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Kulturvolk Blog Nr. 20

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

29. Januar 2013

Deutsches Theater


Die Aufregung vor der Premiere von „Das Himbeerreich“ war riesig: Endlich das große Erklärstück zur Finanzkrise! Der Medienauftrieb war enorm; sogar die Kanzlerin, so wurde gemunkelt, würde kommen wollen. Kann sie sich sparen! Denn die fünf Banker nebst einem Chauffeur, die da auftreten in „Das Himbeerreich“ (eine Umschreibung für paradiesische Zustände), die reden zwar unentwegt, sagen aber nichts Neues über den zunehmend zerstörerischen Größenwahn von Leuten, die mit gigantischen Geldsummen fremder Leute spekulieren. Und dass diese Milliardenspielchen längst keiner mehr wirklich beherrscht und begreift, weiß mittlerweile jeder Ortssparkassenkunde.

 

Da hat der großartige Dokumentarfilmer Andres Veiel („Blackbox BRD“ zum Thema RAF, „Der Kick“ zum Thema Jugendgewalt) bei zwei Dutzend Bankern Berufsbefragungen durchgeführt und aus dem Materialberg etwa drei Prozent gefiltert für eine 90-Minuten-Schauspieler-Herumsteh-Veranstaltung, die kein Theaterstück ist (keine Figuren, keine Handlung), sondern ein Lesetext. Passt bestens beispielsweise ins Ressort „Dossier“ der Wochenzeitung „Die Zeit“.

 

Aber wenn es nun schon unbedingt im Theater sein muss, dann bitte seriös als Lesung, als Dokumentarliteratur – alles andere bleibt Aufblaserei. Also hätte man sich Veiels Regie und Bühnenbild in Eisgrau schimmernder Metallic-Kasten plus Bürosessel sparen und schlicht fünf Stühle für die Sprecher an einen Tisch vor der Rampe stellen sollen als Ablage für die Manuskripte. So hätte man sich noch die Auswendiglernerei gespart und obendrein die Souffleuse. Der ganze Aufwand ist ja redlich gemeint. Doch ein Thema allein, auch wenn es noch so brennt, macht noch keine Theaterkunst. Die muss über alles auf der Bühne Gesprochene hinausgehen. Muss im Spiel (!) einen Mehrwert bringen an Erkenntnis und Gefühl. Ansonsten gibt es keine Theaterkunst (wieder am 12. Februar).

 

Schaubühne am Lehniner Platz

Der Hamburger Dichter Wolfgang Borchert war von 1941 bis 1945 Soldat, zwei Jahre später starb er. Mit 26 Jahren. Und hinterließ ein bisschen Lyrik, einige Prosatexte. Und das Theaterstück „Draußen vor der Tür“, die Ballade vom Ex-Unteroffizier und invaliden Kriegsheimkehrer Beckmann, der nicht mehr zurück ins „normale“ Leben findet und draußen vor der Tür einsam, das Hirn voller Traumata, liegen bleibt. Kein Stück wurde so oft gespielt im Theater Nachkriegs(west)deutschlands.

 

Volker Lösch, berühmt (für manche auch berüchtigt) für chorisch choreographierte Inszenierungen kanonisierter Texte, die ergänzt sind mit provozierendem, zeitgenössisch dokumentarischem Material (in Dresden „Die Weber“ und „Woyzeck“, an der Schaubühne „Lulu“ und „Berlin Alexanderplatz“), Lösch, einer der Regisseure, die so vehement wie intelligent, aber auch wirkungssicher in den Wunden unserer Zeit wühlen, der koppelte an der Schaubühne den poetisch-expressiven Borchert-Text mit der 2011 erschienen Dokumente-Sammlung „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer. Es sind Protokolle aus amerikanischen und britischen Lagern, die vom heimlich abgehörten Gerede deutscher Kriegsgefangener gemacht wurden. Sie klären auf, dass Kriegsverbrechen zum Soldatenalltag gehörten.

 

Dieses grauenvolle Erinnern wird von Lösch entpsychologisiert und entindividualisiert und gerade dadurch enorm verstärkt: Beckmann nämlich tritt siebenfach auf: Als Chor; sozusagen Beckmann als Masse Mensch sich windend im Gräuel und im Blut. Im Krieg, der jeden kaputt schlägt, ob seelisch oder (und) körperlich.

 

Die poetisch-tragische Beckmann-Ballade erfährt durch die nahtlose Verbindung mit den authentischen „Protokollen“ eine besondere Konkretisierung und zugleich eine Überhöhung ins Überzeitliche, Dem Gurteltier im Mybet germanonlinecasinos.com kann wirklich keiner widerstehen. schließlich ins tief erschütternde Sinnbild für jedwede Kriegerei. Ein entsetzlicher, ernüchternder, ein theatralisch starker Abend, der mir wohl nie mehr aus dem Kopf kommt.

 

Zum Schluss, sozusagen als Nachspiel, der sachliche Auftritt von Andreas Timmermann-Levanas; kein Schauspieler, sondern Ex-Stabsoffizier der Bundeswehr; einst im Einsatz im Kosovo und in Afghanistan. Er leidet an posttraumatischen Belastungsstörungen, kämpft seither um Anerkennung als Invalide. Und wirbt um Verständnis für deutsche Soldaten im „Auslandseinsatz“, also im Krieg. Auch wenn Welten liegen zwischen Beckmanns Damals und unserem Heute: Soldaten im Einsatz wo und wann auch immer bleiben niemals sauber. Krieg bleibt ein schmutziges Handwerk für alle Beteiligten. Volker Lösch hat Wolfgang Borchert dramatisch erregend sowie fragend ins Gegenwärtige gezogen (wieder am 10. Februar).

 

Berliner Ensemble

Es stinkt im BE, stinkt mächtig, natürlich nur rhetorisch – wie in jedem guten Theater, das den exzessiv aashaften, rabenschwarz aberwitzigen Putzfrauen-Schwank von Werner Schwab „Die Präsidentinnen“ auf seine Bretter kracht. Dort nämlich, in einer hübschen Kleinbürgerhölle, hocken drei einsam ärmliche Scheuerweiber am präsidialen Küchentisch und beleben ihre traurige Verlorenheit mit rücksichtslos grausig-komischen Redeschlachten: Die asketisch frömmelnde Erna mit dem Spartick (Carmen-Maja Antoni), die lüsterne Grete (Swetlana Schönfeld) und das manische Mariedl (Ursula Höpfner-Tabori), Spezialistin für katholische Missionierung sowie verstopft stinkende Klobecken, die sie stolz mit bloßen Händen flüssig macht. Wie das gleichfalls gern verstopfte Leben, das eine christliche Hand braucht, um wieder froh zu fließen.

 

Eiskalt schürft Schwab, der so früh verglühte Schreibstar aus Österreich (1958-1994), den Kot aus den Aborten des Daseins und presst daraus seinen brutal wortgewaltigen Text. Nichts für parfümierte Seelchen. Zugleich aber zeigt er im Banalen zynisch liebend eine Menschensehnsucht nach Zuwendung, glanzvoller Erhöhung, Glauben und Glück.

 

Ein Glück fürs BE: Diese Besetzung!! Im Nudelbrett-Bühnenbild von Jürgen Bäckmann, das vom Küche-Klo-Realismus allmählich ins Absurde kippt, derweil leise Schnee rieselt im Hintergrund, sowie unter Günter Krämers fein- und hintersinniger Regie flutscht unser Trio Infernal aus dem Orkus durch Tag und Traum sowie die seelischen Wechselbäder dieser ziemlich entsetzlichen Klomödie der Beleidigten und Erniedrigten, die sich gern selbst gegenseitig beleidigen und erniedrigen. Ein tollkühnes Spiel. Zählt zum abgründig Schärfsten derzeit in der Stadt (wieder 31. Januar; 1., 13., 21. Februar).

 

Oper, Oper!

Stürmische Begeisterung in der Deutschen Oper. Erstens: Zur Premiere von Benjamin Brittens „Peter Grimes“, der englische Regisseur David Alden inszenierte einen düsteren Thriller mit grotesken Einschlägen, imaginierte das tragische Bild eines geheimnisumwitterten Einzelgängers inmitten einer vorurteilsvollen, aggressiven Kleinbürgerei. Großartig.

 

Und zweitens: geradezu orkanartige Begeisterung zur Preview für Regisseur Dustin Hoffman und Protagonisten seines Opernveteranen-Films „Quartett“, in dem Dame Gwyneth Jones, Altstar an der Bismarckstraße, eine kleine, aber entscheidende Rolle spielt. Ach, wie schön, Gwyneth zu bejubeln – und die herrlichen, unvergesslichen Erinnerungen; zuletzt an ihre Elektra. – Und später im Kino dann die totale „Quartett“-Enttäuschung: Ein einfältiges Filmchen mit den geistvollen Gesichtern alter Künstler, die eher eine Luxusvilla (ihr pompöses Seniorenheim) dekorieren als dass sie darin spielen. Und singen tun sie auch nichts außer ein paar läppische Takte Verdi. Ich versprach mir von „Quartett“ den hinreißend vitalen, auch komischen, selbstironischen und tragisch grundierten, weisen Abgesang großer Geister und Könner der Gesangskunst. Und bekam bloß massenhaft Sonnenuntergänge hinter dicken Bäumen im feinen englischen Park; dazu einige Altherren-Frechheiten und diverse Divenzickereien.

 

Schwer gealterte einstige Superstars des globalen Kehlkopfbetriebs blicken in den Spiegel und zurück und auch voraus ins Grab – was für ein Sujet. Und wenn sie dann noch heftig trällerten und mit spitzen Fingern in ihren Plattenschränken stöberten … Verhindert aber die Regie weitestgehend. Ach, Hoffmans so blöde verrüschtes Kleingeistkino. Nicht angucken!