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Kulturvolk Blog Nr. 231

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

6. November 2017

HEUTE: 1. „Lieber schön“ – Komödie am Kurfürstendamm / 2. „Medea“ – Berliner Ensemble / 3. TV-Theatertalk / 4. Tipp: Wagnerei für Wagnerianer – Foyer Deutsche Oper

1. Kudammkomödie: - Gerede im Express-Tempo

 © Barbara Braun
© Barbara Braun

Es ist die permanent lauthals verkündete „letzte Spielzeit vor dem Abriss“ der beiden Bühnen am Kurfürstendamm, so der Intendant Martin Woelffer. Bis es in der Nähe zu den zwei alten, alsbald abgerissenen das eine neu gebaute Kudamm-Theater geben wird, solange nämlich wird man – hoffentlich - Quartier nehmen im von der Staatsoper geräumten Schiller-Theater mit seinem vergleichsweise großen Format bezüglich Bühne und Zuschauerraum. Dafür muss sowohl inhaltlich-dramaturgisch als auch hinsichtlich der Spielweisen neu gedacht werden. Eine beträchtliche, von Risiken nicht freie Herausforderung. Doch vor dem spektakulären Umzug im Sommer nächsten Jahres werden am Kurfürstendamm die ‑ nach Meinung des Chefs! ‑ besten Produktionen der letzten Zeit noch einmal vorgeführt. Wohl auch um zu prüfen, was man davon ergänzend mitnehmen könnte fürs Interims-Programm an der Bismarckstraße.

 

Deshalb jetzt, nach knapp zwei Jahren, die Wiederaufnahme von „Lieber schön“ von Neil LaBute. – Der Autor, Jahrgang 1963, zählt zu den flotten US-amerikanischen Vielschreibern mit Stich ins Virtuosentum sowie mit stocknüchternem Blick für die Wirklichkeit – und auch den Kommerz, erst für Hollywood, später dann auch für den Bühnen-Boulevard. Die mit Sarkasmus garnierten Texte des bärtigen Wuschelkopfes und ruhmreichen Szene-Lieblings flutschen und schnurren wie von der Nähmaschine genadelt. Macht Laune, hat Hintersinn. Auch wenn der in seinem Konversations-Quartett „Lieber schön“ ziemlich ins Hintertreffen geriet. Da wird sehr viel und dank der Regie Folke Brabands rasend schnell geredet, wobei ein solches Express-Tempo im gegebenen Fall zum Autor passt und dessen dramatische Schwäche und inhaltliche Schlichtheit einigermaßen überspielt.

 

Dabei ist das Thema, das die vier auftretenden Figuren umtreibt, überhaupt nicht billig: Es geht um einen – weithin verbreitet ‑ äußerst oberflächlich verstandenen, ja verinnerlichten Schönheitsbegriff. Sowie um Freundschaft, Kollegialität und um Aufrichtigkeit in Zweierbeziehungen. Da „treibt“ es ein Vierer von Mittzwanzigern zwar nicht wie anzunehmen überkreuz, vielmehr wird nur flach überkreuz geredet, was freilich bei den Figuren zerstörerische Konsequenzen zeitigt. Die besagte Flachheit der Rede baut keine Fallhöhe auf, die ein Sturz in wirklich tiefe Zerstörung braucht, die dann das Publikum heftig aufregen und gründlich überzeugen soll. – Könnte womöglich schwierig werden im Schiller-Theater…

 

Der Ausgangspunkt der Veranstaltung: Ein gewisser Greg (Oliver Mommsen) äußert gelegentlich gegenüber seinem Freund und Arbeitskollegen Kent (Roman Knizka), das seine, also Gregs Freundin Steph (Tanja Wedhorn), „normal“ aussehe. Diese so daher gesagte Äußerung wird von Kents Freundin Carly (Nicola Ranson) eilends der lieben Steph hinterbracht, was diese prompt in wütende Hysterie stürzt: Sie wolle nicht für „normal“, sondern für schön, für extravagant, für hinreißend etc. gelten. Dieser albern eitle Anspruch ist der dürftige Anlass für Steph sowie die drei anderen, darüber hin und her zu schwafeln. Und Steph ist flink und simpel genug, schnell noch kurz vorm Fallen des Pausenvorhangs aufgrund des Wörtchens „normal“ ihrem angeblich geliebten Greg den Laufpass zu geben. Tja, da hat man im Foyer bei Bier oder Bowle was zum Grübeln…

 

Im Teil zwei der Rederei stellt sich heraus, das Kent seine inzwischen geschwängerte Frau Carly obsessiv mit jugendlichem Frischfleisch betrügt. Eine Sauerei, aus der ein elendes Lügengespinst wuchert, über das der Autor und eben auch die Regie ziemlich flink hinweg rutschen. Auch wenn das Script an Anämie krankt (passiert auch preisgekrönten Schreibern wie LaBute), hätte man durchaus mit einem an Nuancen deutlich reicheren Spiel gegensteuern können, das die papiernen Figuren charakterlich (und vielleicht auch sozial) stärker konturiert und Psycho-Spannungen aufbaut. Das Quantum Ernst, das immerhin in diesem Stück steckt, blieb weitgehend unbelichtet. Der im einschlägigen Genre so erfahrene Regisseur hat hier alles bloß laufen und das unterforderte, strikt auf Schnellsprech dressierte Ensemble weitgehend im Stich gelassen. Immerhin ein Lichtblick: Oliver Mommsen, das herausragende Talent, war sichtlich stark und eigenständig genug, seiner Figur des Greg einige berührende Momente des Innehaltens, der Wehmut und des Schmerzes zu geben.

(wieder am  8. November, am 10. November wird die 50. Vorstellung gefeiert)

2. Berliner Ensemble: - Wahn und Vernichtung

 © Birgit Hupfeld
© Birgit Hupfeld

Die Bühne ist fürchterlich wie die Düsternis eines eiskalten Morgens. Im Hintergrund eine elende Mauer aus Beton als mächtiger Riegel gegen alles Helle, Warme, Sanfte (Bühne: Olaf Altmann). Das Dunkel gähnt, Schreie gellen, Entsetzliches dräut: Michael Thalheimer inszeniert die „Medea“ des Euripides, lässt mit unaufhaltsamer Wucht die zerstörerische Kraft verratener Liebe ins Bühnenleere stürzen. Fundamentalistischer Menschenwahn rast vom hohen Kothurn ins Menschenvernichtende. Constanze Becker (Medea) und Marc Oliver Schulze (Jason) spielen so nüchtern wie schmerzverzerrt das Ur-Grauen, welches gewaltig sehnende oder gewaltig blutende Herzen zu entfachen vermögen. Ein archaisches theatralisches Monument. Das ferne, aber auch vertrackt nahe, deshalb umso verstörendere Schreckensbild eines Irrsinnskriegs, der nie wirklich aufgehört hat wie auch immer unter uns zu wüten.

 

Ein unvergesslicher Paukenschlag vor Jahren im Schauspiel Frankfurt (ich war dabei). Jetzt wieder zur Übernahme im BE mit Constanze Becker. Man muss sie zusammen schauen mit ihrer Kleistschen Penthesilea; auch eine Berliner Übernahme aus Frankfurt unter Thalheimers Regie. Denkt man noch zurück an ihre Klytaimnestra in Thalheimers „Orestie“ von Aischylos weiland 2006 am Deutschen Theater, ist zu konstatieren: Die Becker war und ist ‑ unter Michael Thalheimer ‑ die wohl stärkste Tragödiendarstellerin im deutschen Sprachraum. Da haben sich zwei gefunden…

(wieder am 10., 12. November)

3. TV-Rederei über Theater

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die „Montagskultur unterwegs“ aus dem neuen Studio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße). Mit Alice Ströver sowie den Kritikern Henry Arnold und Reinhard Wengierek. Der besondere Gast ist diesmal Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue. Kritisch betrachtet werden die Premieren „Pelléas et Mélisande“ von Claude Debussy (Komische Oper), „Hundesöhne“ nach den Romanen „Das große Heft“, „Der Beweis“, „Die dritte Lüge“ von Agota Kristofon (Gorki Theater) sowie „La Bettleropera“ nach John Gay von Moritz Eggert (Neuköllner Oper). Später auch im Netz auf YouTube.

4. Tipp Deutsche Oper: - Wieland Wagner zum Hundertsten, mit Film, Vorträgen, Anja Silja und Nike Wagner

Die Deutsche Oper Berlin, die nicht zuletzt vor gut einem Jahrhundert erbaut wurde, um endlich Richard Wagners Werken in der Reichshauptstadt einen angemessenen Aufführungsort zu verschaffen (die Staatsoper hielt man für zu klein), dieses mithin auch für monumentale Formate pässliche Haus ist also dem sächsischen Groß- und Weltmeister des musikalischen (Überwältigungs-)Theaters sonderlich verpflichtet. Auch bot sie seinem Enkel Wieland Wagner, einem der maßgeblichen deutschen Opernregisseure der 1960er Jahre, eine wirkmächtige Plattform. Jetzt blickt ein Symposion (kritisch) zurück aufs Damals von W.W. in Berlin und Bayreuth. Der etwas verspätete Anlass ist sein 100. Geburtstag, der bereits am 5. Januar 2017 war – siehe auch Blog 222 vom 4. September. Überdies zeigt die DOB aus ihrem gegenwärtigen Repertoire an zwei aufeinander folgenden Wochenenden (9./12., 18./19. November) „Lohengrin“, „Tannhäuser“, „Holländer“.

 

Das Symposion, dem mein besonderer Tipp gilt, beginnt am Freitag, 10. November, um 15 Uhr mit einem Vortrag der Wiener Wissenschaftlerin Ingrid Kapsamer „Wieland Wagners ‚Kultisches Theater‘ am Beispiel seiner Berliner Inszenierungen ‚Tristan‘, ‚Lohengrin‘, ‚Meistersinger‘ 1959 bis 1962“. Um 16 Uhr folgt ein Gespräch mit Wielands Protagonistin, dem Weltstar Anja Silja; um 17 Uhr dann der Vortrag von Josef Lienhard „Szene in Licht und Farbe: Wieland Wagner in Bayreuth 1951 bis 1966“. Um 18 Uhr gibt es den Film über Wieland Wagner „Bayreuth zwischen gestern und morgen“ von 1967. Am Samstag, 11. November, spricht um 10.30 Uhr Stephan Mösch (Karlsruhe) über „Symbol und Wirklichkeit – Wieland Wagners Wandlungen in Bayreuth“ – nicht nur bezüglich des Künstlerischen, sondern vor allem des Politischen ein brisantes Thema. Um 11.30 Uhr kommt Nike Wagner, die Tochter Wielands, zum Gespräch. Alle Termine bei freiem Eintritt im DOB-Foyer.