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Kulturvolk Blog Nr. 188

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

7. November 2016
HEUTE: 1. „Er ist wieder da“ – Theater am Kurfürstendamm / 2. Symposium „Oper und Religion“ – Deutsche Oper / 3. Fernsehtipp Montagskultur unterwegs: Der FVB-Theater-Talk auf Alex-TV / 4. Porträt Thomas Ostermeier, Regisseur und Schaubühnen-Chef

1. Theater am Kurfürstendamm - Adolf Hitler trifft Renate Künast


Da liegt ein Kerl wie im Koma auf dem Berliner Trottoir, steht auf, sieht aus wie Adolf Hitler – und ist Adolf Hitler. Aber alle denken natürlich, da macht einer bloß total auf „Führer“. Keiner glaubt, er sei echt. – Das ist das groteske Konstrukt von Timur Vermes‘ Bestseller-Roman „Er ist wieder da“. – Der war ein Knaller, wurde verfilmt und als Hörbuch produziert und kam als Theaterstück auf die Bühnen; nun auch (in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Altona-Theater) auf die Bretter vom Kudamm-Theater.

 

Das Wichtigste an der Chose: Sie braucht einen starken Hauptdarsteller. Kristian Bader in der Titelrolle packt die Führerschaft hinreißend. Perfekt in Gestik, Mimik, Stimme posiert er den Supernazi; die Handvoll Nebendarsteller fällt da elend ab. Und auch Regisseur Axel Schneider, der die Textfassung besorgte, bleibt im Inszenatorischen erstaunlich hilflos.

 

Da macht nun also der wiederauferstandene Hitler als sympathisch rüberkommender Quotenkönig rasch Karriere im Comedy- und Showbiz des Privatfernsehens. Dort haut er im schnarrenden Stakkato raus, was jedermann immer schon mal raushauen wollte. Die Menge jubelt. Alle halten diesen etwas befremdlichen, aber doch tolldreisten Kerl für einen begnadeten NS-Clown, der perfekt den Hitler kann. Das immerhin sorgt streckenweise für witzige Coups und spitze Pointen, die uns das Lachen im Halse gefrieren lassen. Das gerissene, propagandagestählte Schnauzbärtchen, den selbst die Bild-Zeitung außerstande ist, zu Fall zu bringen, sorgt – schauspielerisch quasi im Alleingang – durchaus für ein hübsches Stück Mediensatire. Mit gehörigen Einschlägen auf heutige Misslichkeiten. Doch zunehmend verheddert sich der allmählich immer konfuser werdende Satire-Abend in Verwurstungen mit Gegenwartspolitik. Tiefpunkt ist eine Talkshow mit A.H. als Talker zusammen mit einer jämmerlichen Renate Künast. Die derart peinlich Vorgeführte dürfte sich das nicht bieten lassen; bei allem Humor, den wir der echten Politikerin durchaus zugestehen.

 

Auch wenn die teuflische Wiedergeburt immer wieder behauptet, die „Sache mit den Juden“ sei „kein Witz“ – ist das erst recht keiner. Ich erinnere an den großen Hitler-Parodisten Chaplin, der einst bemerkte, hätte er um die monströsen Verbrechen des grausig komischen Originals gewusst, er hätte keine Lachnummer aus ihm gemacht. Das blieb höchstens und in kunstvoll dramatischem Kontext einem George Tabori vorbehalten.

 

So klebt an dieser ganzen angestrengt aberwitzigen Hitlerei, die ein furchtbar komischer Albtraum hätte sein sollen, ein mehr als fader Beigeschmack. Selbst die aufgesetzten Seitenhiebe aufs gegenwärtig grassierende Neonazitum hauen nicht wirklich ins Schwarze bzw. Braune. Was einzig bleibt: Ein großartiger Kabarettist und Schauspieler namens Kristian Bader.

(wieder vom 8.-13., 16.-20. November)

2. Deutsche Oper Berlin - Glauben, Ketzerei, Musik und Spiel im Diskurs

Ziemlich schwierig ist das Verhältnis zwischen Oper und Religion; es reicht von offener Feindschaft bis zur Imitation und Nachahmung. Priester spielen in vielen Opern eine wichtige Rolle; ebenso religiöse Rituale oder Heilsversprechen. Anlässlich der Premiere von Meyerbeers „Hugenotten“, einem der prominentesten Beispiele von blutigst religiösem Fundamentalismus auf der Opernbühne, veranstaltet die Deutsche Oper ein wissenschaftlich hochkarätig besetztes Symposium „Oper und Religion“. Es geht da im Foyer bei freiem Eintritt von Freitag (11. November) bis Sonntag (13. November) jeweils ab 10.30 Uhr in insgesamt neun Veranstaltungen um die Weltreligionen und ihr Verhältnis zur (darstellenden) Kunst. Und dabei speziell um Wagner, Schönberg, Strauss, Mozart, Meyerbeer. Aus dem Figurenpersonal des DOB-Repertoires treten außerdem u.a. auf ein Fräulein Salome sowie die Herren Parsifal, Osmin, Großinquisitor und natürlich der Teufel. Eine anspruchsvolle, hochspannende und nicht zuletzt brandaktuelle Sache. Hingehen!

3. TV-Rederei über Theater

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die „Montagskultur unterwegs“ live aus dem Studio von ALEX TV in der Voltastraße mit Alice Ströver, den beiden Kritikern Arno Lücker und Reinhard Wengierek sowie einem Gast; diesmal Thomas Ostermeier, Regisseur und Chef der Schaubühne. Kritisch betrachtet werden die Premieren „Der Barbier von Sevilla“ von Rossini (Komische Oper), „Iphigenie auf Tauris“ von Goethe (Deutsches Theater) und „Der Nussknacker“ von Tschaikowsky/Duato (Staatsballett Berlin). Später auch im Netz auf YouTube.

4. Spiral-BLOCK-Extra

Action-Könner und Psycho-Meister. Der Regiestar Tomas Ostermeier; heute Abend unser Gast bei Alex-TV

Ein deutscher Regisseur und Theaterdirektor erhält 2011 den Goldenen Löwen der Biennale di Venezia. Für sein Lebenswerk. Mit 43 Jahren! Da war Thomas Ostermeier denn doch ein bisschen erschrocken. Aber er hatte sich gefreut und herzlich eingeladen zur großen Feier im Sala delle Colonne di Ca‘ Giustinian. Anschließend wurde das 41. Theaterfestival der Biennale mit Ostermeiers „Hamlet“-Inszenierung eröffnet. Die spielt – das spektakuläre Sinnbild! auf einer weiten, gänzlich mit ekel-feuchtem Modder zugeschütteten Fläche. Sie betört mit bedrohlich dröhnender Atmosphäre und viel Action, die der Protagonist Lars Eidinger furios anführt. Als eher durchtriebener Spaßvogel und zynischer Komiker denn als melancholischer Zweifler. Als ein aasig sarkastischer Beobachter seiner selbst und seiner Daseinswelt. Bis heute ein Hit im Spielplan und auf Gastspielen.

 

Im venezianisch prunkenden Giustinian hielt damals der Zweimeter-Mann (ausnahmsweise mit Krawatte) eine gewitzte Dankesrede. In deren Mittelpunkt: Die Geschichte von der Kuhherde. Deren alte Leitkuh kränkelt, eine neue wurde erwählt und bekam die Glocke an den Hals. Später fand man sie an einem Baum, die Hörner im Stamm. Damit das Bimmeln aufhöre und ihr keiner mehr folge. In diesem Märchen steckt vielleicht ein Stück Koketterie; gewiss aber steckt darin Ostermeiers echte Not mit dem Kreuz: Der Traglast des Chefkünstlers an einem der bedeutendsten deutschen Kunstbetriebe.

 

Gert Voss, der 2014 verstorbene große alte Herr des Wiener Burgtheaters, mit dem Ostermeier vor ein paar Jahren die abgründig böse Shakespeare-Komödie „Maß für Maß“ inszenierte, lobte überschwänglich die „unglaublich freie Atmosphäre“, die dieser Regisseur bei der Arbeit herstelle. Andere Schauspieler wiederum und beileibe nicht immer die schlechtesten, die hingegen fürchten sich vor ihm. Ein schiefer Blick, und sie fühlen sich vernichtet. Diejenigen aber, die solche Blicke aushalten und das Zeug dazu haben, die sind unter ihm zu Stars aufgestiegen. Eigentlich besteht sein großartiges, im Psycho- wie im Action-Theater gleichermaßen starkes Ensemble aus lauter Stars. Schafft nicht jeder Intendant.

 

Thomas Ostermeier ist (lassen wir den Kollegen Castorf mal beiseite) der steilste Theateraufsteiger Deutschlands. Er begann mit dem denkbar tollsten Etikett: nämlich als Wunderkind. Als das galt er schon im Regiestudium an der Berliner Busch-Hochschule. Zum Abschluss mit Ende zwanzig kam dann prompt das Superangebot: Vom Deutschen Theater Berlin. Dort richtete man ihm und dem Team seiner Wahl in einer ehemaligen Baubaracke ein winziges Studio ein fürs „wilde“ Laborieren. Die „Baracke“ wurde auf einen Schlag Kult. Und das erst recht mit einer kleinen englischen Sozialschmonzette. Ihr so provokanter wie programmatischer Titel: „Shoppen und Ficken“. Ostermeier machte aus diesem drastischen Geld-und-Liebe-Reißer eine erregende Thriller-Tragödie, in der schwere soziale und noch schwerere seelische Nöte irrsinnig ineinander stürzen bis ins Tödliche. Ein Wahnsinns-Ding im plebejischen Junkie-Milieu. Und sozusagen die Prägung von Ostermeiers Handschrift: Das packende In-eins-Bringen von Oberflächenraserei und Abgründigkeit. Das beherrscht er wie kaum ein anderer Regisseur in seinen besten Arbeiten (Ibsen, Williams, Kroetz, Kane, Fassbinder, Shakespeare mit neuen, an Gegenwärtiges kurzgeschlossenen Textfassungen).

 

Dieser Regisseur hat ein Händchen fürs Opernhafte, für wuchtiges Erzähltheater. Ist aber dünnhäutig genug für den scharfen Blick in die Tiefen der Figuren - er kann also auch subtiles Kammerspiel. Dazu passt, wie er unumwunden eingesteht, eine eher „konventionelle“ Dramaturgie jenseits von Dekonstruktion oder bloß Performativem (das er freilich zuweilen ungeniert benutzt und in V-Effekten frech ausstellt). Ostermeier ist Realist mit gelegentlichem Hang zu womöglich durchgeknallten (oder auch platten), meist aber toll trefflichen Übertreibungen: Etwa wenn er seine verzweifelt tobende Ibsen-Nora ins lebensgroße Aquarium springen lässt – für die einen ein genialer Kunstgriff, für manche bloße Effekthascherei. Berühmt gemacht haben ihn solche Sachen allemal. Somit rechtfertigte er das Vertrauen der Berliner Kulturpolitik, die ihm anno 2000 überraschenderweise die Schaubühne in die Hände legte. Das Traditionshaus war in eine artifiziell routinierte Erstarrung getrieben. Der gerade mal 30-Jährige sollte nun den Laden toll aufmischen und wieder flott machen (wie seinerzeit Castorf mit Anfang 40 die Volksbühne).

 

Als zorniger „Linksradikaler“ kreierte der Neu“intendant“ als erstes ein neues Logo: Das scharfzackige Blatt einer Kreissäge. Auch war er wie seine Vorgänger-Chefs besessen von dem idealischen Willen zur kollektiven Selbstbestimmung: Gemeinsame Führung, Mitspracherecht des Ensembles bei der Spielplangestaltung, Verzicht der Künstler auf diverse Nebentätigkeiten bei Funk, Film, Fernsehen. Freilich, solcherart Vorsätze verflüchtigten sich alsbald in der Realität. Auch das anfänglich politisch korrekte Pochen auf sozialkritische (und dabei kleinformatig journalistische) Stücke, hoch und breit gezogen auf die neue Riesenbühne, das ließ man alsbald sein im schicken Theaterbau am eleganten Kurfürstendamm. Und triumphierte, das zackige Sägeblatt konnte ja bleiben, alsbald mit dem bürgerlichen Drama. Edel ausgestattet, aber höchst erhitzt und auf seine Elendspunkte gebracht. Oft auch von anderen Regisseuren; Ostermeier ist sehr offen selbst gegenüber ihm fremde künstlerische Handschriften.

 

Seltsam, das Ostermeier-Schaubühnentheater ist mittlerweile durch Gastspiele im Ausland und auf großen europäischen Festivals viel berühmter als im eigenen Land. Ostermeier wird international viel mehr gefeiert als hierzulande. Vielleicht, weil dem gern so verkopft wie neidvoll sich spreizenden deutschen Kunstbetrieb seine sinnlich auswuchtende Theatralik suspekt ist. Weil sie es bei allem Todernst gern krachen lässt.

 

Übrigens: Im Rahmen des diesjährigen Shakespeare-Festivals im rumänischen Craiova erhielt T.O. den mit 10.000 Euro ordentlich dotierten Shakespeare-Preis für sein gesamtes Schaffen und im besonderen für seine Bearbeitung von Shakespeare-Stoffen (zuletzt: „Richard III.“ mit Lars Eidinger; weltweit auf Gastspiel, jetzt wieder in Berlin am 5., 6., 12., 13. November). -- Und noch ein Lorbeerblatt: Im Februar letzten Jahres wurde Ostermeier mit dem Titel „Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres“ ausgezeichnet. Das ist die höchste Kategorie des Ordens für Kultur in Frankreich; sie kann jeweils jährlich an höchstens 50 Personen verliehen werden. „Frankreich liebt Sie, Monsieur Ostermeier“, sagte hingerissen die Kulturministerin Fleur Pellerin beim Empfang in der französischen Botschaft am Pariser Platz. Monsieur, diesmal ohne Sportsdress und Turnschuhe, sondern in Schlips und Anzug (und mit Dreitagebart), dankte in fließendem Französisch.

 

Ostermeier ist seit 2010 Präsident des Deutsch-Französischen Kulturrats und dort u.a. ein engagierter Kämpfer gegen die Verwässerung des Urheberrechts durchs Internet. Zudem ist er ständiger, stets frenetisch umjubelter Gast beim Festival d’Avignon und arbeitet als Regisseur an großen französischen Häusern. Doch bei aller Liebe zum Nachbarn, Intendanz-Angebote von jenseits des Rheins hat er stets abgelehnt, bis jetzt. Er hängt am Ensemble und an den tollen Möglichkeiten seiner Schaubühne. Da weiß er, was er hat. Und wir wissen’s auch! – Am 17. Dezember hat seine Inszenierung „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler Premiere; in der Titelrolle Jörg Hartmann.