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Kulturvolk Blog Nr. 236

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

11. Dezember 2017

HEUTE: 1. „Mord auf Schloss Haversham“ – Renaissance-Theater / 2. „Spiel mit der Zeit“ – Friedrichstadt-Palast / 3. „Geschichten von Henriette und Onkel Titus“ ‑ Peter Hacks, Hörbuch

1. Renaissance-Theater: - Tollerei total im zusammenstürzenden Blödel-Gehäuse

 © Barbara Braun Drama-Berlin.de
© Barbara Braun Drama-Berlin.de

Schon der Titel dieser englischen Kriminalklamotte „Mord auf Schloss Haversham“ assoziiert vieles: trübes englisches Wetter, ein uralter Herrensitz mit Kamin und Hirschgeweihen, unheimlich flackernde Lüster, Ahnengalerie in Goldrahmen, Fahrstuhl (der immerzu stecken bleibt), ein Gärtner (der nicht der Mörder ist) und schließlich ein (nicht ganz korrekten) Kriminaler nebst einem treuen Diener. Das wäre dann der Rahmen für ein familiäres Hickhack nebst heimlich erotischen Tätlichkeiten, einem Scheintoten sowie, na endlich!, einer echten Leiche.

Das britische Autoren-Trio Henry Lewis, Jonathan Sayer und Henry Shields hat die höchstens mäßig interessierende mörderische Handlung auf Schloss Haversham ausgeheckt – und dazu noch einen Gag, aus dem selbst jede noch so einfältige Inszenierung allerhand Funken schlagen kann; nämlich: Die Haversham-Story wird von einer Schar Laien gespielt. In der deutschen Übersetzung von Martin Riemann sind es die tumb-täppischen Theater-Enthusiasten der (fiktiven) Evangelischen Ernst-Reuter-Platz-Gemeinde, denen alles schief geht, was überhaupt nur schief gehen kann. Die aber trotz der gesammelten Katastrophen unentwegt weitermachen in ihrem tosenden Chaos, auch wenn schließlich alles krachend den Bach runter geht.

Derartiges macht auf einer renommierten Profi-Bühne wie dem Renaissance nur Spaß, wenn alle Laien nebst Regisseur gestandene Könner ihres Fachs sind. Selbstverständlich sind sie es! – So inszeniert denn der höchst erfahrene Schauspiel-Regisseur Guntbert Warns (nebenbei noch als Darsteller des lebenden Leichnams) ein Feuerwerk des Irrsinns. Oder: Kaskaden halsbrecherischen Slapsticks am laufenden Band. Mit Anna Carlsson, Guido Föhrweisser, Klaus Christian Schreiber, Boris Aljinovic, Thomas Schendel und Anna Thalbach.

Mit Konstantinos Angelakis, dem pfiffigen Techniker des pittoresken Bühnenbilds von Manfred Gruber, dessen Klipp-Klapp-Klipp-Klapp-Versatzstücke und Requisiten, seien sie auch noch so sperrig, den präzis chargierenden Theater-Hochleistungssportlern nur so um die Ohren und Köppe fliegen oder unter den Füßen wegbrechen. Bis am Ende wirklich alles, aber auch alles im Chaos zusammenstürzt.

Da mag man sich im Parkett angesichts dieses perfekt trainierten Haversham-Jux‘ hingerissen auf die Schenkel schlagen. Oder, bei niederem Verständnis für höheren Theater-Ulk, entgeistert mit dem Kopf schütteln. Wie dem auch sei: Die Show ist letztlich eine saftige Liebeserklärung ans Theater allgemein, an die Spielwut der Akteure im Besonderen wie überhaupt auf die unausrottbare Lust, mal wieder den unsterblichen Hanswurst über die Bretter zu jagen. – Nebenbei bemerkt: Das Krimi-Stückchen wurde vor drei Jahren in London uraufgeführt, bekam prompt den Laurence-Olivier-Preis als „Beste neue Komödie“, läuft seither ununterbrochen im West-End und seit dem Frühjahr 2017 auch am Broadway. Und jetzt auch am Ernst-Reuter-Platz. Ein Jux fürs entspannende Ablachen für jedermann; erst recht an Silvester.
(15.-18., 20.-31. Dezember, auch im Januar 2018)

2. Friedrichstadt-Palast: - Flauschige Feder trifft flapsigen Fuchs

 © Friedrichstadt-Palast Berlin
© Friedrichstadt-Palast Berlin

Womöglich hat es sich noch nicht ganz herumgesprochen in der Stadt: Der Friedrichstadt-Palast macht nicht nur eine weltweit bewunderte Super-Show, er pflegt auch das liebe lange Jahr hindurch ein Kinderensemble. Nicht nur für den Nachwuchs, sondern vornehmlich als Angebot für die Kleinen (ab Schulanfang), sportlich-spielerisch Kunst zu machen. Denn Singen, Tanzen, Verkleiden, das macht Spaß und sorgt nebenher für prima Selbstbewusstsein. Sozusagen ein Education-Programm. Knapp dreihundert Mädchen und Jungen gehören derzeit zum multikulti gemischten Kinderensemble des Palastes. Und fiebern ihrem alljährlich großen Auftritt entgegen (jeweils mehrere Formationen alternierend).

Jetzt ist es wieder so weit; diesmal ohne Lametta, Klingeling-Glöckchen, Schnee- und Weihnachtsmann. Dennoch ist die Fantasy-Show „Spiel mit der Zeit“ echt märchenhaft. Das bezieht sich nicht nur auf die überwältigend prunkende Ausstattung. Wenn schon Millionen Euro fürs Erwachsenen-Publikum auf den Kopf gehauen werden, will man den Gören gegenüber nicht geizen. Richtig so! „Kinder spielen für Kinder“, das ist dem Intendanten Berndt Schmidt eine Herzensangelegenheit; und pädagogisch wertvoll ist sein alljährliches Extra-Projekt obendrein. Der Erfolg spricht Bände: Schlangen an den Kassen (Tickets ab neun bzw. ab 35 Euro); die Vorgänger-Schau im letzten Jahr brachte nahezu hundertprozentige Auslastung.

Allein schon die unzähligen, aufwändig von José Luna entworfenen Kostüme sind sagenhaft (teuer) – und faszinierend schön, bezaubernd witzig. Da wird nicht geknausert, sondern geklotzt. Auf einer Riesenbühne Show mit einem Riesenensemble, ob mit den Kindern oder den Großen, da geht kein Klein-Klein.

Die Idee zur Veranstaltung stammt vom Intendanten selbst und ist so alt und immergrün wie das Revuetheater: Es geht um eine Reise durch Zeit und Raum: Drei Gören probieren ein neues Videospiel aus, die Konsole geht kaputt. Immer, wenn das Trio (erfolglos) dran rumbastelt, wackeln die Kontakte. Kurzschluss: Schon werden die drei – große Überraschung! ‑ zu Abenteurern. Werden unfreiwillig vom Sofa zu Hause im Kinderzimmer in fern vergangene oder fern zukünftige Zeiten und Welten geschleudert. Da erlebt man was, da lernt man was: In der Steinzeit, im alten Ägypten („Mumien gebt acht, erwacht!“), im Mittelalter oder im barocken Saal einer Wiener Bibliothek, bei den Dinos oder im Wilden Westen (Flauschige Feder und Flapsiger Fuchs grüßen mit der Friedenspfeife), bei Siegfried, der Schiss hat vor dem Drachen, und bei Prinzessin Thusnelda, die mit energischem „Zisch ab!“ den Riesenwurm vom Burghof jagt.

Ziemlich bunte Mischung. Alles im fliegenden Wechsel inszeniert (Regie: Andreana Clemenz). Mit gern rappigem oder sonst gängigem Sound, mit schlagerhaften Soli (wer genau hinhört: gewitzt getextet von drei Autoren), mit erstaunlich originellen Massentänzen (drei Choreographen). Selbstredend fährt der Palast immer wieder auch stolz seine mit teuerster High Tech vollgestopfte Bühnentechnik vor. Das Publikum staunt offenen Mundes, kreischt vor Begeisterung oder (die ganz Kleinen) vor Angst, wenn der herrlich gebastelte Drachen fürchterlich schnaubt. Nach gut zwei Stunden ist die fantastische Tour durch Räume und Zeiten vorbei. Zwei nette Computermenschen aus der Zukunft haben die Wackelkontakte in der Konsole repariert, den Hashtag auf Gegenwart programmiert, und so landen unsere drei Abenteuer-Touristen wieder wohlbehalten daheim. „Zuhause bedeutet uns viel, wir lieben dies Gefühl“ trällert holpernd, etwas erschöpft aber froh das Trio der Heimkehrer. Und die Eltern freuen sich ebenso.
(bis zum 31. Januar 2018)

3. Hörbuch: - Die rosa Nixe aus der Brause


Prima Mischung: Die kleine freche Henriette hat mehr Phantasie, ihr rüstiger Onkel Titus hingegen mehr Verstand, aber „jeder hat genug von beidem“, meint Peter Hacks, der das tolle Team abenteuerlichste Sachen erleben lässt. Da schlüpft eine rosasilbergrüne Nixe aus der Brause, als Henriette den Hahn aufdreht zum Duschen. Onkel Titus hingegen baut eine simple Nähmaschine einfach mal schnell um zur Denkmaschine, die, pädagogisch höchst inkorrekt, für seine Nichte die Schularbeiten macht. Und im Stadtpark fangen beide mit der Kürbisfalle einen Affen, der sprechen kann. Dann bringt Henriette ihren Freund, den Tagedieb, dazu, einen Sonntag zu stehlen. Weil: Es ist just der Tag, an dem der Onkel seine Nachbarin heiraten will – passt der eifersüchtigen Göre nämlich gar nicht…

Nichts sei verwirrender als das normale, alltägliche Leben, weiß Onkel Titus. Das hat ihm natürlich Peter Hacks gesagt, der Dramatiker, Lyriker, Essayist, der quasi nebenher die betörendsten Kinderbücher schrieb; u.a. „Der Bär auf dem Försterball“, „Jules Ratte“ „Prinz Telemach und sein Lehrer Mentor“ – wofür er den Deutschen Jugendliteraturpreis bekam. Seinen „Geschichten von Henriette und Onkel Titus“ (gedruckt im 11. Band der Werkausgabe; Eulenspiegel Verlag), denen kann man jetzt eine reichliche Stunde lang lauschen. Ist doch mal ganz was anderes als Lesen: Die große Berliner Schauspielerin Carmen-Maja Antoni und ihre Tochter Jennipher Antoni haben die zwischen Traum und Wirklichkeit segelnden Märchengeschichten eingesprochen auf einer CD (für 12,99 Euro im Eulenspiegel Verlag zusammen mit rbb-Kulturradio; auch als MP3 erhältlich). Dazwischen gibt es köstliche Gedichte wie das vom Ritter Kauz von Rabensee, der mit seiner Blechrüstung nicht klar kommt, oder das Lied vom musikalischen Nashorn, das eine Löwenherde zum Orchester macht; hierzu passend mein Hinweis auf den wunderbaren, von Klaus Ensikat so witzig wie kunstvoll illustrierten Hacks-Gedichtband „Der Flohmarkt“, auch bei Eulenspiegel, für 14,99 Euro. – Wer da auch nur kurz mal rein hört oder liest, will sie sofort haben und nicht mehr lassen, diese Herrlichkeiten. – Passen prima untern Christbaum.
(CD-Hörbuch Peter Hacks „Geschichten von Henriette und Onkel Titus“ und Hacks-Gedichte „Der Flohmarkt“, Eulenspiegel Verlag)