0

Kulturvolk Blog Nr. 249

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

19. März 2018

HEUTE: Kudamm-Bühnen im Doppelpack: 1. Finale vorm Abriss / 2. Zukunft im Schiller-Theater

Kudamm-Bühnen 1 - Erinnerung an den Boulevard der Stars, Schlussakkord mit Striese

Kurz vor dem Abriss: Die Komödie am Kurfürstendamm © Thomas Grünholz
Kurz vor dem Abriss: Die Komödie am Kurfürstendamm © Thomas Grünholz

Die Tage sind gezählt, der Abriss naht, die altehrwürdigen Kudammbühnen – „Komödie“ und „Theater“ ‑ werden vereint umziehen ins Schiller-Theater. Es wird dauern, bis am seit einem Jahrhundert angestammten Ort Berlin, Kurfürstendamm 206, als Ersatz für beide Bühnen ein neues Theaterhaus stehen wird ‑ im Souterrain eines wuchtigen Neubaus in Standardarchitektur für Handel, Büro und Spielcasino.

 

Am 27. Mai ist absolut Schluss am Kudamm. Zuvor jedoch gibt’s großen Kehraus mit dem musicalhaften Liederabend „Das Wunder vom Kudamm“, dem Einmann-Klassiker „Der Entertainer“ ‑ Peter Lohmeyer gibt den liebend und schmerzlich vom Theater besessenen Unterhalter; mit Gayle Tufts Solo „Superwoman“ und Walter Plates Otto-Reutter-Abend, dazu die Wiederaufnahmen der Männer-Show „Ladies Night“. Das große Abschlussfeuerwerk liefert Katharina Thalbach mit ihrer jedermanns Herz entzückenden, die ganze große und kleine Welt des Theatermachens im Triumph umarmenden Inszenierung „Der Raub der Sabinerinnen“ von Franz und Paul von Schönthan und Curt Goetz. Es spielen Katharina (sie gibt den berühmten Theaterdirektor Striese), Anna und Nellie Thalbach, Markus Völlenklee, Sonja Hilberger, Richard Barenberg, Siegfried Kadof, Wenka von Mikulicz und Ronny Miersch. Am 27. Mai, 18 Uhr.

 

Bis zu diesem sinnfälligen Finale gibt’s im Foyer der Komödie die Ausstellung „Boulevard Berlin – Ein Jahrhundert Komödie am Kurfürstendamm“. Das schöne Projekt, gemeinschaftlich entstanden mit der TheaterGemeindeBerlin und der Stiftung Stadtmuseum, demonstriert – vornehmlich durch eine Fülle von Fotos ‑ ein feines Stück Berliner Theatergeschichte und wirft die Frage auf, warum es erst eines solchen traurigen Anlasses wie dem Abriss von Theatern bedarf, diese Geschichte ordentlich publik zu machen. Überhaupt ist es ein Unding, dass die Hauptstadt ihre immerhin weltbedeutende Geschichte der darstellenden Kunst (die ja hier besonders aufschlussreich ans Gesellschaftliche gebunden ist) im Wesentlichen noch immer unter Verschluss hält.

 

Am Kudamm fing es mit Theater an, als Imperator Max Reinhardt sein Bühnenreich Anfang der 1920er Jahre in den aufstrebenden Westen Berlins auszudehnen gedachte. Der Einbau eines Kinos in einen Gebäudekomplex scheiterte anno 1923 und gab Reinhardt eine Chance: Er kaufte, investierte so mutig wie beträchtlich und beauftragte den Stararchitekten Oskar Kaufmann, dessen Kleinod Renaissancetheater noch heute unbeschädigt in der Hardenbergstraße prunkt, mit der Verwandlung des Raums in ein intimes, elegantes Saaltheater mit zweigeschossigem Logenkranz, aufwändig dekoriert mit edlem Material im Stil des Art déco. Der bewusst imposant mit viel Licht gestaltete Haupteingang gleißte am Kudamm.

 

Die „Komödie am Kurfürstendamm“ etablierte sich im Luxus-Segment als anspruchsvolles Unterhaltungs-Startheater für die gehobene Bürgerwelt. Übrigens, den „normalen“ Abendvorstellungen folgten zwischen elf Uhr nachts und zwei Uhr morgens die so besonderen, schnell ruhmreichen Kabarett-Revuen – die, wiederentdeckt, noch heute begeistern.

 

Nach einjähriger Bauzeit – so fix ging das damals – wurde die „Komödie“ im November 1924 bei saftigen Kartenpreisen mit großem Tamtam eröffnet – Tickets für Reinhardt-Bühnen waren, ihr großes Problem, alle teuer. Man gab Goldonis Commedia dell‘ arte „Der Diener zweier Herren“ – ein gesellschaftliches Ereignis, das selbst Regierungsmitglieder sich nicht entgehen ließen.

 

Fortan spielte hier beinahe alles, was Rang und Namen hatte im Theater der Reichshauptstadt. 1934 emigrierte Reinhardt; Hans Wölffer übernahm das Haus, bis es 1943 durch Bomben beschädigt wurde. Erst 1951 konnte Wölffer die Komödie erneut übernehmen. Das Theater am Kurfürstendamm kam später hinzu; zunächst, nach dem Krieg, wurde es von der Freien Volksbühne bespielt und brachte dort wichtige Inszenierungen neuer Texte  heraus, symptomatisch beispielsweise die Uraufführung von Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ in der Inszenierung von Erwin Piscator 1963.  -- Hans W., seine Söhne Jürgen und Christian und schließlich Martin (sein Familienname jetzt mit „oe“), sie alle machten im Familienverband den Kudamm-Bühnenboulevard zum Markenzeichen groß und hielten ihn hoch trotz diverser Schwierigkeiten in der Nachwendezeit.

 

Übrigens: Als Extra der Fotogalerie (teils aus der archivalischen Wunderkammer des Märkischen Museums) werden unter Glas einige Preziosen erstmals öffentlich gezeigt: handgezeichnete Kostümfigurinen und Bühnenbildentwürfe. Dazu ein originaler Parkettsessel aus der Erstausstattung. Ein Gruß von (an) Oskar Kaufmann, der schon zur Eröffnung genau so gefeiert wurde für seine innenarchitektonische Preziose wie die Künstlerschar – sehr berührend.

 

Dazu passen zwei Fotos: Eins von Mitte 1920 mit der Fassade Kudamm 206 und dem strahlenden Lichtfächer überm Eingang zur Komödie. Daneben eine Aufnahme von 1951 aus gleichem Blickwinkel; die Komödie spielte wieder seit März 1946, als Achim von Biel das rasch wieder hergestellte Haus mit Schillers „Kabale und Liebe“ wiedereröffnet hatte. Doch nun zeigt das 1951er Foto die zwar beschädigte, doch noch stabil stehende, freilich fensterlose Fassade mit seiner feingliedrigen Stuck-Dekoration. Man hätte sie retten können. Hätte man doch nur die historischen Gebäude unter Denkmalsschutz gestellt und die festlichen Innenräume glanzvoll wieder hergestellt. Doch der Zeitgeist stand dem fatalerweise entgegen; was uns heute ärgert und ins teure Dilemma führte. – Immerhin hat man die Innenräume im Vergleich zum original stark vereinfacht wieder hergestellt; freilich mit wenig Sinn fürs Erbe, fürs Edle und Einmalige. Die schöne Art-déco-Fassade hingegen wurde gänzlich abgerissen um Platz zu schaffen für eine einfältige Nachkriegsmoderne (Architektin Sigrid Kressman-Zschach). Jetzt wird nun alles beiseite geschafft: die beiden Theater samt Kressmanns banalem Kudamm-Karree. Ein bedeutsamer Theaterstandort ist vernichtet. Soviel zum Sinn der Stadt für ihre Kulturgeschichte.

 

Noch ein Wort zum Nachkriegs-Nachbau der von Kaufmann gestalteten Zuschauersäle: Offen gestanden, der jetzige Zustand, den womöglich viele für original 1924 halten, ist ein bloß fader Abklatsch der damaligen Ausstattung – einige Details davon will man allerdings bewahren und einlagern, wahrscheinlich im Depot des Märkischen Museums. ‑ Um das ganze Ausmaß der Vernichtung des Kaufmann-Designs zu begreifen, genügt ein Blick in die Archive oder die Fotoausstellung oder ins Renaissancetheater – dort ist alles original Kaufmann. Eine Einmailgkeit.

 

Jetzt jedoch blicken wir erwartungsvoll nach vorn auf die Bismarckstraße und die Interims-Ära im Schiller Theater. Womöglich findet dort, im deutlich größeren Gehäuse, der Kudamm-Boulevard zu neuartigen Formen und Formaten ‑ Marke Bismarckstraßen-Boulevard.

 

Sachkundige Führungen durch die Ausstellung sowie hinter die Kulissen der Komödie wieder am 19. April und am 10. Mai; jeweils 18.30 Uhr mit anschließendem Vorstellungsbesuch (Karten über Kulturvolk oder telefonisch 030-88591188). Ansonsten ist die Ausstellung täglich bei freiem Eintritt geöffnet von 12 bis 18 Uhr.

Kudamm-Bühnen 2 - Nach Abriss und Umzug der Aufriss an der Bismarckstraße

Intendant Martin Woellfer im Schiller Theater © Michael Petersohn
Intendant Martin Woellfer im Schiller Theater © Michael Petersohn

Just vor drei Tagen machte Intendant Martin Woelffer den Deckel auf von der großen Kiste Zukunft im Schiller-Theater und verkündete Vielversprechendes vor dem Hintergrund einer riesigen Fototapete: Da glänzt die Fassade vom Schiller-Theater, in dem die Handwerker bereits an den umfänglichen Zurüstungen für den Einzug der neuen Nutzer auf Zeit rackern; Woelffer rechnet optimistisch mit drei Jahren. Der Vormieter Staatsoper hat bei seinem Auszug alles Technische akribisch ausgeräumt.

 

Die erste Bismarckstraßen-Saison beginnt am 23. September 2018 (en suite bis 28. Oktober) mit der Uraufführung von John von Düffels Bühnenadaption des Filmerfolgs „Willkommen bei den Hartmanns“ von Simon Verhoeven. Eine Starbesetzung wird angekündigt, bleibt aber noch geheim – der Regisseur Woelffer grinst spitzbübisch. Überhaupt, die Location Schiller-Theater lockt, so ist zu hören, in der prominenten Künstlerschar Deutschlands ziemliche Begehrlichkeiten, in diesem großformatigen Traditionsbau (1123 Plätze) als Spieler, Ausstatter, Regisseur zu arbeiten – ein echt positiver Nebeneffekt des Umzugs.

 

Dem Opening folgt am 2. November die Wiederaufnahme des Publikumsrenners „Die Tanzstunde“ mit Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen (Regie: Woelffer). Am 30. November ist Premiere von „Komplexe Väter“ von René Heinersdorff (der auch Regie führt) mit Hugo Egon Balder und Jochen Busse im Mittelpunkt; die beiden Stars stehen – kleine Sensation ‑ erstmals gemeinsam auf der Bühne. In der Vorweihnachtszeit und zum Jahreswechsel wird Gayle Tufts wieder, bewährt und gekonnt, witzige Adventskränze winden und fleißig frech Lametta nebst Silvesterraketen in den Winterhimmel schießen.

 

Ins Jahr 2019 startet man am 17. Januar mit einem in vielerlei denkwürdigen Coup: Es ist die fantastisch-komische Familiengeschichte „Hase Hase“ von Coline Serreau. Das vom Ex-Ehemann der Autorin Benno Besson inszenierte Stück war 1993 der gefeierte Rausschmeißer aus dem fortan geschlossenen Schiller-Theater als Hauptspielstätte der abgewickelten Staatlichen Schauspielbühnen. Damals u.a. mit Coline Serreau und Ursula Karusseit, den beiden Ex-Gattinnen des Regisseurs, sowie Besson-Tochter Katharina Thalbach. Die Thalbach und die Karusseit werden auch in der Neuinszenierung 2019 dabei sein; diesmal führt Coline Serreau selbst Regie. Dazu noch die Kinder Bessons, die Tochter und Enkelin der Thalbach, Markus Völlenklee sowie Johanna Schall, die Enkelin Brechts, der einst Benno ans BE engagierte. – Was für ein Familienbetrieb – die wandelnde Theatergeschichte.

 

Was für eine Situation: Im Schiller Theater spielte Katharina Thalbach im Thomas-Brasch-Stück „Lovely Rita“ die Titelrolle; es war ihr Westberliner Debüt 1977, ein Jahr nach der Ausreise aus der DDR. Zehn Jahre später debütierte sie in der Schiller-Theater-Werkstatt sensationell als Regisseurin von Shakespeares‘ „Macbeth“ in der genialen Brasch-Übersetzung. Dann wiederum stand sie im bitteren Schiller-Theater-Finale als Häsin in „Hase Hase“ auf dieser denkwürdigen Bühne, dessen Schließung sie heute noch wütend macht: „Eine Schande für Berlin, könnte kotzen, hat nichts gebracht außer wahnsinnigen Kosten und einem wahnsinnigen Verlust.“ Gleiches gilt – auch da wird Kathi wütend ‑ für den Kudammbühnen-Abriss, den die damals amtierende, leichtfertig einem äußerst fragwürdigen Kommerz sich andienende Kulturpolitik zu verantworten hat. Was obendrein dem Steuerzahler teuer zu stehen kommt: Statt bisher 130.000 Euro Jahreszuschuss sind nun 800.000 Euro fällig für das Nötigste – die mehr als doppelt so große Bühne verlangt mehr Technik, mehr Personal, Ausstattung, Stücke, höhere Produktionskosten.

 

Soweit erste Meldungen zur Bismarckstraßen-Planung. Ach, und die Kudamm-Sterne Nora von Collande und Herbert Hartmann wollen auch am Bismarck-Boulevard glänzen. In der Uraufführung (!) der Konversationskomödie „Alles was Sie wollen“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patelliere; das französische Autoren-Duo schrieb u.a. die Theatererfolge „Der Vorname“ und „Das Abschiedsdinner“.

 

Zum Schluss die Ansage eines zweiten Woelffer-Coups neben der theaterhistorisch geradezu denkwürdigen „Hase Hase“-Familien-Neuaufstellung: Die Zusammenarbeit mit der Tanzcompagnie Sasha Waltz & Friends. Ergänzend dazu soll ein Füllhorn vielfarbiger Kleinprogramme in den Foyers ausgeschüttet werden; dazu Kooperationen mit Schauspielschulen und Verlagen. Wir dürfen also – toi, toi, toi! ‑ den Aufbruch in eine neue Ära erwarten. Mit dem Motto, das weithin sichtbar diagonal über die Fassade gespannt werden soll: „Hier und jetzt! Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater“. ‑ Und ab jetzt läuft der Karten-Vorverkauf; auch via Kulturvolk.