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Kulturvolk Blog Nr. 275

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

19. November 2018

HEUTE: 1. „Hunger. Peer Gynt“ – Deutsches Theater / 2. Autorenlesung „Glisbrod. Aus dem Leben einer Souffleuse“ mit Sabine Bergk / 3. IKARUS-Preis Berlin 2018  -- Atze-Musiktheater für Kinder

1. Deutsches Theater: - Großformatige Stimmungsmalerei

Hunger. Peer Gynt © Arno Declair
Hunger. Peer Gynt © Arno Declair

Dunkel ist das Weltall, und dunkel ist’s im Theater. Doch Nebel wallen (allerneueste Maschinerie mit speziellem Fluid). Dann glimmt ein Lichtlein. Dann tobt eine massige Figur in erstaunlicher Ekstase, in zeichenhaftem Auf- und Absturz über die leere Bühne. Dann Auftritt Figur zwei, die das Wort „Kuboaa!“ röhrt; so wie Hamsuns Romanheld, ein verwahrloster, verelendeter, verhungernder, Gott und der Welt abhanden gekommener und namenloser Jungautor in seiner Einsamkeitszelle, der sich mit dieser Wortschöpfung eine neue, geheime, eigene Welt erschaffen will.

 

So geht die Eröffnung von Sebastian Hartmanns dreistündiger Suche nach den „ungewöhnlichen, unterschiedlichen Energien“, die in Henrik Ibsens philosophisch-moralischem Drama einer Ich-Findung „Peer Gynt“ (1867) stecken sowie in Knut Hamsuns Erfolgsroman „Hunger“ von 1890, der die Seelendelirien und den Weltekel eines tragikomischen Außenseiters beschreibt.

 

Hartmann suche jedoch kein Narrativ im Zusammenspann des Ibsenschen Ideendramas vom durch die Welt reisenden Peer mit der Psycho-Tour von Hamsuns Elends-Paranoiker ins Innere, die weit vor Proust oder Joyce in einem radikal subjektivem Bewusstseinsstrom erzählt wird. Vielmehr hinterfrage der Regisseur Instinkte, den Umgang von Liebe, Hass und Tod, so die Ansage im Programmheft.

 

Also keine Story, kein Drama, keine Figuren, vielmehr zehn Spieler (genderkorrekt 50:50), die allerhand aus dem Zusammenhang gerissene Text-Schnipsel (vor der Pause Hamsun, danach Ibsen) in überwiegend freilich gekonnt erregtem Gestus hersagen oder geheimnisumwölkt flüstern. Dabei war doch – wieder Hartmanns Verlautbarung ‑ die einzige Vereinbarung, miteinander zu spielen sowie obendrein ein großformatiges Bild zu malen, für das Tilo Baumgärtel die praktikabel abstrakte Vorlage schuf.

 

Doch das Zusammenspiel reduzierte sich in praxi auf gymnastische Gruppenexerzitien sowie kollektives Pinselschwingen (teils auf atemberaubend hoher Leiter), derweil man im Vordergrund monologisierte. Doch die Schnipsel, das Erregte oder Geflüsterte, die Schatten, der unentwegte Grummel-Säusel-Dröhn-Sound, die mit Video überblendete, immerhin hübsch anzuschauende, abstrakt verkleckerte Schwarz-Weiß-Malerei (changierend zwischen Idyllischem, Urwüchsigem und Apokalyptischem), das alles animierte mich kaum zur gewünschten „Begegnung mit den Kräften und Abgründen, die unsere Existenz prägen, aber unserer Ratio entgehen“. Zusammenhanglos performative Wortakrobatik, Pinselartistik und effekthaschende Körperverrenkungen allein packen nicht wirklich, bleiben artifizielles oder krass gesagt anämisches Liebhaber-Entertainment. Wenn da auch von Wahnsinn, Verzweiflung, Scham, Liebessehnsucht, Hoffnung, Angst, Vertrauensverlust, Gottlosigkeit, Not und Einsamkeit knapp gefasst die Rede ist, sie zündet nicht. Versackt im rein Rhetorischen, in bloß räsonierender Behauptung. Zuweilen mit fatalen Einschlägen ins Esoterische, Bewegungs- und Maltherapeutische – angestrengt bedeutungshubernd aufgeladen. Leute, die womöglich weder Hamsun noch Ibsen kennen, mögen sich an frappierenden Optiken und fein formulierten Reizworten in der Wiederholungsschleife delektieren. Die Solisten von Adriana Braga Paretzki edel schwarz, gelegentlich in kostbar Brautkleid-weiß gewandet; unbedeckte Körperteile sind, abgesehen vom Gesicht, grandios tätowiert ‑ die Maske provoziert den Neid eines jeden Tattoo-Studios.

 

Hartmann, inzwischen 50, tapfer trotziger Romantiker aus Sachsen, ansonsten sympathisch verbissener Menschenverbesserer, gern dramatischer Berserker, gelegentlich auch opernpompöser Monumentalist neuerdings etwa als Verächter eines Theaters, das als Gefühlskraftwerk auftritt, ohne dabei der Denkfabrik abzuschwören? Früher brachte er beides überwältigend in eins. Ein besinnlicher Blick zurück nach vorn wäre anzuraten.

 

Zum Schluss der arg länglichen Veranstaltung hockt ein Peer am Boden im Regen, sein Grab vermessend. Ein richtiges, ein schönes Bild, das aber diesen exquisit vernebelten Bühnenbetrieb mit beschränkter Kommunikation auch nicht mehr hochreißt.

 

Ich fürchte, es ist ein schwerer und leider um sich greifender Irrtum, sich vom Schauspielen, vom dramatischen Erzählen einer Geschichte, also vom Text abzuwenden, um allein mit technischen Apparaten und Körperartistik ‑ wie beispielsweise üblich im Show-Geschäft des Unterhaltungsbetriebs Anreize zu geben für eine Auseinandersetzung mit Menschlich-Existenziellem. Auch das lose Einstreuen literarischer Zitate bewirkt da wenig. So ertrinken Inhalte in der Flut von Effekten und Stimmungen, die ein ratloses Publikum überschwemmt und schließlich hinfort spült; schlimmstenfalls.

(wieder 22., 29. November)

2. Autorenlesung im Kulturvolk-Haus: - Primadonnen im Clinch

Sabine Bergk © Hagen Schnauss
Sabine Bergk © Hagen Schnauss

Die Zeiten sind ja ziemlich vorbei, als die Souffleuse noch in einem Kasten an der Bühnenrampe hockte. Mittlerweile wechselt sie je nach Situation ihren Standort in den Kulissen. Oder sitzt in der ersten Parkettreihe mit Batterie getriebenem LED-Lämpchen ans Textbuch geklemmt. Oder sie läuft den Schauspielern auf offener Bühne mit zwei Schritten Abstand hinterher, dabei den Text murmelnd und bemüht, den zugleich arbeitenden Video-Filmern nicht in die Quere zu kommen. Aber immerhin: Noch gibt es „Soufflage“; allein schon zur nervlichen Beruhigung der Schauspieler oder Sänger. Und das nicht nur zu den Vorstellungen. Vielmehr ist die Souffleuse (oder der Souffleur) von der ersten Leseprobe an mit von der Partie. So setzt sich früh schon fest, an welcher Stelle bei welchem Solisten die Hänger lauern. Außerdem hält die Souffleuse jede Änderung im Script akribisch fest; gegebenenfalls geht sie mit den Spielern oder Sängern vor Vorstellungbeginn alles durch und wertet hinterher auch aus, damit sich kein Fehler erst einschleichen und im Hirn zementieren kann.

 

Speziell sind natürlich die Fälle diverser Hahnen- oder Stutenkämpfe im Betrieb; da sitzt die Flüstertüte am längeren Hebel und hat subtile oder ruppige Möglichkeiten der Rache. Dann schaut eben sie mal nicht nach oben auf den fragenden Mund, sondert steckt hingebungsvoll den Kopf ins Textbuch, derweil man oben auf den Brettern schweißtreibend den Ausfall zu kaschieren sucht.

 

Von derartigen Fällen des Missbrauchs von Macht vornehmlich im Bereich des musikalischen Bühnenbetriebs weiß die Autorin Sabine Bergk amüsant und spannend zu erzählen. Sie hat ihre teils dramatischen Erlebnisse in eine Novelle gegossen, in der eine tyrannische Primadonna von der Souffleuse auf raffinierte Art fertig gemacht wird. Dabei erfährt man allerhand aus dem Nähkästchen des singenden wie des säuselnden Berufs wie überhaupt aus dem Theater- bzw. Opernalltag. Sowie von so manchen szenetypischen Nervenzusammenbrüchen und Skandalen. ‑ Höchst vergnüglich; aber letztlich doch Respekt einflößend gegenüber Rampensau und Stichwortgeber. Am 26. November, 19.30 Uhr, liest bei Kulturvolk in der Ruhrstraße 6 Sabine Bergk aus ihrem grotesk überspitzten Erfahrungsbuch „Glisbrod. Aus dem Leben einer Souffleuse“; erschienen im Dittrich Verlag.

3. Auszeichnung für Atze

Die Hühneroper © Joerg Metzner
Die Hühneroper © Joerg Metzner

Mit dem IKARUS-Preis 2018 für herausragende Inszenierungen für Kinder und Jugendliche in Berlin, „die den Besuch zu einem besonderen Erlebnis werden lassen“, wurde soeben Thomas Sutters Produktion „Die Hühneroper“ im Atze-Musiktheater ausgezeichnet. Damit erhielt diese so verdienstvolle wie beliebte, von Sutter geleitete Institution zum wiederholten Mal auch offiziell öffentliche Anerkennung. Gratulation! – Das witzig und pädagogisch wertvoll für Bio und Tierschutz gackernde Stück läuft wieder am 16. Dezember, 16.00 Uhr, und am 17. Dezember um 10.30 Uhr. Im Audimax der Beuth-Hochschule Wedding, Luxemburger Straße 20. U9-Amrumer Straße. Kartentelefon: 030-81799188.

 

Hühner zur Sonne zur Freiheit

Man könnte flapsig sagen: Tiere sind auch Menschen. In Sutters witzig gackerndem Singspiel „Hühneroper“ (Regie: Göksen Güntel) heißt es seriöser: „Auch Tiere haben das Recht auf ein schönes Leben.“ ‑ Die Szene ist eine Eier-Lege-Batterie. Genau 3.333 Hennen hocken halbkrank in Käfighaltung. Dort müssen sie hart arbeiten: Jeden Tag ein Ei und manchmal sogar zwei. Acht der fleißigen Hennen erzählen stellverstretend für ihre 3.325 Kolleginnen teils singend im Chor oder als Solistinnen von der tagtäglichen Fron bei schlechter Luft und synthetischer Kost.

 

Doch da gibt es ein aufmüpfiges Hühnchen. Es träumt – hahaha ‑ vom Fliegen und goldene Eier Legen. Und schafft es mit überraschender Kraftanstrengung, ein Loch zu hacken in die Stallwand. Toll! Das Acht-Hennen-Kollektiv treibt ins Freie. Blauer Himmel, Sonnenschein, Gras zum Scharren und Picken, köstliche Regenwürmer. Der Saal jubelt mit dem befreiten Geflügel. Aber dann sinkt die Sonne, Angst macht sich breit: vor dem Dunkel, der Kälte, dem Fuchs. Und alle kehren artig zurück hinter die Gitter unter die Fuchtel des ausbeuterischen Stalldirektors. Doch wer einmal frei an der frischen Luft war, vergisst das nicht. Revolutionäre Stimmung macht sich singend breit: „Hühner zur Sonne zur Freiheit…“ Mit einem märchentauglich moderaten Kraftakt gelingt es der Hühnerschaft mit dem anarchischen Hühnchen als Anführer (die Kraft der Kleinen), dem Stall-Chef moderne Freitierhaltung abzupressen. Der verkauft nun die Eier etwas teurer als „Bio“, und so geht’s auch dem Hennenvolk endlich gut. Ein Finale wie sich’s ziemt für eine pfiffige Mär.

 

Vorweihnachtstipp: Statt Schokolade im Adventskalender mit den lieben Kleinen zum Federvieh in die Atze-Oper!

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