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Kulturvolk Blog Nr. 163

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

7. März 2016

Berliner Ensemble


Das frühe Sowjetrussland unter Stalin: Arbeitslosigkeit, Armut sowie die rote Propaganda von der goldenen Zukunft quälen die Leute. Semjon hat das alles so satt, sein armselige Proletenleben in der engen Bruchbude zusammen mit Eheweib, Schwiegermutter und aufdringlichen Nachbarn. Nicht mal mehr die über alles geliebte Leberwurst kriegt der vom Dasein angeekelte Dickwanst. Auch sein Traum, ausgerechnet mit einer Tuba als Musiker zu Ruhm und Rubel zu kommen, ging schnell kaputt. So will er Schluss machen und sich erschießen, was sich in Windeseile herumspricht. Schnell kommt die Nachbarschaft zusammen und meint: Wenn schon Selbstmord, dann für eine große Sache: für den Kommunismus, für die Religion, für die Liebe, so etwa… Man will ein Opfer, das „als Leiche“ der Staatsmacht endlich mal kräftig den Stinkefinger zeigt: „Wenn schon Umbringen, dann geben Sie wenigstens jemandem die Schuld!“ Semjon, der tumbe Tor, lässt sich drauf ein. Dafür spendiert man ihm eine süffige Abschiedsparty mit ordentlich Leberwurst. Doch im entscheidenden Moment fällt kein Schuss! Semjon erwacht wie vom Schlag der Erkenntnis getroffen aus seiner Rolle als Opferlamm und hält eine unerhörte Rede: „Genossen, ich will nicht sterben: nicht für euch, nicht für die andern, nicht für die Klasse, nicht für die Menschheit, nicht für meine Frau. Im Leben könnt ihr mir alle lieb, nahe, verwandt sein. Angesichts des Todes aber, was kann mir da lieber, näher, verwandter sein als meine Hand, mein Bein, mein Bauch? Ich bin verliebt in meinen Bauch…“ – Aus dem duckmäuserischen Massemenschen wurde angesichts des Todes ein radikaler Ich-Sager, ein lebenspralles Individuum, das der Scheiß-Welt die Zunge heraussteckt.

 

Was für eine Farce, die der russische Satiriker Nikolai Erdman (1900-1970) anno 1928 schrieb; lakonischer Titel: „Der Selbstmörder“. Seine bis ins Absurde getriebene Geschichte vom Spießer Semjon (Georgius Tsivanoglou), der frech Frau (Hanna Jürgens) und Schwiegermama (Carmen-Maja Antoni) tyrannisiert und weinerlich vom Selbstmord faselt, um ihm schließlich eine Nase zu drehen, die bringt das ganze politisch-soziale Sowjet-Elend sowie alles Ewigmenschliche aus Hybris, Verlogenheit und Daseinsangst in eins und auf den abgründig bösen, auch heute gültigen Punkt.

 

Klar, dass die philosophisch grundierte Polit-Psycho-Chose prompt verboten, ihr Autor verhaftet und alsbald verbannt wurde (berühmte Kollegen wie Gorki, Stanislawski, Meyerhold konnten dem genialen Schreiber nicht helfen). Erst nach Erdmans Tod 1970 kam sein „Selbstmörder“ auf die Bühne und ins Repertoire des Welttheaters. Nach langer Zeit jetzt wieder ins BE Manfred Wekwerth inszenierte ihn 1989 als DDR-Antwort auf die hier verweigerte Perestroika.

 

Diesmal führt der erklärte Liebling des französischen Theaters Jean Bellorni Regie. Der junge Mann (34) aus Paris, Chef des Théatre Gérard Philipe in Saint-Denis, ist für Berlin eine Entdeckung und ein Gewinn, weil er, pointiert gesagt, ziemlich aus der deutschen Art schlägt. Dem Regisseur, Bühnenbildner und Musiker ist nämlich das hiesige so genannte Regisseurstheater eher fremd. Er setzt vielmehr aufs stringente, dabei leichte, einfühlsame, fein spielerische Erzählen, ohne dabei auf grelle Momente grotesker Zuspitzung zu verzichten. Der Gipfel: Semjons wutschnaubendes, vom Wodka befeuertes Telefonat mit dem Kreml, in dem er die allmächtige Parteispitze donnernd zusammenscheißt.

 

Doch solche „Nummern“ bleiben bei Bellorni eingewoben ins fantastische Tableau einer grandiosen, zwischen Witz und Tragik jonglierenden Gesellschaftssatire, für die der Regisseur auch das vertrackt irrgartenmäßige (ein Wirrwarr von Treppen), fantastisch illuminierte und überraschend verwandlungsfähige Bühnenbild konstruierte. Und die er aufwändig anreichert mit köstlich komischen, schwermütig seufzenden, zotigen und schenkelklopfend lustigen Musikeinlagen. Eine Partitur aus Melancholie und Raserei, die den Stücktext (Übersetzung: Thomas Reschke) effektvoll verstärkt – nicht zuletzt durch das gekonnt geführte, glänzend aufgelegte BE-Komiker-und-Clowns-Ensemble, das bei aller angesagt kabarettistischen Drastik doch immerzu mit einem Quantum komödiantischen Charmes agiert. Vielleicht ist es die elegante französische Art und Aura, die Bellorini ausstrahlt, dessen Regiekunst ohne das zudringlich Plakative, eitel Kommentierende, das brutal Zerstörerische, Verfremdende, An- und Umbauende auskommt und selbst im Extremen, Harten, Hässlichen und Abgründigen noch das imaginär Schöne (romantisch gesagt: Herzensschöne) leise grüßt und damit groß Wirkung macht – fürs raue rohe Berlin eine verblüffende, bewundernswerte Erfahrung. Und ziemlich neu; es sei denn, man denkt zurück an die Subtilitäten eines Luc Bondy.

(wieder am 20. März)

Wintergarten

Mal angenommen, der Friedrichstadtpalast wäre die Krönungshalle des Varietés, dann ist der Wintergarten sein Teesalon. Perfekter High-Tech-Gigantismus der Weltklasseliga in der Friedrichstraße, elegante Intimität im allerfeinsten Kammerspielformat in der Potsdamer Straße. Für das denkt man sich hier gern eine kleine witzige Geschichte aus, in die ohne großen Glamour aber mit viel Charme, Ironie und keckem Understatement originelle artistische Nummern eingesponnen werden. So wie jetzt wieder (als Wiederaufnahme) in der Show „Der helle Wahnsinn“.

 

Ort dieser normsprengenden Veranstaltung ist eine so genannte Irrenanstalt in Berlin zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Ich darf sagen: Ein äußerst ungewöhnliches Setting für eine Show, die noch dazu den Mut hat, mit grotesken und irren also Klapsmühlen-kompatiblen Mitteln versucht, die NS-Zeit zu reflektieren sowie die (Besatzungs-)Zeit kurz danach und davor, also die vermeintlich Golden Twenties, die Epoche zwischen Kaiser und Hitler mit ihrem weltbewegenden Entertainmentbetrieb.

 

Ehrlich gesagt: Die Reflexionen hinsichtlich Gold und Braun haben mich nicht überzeugt, die Anekdoten aus der Anstalt fand ich schal. Sei’s drum, das Artisten-Ensemble machte seine zirzensischen Nummern derart hin- und mitreißend, dass der Spaß daran die etwas betrüblichen (vermeintlich provokativen, aber doch nur platt politisierenden) Betulichkeiten vergessen ließ. Man wird also trotz alldem gut unterhalten und hat auch einiges zu Lachen, besonders bei der seltsam komischen Fußakrobatik (Nata Galkina) und dem faszinierend verrückten, albern zaubernden und schließlich beängstigend waghalsig auf dem Trapez schaukelnden Herren-Duo Collins Brothers.

 

Alles in allem: Ein durchaus heller Wahnsinn, durchsetzt mit einigen grellen Blitzlichtern vor melancholisch eingetrübtem Hintergrund mit grausig dunklen Flecken, über die jedoch das Publikum hinweg sah. Dabei war ja aber gerade die Verkleidung der Show mit immerhin schwer lastender Historie so korrekt aufklärerisch und gut gemeint. Man versteht, Regisseur und Texter Markus Pabst wollte politisches Kabarett, Showbiz, Ulk und Blödelei in eins bringen, was nur ganz, ganz selten gelingt; er hätte es wissen müssen. Pabst wollte auf seine Weise alles ein bisschen machen wie „Cabaret“ – doch diese Latte hängt allzu hoch. Dennoch: Das volle Haus reagierte begeistert. Bravo-Jubel schallte durch den Saal. (Bis zum 5. Juni, immer mittwochs bis sonntags)

Bravo für Märchenhütte!

Als bekennender Fan der winterlichen Märchenhütte im Monbijou-Park kann ich nicht anders, als diese Erfolgsmeldung in die Welt zu posaunen: 69.242 verkaufte Karten zum Ende der Gebrüder-Grimm-Saison vor einer Woche! Das war noch nie; ist für ein ehemaliges Hinterhof-Theater ein super tolles Ding. Und der Beweis: Wenn das Konzept stimmt und die Kunst, dann klappt es auch mit dem (nicht subventionierten) Geschäft. Dabei hat sich die Off-Firma erst im letzten Jahr neu aufstellen müssen nach dem Weggang sturmerprobter Führungskräfte und Schauspieler – offensichtlich hat es mit der Neuzufuhr an Personal geklappt. Der Laden ist also bestens aufgestellt für die Komödien-Saison im sommerlichen Amphitheater. Auch dort erwarte ich wieder tolles Volkstheater; krachend, aber mit Kunst.

Nr. 235
4. Dezember 2017
 © Arno Declair

1. Deutsches Theater-Kammerspiele: Ein Kranker als das Opfer?

2. Theater am Kurfürstendamm: Lametta an Discokugel

3. Deutsches Theater-Matinee: James Bond sitzt nicht im Kreml

4. TV-Rederei über Theater live auf Alex-TV

5. Tipps für Extras: Weltliteratur am Südwestkorso, Neuer Circus im Chamäleon

Nr. 234
27. November 2017
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1. Berliner Ensemble: Noch’n Schluck aus der Pulle und weiter gekämpft ums kleine bisschen Glück

2. Admiralspalast: Thomas Manns Saga vom Super-Kerl Krull

3. Akademie der Künste-Gedenken: Luc Bondy, Fest des Augenblicks

Nr. 233
20. November 2017
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1. Deutsches Theater-Box: Kein Glück mit der Liebe

2. TV-Tipp: Bis früh um fünfe kleine Maus. Ein Jahrhundert Berlin-Geschichte mit Clara Bühler-Habermanns weltberühmtem Ballhaus, Auguststraße 24

Nr. 232
13. November 2017
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1. Atze Musiktheater: Hühner zur Sonne zur Freiheit

2. Akademie der Künste: Zwei Dauerschachspieler im Kampf ums Affentheater

Nr. 231
6. November 2017
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1. Kudammkomödie: Gerede im Express-Tempo

2. Berliner Ensemble: Wahn und Vernichtung

3. TV-Rederei über Theater

4. Tipp Deutsche Oper: Wieland Wagner zum Hundertsten, mit Film, Vorträgen, Anja Silja und Nike Wagner

Nr. 230
30. Oktober 2017
 © Birgit Hupfeld

1. Berliner Ensemble: Zimmerschlacht mit Allstar-Truppe

2. BE-Intendant Oliver Reese als „Kulturmacher in Berlin“ – brandaktuell! zu Gast bei Kulturvolk in der Ruhrstraße

3. Schaubühne: Am Sterbebett der Weltrevolution

4. AdK-Symposium: Die Theaterkunst im Archiv