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Kulturvolk Blog Nr. 171

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

2. Mai 2016
HEUTE: 1. „Die Hose“ – Renaissance Theater / 2. TV-Hinweis Theatertalk / 3. Peter Zadek zum 90. – Berliner Ensemble / 4. Der besondere Ausstellungs-Tipp: Volker Pfüller im MFI

1.Renaissance Theater


Die Hose rutscht, sie fällt – ein Damenunterhöschen liegt auf der Straße. Na und? Wir haben mit diesem Hosen-Fall, diesem lapidaren Einfall des Dramatikers Carl Sternheim nichts weiter als eine der trefflichsten Satiren über den Wilhelminismus, das Deutsch-Nationale, das gespreizt Gutbürgerliche mit seiner doppelten Moral und kalten Sentimentalität. Und Sternheims „Hose“ hat bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren.

 

Ein Malheur wie dieser Damenunterhosenrutsch auf offener Straße war zu Kaiser Wilhelms Zeiten noch ein Skandal. Aus dem lässt der seinerzeit hoch berühmte Autor mit sprachlicher Kraft und dramaturgischem Können die Komödie des Ehepaars Theobald und Luise Maske steigen (sie ist die Hosenverliererin), verbunden mit den erotisch und monetären Verwicklungen mit Nachbarin Deuter sowie den beiden so gegensätzlichen Untermietern Scarron und Mandelstam.

 

Der Klassiker wurde 1911 unter Regie von Felix Hollaender in den Kammerspielen des Deutschen Theaters (Direktion: Max Reinhardt) uraufgeführt. Tilla Durieux, Reinhardt-Schauspielerin und Ehefrau von Sternheims Verleger Paul Cassirer, war zuvor vom Intendanten gebeten worden, den Berliner Polizeipräsidenten bei einer Probeninspektion abzulenken, weil der als oberster Zensor ein Aufführungsverbot „aus Gründen der Sittlichkeit“ anstrengte. So ging das schon damals mit Satire…

 

Alfred Polgar, Kritiker der Berliner Zeitschrift „Die Schaubühne“, schrieb allzeit gültig über Theobald Maske, die Hauptfigur neben dem Hauptobjekt Hose: „Wie ihm Brust und Bizeps vom Gefühl einer Kraft schwellen, die der Spargroschen, die geregelte Verdauung, die Pensionsberechtigung und die Wacht am Rhein gewährleisten: strotzende Dreieinigkeit von Ungeist, Muskel, völkischem Bewusstsein! Liebe ist eine Geldfrage, Denken eine Art Hirnperistaltik, der Bau das Gehäuse der unsterblichen Seele. Eine Figur von beklemmender Komik. Sie hat Großformat.“

 

Wie auch der Schauspieler Klaus Christian Schreiber. Immerhin eine geschmeidig aber auch gefährlich daher tänzelnde Wuchtbrumme, dessen gewölbte Brust unterm schicken schwarzen Dreiteiler „der Amboss ist, auf dem das deutsche Schwert geschmiedet und der deutsche Gedanke platt geschlagen wird“ (Polgar). Schreiber hat bei aller aashaften Biederkeit auch einen sexy Einschlag zum Lebemann. Sein Theobald Maske ist in jeder Hinsicht kein Kostverächter. Hauptsache: Die Tapete bleibt unbefleckt. Die anderen vier Figürchen, so Polgar, seien Erzeugnisse einer unterhaltsam karikierenden Kleinplastik. Christin Nichils (Gattin Lusie), Anika Mauer (Nachbarin) sowie die beiden Untermieter (Guntbert Warns, Boris Aljinovic) tun gekonnt das ihre. Als Muster eines Kollektivs der starken Nebenrollen; ein jede eine perfekt modellierte Charakter-Kleinplastik.

 

Tina Engels Regie setzt auf hohe Präzision in Sprache (!) und Spiel; mit feinen Ausfällen ins Groteske, also in Abstraktionen, ohne dabei je grob zu überzeichnen, derb zu werden oder gar klamottig. Es dominiert das gelassen-elegant Spielerische, das Komödiantische (freilich ohne das Ätzende auszusparen). Alles geschieht in einem einfachen, kühlen, von naturalistischen Pingeligkeiten freien, dabei frappierend variablen und betörend schönen Bühnenraum von Momme Röhrbein.

 

Was manche womöglich für konservativ halten: Hier triumphiert das, was vielerorts selten geworden ist an den gern mit Trash und Trallala oder Überformungen mit „Fremdmaterial“ kokettierenden Bühnen dieser Stadt: nämlich allein aus der Vorlage gewonnene fein funkelnde Virtuosität. Und die kommt souverän zusammen mit Polgar, der anno 1905 schrieb: „Eine höhnische Synthese aller Putzigkeiten deutscher Seele; witzig ohne Witze, antipathetisch bis zur Hundeschnauzigkeit.“

(Wieder 3.-7. 5., jeweils 20 Uhr. Am Sonntag, 8. Mai, 16 Uhr. Und vom 10.-12. Mai.)

2. Unser Fernseh-Hinweis in eigener Sache

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die „Montagskultur unterwegs“ im Studio Voltastraße auf Alex-TV: Der Theatertalk mit Alice Ströver, den beiden Kritikern Henry Arnold und Reinhard Wengierek sowie einem Gast; diesmal Georg Scharegg, künstlerischer Leiter und Geschäftsführer vom schon traditionsreichen Off-Betrieb „Theaterdiscounter“. Kritisch bewertet werden die Premieren „Einer flog über das Kuckucksnest“ (Schlosspark-Theater), „Iris Butterfly“ nach Pietro Mascagni (Neuköllner Oper), „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ von Frank Witzel (Schaubühne). Später auch im Netz bei YouTube.

3. Peter Zadek zum 90. Geburtstag. Eine Hommage postum im Berliner Ensemble am 8. Mai

Kaum ein Hauptstadttheater ist so rührend bemüht, so liebevoll und umsichtig und weder Kosten noch Mühe scheuend bei der Ehrung berühmter Theaterleute (runde Geburstage, Todesfälle), was in jedem Fall zugleich ein spannendes, Theatergeschichte beschwörendes und mit Stars besetztes Ereignis ist – zuletzt beispielsweise der 400. Todestag Shakespeares (unglaublich: kein anderes Berliner Theater ist auf einen derart bedeutenden Gedenktag eingegangen).

 

Nun jährt sich am 19. Mai zum 90. Mal der Geburtstag des in Berlin-Wilmersdorf geborenen, das Theater in der Welt und insbesondere das in Deutschland innovativ beeinflussenden Regisseurs Peter Zadek. Zadek gehörte nach 1990 kurzzeitig dem Direktorium des BE an und inszenierte auch an diesem Haus. Am 8. Mai gibt es im BE-Rangfoyer im Gedenken an den 90. Geburtstag dieses Großen der Szene (er starb 2009) die Matinee „Peter Zadek – Ich träume von einem Theater, das Mut macht“ . Mit Prominenten von damals und heute und einem Film über Leben und Werk des Künstlers.

 

Schweifende Gedanken über P.Z.:

Er wollte, dass wir aufeinander klatschen, meinte Angela Winkler. Klar, denn Z. macht Schauspielertheater, was in den Zeiten von Konzept, Kopf-, Klischee, Papier-, Akrobatik- und Sonst-was-Theater keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Das klappt nur mit äußerst feinfühligen, besonders hingebungsvollen, sagenhaft spinnerten und ungeniert neugierigen, für (fast) alles offenen Schauspielern. … Als der jüdische Junge 1933 aus Berlin mit den Eltern nach England emigrierte und erst mit gut 30 Jahren zurückkehrte, fiel ihm auf, dass die Deutschen glaubten, "alles schon zu wissen“. Und meinte, mit seinem Theater den Leuten übers Herz den Kopf aufstoßen zu müssen. Und das mit unideologischer Lust allein durch pralles Spiel. Die Stilisierungsmanien, das Ballermannhafte vieler Regisseure heutzutage ging diesem Genie des Einfühlungstheaters schwer auf die Nerven. Dabei warf dieser notorische Beobachter, der nie ein Parteigänger war, in seinen Anfängen die Blitzlichter des Boulevards, den saftigen Sound des Pops und die dampfenden Pferdeäpfel des Zirkus heftig, das Publikum schockierend gegen die glatte Konvention des braven Bildungsbürger-Theaters. … Bei all seinen luxuriösen Allüren bürgte dieser klassische Patriarch mit Hofstaat, Künstlerschal und dunkler Brille für ein selbst auf großer Bühne letztlich intimes Theater der befreienden Gefühle und gewagten Gedanken nebst einem irritierenden Rest Unerklärbarkeit. „Wenn man gut war“, sagte er, „merkt niemand, dass da ein Regisseur war.“ Altersweisheit. Der raffinierte Spieler und naive Streuner hatte keinen Stil und keinen festen Stuhl. Die Dominanz einer Interpretation war ihm suspekt. Wie eine Mentalität, die „demjenigen Recht gibt, der am lautesten brüllt“.

(Am 8. Mai, 11 Uhr, im BE-Foyer)

4. Ausstellungs-Tipp - Volker Pfüller im MFI

Die verkehrsreiche Kreuzung Chaussee-/Invalidenstraße wird beherrscht von einem kolossalen, mit rotem Sandstein verzierten Eckbau. Neben dieser immerhin eleganten Wucht von Büroturm aus den 1950er Jahren verschwindet geradezu das kleine ehemalige Verkaufsgeschäft Chausseestraße Nr. 110. Doch drumherum ist viel Betrieb und vor der Tür die U-Bahnstation „Naturkundemuseum“ der Linie 6. Wer nicht ganz alltagsblind ist, guckt ins Schaufenster, staunt und drückt die Türklinke von Nummer 110. Hier nämlich residiert das MFI, das Ministerium für Illustration mit einem keck, originell und fein artifiziell abstrahierten Preußen-Adler als Logo. Und so ist in etwa auch das Programm dieser exquisiten Galerie. Noch bis zum 8. April zeigt sie Plakate und Linolschnitte von Volker Pfüller.

 

Man kann sagen, in den 1980er Jahren waren Theaterplakate der Hingucker im öffentlichen Raum von Ostberlin. Zu DDR-Zeiten leistete man sich noch den Luxus, fast jede Inszenierung mit kunstvoller Plakatwerbung zu begleiten. Pfüllers Arbeiten stachen da sofort ins Auge. Mit ihrer grellen, kontrastreichen Farbgebung, ihrem expressionistischen „Strich“ und ihrem meist frechen, Karikaturen gleichenden „Bild“, das den Inhalt des jeweiligen Stücks gewitzt auf den Punkt bringt. Seine Plakate waren schrille Fanfarenstöße. Unverwechselbar. Unübersehbar und – um im Bild zu bleiben – auch unüberhörbar.

 

Das MFI zeigt eine breite Auswahl Pfüllerscher Theaterplakatkunst fürs Deutsche Theater, fürs Gorki und für das Ei (damals eine Studiobühne im Keller des Friedrichstadtpalastes) sowie für das in der Wendezeit gegründete Theater 89. Sie wirkt, obgleich vor etwa drei Jahrzehnten entstanden, frisch und animierend wie fürs Heute gemacht. Das Kürzel „V.P.“, das Pfüllersche Gütesiegel, steht offensichtlich über allen Zeiten und Moden, wohl weil hier „Form“ (Strich und Farbe) sowie „Inhalt“ (die Bildidee) frappierend und zudem sehr witzig in eins kommen. Das überrumpelt den Betrachter. Man kann nicht weggucken. Und es bleibt im Kopf stecken.

 

Nebenbei bemerkt zeigt die Schau zugleich die – man hat es fast schon vergessen – Vielfalt der Spielpläne besagter Bühnen. Dass der Hochschulprofessor Volker Pfüller (die Bühnenbildner in Berlin-Weißensee, die Grafiker in Leipzig) auch selbst als Bühnenbauer Besonderes geleistet hat (beispielsweise die „Trilogie der Leidenschaft“ mit Euripides, Goethe, Strindberg am DT; Regie Alexander Lang), das muss die kleine Ausstellung leider ausblenden. Dafür zeigt sie eine große Auswahl expressiv abstrahierter Porträt-Grafiken; überwiegend von Theaterleuten. Man sieht: Es wird höchste Zeit, diesem Künstler, Jahrgang 1939, eine umfängliche Werkschau zu widmen. Die repräsentativen Institutionen (AdK!) sind gefordert. Eine Kostprobe dafür gibt das intime MFI. Nur noch bis zum 8. Mai; donnerstags bis sonntags jeweils 13 bis 18 Uhr. Schnell mal aussteigen am U-Bahnhof „Naturkundemuseum“. Und hinterher ins Museum zum berühmten Skelett vom T-Rex-Saurier; auch ziemlich theatralisch.