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Kulturvolk Blog Nr. 339

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

7. September 2020

HEUTE: 1. „Melissa kriegt alles“ – Deutsches Theater / 2. Gedenken: Konrad Ekhof 300 / 3. Herzogliches Ekhof-Theater Schloss Friedenstein in Gotha 

1. Deutsches Theater: - Stars labern Pollesch

"Melissa kriegt alles". Auf dem Bild: Franz Beil, Kathrin Angerer, Katrin Wichman, Martin Wuttke, Bernd Moss, Jeremy Mockridge © Arno Declair

Wer ist Melissa, wo lebt sie und wie? Und warum bekommt sie immer alles? Aber was ist „alles“? Steckt sie womöglich in Corona-Quarantäne fest und wird privilegiert beliefert mit eben allem; etwa von Amazon oder Lieferando.de?

 

In seinem neuesten Plauderstück „Melissa kriegt alles“, das René Pollesch in Windeseile während der großen Sommerpause zusammengeschrieben hat, kommt Pandemie nicht vor. Kein Gedanke ans Nächstliegende, hochtrabend gesagt: an gesellschaftlich Relevantes ‑ wie sich’s gehört hätte fürs Pollesch-Diskurstheater.

 

Also was dann für Gedanken im 90 Minuten-Geplapper von Kathrin Angerer, Franz Beil, Jeremy Mockridge, Bernd Moss, Katrin Wichmann und Martin Wuttke, die heftig sich abrackern in einer niedlichen Puppenstuben-Datscha mit Hammer-und-Sichel-Tapete (Bühne: Nina von Mechow); die von Tabea Braun karnevalesk kostümiert wurden im russischen Pelztier-Look oder sowjetischen High-Heel-Chic. ‑ Haha!

 

Und aha! Hammer und Sichel annoncieren Revolution. Und dazu antithetisch: die Reaktion. Oder? ‑ Wer das Programmheftchen kauft und auf der letzten Seite das sagen wir Quellenverzeichnis findet, der darf genauer ahnen… ‑ Hier die Liste: Bini Adamczak „Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende“; Alexandra Kollontai „Wege der Liebe“; Boris Groys und Carl Hegemann „Metanoia. Die Kunst als unbewegter Beweger oder die Welt als ewige Ruhestätte“; Barbara Kirchner zu Alexandra Kollontai „Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin“; der Woody-Allen-Film „Schmalspurganoven“ sowie Lorene Scafaria „Hustlers“, ein Film über Stripperinnen.

 

Es könnte sich also, sagen wir mal vage, um Folgendes drehen: Um Bewegung und Ruhe, Hingabe und Selbstbehauptung, ums Ich und das Wir (oder die Partei oder so). Oder gar um das ewige Stirb und Werde und noch dazu um alles das zugleich und in eins. Alt-Autoren inspirierte solch Dialektik-Salat zu hochdramatischen Exzessen. Bei Pollesch bleibt es bloß abstrakt bequasseltes Zeug. So irgendwie. ‑ Hätte man die Bücher gelesen, die Filme gesehen haben müssen, damit Pollesch-Aufklärung funktioniert?

 

Wir Dämels haben also selbst schuld. Zum gnädigen Ausgleich spendiert der hochmögende Autor die seltsam volkstümlich gemeinte Belustigung über ein Gefasel vom Brecht-Theater als eins der Trance sowie über performative Theorien, die niemanden erregen außer die performenden Aktivisten (und Innen) selbst.

 

Mehrheitlich interessant hingegen mag das Heulen von Hartz-IV-Leuten sein, die Bio-Eier wollen, das Geld nicht haben und deshalb – wie in Trance ‑ bei Aldi zu Ja-Eiern greifen. Da hätten wir wenigstens ein (!) allgemein relevantes Thema. Ansonsten bleibt alles beim hingebungsvollen Tröten in der meta-mäßig aufgepumpten Pollesch-Blase. Würde die mal platzen, wäre das ein Knaller in Polleschs elitär dahin raunender, ätzend sich breit wälzender Dauer-Langeweile – nun leider schon seit längerem…

 

(wieder am 7., 10., 11., 12., 21., 22. September) 

 

***

2. Spielgenie, Lehrer, Theoretiker, Reformer

Conrad Ekhof, Porträt von Anton Graff, 1774. © Directmedia
Conrad Ekhof, Porträt von Anton Graff, 1774. © Directmedia

Am späten Abend waren beide Herren blau. Denn Legations-Rath Goethe ließ sich nicht lumpen und den teuren alten Wein aus den Geschenksendungen seiner Frau Mutter in Frankfurt reichlich fließen. Schließlich war eine Berühmtheit zu Gast, die er als den „einzigen tragischen Schauspieler Deutschlands“ verehrte; Sein Name: Hans Conrad Dietrich Ekhof.

 

Sechs Monate nach jenem Weimarer Januarabend anno 1778 im Gartenhaus an der Ilm, da Ekhof, ausgezehrt und ständig hüstelnd, dem jungen Kollegen sein Leben erzählte, war er tot. Mit 57 Jahren; Tuberkulose. In seinem Nachruf mahnte Goethe poetisch-pathetisch: „Wisset: Er schuf euch die Kunst und adelte den Stand – Orakel eures Spiels und Vorbild eurer Sitten.“

 

 

Kurzer Körper, scharfer Verstand, kraftvolle Stimme

 

Conrad Ekhof war – für viele fatal in diesem Beruf – kein schöner Mann: zu kurz der Körper, schwächlich, die Schultern leicht verwachsen. Aber sein Kopf war schön: Schmales Gesicht, hohe Stirn, energische Nase und ein ebensolcher Mund, breit, mit Lippen nicht ohne Sinnlichkeit und doch mit Zügen von Bitternis. Und: Er war er gesegnet mit kraftvoller Stimme, scharfem Verstand, unerschütterlichem Selbstbewusstsein und eisernem Willen sowie einer phänomenalen Fähigkeit zur Verwandlung im Spielerischen (der Kunst) als auch hinsichtlich der Biographie. Die Metamorphosen dieses Kindes aus kleinsten Verhältnissen zum Partner von Geistesgrößen seiner Zeit (zum Beispiel Lessing) sind atemberaubend. Sie gelangen ohne Schulen: Ekhof war Autodidakt.

 

Geboren wurde er vor 300 Jahren, am 12. August 1720 in Hamburg. Sein Vater, ein Schmied, stand der Wissbegier seines Sohnes zwar wohlwollend gegenüber, ermöglichte gar den Besuch der Elementarschule, doch bereits mit 14 musste der Knabe selbst für sich sorgen. Er wurde Schreiber eines Postmeisters, den er alsbald verließ, um einem Anwalt in Schwerin zu dienen. Dort hatte er Zugang zu dessen Bibliothek und Muße genug zum Lesen. Wenige Jahre später aber gab der Umtriebige die wärmende Idylle auf und schloss sich, 19jährig, den fahrenden Komödianten der Truppe von Friedrich Schönemann an.

 

Ein verwegener Entschluss, denn eine fragilere Existenz war kaum denkbar. Hinzu kam die Erbärmlichkeit der Theaterzustände. Das Repertoire der wandernden Bühnen – stehende gab es noch nicht – bestand aus heldischen Trauerspektakeln in steifen Versen, aus zotigen Possen und sentimental hingeschmierten französischen Tragödien. Es gehörte zur Kunst, „den Blick himmelwärts zu drehen, mit den Gliedmaßen zu fuchteln und den Mund so voll zu nehmen, dass kein menschenähnliches Wort herausfiel.“

 

 

Zähes arbeiten am Umbau des alten Systems

 

All das war widerlich, lebensfremd, peinlich, empfand schon der Eleve Ekhof, der dann aber doch den so unbefriedigenden, unkünstlerischen, krank machenden Wandertheaterzirkus dreieinhalb Jahrzehnte durchhielt. Freilich, um zugleich unermüdlich am grundsätzlichen Umbau dieses Betriebssystems zu arbeiten. Schließlich kam er, da war er Mitte 50 und schon von der Krankheit gezeichnet, im Frühsommer 1774 mit der Seylerschen Wandertruppe aus Weimar nach Gotha. Durch den Brand des Weimarer Schlosses war man mal wieder arbeitslos. Dort, hoch über der Stadt auf Schloss Friedenstein, hatten die Herrscher von Sachsen-Gotha-Altenburg ein intimes barockes Theater errichtet, eine Preziose, die noch heute bewundernswert intakt ist und bespielt wird. Es heißt verehrungsvoll Ekhof-Theater, denn der regierende Herzog ernannte Conrad Ekhof zum Chef seiner Hofbühne und ermächtigte ihn, dort das erste fest installierte deutsche Ensemble zu installieren – und: Theatergeschichte zu schreiben.

 

Unter diesen Bedingungen konnte Ekhof endlich intensiv an der Erprobung einer fundamentalen Erneuerung der Praxis arbeiten. Schließlich war es ihm eine lebenslange Herausforderung, ein neues Theater mit neuem Inhalt zu schaffen, das auch dem erwachenden bürgerlichen Selbstbewusstsein entsprach. Dieses moderne Theater war für ihn in der Überwindung des hohl dröhnenden Pathos der halbreformierten, in französisch-höfischer Konvention deklamierenden Neuber-Schule möglich – von den grassierenden Unsäglichkeiten der Schmiere ganz abgesehen.

 

Ekhofs Schlachtruf hieß „Nachahmung der Natur“. Damit meinte er nicht platten Naturalismus, sondern künstlerisches Formen der Wirklichkeit. Daraus erwuchs die realistische Tradition des deutschen Theaters.

 

Echtheit der Empfindungen und Stärke des Ausdrucks in der Darstellung aller Stände sollten die Seelen erweichen und das Publikum dazu führen, sich auf den Brettern wiederzufinden und im Spiel eine Botschaft zu entdecken.

 

 

Das Drama als Erzieher der Deutschen

 

Ekhof war Künstler und Aufklärer, sah sich in eins mit Lessing, der von der Bühne herab Leidenschaften in Tugenden verwandeln wollte. Das Drama mit seinen Interpreten sollte als Erzieher der Deutschen dienen in einem deutschen Nationaltheater. Vermögende Bürger, etwa in Hamburg, oder aufgeklärte Aristokraten, etwa in Weimar oder Gotha, waren Feuer und Flamme und ließen sich die hohe Kunst einiges kosten. Herzog Ernst zahlte seinem Ekhof (der übrigens, sozial wie er war, einen Künstler-Pensionsfonds gründete) am Lebensende 16 Taler pro Woche; die Monatsmiete bei Hofrath Jäger betrug fünf. Doch da galt der Besessene bereits allgemein als „Vater der deutschen Schauspielkunst“.

 

Sein Weg war – wie der aller Neuerer – steinig. Das Umherziehen gehörte dazu. Seine schwerkranke Frau musste er pflegen. Hinzu kam der Dauerkrach mit den störrischen Kollegen Mimen. Es grenzte an Eselei, mit vorwiegend ungebildeten, meist aber ziemlich exzentrischen Kräften die Voraussetzungen seriösen Arbeitens durchzusetzen – Ekhof sprach vom Studium der Grammatik der Schauspielkunst. Darunter verstand er das Ausschreiben der Rollen (Rollenbücher) und das Vertrautmachen mit einem Regiekonzept sowie Textanalyse, Lese- und Bühnenproben, Ensemblespiel und ständige Kritik.

 

 

Das Meer der Unbegabten ist weit

 

„Wenn der Autor“, schrieb er 1753 in seiner „Schauspielerakademie“, die leider nur wenige Kurse erlebte, „tief ins Meer der menschlichen Gesinnungen und Leidenschaften taucht, so muss der Schauspieler wohl nachtauchen, bis er ihn findet.“ Leider sei, gestand der Gestrenge (und Angefeindete), leider sei das Meer der Unbegabten weit und viele ersöffen beim Tauchen.

 

Ekhof erhob das Schauspielen vom Vagantentum in den Rang einer Kunst, die – Talent vorausgesetzt – studiert werden muss. Das Vorbild des Herz-und-Kopf-Schauspielers gab er selbst. Lessing gratulierte: „Er weiß Sittensprüche und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen Ausbeugungen eines verlegenen Dichters, mit einer Innigkeit zu sagen, dass das Trivialste Neuheit und Würde, das Frostigste Feuer und Leben erhält.“

 

Verständlich, dass Rath Goethe einem solchen keine Bouteille zu teuer war. ‑ Leeren wir dankbar ein Glas auf seinen 300. Geburtstag!

 

***

3. Bescheidene Kostbarkeit - Das Ekhof-Theater in Gotha

Bühne des Ekhof-Theaters
Bühne des Ekhof-Theaters

Mehr als hundert Jahre war es vergessen im westlichen Eckturm von Schloss Friedenstein in Gotha, der Thüringischen Ex-Residenz zwischen Erfurt und Eisenach. Schließlich hat die DDR sich in den 1970er Jahren des barocken Theaterchens angenommen, das verstaubt, aber unversehrt die Zeiten überdauerte, um es aufwändig zu sanieren. Nicht zuletzt auch in ehrendem Gedenken an Ekhof, den epochalen Begründer eines neuen Theaters, dessen Realismus-Theorie der „DDR-Theaterästhetik“ nahe stand.

 

Übrigens, Gotha ist nicht nur wegen Ekhof berühmt, sondern wegen des (unscheinbaren) Wirtshauses der Frau Kaltwasser. In deren Etablissement vereinigten sich 1875 der linke Flügel der Sozialdemokratie (Bebel, Liebknecht) und der rechte (Lasalle) zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands.

 

Zurück zum fein herausgeputzten Ekhof-Theater: Es schimmert vornehm in gediegener Festlichkeit; eher gutbürgerliche Bescheidenheit als aristokratischer Prunk. Gescheuerte Dielen, gekalkte Wände, weißes Gestühl, weinroter Plüsch, zarte Linien in Gold. Eine dunkel getönte Kassettendecke, in der Mitte ein maßvoller Kristall-Lüster, an den Seiten schliche Messingleuchter. 13 Stuhlreihen (die jetzt, Corona-bedingt, zusammengeschoben sind wie das alljährliche sommerliche Ekhof-Festival); zwei schmale Emporen, eine dunkel getönte Kassettendecke. Roter Vorhang, dahinter die originale, funktionstüchtige Bühnenmaschinerie aus dem 17. Jahrhundert, ein technisches Denkmal. Zwölf Kulissenschieber betreiben per Hand Wellbäume und Seilzüge. Auf den leeren Brettern der Bühne eine hohe Vase mit Blumen. Dazu ein Bild von Hans Conrad Dietrich Ekhof.

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