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Kulturvolk Blog Nr. 23

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

19. Februar 2013

Gorki Theater


Das löblicherweise prima in Hosentaschen passende Programmheftchen des Gorki-Theaters druckt ganz brav den Inhalt der Shakespeare-Tragödie „Macbeth“ ab. Freilich ohne den aufklärerischen Hinweis, dass man in der Inszenierung davon so gut wie nichts sehen wird. Der für seine bis in den luftleeren Raum weit schwingenden Fantasien bekannte und auch berüchtigte Regisseur Robert Borgmann zeigt nämlich kein Drama und keine Figuren, lässt also die Story flugs beiseite und zelebriert in rührend selbstherrlicher Eitelkeit seine private Macbeth-Seance der total autonomen, also kaum nachvollziehbaren Art. Da wird wie verrückt und sehr gelenkig herumgekaspert (passend zum Premierendatum Karneval), zwischendurch mit Bach und Pop Musik gemacht, mit Blut, Lehm, Wasser und Farbe gespritzt. Auch wird mit Zeit- und Geistesgeschichte gealbert. Hannah Arendt, Heidegger, Trotzki treten auf als Karikaturen, Kant wird zitiert, Bilderschnipsel von Diktatoren flimmern über die Videowand. Und wenn zufällig ein paar Sätze vom Autor oder von sonst wem fallen, wird genuschelt dass es nur so rauscht in der Ohrmuschel. Eine zähe Dreistunden-Orgie der Blasphemie und Beliebigkeit.

Statt einer sanften Vorbereitung des Publikums auf diese Warum-auch-immer-„Macbeth“-Vernichtung hätten im Programmheft wenigstens einige erhellende Worte der Regie stehen können. Stattdessen werden Walter Benjamin, Wolfgang Sofsky, Norbert Elias, Michel Foucault abgedruckt. Seminarlektüre. Am lang ersehnten Ende der altbacken-gestrigen Chaos-Veranstaltung und obendrein gigantischen Ressourcenverschwendung ein sarkastisch ironischer Satz der Übersetzerin Dorothea Schlegel: Das Ganze sei „ein Märchen erzählt von einem Dummkopf voller Klang und Wut“, das nichts bedeute – aber Borgmanns Riesenmissverständnis auf den Punkt bringt. Denn unser kleinkariert konfuser Bühnen-Spielmatz kann weder groß Mörder-Märchen, Wahn, Wut, Depression oder Klang, sondern bloß groß dämlich. Wenn das etwa die Banalität des Bösen auf der Bühne sein sollte – zum Kichern. Oder Ärgern.

10 Jahre Primetime-Theater

Das in seiner Art einzigartige Primetime-Theater am U-Bahnhof Wedding, just vor zehn Jahren im Februar 2003 erfunden – da verteilt kein Kulturstaatssekretär Blümchen!   von Constanze Behrends und Oliver Tautorat, das beginnt immer pünktlich 20.15 Uhr, hat 220 Plätze, 14 Quadratmeter Bühne, bloß viermal Proben und keinen Regisseur. Eine selbstausbeuterische Kollektivwirtschaft mit 21 Kollegen nach dem Motto „Nahsehen statt Fernsehen“ im Zeitalter der immer flacher werdenden TV-Programme und oft immer verkopfter und weltfremder werdenden mehr oder weniger hoch subventionierten Theaterproduktionen. Der Senat lehnte die Basisförderung stets ab („Boulevard-Theater wird nicht aus diesem Topf gefördert“); bei 95 Prozent Auslastung nicht die ganz große Katastrophe. Die Primetimer antworten: „Wir schaffen den dritten Weg zwischen experimenteller Szene und Boulevard; wir machen modernes Volkstheater.“

 

Dessen Dauerbrenner von Anfang an: Die längst voll kultige Sitcom „GWSW“ (Gutes Wedding, schlechtes Wedding). Das ist herrlichstes Vorstadt-Theater; mittlerweile strömen sogar Touristen, um hier uriges Berlinertum zu beklatschen. Und tatsächlich: Die Schnauze ist beträchtlich, das Herz aber auch. Hier rumpelt deftiges Rummelplatztheater, blüht die Lust am Mummenschanz und improvisiert Unperfekten, an Weltverbesserei und durchtrieben plebejischer Rampensauerei. Und alles das, auch ohne Regie, immer prima getimed mit präzis chargierenden Mimen in pfiffigem Video-Bühnenbild.

 

Da ist ein geistreich gestörter Szenebetrieb (mit angeschlossen gemütlicher Kantine nebenan) im integrationsproblematischen Wedding hingebungsvoll zugange; zwei Mal 40 Minuten plus Pause. Dem liefert die superkluge Blondine mit den kilometerlangen Beinen Constanze Behrends das Script   dem Leben genau abgelauscht und perfekt auf den Punkt gebrachte Dialoge. Lauter wortwitzige Meisterstückchen.

Und Oliver Tautorat mit der Wuschelperücke macht den mopsigen, in Kopp wie Gliedern gelenkigen Superstriese, der das Publikum begrüßt, beflachst, ein bisschen vor den Kopf stößt, um es dann an seine breite Brust zu drücken – und zum Auftakt obendrein Zuckerzeug wie beim Karneval als Kamelle in die Reihen zu werfen.

Dieses sozial hellwache, politisch fantastisch unkorrekte Unternehmen brettelt, blödelt, quatscht vom metropolisch widerspruchsvollen Zusammenleben und zieht alle daran Beteiligten (inklusive Publikum) durch den kochenden Kakao. Dass solch einer Heißbehandlung zumindest ein Minimum an öffentlicher Förderung verweigert wird, spricht für den ignoranten Hochmut hauptstädtischer Kulturpolitik, die sogar Weltklasse-Stars wie Shasha Waltz schlägt - oder eben Kiez-Größen.

 

Davon ungerührt strömt die intellektuelle, proletarische, mittelständige oder migrationshintergründige Basis in Massen. Und hat also verstanden, was da allabendlich 20.15 Uhr abgeht in der super kultig-komischen Serie: Döner, Boulette, Frühlingsrolle hemmungslos verhackstückt; Privates, Politisches und Zeitgeistiges real-absurd vermischt mit Pop und Klamauk. An solcherart Ragout hat das Volk viel zu kauen, schlucken und kichern.

Wie jetzt wieder in der neuen, 83. GWSW-Folge „Das Dönerjubiläum“, mit der das Off-Brettel an der Müllerstraße stolz sein immerhin zehnjähriges Existieren feiert.

Da knallt Kalle, der Bote von der alten gelben Post mit Zungenfehler und Akkusativverwirrung zusammen mit seinem besten Freund Ahmed, dem Dönerbunden-Besitzer, weil der zur neuen grünen Pin-AG wechseln will. Punkerin Ratte sucht zu vermitteln. Sie weiß, „Chez Ölgür“ hat 30-jähriges Geschäftsjubiläum. Und organisiert für Ahmed ein Fest   nach reichlich Krächen, aberwitzigen Irrungen, verrückten Seitenblicken in ein kundenfeindliches Gewerbeamt, in eine tollhäusige Schulstunde Sexualkunde sowie in eine höchst seltsame Paar-Beratung von Tom aus der Männerstillgruppe und seiner karrieresüchtigen Aromatherapeutin Theresa nebst der von beiden für ihre Gören engagierten türkischen Brutalo-Nanny. Zum Finale tobt schließlich die Döner-Party, die knallharten Rapper Mushido und Penissilea rappen Schnulzen. Alles durchgeknallt, aber hintenrum sinnvoll.

 

Unsereins als alter Zausel der Szene, der nun schon seit Jahrzehnten echt großes Weltklassetheater nicht nur in Berlin sah, aber eben auch viele anämisch verkopfte Großanstrengungen einer hoch subventionierten, das Publikum arrogant verachtenden Theatervernichtung erlitt, ich muss sagen: GWSW hat mich mit seinem die Leute schlitzohrig umarmenden rüden Sarkasmus immer begeistert und von keimendem (Theater-)Trübsinn erleichtert. Ein kitzekleines, liebevolles Kiez-Theaterwunder in integrationsproblematischem Areal, in dem Unterschiedlichstes aufeinander prallt.   Die gehypte, sozial basis-forschende Domina des migrantisch gefärbten berlinischen Multikulti-Volkstheaters, Shermin Langhoff, würdigte das geradezu klassische Integrations-Beispiel Primetime-Off bislang keines Blickes. Die bislang einzig offiziöse Anerkennung kam von einem Boulevardblatt, das den Weddingern im letzten Jahr cool den „BZ-Kulturpreis“ gab. Und ich liefere an dieser Stelle mein hingerissenes Online-Bravo! Prost Döner aufs nächste GWSW-Jahrzehnt.