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Kulturvolk Blog Nr. 197

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

9. Januar 2017
HEUTE: 1. „Marat / Sade“ – Deutsches Theater / 2. Franz Schuberts Gesänge an die Sterne – Zeiss-Großplanetarium / 3. Gastspiel: Queen Esther Marrow’s The Harlem Gospel Singers Show – Friedrichstadt-Palast

1. Deutsches Theater - Dialektische Links-Rechts-Gaukelei in schriller Kaspertheatershow

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Gleich zwei Mal hintereinander in diesem Theater das Hickhack um den ewigen Widerspruch: Da die Revolution mit ihrem konformistischen Terror; und dort der Einzelne mit seinem sperrigen Individualismus. – Kürzlich erst gallebitter in den Kammerspielen mit Brechts „Fatzer“. Und jetzt nochmal, puppenlustig mit grausigem Unterton nebenan im DT mit „Marat/Sade“ von Peter Weiss. – Was für ein tolles Doppel!

 

Der Komplexität aufschäumende Originaltitel heißt „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspieltruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Regisseur Stefan Pucher hat die epische Länge pfiffig auf den dialektischen Punkt eingedampft: „Marat/Sade“; Marat der stalinistische Politkommissar: „Alles umkrempeln!“; Marquis de Sade der genusssüchtige Individualist: „Wo mehr als zwei Menschen sind, klafft ein Abgrund. Ich scheiße auf diese Bewegung von Massen, die im Kreis laufen. Ich scheiße auf alle guten Absichten, die sich nur in Sackgassen verlieren, ich scheiße auf alle Opfer, die für irgendeine Sache gebracht werden. Ich glaube nur an mich selbst!“

 

Das Hospiz mit seinem Spieltrupp aus lauter Irren gestrichen; der Spielort Bühne verwandelt in eine Jahrmarktsbude (Barbara Ehnes). Und der Diskurs übers umstürzlerische Verbessern der Welt in eine voll von Gerechtigkeit und Daseinsschönheit für jeden (vulgo: Revolution), der wird als schmissig sinnbildliche Show eines ohnehin lächerlichen Unterfangens abgezogen; da erscheinen allein die Köpfe der konträren Diskutanten lebensecht, ihre Gliedmaßen hingegen baumeln als leblose Puppenteile. Die beiden Darsteller Felix Goeser (Sade) und Daniel Hoevels (Marat) performen ihren Part bewundernswert auf ihren unsichtbaren Knien rutschend. Damit ist klar: Auch sie sind nichts als Marionetten, hängend an den Fäden des Weltgetriebes. – Und zwischen denen tobt Anita Vulesica als zynische Conférencière. Motto: „Was wäre Revolution ohne knackige Moderation.“ Eine knackige Superfrau (sowie super Schauspielerin) als pädagogische Kommandeuse der Leitlinien im karnevalesk aufgezogenen politischen Rechts-Links-Rummel. Und obendrein als schlagfertige Erklärerin der titelführenden Rhetorik-Helden. Nebenher wirbt sie gelegentlich fürs tiefere Verständnis, für Gelassenheit, Nachsicht und Nachdenklichkeit gegenüber deren blitzenden Wortgewittern voller Taktik, Schlauheit, Zynismus, Wahnsinn. Und sogar Vernunft.

 

Die undogmatisch verspielt und zugleich streng dialektisch dahin jagende Zwei-Stunden-Quasselkasper-Veranstaltung feiert zugleich unsere herrlich alberne, hochmütig über allen elenden Dingen stehende Postmoderne. Und haut sie zugleich in die Pfanne. Schließlich sind noch immer alle wirklich ernsten Fragen bezüglich der geschundenen Menschheit erschreckend unbeantwortet. Dazu gehört die nach einem etwa dritten Weg jenseits von Egomanie (de Sade) und massenmörderischer Revolution (Marat). Es sei denn, man schwört auf Duperret (Bernd Moss mit goldiger Lockenperücke), den Liebhaber der Marat-Mörderin Corday (Katrin Wichmann). Der große Blonde nämlich verkündet ziemlich zeitgemäß als Ausweg aus der politischen Sackgasse den wohlfeilen Vorschlag: „Vielleicht ein bisschen Solidarität, bisschen Hartz IV, bisschen Sozialdemokratie, einfach mal ein bisschen…“ – Doch da haut Herr Marquis, der Skeptiker vom Dienst, mit Brecht im Hinterkopf lauthals zwischen: „Und so sehen Sie mich in der gegenwärtigen Lage immer noch vor einer offenen…“

 

Das letzte Wort schneidet Marat ihm ab. Der stieg mal eben fix wiederbelebt nach dem Mord in der Wanne aus dem berühmten Badewannen-Bild von Louis David heraus, um schrill nach dem „Chef in Zeiten der Krise“ zu rufen. Ein Chor mit zehn Schauspielstudenten schreit indes als des Volkes, des großen Lümmels Stimme die für führende Krisenlöser probaten Parolen ins Publikum. Das ist der gegenwartsnahe tiefbraune Rechtsaußen-Knaller zum Schluss von Stefan Puchers grellbuntem Polit-Entertainment, das die allgemeine Lage sehr viel schwärzer sieht als Peter Weiss. Was für ein krass komisches, bestürzend abgründiges Spektakel um Weltumwerferei, Vergeblichkeit, vertane und falsche Hoffnung. – Ach, Marat! Ach, Marquis!

(wieder am 15., 24. Januar)

2. Zeiss-Planetarium - Schuberts Sternenächte

Etwa sechshundert Lieder hat der große Komponist und Weltenschmerzer Franz Schubert geschrieben; am berühmtesten ist sein Zyklus „Die Winterreise“. Und einige seiner Lieder beziehen sich ganz konkret auf den Sternenhimmel, auch, weil einige bedeutende astronomische Ereignisse in Schuberts leider ach so kurzen Lebenszeit (1797-1828) geschahen – sogar ein Asteroid trägt seinen Namen: „3917-Franz Schubert“.

 

Da hatte doch der Komponist, Musikwissenschaftler und Pianist Arno Lücker die überaus originelle Idee mit den „Himmlischen Partituren“ , also Konzerten, deren Stücke sich auf den Himmel weit über uns beziehen und nun am rechten Ort gespielt werden – nämlich im kürzlich erst nach umfassender Renovierung wiedereröffneten Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg. Da kommen Konzertgenuss und Wissensvermittlung in eins; noch dazu werden auf Europas größter Himmelsprojektionsfläche entsprechende Sternbildkonstellationen demonstriert. – Die Schubert-Lieder singt Bariton Michael Daub, am Flügel begleitet von Eric Schneider. Der Chef des Planetariums, Tim Florian Horn, informiert über den Sternhimmel „im Zeichen Schuberts“ und Arno Lücker zoomt ganz tief hinein in die Schubertsche Liederwelt.

(Am 12. Januar, 20 Uhr. Planetarium Prenzlauer Allee 80; zwischen den S-Bahnhöfen Greifswalder Str. und Prenzlauer Allee im Thälmannpark.)

3. Friedrichstadt-Palast - Opernhaft, meditativ, rockig Queen Esther Marrow’s Gospel-Show

Queen Esther mit Reagan, George W. Bush, mit den Clintons, mit Ella Fitzgerald, Bessie Smith, Aretha Franklin, mit Papst Johannes Paul II., mit Queen Elizabeth, BB King, Billie Holiday, mit Chick Corea, Jesse Jackson, mit Prince… – was für eine Fotostrecke! In sanft rockigen Sound getaucht rauscht sie vorüber am Bühnenhintergrund. Als vielsagendes Intro von Queen Esther Marrow’s „The Harlem Gospel Singers Show“ .

 

Mrs. Marrow heißt tatsächlich Queen Esther, ihre beiden Vornamen erhielt sie nach Königin Esther aus dem Alten Testament. Und wer es noch immer nicht weiß: Sie gilt als Königin der Gospelszene. Oder anders: Die Marrow ist ein Weltstar. Entdeckt mit 20 von Duke Ellington, ging es mit ihrer stählernen Stimme phänomenalen Umfangs, ihrer unglaublichen Ausdruckskraft und Bühnenpräsenz schnell steil bergauf (und hin auch in den Musical-, TV- und Filmbetrieb).

 

Queen Esther singt in Clubs, Theatern, Hallen, Arenen, Kirchen mit allem, was Rang und Namen hat in der Soul-, Blues-, Jazz-, ja auch Rock- und sogar Hiphop-Szene. Was für eine Vielfalt; stilistisch hat die ihre Wurzeln im Gospel. Die Marrow ist denn auch, so die Fachwelt, „legitime Nachfolgerin“ von Mahalia Jackson, ihrem erklärten und geliebten Vorbild – auch bezüglich des Politischen, das sie lebenslang umtreibt. Bis heute erhebt sie im Geist Martin Luther Kings ihre Stimme wo auch immer sie auftritt in der weiten Welt gegen Diskriminierung von Schwarzen, von Minderheiten, Schwachen. Schließlich steckt schon im Wesen vom Gospel die Botschaft von Anteilnahme, Aufbruch, Brüderlichkeit; von Glaube, Liebe, Hoffnung. Es ist diese Spiritualität, die Queen Esther Marrows Gesang so besonders macht. Wie auch die Auftritte ihrer „Babies“, der „Harlem Gospel Singers“.

 

Vor einem Vierteljahrhundert gründete Marrow diese Truppe, die sie immer neu mit Hochbegabten zusammensetzt, sozusagen eine kontinuierliche Supertalente-Förderung. Auch dafür wurde zusammen mit der Produzentin Roseanne Kirk 1992 Queen Esthers „The Harlem Gospel Singers Show“ entwickelt, die seither – alljährlich neu inszeniert mit einer tollen Band sowie dem Musikchef und sensationellen Pianisten Anthony Evans durch die Welt tourte.

 

Warum tourte, warum Präteritum? Weil: Q.E.M. wird demnächst ihren Bühnen-Abschied nehmen; sie ist jetzt 76. Aber: Es gibt noch eine Abschiedstour, die jetzt durch Deutschland läuft. Man darf das einfach nicht verpassen! Denn gleich nach besagtem Video-Vorspiel, das Esthers bewegtes Leben zwischen Kunst und Bürgerrechtsbewegung, Entertainment und Gläubigkeit im Schnelldurchlauf aufreißt, überfällt eine wahrlich hochtourige Beglückungsmaschine das Publikum. Wow!

 

Sofort wippen da bei Kind wie Greis nicht nur die Fußspitzen, mindestens. Was für ein Tsunami aus Rhythm&Blues! Was für eine rockige Band! Was für ein sexy Sänger-Sextett, im poppig-priesterlichen Gewand. Und im Goldkleid das Goldkind in der Mitten: Diva Queen Esther. – Später, nach der Pause: Die chorischen Damen im Großen Schwarzen mit Glitzer drauf, die Herren befrackt und die Queen als Lady in leuchtendem Rot. Eleganz und Glamour müssen sein.

 

Die so unglaublich massenwirksame Show ist ein kontrastreicher Mix der erstklassig arrangierten Musiken (von Klassiker-Hit bis Pop). Und sie ist nach sämtlichen Regeln der Show perfekt gemacht effektvoll gestylt, dramaturgisch durchdacht, völlig frei von Kitsch. Ein raffiniert komponiertes, so sprühendes wie besinnungsvoll innehaltendes Gesamtkunstwerk aus Tönen, Stimmungen, Farben, Licht, Bewegung, Bildern, Botschaften. Aus Sakralem (auch von Gott ist die Rede), aus Meditativem und Schmissigem, auch Komischem (sogar Albernem) und Rockigem – mithin das Leben ganz.

 

„In der Bibel steht, man solle Gott feiern, indem man das Tamburin schlägt, in die Hände klatscht und Instrumente klingen lässt. Es muss ja nicht Gospelmusik sein. Gott meint: Lobt mich auf eure Weise“, meint Queen Esther. Und lässt sich Gottes Wort nicht zweimal sagen, macht mit ihren Leuten von Technik und Regie sowie ihren stimmgewaltigen „Babies“ Showpalast, Domkirche, Politarena, Dancefloor. Also Überwältigungstheater: Mutig opernhaft, meditativ, dann wieder zum Mitklatschen und – Hände hoch, raus aus den Sesseln! – Mitsingen, Jubeln, Hüfte schwingen. Beim finalen Titel „Rise up“ (der Saal steht stramm aufrecht) agitiert Marrow mit Pathos das gebannte Publikum: Respekt, Empathie, Solidarität. Am Bühnenhorizont prangt dick in Großbuchstaben die Losung „KEEP HOPE ALIVE“. Dann dröhnt der Chor „Oh, Happy Day“. Die Menge dröhnt zurück. Handys blitzen, Feuerzeuge fackeln, Arme winken, das euphorische Glück tobt. Ach, wer wohl taumelte nicht einmal wenigstens ein bisschen in die Glücksseligkeit… Was für ein Jahresanfang. Was für ein Aufbruch. Was für Lust am Leben.

(Gastspiel im Friedrichstadt-Palast am 16. Januar)