden Huhn (oder Hahn) zurück in Berlin. Im extra sagenhaft auf „Camp“ getrimmten Neuen Admiralsklub unterm Admiralspalast.

Regie der schmissigen, aberwitzig-tragischen, hintersinnig krachenden, sentimental-bittersüßen Sache führt aufs geschickteste Schauspielstar Guntbert Warns. Eine ziemlich besondere Sache um die so blümchenzarte wie betonharte Hedwig und ihre schmerzlich schönen Abenteuer zwischen Spree und Hudson, die sie als rüde Show auf die grelle Bühne der Eitelkeiten in der schummrigen Admiral-Rumpelkammer schmeißt. Doch ist der zwittrige Transe-Kerl schließlich bei aller heftig glamourösen Amerikanisierung ein echt nüchternes Berliner Kindl. Also ein fein fatales Gemisch aus saftigem Rotz und und salzigen Tränen. Herrlich! Wirklich. (6. - 9. Juni, 3. - 7. Juli)

Deutsches Theater

Studierte, hübsch situierte Mittelstands-Leute in der kräftig kriselnden Mitte ihres Lebens lässt der Dramatiker Moritz Rinke aufeinander los in seinem Stück „Wir lieben und wissen nichts“. Da ringen zwei Paare mit sich selbst, ihren Ängsten und Nöten und mit diversen gesellschaftlichen Abhängigkeiten. Es ist ein ziemlich gebeutelter Vierer, der in diesem klassischen Konversationsstück schließlich die Nerven verliert und sich obendrein mit erotischen Verwirrungen gegenseitig überrascht. Eine aufregende, auch erschütternde Sache mit seltsam komischen Momenten. Gut gespielt in der Regie von Mathias Schönsee im Stadttheater Bern, das dankenswerterweise zu den auch insgesamt sehr interessanten Autorentagen (3. bis 15. Juni) ins DT eingeladen wurde.

 

Rinke, Mitte 40, nebenbei auch Kolumnist und Gastautor des „Tagesspiegel“, gehört zu unseren meistgespielten Gegenwartsautoren („Der graue Engel“, „Republik Vineta“, „Café Umberto“). Sein Roman „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ war ein Bestseller. Doch seltsamerweise ist Rinke seit langem auf den zahlreichen aufs Zeitgenössische erpichten Bühnen seiner Heimatstadt nicht präsent. Eine Unglaublichkeit! Freuen wir uns auf die eine Vorstellung am Sonntag, 8. Juni, 18 Uhr. Im Anschluss gibt es im DT-Rangfoyer ein Nachgespräch mit dem Autor und dem Ensemble.

Arena Treptow

Nachmittag 26. November anno 1922. Der Archäologe Howard Carter lässt in einem frei gelegten Gelände am Nil – heute weltberühmt als Tal der königlichen Grabstätten   in einen soeben entdeckten steinernen Bunker ein Guckloch meißeln: Und Goldglanz funkelt ihm entgegen!

 

Alsbald war klar: Es ist die Gruft des Knabenkönigs Tutanchamun, beigesetzt vor fast dreieinhalb Jahrtausenden in einem höchst raffinierten System von Särgen und Grabkammern, gefüllt mit kunstvollen Gerätschaften für die Reise ins Jenseits. 5389 teils kostbarste Objekte barg das Howard-Team; heute allesamt im Kairoer Museum; sie dürfen Ägypten verständlicherweise nicht verlassen. Doch deren bewundernswert perfekt hergestellte Kopien sind weltweit unterwegs und werden just grandios präsentiert in einer sensationellen Ausstellung in der Arena-Halle Berlin-Treptow – „Edutainment“ als neuer Trend bei Altertumsausstellungen. Zum Staunen und Lernen; Volkshochschule und ganz Große Oper in einem (sticht lässig die rosa Barbypuppen-Show am Alex aus hinsichtlich der Besuchermassen).

Übrigens. Am allerentzückendsten fand ich einen besonders spitzohrigen Anubis, einen der vielen stoisch stummen, treu wundertierisch-göttlichen Hüter dieses so poetischen, uns Nachgeborenen trotz äonenweiter Ferne überrumpelnd zu Herzen gehenden Totenreichs.

 

Und hier der Hinweis auf einen einmaligen, offensichtlich hoch interessanten Vortrag des Generaldirektors des Großen Ägyptischen Museums in Kairo, Hussein Bassir, am 12. Juni, 20 Uhr in der Arena Treptow.

Das Kairoer neue Ägyptische Museum ist seit sehr langem schon im Bau. Ich bin neugierig, welche Fortschritte zu berichten sind; denn der pittoreske Altbau aus der Kolonialzeit ist arg ramponiert; zuletzt durch die jüngsten politischen Ereignisse. Auch dürfte interessant sein, ob Bassir die juristisch inakzeptable Rückgabe der „Nofretete“, Ehefrau des Tutanchamun, aufs neue einfordert. Zuletzt stellte der ägyptische Staat an Berlin die absurde Forderung, „Leihgebüren“ zu zahlen.