0

Kulturvolk Blog Nr. 30

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

8. April 2013

  -

Foto
Foto

Volksbühne

Gleich zu Beginn richtig großes Kino: Der schöne Charakterkopf von Sophie Rois Superstar auf der Riesen-LED-Wand, einen Wutausbruch schleudernd. Über den Frust mit dem moralischen Gesetz sowie über die Not mit der Nächstenliebe, der die Eigenliebe im Weg steht. „Alles Bullshit, euer Gequatsche vom Sozialdarwinismus“, schreit sie und feuert kaltblütig mit der Kalaschnikow ins verdatterte Publikum der Berliner Volksbühne.

Der Exzess, auch eine längst weithin erprobte Lösung im Krieg um die „wahre“ Weltanschauung; freilich keine wirklich wirksame im ewigen Ringen um Weltverbesserung. – Aber wie geht nun: Gesellschaftsverbesserung, Menschenverbesserung? Darüber rauchen in einer Datsche im Kaukasus unentwegt die Köpfe sowohl auf 135 Druckseiten der Erzählung „Das Duell“ (1891) von Anton Tschechow als auch in der Inszenierung von Frank Castorf. Vornehmlich aber qualmt es bei zwei Leuten: nämlich dem mit seiner anderweitig verheirateten Liebschaft Nadja (Lilith Stangenberg) aus Petersburg getürmten Lebemann Lajewski (Sophie Rois) sowie dem Zoologen Koren (Silvia Rieger).

Also das große zerfetzende Tschechow-Gequatsche übers wuselnde Gemenschel (Ehe, Liebe, Lügen, Geld) sowie übers gigantisch Menschheitliche (Verantwortung, Gerechtigkeit, Glauben, Wissen). Wobei in den rhetorischen Duellen übers zivilisatorische Fortschreiten in Richtung „bessere Gesellschaft“ schon Tschechow hellsichtig die finstere Zukunft des ideologischen Terrors, der Menschen-Auslese (die Nützlichen), der Lager und Vernichtung (die Unnützen) vorwegnimmt.

 

„Das Duell“ von Castorf nach (!) Tschechow ist ein wüst blubbernder, gar komischer und anderseits ein entsetzlich glasklarer Diskurs über Sinn und Wahnsinn von Gedanken und Taten zum Zwecke des Fortschritts, die gelegentlich zu Revolutionen ausarten. Super Thema! Und zumindest bis zur Pause super Theater! Castorf, der so unverwüstlich sarkastische Romantiker ganz auf der Höhe seiner Kunst: Überwältigende Stimmungsmalerei mit Musikeinsatz aller Arten in einer kreiselnden Irrsinns-Arena (ein Mini-Datschendorf aus Kistenbrettern mit Kirche und Dixi-Klo auf der Drehscheibe). Terroristischen Menschenspiele um Macht und Ideen, vermischt mit viel Gemenschel aus Sentimentalität, Sex, Rausch, Ernüchterung. Die Regie schöpft aus dem prallen Fundus theatralischer Mittel. Alles ist drin von Klamotte bis Tragödie. Dazu pfiffige Spiele mit Schnipseln der Weltliteratur, der Wissenschaftsgeschichte, der Biografie des Regisseurs.

Atemberaubend, machbar nur mit hinreißenden Spielern. Da sind die Rois als bohemehafter Schwerenöter (Castorfsches Selbstporträt) und die Rieger als eiskalt mephistophelisch-faschistoider Sozialdarwinist; die beiden Antipoden und jeweils gleich Durchgeknallten. Dazu Kathrin Angerer als in Religion wenig sattelfester Diakon Pobedow oder Hermann Beyer als altväterlicher Arzt.

Dennoch: In gut vier Stunden ging der Regie in der letzten Stunde die Luft aus. Doch immerhin: In 180 Minuten erlebten wir mit elend großartigen Menschengeschichten voller Wahn und Qual ein so hochtouriges wie gallig komisches, tief trauriges Theaterglück.

Als grotesken Rausschmeißer noch eine Prise stark philosophischer Tobak von Castorf im Geiste Tschechows: Da verheddert sich die Angerer als arg dürftiger Diener Gottes im komplexen Wirrwarr von Glaube und Tat: „Glauben ohne Taten ist tot, aber Taten ohne … tut aber trüben … Taten ohne Trüben ist noch töter … Zeitvergeudung, weiter nichts.“

Wahrlich, so geht das in uns armen, depperten Chaoten. Ohne Hoffnung auf Besserung in unserer total absurden Welt. Amen.

Komische Oper -

„Sie kennen mich nicht, aber Sie haben schon viel von mir gehört“, sagte einst Werner Richard Heymann. Tatsächlich; kennt man nicht. Aber „Irgendwo auf der Welt…“ oder „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ oder „Das gibt’s nur einmal…“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“   das kennen alle. Heymann war einer der berühmtesten (Film-) Komponisten der Zwischenkriegszeit, seine hinreißend eingängigen, im Subtext hoch philosophischen Lieder sind Evergreens, Superhits, Volkslieder. 1933 kündigte die Ufa dem 1896 in Königsberg geborenen jüdischen Starmusiker. WRH verließ Berlin, ging nach Hollywood, kehrte 1951 nach Deutschland zurück und wurde bemerkenswert zurückhaltend empfangen; 1961 starb er in München. Seine kleinen Lieder sind große musikalisch-poetische Kostbarkeiten; ganz einfach und doch tiefsinnig – selten, dass es derart glückt. Ich gestehe, ich liege diesem Mann zu Füßen. Nun singt am 9. April in der Komischen Oper Dagmar Manzel Werner Richard Heymann. Und erhält zugleich den „Ehrenpreis Berliner East End“ (eine Vereinigung der Theater in Mitte längst der Friedrichstraße); Ladautio: Barrie Kosky, Chef der Komischen Oper. Alles in allem, der Preis, die Manzel, der Heymann, ein Ereignis. Darauf mein Herzenshinweis.

Renaissancetheater -

Zwei Weiber, drei Kerle, fünf Fräcke, Zylinder, Mikros, schwarz glitzernder Bühnenhimmel, blutroter Teppich und ab geht die Post. Drin sind Liebesbriefe, Hassdepeschen, Wutausbrüche, Wunschzettel, Wahnerzählungen, Sexreports und Ferkeleien. Immer aber mit Musik und Gesang; mal brünstig, mal traurig, innig, züchtig oder geil, solo oder tutti. Nein, die Renaissancetheater-Veranstaltung „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ ist kein bloß hübscher Liederabend mit Ansage, Trallala, Ansage. Sie ist etwas völlig anderes: Nämlich eine wie verrückt rasende, dann wieder bebend innehaltende und wieder losrockende Show über das einfach schwierige Leben als Frau, als Mann, als dazwischen und zusammen.

Vier toll tönende Schauspielstars (Anika Mauer, Andreas Biber, Roberto Guerra, Guntbert Warns) und ein toll schauspielender Gesangsstar (Helen Schneider) liefern eine von Torsten Fischer so fantasievoll wie perfekt inszenierte Revue aus lauter Daseinsbildchen (musikalische Leitung: Harry Ermer), die Leute wie Goethe, Shakespeare, Hollaender, Kreisler, Lindenberg oder Elvis punktgenau dem Leben abgelauscht haben. Alles Evergreens, Superhits. Alles Genialitäten der unterschiedlichsten Art aus Wort und Ton; kleine witzige, schmutzige bis hin zu todernsten, aberwitzigen, ganz großen.

Fischer und sein Dramaturg Herbert Schäfer (Script) haben daraus eben kein Nummernprogramm gebastelt, sondern ein raffiniertes Gewebe komponiert, das die herrlich artistischen, sexy kostümierten Solisten bauschen, knüllen, wickeln, werfen – als Drama, Kabarett, Zirkus, Klamotte, als Song, Liedlein, Oper oder Rockerei. Die Epochen, Orte, Stile gehen – thematisch passgenau – frappant ineinander über; aber immer fein stylish: Goethe knallt auf Brecht auf Hollaender auf Presley auf Kreisler, Grönemeyer. Tiffany‘s New York kommt zu Mauer-Berlin, Ufa-Tonfilm-Deutschland zu Wirtschaftswunder-Germany. Und stets geht’s um Küsse und Bisse, Hölle, Himmel, Seligkeit und Sauerei. Mackie Messer grüßt Faust, der nimmt sich nicht in acht vor blonden Frau’n. Aber Mephisto als Männerstripper mag den kleinen Popo vom süßen DDR-Vopo. So etwa. Quer- und queerbeet. Denn wer weiß schon genau, zu wem er wohl alles gehört.

Eins aber weiß ich: Ein derart perfekt großstädtisches und welthaltiges Entertainment als tolles Theater im Brettl-Format habe ich lange nicht erlebt. Wow! Überrumpelung. Faszination nebst Ulk ohne Reue. Zum Finale kocht der Saal. Stehende Ovationen. Nichts wie hin! (wieder 9. bis 14. April)