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Kulturvolk Blog Nr. 222

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

4. September 2017

HEUTE: Auf in die neue Saison – neues Spiel, neues Glück! Doch als Vorspiel noch ein paar Blicke zurück. 1. Wagnerei in Bayreuth mit Richard, Wieland und Barrie Kosky – Villa Wahnfried, Festspielhaus, Kino Delphi Berlin / 2. Moriz Seeler – eine Orchidee des Theater-Avantgardismus in der Reichshauptstadt um 1921

1. Stippvisite bei Wagners zu Hause in „Wahnfried“ - Richards „Tristan“Akkord, seine Samtkappe, sein Enkel Wieland als Wendehals und im Kino Barrie Koskys „Meistersinger“

Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele
Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele

Foto © Enrico Nawrath

Endlich bestieg auch Barrie Kosky den Grünen Hügel – ein Muss für einen jeden Großen (wie sogar Kleineren) der Branche. Sind doch die Herausforderungen, hier zu arbeiten, allzu verführerisch – ganz gleich, wie kritisch (liebend) man Wagner, diesem Weltmeister, Extremisten, Radikalinski des musikalischen Dramas, gegenüber steht mit seinen unglaublich fantastischen, hinreißenden wie auch befremdlichen Ambivalenzen.

 

Freilich, nahezu überall in der Welt wird Wagner inszeniert. Doch sein Festspielhaus in Bayreuth, vom Dichter-Komponisten erdacht und errichtet zur "mustergültigen" Aufführung allein seiner Werke – eine globale Einmaligkeit! ‑, dieses Theater ist halt ein überaus spezielles Kunst-Lokal: Extrem auratisch, extrem aufgeladen mit Weltklassekunst, Politik, Geschichte, Sensation, Skandal.

 

Also Barrie Kosky, Chef der Komischen Oper Berlin, Australier, Jude und Richard Wagners „Meistersinger“, die sich im alten Nürnberg wegen neuer Kunst in die Haare kriegen. Eine konservative Revolution, moderiert von Hans Sachs, dem meisterlichen „Schuhmacher und Poet dazu“, der bei dieser Gelegenheit gleich noch eine neue, großartige deutsche Reichseinigkeit beschwört und quasi nebenher einem betörenden Liebespaar zum Glück verhilft.

 

Für Kosky ist klar: Im Fünf-Stunden-Opus steckt eine fantastische Selbstbespiegelung des Komponisten (Wagner = Sachs), eine von Abgründigkeit nicht freie Liebeserklärung ans immer wieder zänkisch depperte Volk und in der Figur des Beckmessers eine böse Karikatur aufs Judentum (nicht nur in der Musik). Alles richtig gesehen vom Regisseur, doch nicht neu und nicht durchweg vollkommen schlüssig in Szene gebracht. Aber: Es gab was zu gucken. Und zu hören sowieso. Am Ende frenetischer Jubel.

 

Wer die teuren Tickets nicht zahlen will, aber trotzdem Wagner mag nebst der märchenhaft markgräflich-fränkischen Residenz, der sollte wenigstens Richards Stadtvilla inspizieren: Haus „Wahnfried“.

 

Nach langjähriger Sanierung ist es wieder zugänglich zusammen mit einem Neubau-Pavillon für Ausstellungen sowie dem historischen Nebengebäude, genannt „Siegfried-Haus“ (zehn Jahre nach des Meisters Tod vom Sohn errichtet, von dessen Ehefrau Winifred bewohnt bis zu ihrem Tod 1980). Eine nationale Gedenkstätte. Ein musealer Ort, der, vornehmlich über so spannende wie erhellende Filmausschnitte, eine schwierig-deutsche Geistesgeschichte sachlich spiegelt (politische Vereinnahmung in der NS-Zeit, Antisemitismus). Dazu Wagner-Reliquien (Samtbarett, Goldrandbrille, Teetasse, Koffer, Federhalter), hübsche und bizarre Familienfotos sowie Kopien diverser Stücke aus Wagners gigantischem Schreibbüro. Pointiert wird ein sagenhafter Lebenslauf aufgeblättert, kritisch und auch für Laien nachvollziehbar seine komplexe Denk- und Werkgeschichte.

 

Neben der Villa, im elegant-schlichten Neubau-Pavillon die szenischen Dokumente aller Bayreuther Festspielzeiten, ein Café mit Nischen zum Wagner-Hören über Kopfhörer aus dem Computer. Das Tollste aber: Partituren auf Video, die Signifikantes via Notenbild und Musikeinspielung verstehbar machen. Beispielsweise der revolutionäre „Tristan“-Akkord. Oder das Es-Dur-„Rheingold“-Vorspiel, die in 136 Takten in Töne gebannte Welt-Schöpfung. Faszinierend. Lehrreich. Überwältigend. Oder einfach: Schön!

 

Dazu als spannende Aktualität: Die Sonderausstellung zum 100. Geburtstag des Wagner-Enkels Wieland. Ihr Titel bringt den Diskurs der Gegenwart um diesen Mann auf den Punkt: „Es gibt nichts Ewiges. Wieland Wagner – Tradition und Revolution“.

 

Wieland, einst „Hätschelbub“ Hitlers, der als Onkel Wolf quasi zur Wagner-Nachkommen-Familie gehörte, zog nach 1945 „den Karren aus dem Dreck“, so Wielands Sohn Wolf-Siegfried, der sich – ganz liebendes Kind ‑ gegen das Ansinnen der Nachwelt stemmt, aus seinem Vater „einen Nazi zu machen“.

 

Fakt ist: Das mit dem „Karren“ stimmt, indem Wieland, inszenierender Festspielchef ab 1951 bis zu seinem Tod 1966, mit einer radikalen „Entrümpelungs-Aktion“ das so genannte „Neu-Bayreuth“ erfand: Die Sänger in stilisierten Kostümen und Masken wie Statuen, die weite Bühne ein Raum aus Leere und Licht und bestückt mit wenigen, signifikant-skulpturalen Versatzstücken. Wagners Mythenwelten verfrachtet in die Abstraktion, ins gesellschaftspolitisch Neutrale.

 

Doch die Ausstellung stellt klar: So neu war die pfiffig als Entnazifizierung gedachte, freilich perfekt und enorm wirkmächtig gemachte Show nicht. Holte sie sich doch ihre grandiosen, markanten Formen aus dem bereits in der Vorkriegszeit demonstrierten Expressionismus. Der Regisseur, Maler, Bühnenbildner Wieland Wagner war zweifellos ein begnadeter Künstler und, so muss man sagen, zugleich ein genialer Adapter. – Übrigens: Mancherlei Instrumente aus der Regie-Kiste eines Frank Castorf oder Barrie Kosky stammen gleichfalls aus dem Arsenal der Altvorderen aller Epochen. Entscheidend freilich ist, für welche Aussagen man sie einsetzt. Wieland wusste die seinen zu nutzen entsprechend dem Geist seiner Zeit – und persönlichen Situation, in der sich zeigt: Wieland war ein Wendehals.

 

Ob er nun zuvor vom Nationalsozialismus „vereinnahmt“ war (sagt Wielands Tochter Nike) oder „verführt“ (sagt Sir Peter Jonas, Münchner Ex-Operndirektor), das sei dahin gestellt. Die Ausstellung signalisiert jedenfalls schlüssig: Wielands streng expressionistisches „Neu-Bayreuth“ war „retro“, war ästhetisch ein Rückgriff in Vor-Nazi-Zeiten, war, so das Fazit der Wieland-Schau, „eine Flucht vor dem Tribunal in einen schuldfreien Raum“.

 

Barrie Kosky als unser Zeitgenosse stellt sich mit seiner „Meistersinger“-Festspielinszenierung selbstverständlich dem zwielichtigen Kontext dieses Wagner-Werks, den erst unsere jüngere Geschichte in seiner ganzen Krassheit offenbart: nämlich die totale Vereinnahmung durch NS-Propaganda – von Wieland geflissentlich ignoriert.

 

Was da für unsereins untergründig so entsetzlich mit schwingt, Kosky zeigt es beispielsweise überrumpelnd überdeutlich in der berühmt-berüchtigten Prügel-Szene, in der sich die Nürnberger Bürgerschaft enthemmt an die Gurgel geht: Die exzessive Schlägerei entartet zum Pogrom. ‑ Und: Der zweite und dritte „Meistersinger“-Akt spielt im Gerichtssaal des Nürnberger NS-Prozesses 1945 (der erste spielt 1862 quasi als Salontheater in Richards privater Edel-Behausung Villa „Wahnfried“).

 

Besonders berückend und frappierend originell: Koskys Blick aufs „Meistersinger“-Finale: Hans Sachsens / Richard Wagners programmatische Schluss-Ansprache ans Volk („Verachtet mir die Meister nicht…“) auf jetzt überraschend leer geräumter Nürnberger Festwiese. Des Volkes Gewimmel flugs zerstreut steht da ‑ und er kann nicht anders ‑ ein einsamer Sachs-Wagner, der zu seinem agitatorisch-volksaufklärerischen Singsang ein Double-Bayreuth-Orchester dirigiert, das auf beweglicher Tribüne langsam auf die nun menschenleere Bühne gefahren wird. Hans Sachsens oder Richard Wagners oder Barrie Koskys erzieherische Mahnung – nun nicht mehr wie sonst üblich für die Leute aus Alt-Nürnberg, sondern quasi rein konzertant fürs Publikum im Saal, für uns alle heute. Und zugleich eine tief berührende Verbeugung vor dem einen großen Meister – sowie den vielen anderen auch. Ein schlagendes Finale! Eine Feier des immergrünen Wagnerschen Weltkunstwerks. Menschlichkeit, Weisheit, Schönheit, hohe Kunst, souverän in Kritik, Demut, Liebe.

 

Nachbemerkung: Wer keine Zeit hatte und kein entsprechendes Budget, tagelang nach Bayreuth zu reisen (es gab ja noch, heuer zum letzten Mal, Frank Castorfs wahrlich spektakulär-hollywoodeske, weltpolitisch wie menschheitsgeschichtlich anspielungsreiche „Ring“-Inszenierung), der konnte (als Berliner) für 28 Euro im Kino Delphi Koskys „Meistersinger“-Produktion sehen, sie wurde just am Premierentag übertragen. Kostenlos kam sie ein paar Tage später im TV auf 3sat. Die ältesten Festspiele der Welt ‑ ein deutsches Alleinstellungsmerkmal ‑ mittlerweile für jedermann und alle Welt. Sehr im Sinn von Richard Wagner.

2. Gedenken: Moriz Seeler - Genialer Avantgardist, feinsinniger Poet, tragischer Held

Moriz Seeler
Moriz Seeler

Er war Stammgast im Romanischen Café, seine ständige Begleitung war ein kleiner Hund. Er schrieb Aufsätze für Ossietzkys „Weltbühne“, Sketche für Reinhardts Kabarett „Schall und Rauch“ und lieferte das Konzept für „Menschen am Sonntag“, den Film, mit dem Billy Wilder und Robert Siodmak groß rauskamen. Doch das wirkungsvollste, nachhaltigste Verdienst des Multitalents Moriz Seeler, der in Publizistik, Theater, Dichtkunst reussierte, war sein einzigartiges Gespür für Begabungen. Für das Zukunftsträchtige in der Kunst.

 

Mit gerade 25 Jahren gründete der aus Pommern stammende junge Mann 1921 in Berlin den Verein „Junge Bühne“, eine sagenhafte Talenteschmiede und das Karriere-Sprungbrett für Autoren wie Brecht, Bronnen, Jahnn oder Zuckmayer, für Schauspieler wie Elisabeth Bergner, Heinrich George, Alexander Granach oder Veit Harlan.

 

Seelers „Junge Bühne“ mit ihren skandalumwitterten Sonntagsmatineen war eine Preziose der Theatergeschichte. Sie zeugte vom Mut und Können, vom Instinkt und Wissen, vom so außerordentlich starken Wollen des genialen Avantgardisten, dieses einzigartigen Geburtshelfers des modernen Theaters in Deutschland (und der Welt). Er selbst blieb seltsam bescheiden eher im Hintergrund; anderen aber verhalf er feinen Sinns zu bis ins Heute nachwirkendem Star-Ruhm.

 

Mit dem Machtanritt Hitlers wurde alles anders. Seeler blieb nach 1933 zunächst in Deutschland, arbeitete im „Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr“, floh später nach Wien, wurde verhaftet, kam ins KZ. Carl Zuckmayer bemühte sich um Freilassung und Ausreise. Vergebens. Vor 75 Jahren, am 15. August 1942, wird Moriz Seeler, verlassen von Gott und der Welt, nach Riga deportiert und dort ermordet. Man muss den am schweren Ende einsam Unvergesslichen lieben, auch ohne ihn gekannt zu haben.

 

Grab eines Dichters

Von Moriz Seeler

Immer segeln Wolken, weiße Dschunken,

Über diesem Grab und schimmern blank.

Doch der Hügel ist schon eingesunken

Und das Kreuz steht schräg im Untergang.

 

Niemand haust und wohnt in diesem Grabe

Und da west kein abgestorbner Rumpf.

Der drin lag, flog fort und sitzt als Rabe

Irgendwo auf einem Weidenstumpf.

 

Stumm und schwarz und frierend bleibt er hocken –

Aber einmal wird er grässlich schrein

Und dann stürzt der Bau der Welt erschrocken

Wie ein Ankerbausteinkasten ein.