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Kulturvolk Blog Nr. 230

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

30. Oktober 2017

HEUTE: 1. „Eine Familie“ – Berliner Ensemble / 2. „Kulturmacher in Berlin: Oliver Reese“ – Der Intendant des Berliner Ensembles zu Gast bei Kulturvolk in der Zentrale Ruhrstraße / 3. „Lenin“ – Schaubühne / 4. Tipp: Symposium über die Schwierigkeit, Theaterkunst zu archivieren ‑ Akademie der Künste

1. Berliner Ensemble: - Zimmerschlacht mit Allstar-Truppe

 © Birgit Hupfeld
© Birgit Hupfeld

Die perfekte, zugleich massenwirksam familiär-intime Klopperei unter Paaren wie zwischen Generationen lieferte der grandiose US-Literat Tracy Letts mit seinem Film-Script „Im August in Osage County“. Da wird keinerlei Rücksicht genommen auf gutbürgerliche Fassaden, Verklemmtheiten, Verdrängungen, Lebenslügen. Klar, dass sich Stars wie Meryl Streep und Julia Roberts nebst anderen Groß-Könnern des mimischen Gewerbes um die Mitwirkung in diesem Hollywood-Film geradezu rissen. Eine rabenschwarz gerahmte Komödie vom verrückt gelebten (oder eben verbittert nicht gelebten) Mittelklasse-Leben in der amerikanischen Provinz. Und obendrein vom bedrohlich vor und in der Haustür stehenden Tod. Ein lebenspraller Mix aus Komik und Grauen ‑ Albee, Williams, O’Neill lassen grüßen. Das ganze Menschenleben; viel Trieb und Lust, wenig Glück, viel Frust, Gewalt und Lüge. Ein Elend!

Was die Wirkung des Films betrifft gilt auch für dessen Bühnen-Fassung -  unter dem Titel „Eine Familie“ im neuen Berliner Schauspieler-Paradies BE. Sein Chef Oliver Reese hat ja keine hochmütige Scheu vor Hollywood, vor der Gier der Leute nach tollen Geschichten auch live auf der Bühne. Und schon gar nicht hat er intellektuell ausgetrocknete Bedenken gegenüber auratischen Schauspielern, die, einen intelligenten Text im Kopf, ihre Verwandlungskünste furios ausspielend mit Saft und Kraft die Sau raus lassen auf der Bühne.

Klar, dafür ist Letts‘ well made play ein gefundenes Fressen. Reese inszenierte es Anfang des Jahres quasi zum Abschied am Main und brachte es jetzt von der beidseitig einsehbaren Frankfurter Laufsteg-Bühne in den womöglich geeigneteren Berliner Guckkasten (das BE mit seinen, vom zweiten Rang abgesehen, für Schauspiel ziemlich idealen Dimensionen). Und lässt im gekonnt arrangierten Tableau wie in den intimen Einzelauftritten des formidablen Neurosenkollektivs die schweren wie schwelenden Konflikte aufeinander krachen. Zeigt die bösen, sadomasochistischen Auswüchse, offenbart alle Schmerzen, alle Wunden, lässt aber auch das Komisch-Groteske nicht aus – auch wenn da für zartbesaitete Gemüter gelegentlich mal dick aufgetragen wird. Darf man aber doch in dieser wahnsinnigen Familienschlacht, in der selbstredend auch all die berührenden, stillen Momente der Sehnsucht nach Glück ausgespielt werden. Wie überhaupt die Regie den Figuren stets respektvoll distanziert, also unsentimental und dennoch mit liebendem Blick gegenüber steht.

Freilich könnte man ein bisschen mäkeln über Jürgen Gollaschs eher schlicht illustrierenden Musikeinlagen mit fünf Musikern im Hintergrund. Oder richtig meckern über die doch ziemlich schlichten Video-Einspieler (verödete Kleinstadtbilder, diverse Naturstimmungen). Immerhin, diese kurzen, optisch-musikalischen Luftholer sind praktisch als Zäsuren in der etwa überlangen (und dadurch leicht länglichen) Szenenfolge.

Eigentlich eine Frechheit, die Namen dieser innerlich wie äußerlich tobende Allstar-Truppe erst jetzt zu nennen – und die Osage-County-Hollywood-Stars diesem Text voran gestellt zu haben. Mit ihnen können, ohne Übertreibung und nicht nur im August, die deutschen Kollegen es mühelos aufnehmen. Was für Schätze an unseren Bühnen auch außerhalb der Hauptstadt! – Also jetzt das Namedropping auf der Ehrentafel: Wolfgang Michael, Corinna Kirchhoff, Constanze Becker, Oliver Kraushaar, Carina Zichner, Bettina Hoppe, Franziska Junge, Martin Rentzsch, Sascha Nathan, Katrin Hauptmann, Aljoscha Stadelmann, Till Weinheimer.

Die Königin der Show gibt freilich die Kirchhoff: Ein immerzu krampfhaft um Steh- und Standhaftigkeit bemühtes körperlich-seelisches Wrack in dennoch faszinierender Schönheit. Böse geworden durch notorischen Liebesentzug; klarsichtig geblieben durch eine schier unkaputtbare innere und rhetorisch-rücksichtslos aggressive äußere Energie. Verlogenheit und hysterisch-divenhafte Theaterei wechseln (oder mischen sich gar?) im Handumdrehen mit eiskalt radikaler Ehrlichkeit. Eine schwer Suchtkranke, rigoros ringend um Selbstbehauptung, schmerzvoll lechzend nach Leben und – womöglich – gar nach einem letzten Rest von so was wie Glück. Ein verzweifelter (zweifelhafter?) Triumph des Trotzalldem!

Nebenbei bemerkt: In diesem alles in allem heftig packenden Drei-Stunden-Abend steckt auch eine Art Lehrstück über zwischenmenschliche Wahrheitsfindung. Dabei offenbart sich ein übergeordneter, psychologisch-philosophisch spannender Konflikt. ‑ Die große österreichische Autorin Ingeborg Bachmann sagte kühl, die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar. Dagegen steht die etwas vorsichtigere Meinung Thomas Manns. In seinem Goethe-Roman „Lotte in Weimar“ legt er sie dem Dichterfürsten in den Mund: „Das Leben wäre nicht möglich ohne etwelche Beschönigung durch wärmenden Gemütstrug, ‑ gleich darunter aber ist Eiseskälte. Man macht sich groß und verhasst durch Eiseswahrheit und versöhnt sich zwischenein, versöhnt die Welt durch fröhlich-barmherzige Lügen des Gemüts.“ Davon ist freilich bei Tracy Letts (Übersetzung: Anna Opel) kaum die Rede. Das brutale, eiskalte Umsichwerfen auch mit schlimmsten Wahrheiten – hier zeitigt es seine vernichtende Wirkung. Eine Sache schwer zum Nachdenken. Man könnte auch Friedrich Nietzsche bemühen, der meinte: „Man bleibt nur gut, wenn man vergisst.“ Auch dieser bedenkenswerte Spruch über totale Recherche und rücksichtsloses Offenlegen passt in dieses unheimliche Stück. (wieder 4., 5. November)

2. BE-Intendant Oliver Reese als „Kulturmacher in Berlin“ - – brandaktuell! zu Gast bei Kulturvolk in der Ruhrstraße

 © Katharina Poblotzki
© Katharina Poblotzki

Der sportliche Herr Anfang 50 tritt (zumindest der Fachwelt und dem Publikum) stets mit jungenhaftem Strahlelächeln entgegen – gehört sich auch so. Reese signalisiert Optimismus, Tatkraft, Erfolg. Und den hat er: Mischte er doch schon einmal und dann gleich 15 Jahre lang das Hauptstadttheater auf. Zunächst ab 1994 als Chefdramaturg unter Führung seines Ziehvaters Bernd Wilms das Gorki-Theater, das beide mit einem populär-boulevardesken Programm vor drohender Abwicklung bewahrten; dann in gleicher Arbeitsteilung mit Intendant Wilms das Deutsche Theater, das in der Ära Wilms-Reese weithin strahlte mit einer Fülle großer Namen und Inszenierungen.

 

Reese gilt als geschickter Manager und Programmgestalter, der mit seinen Spielplänen nicht nur dem Feuilleton, sondern vor allem dem Publikum gefallen will („leere Theater machen alles falsch“). Auch deshalb steht im Zentrum seines künstlerischen Denkens (auch als Regisseur) immer der Schauspieler. Für ihn ist das Ensemble der Star. Unter dieser Maxime führte er seit 2009 das Frankfurter Schauspiel aus Verkopfung und Verkrustung. Die Fachwelt nannte ihn etwas spitz „konservativ und wendig“, lobte jedoch seine Ensemblepflege und Nachwuchsförderung und seine „langsame Wagnissteigerung manchmal auf Kosten leiserer Töne“. Die begeisterten Frankfurter dankten ihm die Balance zwischen Klassischem und Neuem, Innovativem und Tradiertem mit Spitzenwerten der Platzauslastung.

 

Jetzt ist Reese zurück in Berlin und will das BE frisch frisieren – vornehmlich mit neuen Stücken für die große Bühne (und nicht nur fürs kleine Studio). Dafür möchte er vornehmlich Autoren aus dem englischsprachigen Raum gewinnen und solche, die bislang eher erfolgreich für den Film tätig sind. Ein erlesenes Spitzen-Ensemble hat er längst gecastet. Der BE-Start verlief schon mal vielversprechend ziemlich großartig, freilich mit einigen Stolpersteinen dazwischen. Doch unser führendes Branchenmagazin unkte schon mal vorab: Ein Signal für den „radikalen Aufbruch“ oder auch nur „für das künstlerische Risiko“ sei die Personalie Reese nicht, sondern eine kulturpolitische „Vollkasko-Entscheidung“. Die Abgrenzung zum DT und zur Schaubühne werde sich wohl höchstens im Bereich von Nuancen abspielen. Dem folgt als netter Gruß zum Amtsantritt die Frage, wozu sich Berlin eigentlich ein BE leiste.

 

Darüber und über das Schöne wie Schwierige des erfolgreichen Theatermachens im konkurrenzreichen Berlin kann das Publikum jetzt – exquisite Gelegenheit! ‑ diskutieren mit Oliver Reese in der Gesprächsreihe „Kulturmacher in Berlin“, eine gemeinsame Veranstaltung der Berliner Wirtschaftsgespräche e.V. und Kulturvolk. Am 2. November, 19 Uhr, in der Ruhrstraße 6, Wilmersdorf.

3. Schaubühne: - Am Sterbebett der Weltrevolution

 © Thomas Aurin
© Thomas Aurin

Milo Rau, 40 Jahre alt, aus der Schweiz kommend, ist politischer Aktivist, Dokumentarist, Filme- und Theatermacher. Ein heftig angesagter, vielfach ausgezeichneter Künstler, der uns mit seinen Arbeiten, seinen Projekten immer wieder das Elend in der Welt, gerade auch wenn es sich in ferneren Weltgegenden ereignet (Afrika), ans Herz und ans Gewissen legt ‑ durch exakte Beschreibung, suggestive Imagination, durch effektvoll eingesetzte Mittel künstlerischer Verfremdung.

 

Milo Rau will verstören, aufstören, aufklären, um möglicherweise Veränderungen wenigstens ein kleines Stück weit anzuschieben. Immer geht es in diesen Veranstaltungen um grauenvolle, oft gar durch (auch offizielles) Schweigen und Wegschauen begünstigte Verbrechen. Mit Themen wie Völkermord, Rassismus, Terrorismus, Missbrauch, Bürgerkrieg wird dem Publikum einiges zugemutet (s. auch Blog 159 vom 8. Februar 2016). -- Rau arbeitet multimedial; mischt Dokumentar-Material, Rekonstruktionen und Fiktives mit philosophisch-moralischem Diskurs, stellt Opfer und Täter einander gegenüber und staatliches Verhalten (Politik, Justiz) infrage.

 

Seine neueste Arbeit fürs Theater ist ein Mix aus Schauspiel und Film auf Grundlage einer aus Archiven und Bibliotheken gesampelten Textcollage. Thema: Die Große Sozialistische Oktoberrevolution in Russland 1917; der auf einen Begriff komprimierte Titel „Lenin“.

 

Wir erleben – historisch korrekt mit fiktiven Ergänzungen nachgestellt ‑ die letzten Tage des 53jährigen Wladimir Iljitsch Uljanow, der auf seiner Datscha im Kreise seiner getreuen wie inzwischen verfeindeten Genossen (Ehefrau, Hausarzt, Leibwächter, Trotzki, Lunatscharski, Stalin), gemartert von schweren Schlaganfällen, seinem Tod entgegen siecht. Der tritt am 21. Januar 1924 um 4.23 Uhr ein.

 

Zu diesem Zeitpunkt ist das einst auf globale Nachhaltigkeit angelegte antikapitalistische Projekt der Befreiung aller Erniedrigten und Beleidigten schon längst gestorben – an Lüge und Betrug, am Terror und Massenmord der Bolschewiki. Die Partei Lenins ist nur noch interessiert am Machterhalt mit allen Mitteln; Lenin selbst indirekt entmachtet und ohnehin bloß noch ein elend lebender Leichnam. Die Utopie ist tot, die, wenn man so will, Leninsche Tragödie. Ihre Fortsetzung nunmehr als mörderische Farce aber wird noch lange fortleben unter Lenins Nachfolgern. Soweit der Hintergrund.

 

Zurück zum Vordergrund: Lenins Sterbelager im Januar anno 1924 in seiner Datscha im Örtchen Gorki nahe Moskau. Eine Situation bringt die allgemein politische wie Uljanows persönliche Lage auf den Punkt. Da erzählt der offensichtlich sadistische Genosse Sicherheit begeistert von seiner Arbeit als Folterer (langsam die Gedärme des Opfers ausreißen); Lenin murmelt die Frage „Und warum?“. Die Antwort: „Um die Welt zu verändern. Den Menschen. So wie es ist, kann es nicht bleiben.“

 

Immer wieder kommt Ungeheuerliches unaufgeregt zur Sprache in diesem penibel nachgebauten Gemütlichkeits-Totenhäuschen mit Matratzengruft, Soljanka und Samowar auf der beständig dem Tod entgegen rotierenden Bühnen-Drehscheibe; daneben die Garderobe für die historisch korrekte Verkleidung der Schauspieler sowie der Schminktisch für die Protagonistin Ursina Lardi. Der darf man gespannt zuschauen, wie die Maskenbildnerin ihren üppigen Haarschopf bändigt und dem Schädel eine ordentliche Lenin-Glatze aufleimt. Obendrein sind Kameraleute unentwegt dabei, die Rederei des fiktiv letzten Besucherkollektivs von Lenins düster-funzelig beleuchteten Endstation zu filmen, was dann live und klar auf einer Leinwand hoch überm Set großformatig zu sehen ist. Wie im Kino.

 

Und sonst? Inhaltlich haben die 150 letzten Minuten der zur blutfleckfreien Ikone stilisierten Führungsfigur einer längst kaputten Revolution nichts Neues mitzuteilen. Aber: Wir dürfen Mitleid empfinden mit einem sterbenden, zaghaft von Skrupeln heimgesuchten Menschen. Letztlich sind es naturalistisch nachgestellte Szenen eines finalen Kampfes mit dem Sensenmann. Es ist ein aufwendig hergestellter, nochmaliger Abgesang auf die Weltrevolution. Großer Anlauf, kläglich verendet – wie Lenin im Schlagfluss-Gewitter. Das Donnern freilich bleibt ausgespart. Nicht aber die Frage, was es soll mit diesem vor Melancholie triefenden Abend. Milo Rau diesmal nicht auf der Höhe seiner ansonsten unerbittlich das Gegenwärtige befragenden Kunst. Milo Rau vielmehr als Kunstgewerbler. Wir stehen staunend stumm und fragen: Wie konnte das passieren? – Oder, total andere Lesart: Das ausgestellt Kunstgewerblich-Kleinbürgerlich-Spießige als bitterböse, grotesk-theatralische Pointe einer groß gescheiterten, ganz großen Emanzipationsanstrengung? Ziemlich zynisch angesichts der Gulags und Massengräber.

(wieder am 16., 18., 19. November)

4. AdK-Symposium: - Die Theaterkunst im Archiv

Wie kann eine so vergängliche Kunst wie Theater für die Nachwelt festgehalten werden? Große Frage, die schon Brecht oder Felsenstein vor einem Halbjahrhundert mit so aufwendiger wie penibler Aufzeichnung ihrer Arbeiten zu beantworten suchten. So initiierten sie als Mitglieder der Akademie der Künste (DDR) die (kostspielige) Herstellung von Inszenierungsaufzeichnungen und sorgten für (möglichst) komplette Archivierung ihrer schriftlichen Arbeitszeugnisse und Erfahrungen sowie deren wissenschaftliche Bearbeitung. Jetzt veranstalten das weltweit bekannte und berühmte Archiv Darstellende Kunst der AdK Berlin, der Förderverein Theaterdokumentation e.V., die Gesellschaft für Theaterwissenschaft, die Stiftung Universität Hildesheim, die Universität der Künste Berlin gemeinsam unter dem Dach der AdK ein ganztägigen Symposium zur Praxis und Wissenschaft der Inszenierungsdokumentation. Für Fachleute und Kenner wie für Liebhaber eine sensationelle Sache; und höchst verdienstvoll ohnehin im Sinn der Sache. Akademische Fachleute und prominente Künstler kommen zu Wort, zeigen Arbeitsergebnisse und diskutieren das Problematische. Am Sonntag, 5. November, ab 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr, im Clubraum der Akademie, Hanseatenweg.

 

Der besondere Hinweis: Im Deutschlandfunk läuft am 6. März 2018 (!) natürlich spätabends um 22.05 Uhr, wie immer für derart spannende Kunstsachen, die Dreiviertelstunden-Sendung der langjährig vornehmlich als Musikkritikerin tätigen Autorin Irene Constantin. Titel: „50 Jahre Theaterdokumentation in Berlin“. Nicht verpassen; rot anstreichen im privaten Kultur-Almanach für das kommende Jahr.