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Kulturvolk Blog Nr. 162

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

29. Februar 2016

Deutsches Theater -

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Buh & Bravo: Klassiker-Roulette mit Turgenjew / Lessing / Kafka / Schiller / Goethe / Shakespeare / Ibsen

Das DT folgt, auch aus Angst, altmodisch zu sein, allzu gern dem trendigen Zwang, die Oberflächen probater Stücke modisch zu verschnörkeln. So meint man, in historische Stücke erregte Gegenwärtigkeit zu bannen, wofür man möglichst angesagte Regisseure engagiert. Die kramen dann wie wild in ihren mit gängigen Mittelchen des poppig-performativen Theaters prall gefüllten Handwerkskisten, um damit die vermeintlich ollen Kamellen der literarisch-psychologischen Schreiberlinge auf heutig zu trimmen, was dann meist bedeutet: auf alltäglich, auf modisch.

 

Was da am alt-klassischen Plot stört, nicht reinpasst an Seelen-Aufruhr oder Tragödien-Abgrund, wird flott gestrichen oder schick verkleistert. Ob das nun banal ist oder nicht: Geschenkt! Hauptsache, die Oberfläche gleißt schön cool bei volle Pulle Partysound. Und es gibt ordentlich was zu lachen fürs T-Shirt-Volk, das lauthals „Wow!“ brüllt, derweil an den Schläfen ergraute Tiefdenker sich die Gehirnwindungen verrenken beim Tüfteln an der philosophisch-sozialpolitischen Tiefeninterpretation. Peter Handke, der nicht mehr gern ins Theater geht, sagte es vor kurzem so: Theater sei nach Goethe ein ernstes Spiel, und mit dem Ernst komme das Spiel; heute sei alles im Theater nur Spiel. Er meint: Spielerei, Effekthascherei originalitätssüchtiger Spielmeister.

 

Freilich, das DT kann, wenn es nur will, auch ganz, ganz anders: Neulich erst (und zum bevorstehenden Theaterreffen eingeladen) produzierte die großartige Regisseurin Daniela Löffner, Mitte dreißig, einen gänzlich schnickschnacklosen ollen Turgenjew: „Väter und Söhne“ als wundersam wie neu funkelndes Menschen- und Schauspielertheater; Spiel und Ernst in geglückter Vereinigung (Spiral-Block 152).

 

Jetzt lieferte der gern als kunstgewerblich und oberflächlich gescholtene Andreas Kriegenburg (52) – in Wahrheit ein sensibel sinnbildlich, also stark poetisch, künstlerisch denkender Regisseur und großartiger Bühnenbildner -- nach seiner frappierend originellen „Nathan“-Interpretation am DT (Spiral-Block 137) eine atemberaubende Paraphrase auf Franz Kafka. Den paradoxen Titel „Ein Käfig ging seinen Vogel suchen“ dieser kunstvoll verspielten Zwei-Stunden-Veranstaltung gab der Aphorismus Nummer 16 aus der einschlägigen Sentenzen-Sammlung des großen Prager Autors. - Dieser Käfig ist, um im Bilde Kafkas zu bleiben, die Welt, die Draußenwelt, die sich ihren Vogel sucht: Hier den gutbürgerlichen Schlips- und Aktentaschenträger Blumfeld, der immer nervöser, immer aggressiver auf immer bedrohlicher wirkende Zeichen der als feindlich empfundenen Draußenwelt reagiert – das allgemein ungeordnete, zunehmend ungeordnetere Weltgeschehen. Der Wahn, das Vermeintliche und Reale in absurder und in zugleich un-absurder Verquickung – der gespenstisch wankende Urgrund unseres Daseins, der uns immer und immer wieder so bedrohlich nahe kommt und in Angst versetzt, der wird von Kriegenburg in grotesk-komische, unheilvolle Bilder gebracht: Allein schon in seinem staunenswerten Bühnenbild aus bizarr über einander gestapelten identischen Bürgerstuben.

 

Durch die geistert in kunstvoller Choreographie der von wirklichen oder nur eingebildeten Störungen des normalen Daseins, der gewohnten Welt irritierte, schließlich verängstigte Angestellte Blumfeld in surrealer Ausführung: Eine Handvoll toller DT-Spieler mit identischen Gesichtsmasken, braungrauen Geschäfts-Anzügen überm weißen Hemd mit Schlips. Alltag ins Befremdliche gesteigert. ‑ Quält uns das echte Leben? Was ist echt? Oder quälen die Ängste davor samt dieser Frage? Was ist Wahn, was Wirklichkeit? Wie mischt sich beides? Kafka-Fragen! Äußerst gegenwärtige. Kriegenburg stellt sie ganz ernsthaft und doch mit Witz. Kafka ohne Schnickschnack, amüsant, erschreckend; also ganz in seinem Sinne. Großes Theater in tollen Bildern.

 

Doch daneben steht eine Edition des gegenteiligen Mätzchentheaters unter Regisseur Stephan Kimmig, der seine Handwerkskiste durchstöberte, um die olle Goethe-Kamelle „Clavigo“ mit Zeitgeist pittoresk aufzumöbeln. Dabei verdankt ihm das DT einen durchweg ernsthaften „Don Carlos“. Da nämlich nimmt er Schiller ehrfürchtig beim starken Wort, hackt ihn nicht klein, erstarrt aber auch nicht in Ehrfurcht, sondern lässt sinnfällig das Allgegenwärtige durchscheinen, also das Jetzt in freilich modisch frisierter, dennoch nachvollziehbarer Fasson (Spiral-Block 130).

 

Nach dem gelungenen Schiller (Bravo!) also der Griff nach Goethe, der mit seinen 24 Lenzen „Clavigo“ in gerade mal acht Tagen als Schnellschuss aufs Papier warf. Es geht um den Jungjournalisten mit dem lyrischen Namen C. und dessen nicht zu bremsenden Ehrgeiz, Starjournalist zu werden. Dem wiederum steht die Verlobte Marie im Wege, die der verwegene Schreiberling nach allerhand Hin und Her schließlich sitzen lässt. Es geht also um Liebe respektive Gefühlsverwirrung, um Moral und Karriere – keine altbackene Ware.

 

Arschlochverhalten auf Kosten der Geliebten, das ewig aktuelle Ding kann man als subtiles Kammerspiel inszenieren mit entsetzlichem Einschlag. Doch Goethe-Freund Merck nannte das Trauerstück insgesamt „einen Quark“, und Stephan Kimmig nahm sich den Schimpf dankbar zu Herzen und inszenierte ‑ Quark. Er ist der Meinung, der „kleine bürgerliche Plot vom Wolf und dem Opferlamm“ locke heutzutage keinen Hund mehr vor den Ofen. Der böse Mann, die arme Frau, das sei abgenudelt. Ach, ja? Weil es „nix Langweiligeres gibt als die Kamelle heterosexueller Kerl zwischen Liebe und Karriere“, tauscht Kimmig flugs – was gerade in ist – die Geschlechter: Clavigo also als glitzernde Domina (Susanne Wolff), die unentwegt einsam an der Rampe prunkt, ein bisschen Goethe quatscht und ansonsten mit eitel-arroganter Attitüde reichlich Zitate ablässt aus popkulturellem Textwerk, darunter die superschnell abgeschnurrte (Bravo!), ellenlange Spoken-Word-Performance von Anne Waldman „Fast Speaking Woman“. Ihr Verlobter Marie (männlich) hingegen steht als anämischer Erfolglos-Schlaffikünstler in clownesken Strumpfhosen daneben wie ein Trauerkloß (Marcel Kohler). Dazwischen ein bisschen Rockröhrerei in die weit aufgedrehten Mikros und als burleske Einlage das Goethe-Frühchen „Hanswursts Hochzeit“ als alberner Monolog von Kathleen Morgeneyer, halbnackt mit Bockwürsten am Röckchen statt Bananen – aber graziös, das schon.

 

Alles zusammen soll nun, meint die Regie, den fragwürdigen Triumph (Clavigo-Weib), das heulende Elend (Trauerkloß-Marie) oder die peinliche Trostlosigkeit (Hanswurstiade) der hemmungslosen Selbstausbeutung gegenwärtiger Künstlerschaft imaginieren, um nur irgendwie auf dem total übersättigten Markt der Künste und Medien zu bestehen. Könnte die Idee für eine Farce sein, kommt aber nicht zusammen mit Goethe. Kommt letztlich in den mit Poppigkeiten, Pappnasen, Soziologie-Gesülze, Showbiz-Trallala und Gendertrouble aufgerüschten zwei Stunden mit rein gar nichts zusammen.

 

Es ist nun schon bald zwei Jahrzehnte her, dass sich der junge Stefan Pucher als erklärter Pop- und DJ-Regisseur erfolgreich etablierte – alle großen Häuser stürzten sich auf diese schillernde Erscheinung auf dem nach exotischen Novitäten gierenden Markt der Regisseure. Inzwischen ist er in die Jahre gekommen (fünfzig), rast wie verrückt durch alle großen und größten Häuser im deutschsprachigen Raum und wird mit Ruhm übergossen, aber auch heftig geschmäht. Seine Shakespeare-Inszenierung von „Was ihr wollt“ im DT (Spiral-Block 121) war eine optisch faszinierende, doch letztlich elend platte Veranstaltung. Pop wird im Theater halt nur allzu schnell plopp.

 

Jetzt hat Pucher Henrik Ibsens Frauen-Emanzipationsklassiker „Nora“ mit viel (vielleicht allzu viel) populärem Singsang auf die Bretter geknallt – und dieser Knall ging, Attention!, nicht daneben. Armin Petras, auch so ein rasender Roland bezüglich des Schreibens wie Inszenierens in unserm dampfenden Bühnenbetrieb, hat olle Henrik mal fix neu geschrieben. Der zwar alte, dafür perfekte Text im – kurz gefassten – modischen Gegenwarts-Neu-Sprech klingt hipstermäßig, haut aber Ibsen und seinen unkaputtbaren Plot auch in neunzig Minuten nicht um. So stabil sind halt Klassiker!

 

Petras, dieser ebenfalls in die Jahre gekommene Popper (stets mit Mütze auf der Glatze), passt prima zu Pucher: Der schnappt sich Kumpel Armins sarkastischen Text und arrangiert ihn mit - wie meist im DT - tollen Schauspielern in einem raffinierten Drehbühnenbild von Barbara Ehnes (dazu Videos von Meika Dresenkamp, die Nora-Szenen im urgroßväterlichen Gründgens-Theaterlook zeigen). Obgleich die Mehrheit der kritischen Kollegen die Nummer für flachgeistig hält: Diese „Nora“-Show hat was! Hat nichts Großes, aber auch nichts Falsches. Ein Ibsen-Comic. Unterhaltsam, aber nicht kalt lassend. Ein schwungvoll hingeworfener Mischmasch aus Gestern und Heute, Immergrün und Popmodern, Performance und Verstörung, Ober- und Unterflächen, Dekonstruktion und ihrem Gegenteil. Hängt einigermaßen nach im Gehirn. Das liegt an Ibsen-Petras-Pucher, dem coolen Dreier.

 

(„Nora“ wieder am 2. März; „Carlos“ am 10. März, „Clavigo“ letztmalig am 11. März, "Nathan der Weise" am 12., 30. März, „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“ am 16. März, "Väter und Söhne" am 9., 13., 17., 26. März)