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Kulturvolk Blog Nr. 204

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

27. Februar 2017
HEUTE: 1. „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ – Gorki-Theater / 2. „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ – Berliner Ensemble / 3. „Laura war da“ – Grips-Theater

1. Gorki - Ein rauchendes Colt rettet das Gute

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Anno 1880 im amerikanischen wilden Westen: Es tobt die Schlacht um Gesetz, Verfassung, Demokratie gegen Anarchie, Selbstjustiz und Terror frühkapitalistisch-antidemokratischer Monopole (hier: die Mafia der Massenviehzucht). Es ist der Stoff, aus dem der Western ist: Wer wird siegen im Duell zwischen rücksichtsloser Allmacht und Recht und als Held aufsteigen in den Himmel der US-Mythen? – Natürlich der Ritter für Recht und Gesetz!

 

John Fords Hollywood-Klassiker „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ (1962) mit James Stuart und John Wayne beruht auf einer Short Story von Dorothy M. Johnson. Und erzählt vom naiv-idealistischen Jura-Studenten Ransom (Mehmet Atesci), der auf dem weiten Weg von Ost nach West im Kuhkaff Twotrees feststeckt, wo der Gangster Liberty Valance im Auftrag von Großgrundbesitzern die Leute terrorisiert, damit der Fortschritt (Demokratie, Alphabetisierung, Eisenbahnbau) hier nicht Fuß fasse. Der Bösewicht (Yousef Sweid) fuchtelt mit dem Schießeisen vor dem Fortschrittsaufklärer Ransom („All men are created equal.“), den die schöne Hallie (Lea Draeger) und ihr raubeiniger Freund Bert (Taner Sahintürk) stützen.

 

Als es zum blutigen Clinch zwischen Gut und Böse, zwischen Ransom und Liberty kommt, rettet Bert das Gute. Denn ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: Er knallt Liberty Valance ab. Der hatte glücklicherweise zuvor noch kurz Zeit, eine saftige Abschiedsarie zu röhren: David Bowies „This is not America“.

 

Regisseur Hakan Savas Mican inszeniert die Mär unter Einsatz von Video und Musik mit ironischem Augenzwinkern und viel Sinn für Atmosphäre in Sylvia Riegers Westernfilmdeko. Zugleich schließt er die schön romantisch-reißerische Story vom Colt-Kampf gegen die Finsternis ziemlich krampfig und oberlehrerhaft kurz mit einem sarkastischen Blick auf den gegenwärtigen Zustand der US-Demokratie – passt nicht wirklich. Und: die didaktischen Assoziationen aus heutiger Gegenwartskunde sind aufdringlich, die politisierende Zeigefingerei nervt.

 

Eine nette Entschädigung: Der einsame Cowboy Sahintürk – seine breitbeinige Coolness ist einsame Spitze! – kriegt zum Happyend seine taffe, zunächst mit Ransom liebäugelnde Herzensbrecherin Hallie Lea Draeger. Echt herzig! Und vom blutrünstigen Antihelden Valance bleibt ein sympathischer Satz hängen: „Ich gehe lieber als aufrechter Teufel unter; verende lieber am Galgen als jeden Abend in einer Nichtraucherbar die Depression wegzutrinken.“

(wieder am 3. März)

2. BE-Pavillon - Sonntagskinder in der Glückshaut

„Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit – gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (so dass ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärtsschreiten können), indem ich mich also anschicke, meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen, beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem geistigen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin.“

 

Mit diesem gewagt gewundenen Satz beginnt das erste Kapitel des Romans „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann. Die koketten Skrupel, die der Autor dem charmant durchtriebenen, sympathisch betrügerischen Sohn eines rheinischen Sektfabrikanten ins gespitzte Mäulchen legt, mögen auch die beiden Jungschauspieler Leonard Scheicher und Felix Strobel gehabt haben, bevor sie sich unter aufmunterndem Zuspruch ihres Lehrers Veit Schubert von der „Busch“-Hochschule daran machten, den Klassiker um das „in einer Glückshaut geborene Sonntagskind“ mit all seinen „Einfällen und Einbildungen“ übers Brettl zu jagen. Ihre Sorge – vergebens.

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Denn mit hinreißendem Können gelang es den beiden, in einer umwerfend vergnüglichen Stunde ihre Lieblingsszenen aus immerhin 400 Seiten „Krull“ Revue passieren zu lassen. Tolles Kunststück, diese rasende Two-Men-Show, in der die phantastischen Zwei von einem Moment zum nächsten präzis die Rollen (und Romanfiguren) wechseln. Ein verwegener, geistreicher Spaß der beiden Theater-Sonntagskinder mit der Glückshaut, dieser verrückte Geschwindmarsch durch Manns Meisterwerk, das teils noch im amerikanischen Exil entstand und 1954, ein knappes Jahr vor Manns Tod, in beiden Deutschlands erschien. – An seine Tochter Monika schrieb der beinahe achtzigjährige Autor: „Der Erfolg von ‚Krull‘ ist ganz lächerlich. Er hält schon beim 42. Tausend und hat eine verzückte Presse. Ich falle aus den Wolken, wie gewöhnlich.“ Wir tun es ungewöhnlicher weise auch und sind verzückt ob dieser ganz und gar großartigen, überraschend wenig beachteten, nur selten im Spielplan stehenden Theaterstunde mit Schleicher & Strobel, Mann & Krull.

(wieder am 6. März, 19 Uhr)

Grips - Die rosarote Pizza-Werbung lügt

„Einzelkind ist Mist“, schimpft die sechsjährige Laura. Denn Papa ist getürmt und weit weg, und so lebt sie zusammen mit der beruflich schwer gestressten Mama. So ist Laura denn oft allein in ihrem schönen Kinder-Einzelzimmer. Und zieht eines Tags einfach los, um sich, tatkräftig, wie sie ist, endlich eine „richtige“ Familie zu suchen; solch eine, wie sie Laura aus der „Pizza-Famosa-alles-ist-rosa“-Fernsehwerbung kennt. Eine mit Mutti, Vati, Geschwistern, Oma, Opa, Hund und immerzu Pizza.

 

Treppauf, treppab schwadroniert sie nun extrem kontaktfreudig durchs Mietshaus, wo sie wohnt. Dabei lernt sie ziemlich viele, ziemlich unterschiedliche Lebens- und Familienformen kennen – vom verpartnerten Männerpaar mit Pflegekind über die aus Persien stammende Familie bis hin zur vereinsamten Witwe oder dem Ehepaar mit Zwillingen und Baby. Sehr vieles ist drin in dieser kleinen Welterkundung: beglückende Erfahrungen mit neuen Freundschaften, aber auch allerhand Enttäuschungen, denn die Welt ist so rosig nicht wie in der Pizza-Werbung. Schließlich begreift Laura ihren Irrtum, sich einfach so eine Familie nach Wunsch zusammensuchen zu können. Und: zu guter Letzt ist es doch zusammen mit Mutti am allerschönsten, findet sie. Die nun schon ganz schön Bescheid weiß, wie sehr verschieden und nicht immer glücklich es hinter anderen Wohnungstüren ausschaut.

 

„Laura war hier“ heißt (ein bisschen täppisch) das neue Stück der vielfach ausgezeichneten Kinderbuchautorin Milena Baisch, das jetzt im Grips am Hansaplatz unter der Regie von Rüdiger Wandel uraufgeführt wurde. „Ich denke, für Kinder ist es das wichtigste, dass sie sich zuhause sicher und geliebt fühlen. Wer ihnen das Gefühl gibt, ob das Vater und Mutter oder sieben Tanten und Omas oder nur eine Alleinerziehende oder Pflegeeltern sind, ist nicht so wichtig“, sagt die Autorin. Und meint damit den tieferen Sinn ihres abenteuerlich verwickelten Stücks voller Aufregungen und Missverständnissen, aber auch voller Ulk und Allotria und vor allem: mit ganz viel Musik (Caspar Hachfeld und Kaspar Föhres).

 

Milena Baisch meint: „Etwas mit Spaß ernst nehmen, das kann das Grips wirklich gut.“ Aber was heißt gut – Grips kann es hinreißend; im gegebenen Fall geradezu mit Grandezza. Außerdem: „Laura“ mit der naiv-frechen oder rührend sentimentalen Amelie Köder in der Titelrolle ist ja eigentlich mit den gewitzten Lied-Texten des einschlägig erfahrene Großmeisters Volker Ludwig und mit den ohrwürmigen Mitklatsch-Kompositionen schon so gut wie ein Kindermusical. Erziehende aller Arten aufgepasst: Nicht verpassen!

(wieder 7. - 11. März; 11. - 13. April)

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