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Kulturvolk Blog Nr. 27

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

19. März 2013

Gorki Theater


Nachkriegs-Trümmerberlin, Sektorengrenzen, Kalte-Kriegs-Dämmerung, Schwarzmarkt, Elend, Lebensgier. Und mitten im Chaos der Schüler Werner Gladow als Al Capone vom Alex und Robin Hood der Ruinen, der mit seiner mörderisch raubenden Bande die Stadt in Angst aber auch in klammheimliche Bewunderung versetzt. Mit 18 Jahren endet er nach Sensationsprozess unterm Fallbeil. Der plebejische Aufruhr, das jugendlich Subversive als Orgie des Verbrechens   was für ein sozial wie politisch widerspruchspraller, mythischer, obendrein berlinischer Stoff! Armin Petras hat ihn zum weitgehend monologischen Stück „Gladow-Bande“ geformt. Gleichsam als Abschiedsgeschenk an die Stadt und das Gorki, das er demnächst verlässt, um nach Stuttgart zu wechseln.

Heiner Müller und Thomas Brasch (Film „Engel aus Eisen“) entfernten sich einst mit ihren Adaptionen des Stoffs vom blutrünstigen Milieu, konzentrierten sich auf den Gegensatz zwischen Anarchischem und Aufbaueifer der Angepassten, den einstigen Nazi-Tätern-Mitläufern. Bei Petras bleibt das höchstens angedeutet. Regisseur Jan Bosse aber verwischt es gänzlich, indem er mit freilich tollen Spiel-Chargen eine furios-sentimentalische Gangster-Revue farbenfroh ausmalt. Da gähnt kein Abgrund, kein Entsetzen, gleich gar nicht erwächst Tragik. Da rast die lustige Lausbuben-Party platt um sich selbst. Und Milan Peschel als Icke-Dette-Schnauze vom Dienst macht ganz groß den Show-Master.

Arena / Kriminaltheater

Nachmittag 26. November 1922. Der Archäologe Howard Carter lässt in einem frei gelegten Gelände am Nil – heute weltberühmt als Tal der königlichen Grabstätten   in einen just entdeckten steinernen Bunker ein Guckloch meißeln: Und Goldglanz funkelt ihm entgegen! Es war die Gruft des Knabenkönigs Tutanchamun, beigesetzt in einem System von Särgen und Grabkammern, gefüllt mit kunstvollen Gerätschaften für die weite Reise ins Jenseits. 5389 teils kostbarste Objekte barg das Carter-Team; heute allesamt im Kairoer Museum; sie dürfen Ägypten verständlicherweise nicht verlassen. Doch deren bewundernswert perfekt hergestellte Kopien sind unterwegs und werden grandios präsentiert in einer sensationellen Ausstellung in der Arena Treptow – „Edutainment“ als neuer Trend bei Altertumsausstellung. Zum Staunen und Lernen; Volkshochschule und Große Oper in einem. Unbedingt gucken!

 

Als sozusagen inoffizielles Begleitprogramm läuft im Friedrichshainer Kriminaltheater „Tod auf dem Nil“, der Klassiker von Agatha Christie, die ihrem ägyptologisch forschenden Gemahl den Staubpinsel schwingend bei dessen Buddeleien im Wüstensand assistierte. Da hatte sie reichlich Zeit, sich ihre hübsch blutrünstigen, fein ironischen, unbedingt mörderischen Gesellschaftsgeschichten auszutüfteln.

Schaubühne

Wieder das schicke Loft. Das den edlen Kudamm-Läden abgeguckte Ambiente für die in jene Berlin-Gegend so passenden bürgerlichen Katastrophen-Stücke; etwa von Henrik Ibsen oder jetzt „Dämonen“ von Lars Norén. Viel innenarchitektonischer Aufwand also für dessen bei Albee zwar ab-, aber doch nicht fortgeschriebenem Stücklein Geschlechterkrampf; bedeutungsvoll betitelt mit „Dämonen“.

Es war Anfang des Jahrhunderts, als Thomas Ostermeier den Kudamm-Traditionstempel übernahm. An jenem Schaubühnen-Neuanfang stand gleichfalls ein Werk des freudianischen Polit-Aktivisten aus Schweden: Noréns „Personenkreis 3.1“. Mit „3.1“ umschreibt die nordische Bürokratie Menschen der Kategorie „asozial“, und Norén lieferte eine als sozialpolitisch-kapitalismuskritisches Ausrufungszeichen gemeinte Endlosschleife quasselnder Erniedrigter und Beleidigter. Ostermeier inszenierte das damals als pingelig milieuechte Panorama-Tour durchs Plastiktüten-Milieu in Junkie-Town, dekoriert mit Kerzen und Chorälen. Eine Bettleroper als Anti-Elend-Predigt.

 

Und nun die Norénsche Endlosschleife nochmal. Nur: statt der sozial- jetzt die seelenkundliche – plakativ sind beide. Also weg vom Kudamm-fernen "3.1."-Milieu, hin zur auch nicht problemlosen Schickeria aus dem bürgerlichen Salon, wie etwa Ibsen sie vorzeichnete mit „Nora“ und „Hedda Gabler“, die Thomas Ostermeier wirklich packend in Szene setzte. Doch was er mit dem thrilligen Norén-Schinken „Dämonen“ anstellte, bleibt beim bloß könnerischen Ausbreiten opernhafter Meldoramatik. Allerdings liefert schon der Autor kaum mehr als das probate Rundendrehen der Stubenkämpfe von erkalteten Eheleuten, die sich notorisch auf die Nerven gehen: Nämlich die beiden Ehepaare Frank und Katarina (Lars Eidinger, Brigitte Hobmeier), kinderlos, sowie Tomas und Jenna (Tilman Strauß, Eva Meckbach), zwei Kleinkinder.

Norén dekliniert alle Formen hasserfüllter Demütigungen ordnungsgemäß durch   wie auch die vielen Arten heimlicher Hilferufe nach Herzenswärme. Doch fragt man sich spätestens nach einer Stunde: Warum lassen die nicht voneinander? Oder erwürgen sich kurzerhand? Oder geben halt so artig wie nötig Ehepartner-Rollen und suchen derweil draußen ihr bisschen Glück? -- Stattdessen spielen sie, mit Lars Eidinger als furiosem Meister, den ewigen Partner-Ärgere-Dich-Terror; von Ostermeier lang und breit, aber technisch perfekt ausgepinselt. (wieder 25., 26. März)

Habbema

Im Märzen kommt nach dem „Frauentag“ der „Hacksday“, zumindest auf der „Habbema“ geheißenen Brettelbühne der Peter-Hacks-Gesellschaft (Weißensee) mit viel Musik, Text, Trallala und Barbetrieb am 21. März. Da nämlich hat der aristokratische Walter-Ulbricht-und-Goethe-Fan, der sozialistische DDR-Verteidiger und rasiermesserscharf denkende Großschriftsteller von weltumspannendem Ausmaß Peter Hacks seinen 85. Geburtstag; leider verstarb er früh, dafür passend zu Goethes 254. Geburtstag am 28. August anno 2003.

Pointenstarkes P.-H.-Amüsement gibt’s zudem noch druckfrisch per Buch im Nachlassverwalter Eulenspiegelverlag: „Peter Hacks schreibt an Mamama. Der Familienbriefwechsel 1945-1999“. Kleine Sotisse gefällig über die SED-Parteisekretärin des Berliner Ensembles und eigentliche Autorin der „Dreigroschenoper“?   „Elisabeth Hauptmann ist eine sehr freundliche und sehr intelligente schielende kleine Dame, welche eigentlich die längste Zeit seines Lebens Bert Brechts Freundin, Helferin und Sekretärin war. Er hat ja immer Weiber gehabt, die für ihn dichteten, sie aber hat das meiste gemacht.“