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Kulturvolk Blog Nr. 157

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

25. Januar 2016

Schlossparktheater


Es passiert ja immer und immer wieder: Alter Kerl, junges Mädel, große Liebe. Gerhart Hauptmann (er selbst war seinerzeit gerade siebzig) hat über diese an sich wunderschöne Sache das Drama „Vor Sonnenuntergang“ geschrieben, in dem allerdings eine Tragödie steckt. Die so schöne Sache ist auch im echten Leben meist ziemlich dramatisch, wenn nicht tragisch. Wie die von Hauptmann fast frei und ein bisschen nach Goethe erfundene Lovestory zwischen dem gesellschaftlich hoch geehrten Verleger und Geheimen Kommerzienrat Matthias Clausen, einem verwitweten „soignierten Herrn von siebzig Jahren“ (so der Autor) sowie Inken Peters, der Kindergärtnerin aus einfachen Verhältnissen. Beide sind einander innig zugetan (sie liebt an ihm das Geistige, das Reife), dennoch bleibt die extreme soziale Ungleichheit, in die der Autor seine ätzende Kritik an den groß- und bildungsbürgerlichen Verhältnissen der Clausenschen Sphäre einklinkt. Hinter der kultivierten, vor Vornehmheit strotzenden Fassade, auf die vornehmlich Clausens Familie stur pocht, gähnt ein Abgrund an Niedertracht, Egoismus, Geldgier. Tolles Stück! Uraufgeführt 1932 am Berliner Deutschem Theater und allzeit gegenwärtig in jedem Milieu.

 

Und ein mutiges Unterfangen des Schlosspark-Direktors, der seine Boulevardbühne nicht nur vollstopfen möchte mit gängigem Material vom einschlägigen Markt. Dieter Hallervorden will in seinem fein hergerichteten Haus mit Ehrgeiz zumindest gelegentlich auch noch das große Literaturtheater, womit er auf die hohe Tradition und jene Zeiten verweist, als in Steglitz die Kammerbühne der längst abgewickelten Staatlichen Schauspielbühnen residierte. Zugleich erfüllt er sich seinen ewig schwelenden Lebenstraum, endlich „schwere“ Figuren des Welttheaters zu spielen; den Hanswurst und die Ulknudel hat er schließlich lange genug gegeben – mit immerhin allerhöchstem Ruhm.

 

Freilich, er hätte das mit den „ernsten Rollen“ überhaupt nicht nötig. Hat er doch unlängst erst in seinen beiden Filmen „Das letzte Rennen“ und „Honig im Kopf“, aber auch in der Theater-Tragikomödie „Sunny Boys“ bravourös bewiesen, dass er den Charakterdarsteller von hohen Graden überwältigend drauf hat.

 

Trotzdem also jetzt den Großverleger Clausen, der hier freilich nicht seinen siebzigsten Geburtstag feiert, sondern den achtzigsten, weil: sein Spieler beging ihn jüngst erst selbst mit medial großem Getöse. Tut aber dem Stück keinen Abbruch. Denn hinsichtlich Vitalität vermag es Hallervorden lässig mit einem späten Sechziger aufzunehmen.

 

Dass „Vor Sonnenuntergang“ dennoch kein „kühnes und erschütterndes Drama“ wurde, wie von Alfred Kerr gerühmt, liegt also weniger an der Kraft seiner zentralen Figur, der man immerhin das Format eines King Lear nachsagt, sondern zuvörderst an der Strichfassung des Stücks. Die nämlich spart dessen kompakten philosophischen Hintergrund sowie die feinen Schattierungen des opulenten Figurenpersonals geflissentlich aus. Von den zwanzig Rollen wurde ein gutes Drittel gestrichen. Man konzentriert sich also mit geübt boulevardeskem Blick auf die handfest kriminellen Machenschaften von Clausens Mischpoke. Die kämpft gegen den Verlust ihrer opulenten Erbschaft mit allen Mitteln skrupellos an und treibt ihren Zampano Clausen schließlich in den Selbstmord, den der notorische Bildungsbürger in seligem Gedenken an den legendären römischen Denker Marc Aurel mit einem kräftigen Schluck aus dem Schierlingsbecher vollzieht. Vorhang und Schluss des bösen Spiels.

 

Das gedanklich weit und tief gespannte Drama mit seinen psychologischen Finessen und delikaten zwischenmenschlichen Differenzierungen rollt also unter der handwerklich geschickten Regie von Thomas Schendel in knapp zwei Stunden super flott ab wie ein prima Krimi, weshalb die weite Leer-Bühne Stephan von Wedels auch keine, wie von Hauptmann vorgeschlagen, Marc-Aurel-Büste schmückt im Salon der Verleger-Villa. - Da haben wir also auf der einen Seite die schablonenhaft komplett grundböse Familienbande, auf der anderen das tapfer liebende Mädchen Inken. Dazwischen poltert eloquent sarkastisch oder originell kauzig Clausen-Hallervorden. Ziemlich glatt und platt; wobei allzu oft heftig gelacht wird im Parkett – ohne Rücksicht auf den Todernst der Lage. Und weil dem graubärtigen Zausel die Fallhöhe vom Big-Boss zum elenden Verlierer und Verlorenen fehlt, geht dem Drama alles Dramatische, Kühne, Erschütternde ab. Von einer Tragödie à la „Lear“ gar nicht zu reden. Trotzdem: Man schaut dem aasigen Intrigenstadel nicht uninteressiert zu. Hauptmann ist eben auch in seinen Restbeständen allemal spannend genug.

(wieder vom 2. bis zum 7. Februar)

Gorki Theater

Hans Falladas 400-Seiten-Roman„Kleiner Mann - was nun“ aus der Endzeit der Weimarer Republik erzählt an vielen Schauplätzen mit vielen Figuren die rührige Liebesgeschichte von Emma Mörschel, genannt Lämmchen, und Johannes Pinneberg. Die beiden trafen sich, noch blutjung, sommers an einem Märkischen Badesee, kamen zueinander und Lämmchen wurde umgehend schwanger. Sie heirateten erzwungenermaßen, noch bevor sie sich recht kennenlernen konnten. Zogen in die große wilde Stadt Berlin, wo Hans sich in einem Konfektionshaus als Verkäufer verdingte und prompt in die Mühlen kapitalistischer Planerfüllung kam (das überhohe Tagessoll!). Er wurde darin zermalmt. Das junge Eheglück, arg gestresst in elenden Zeiten. Der Klassiker über die Not der kleinen Leute; vielfach verfilmt und auf die Bühne gebracht: Jetzt im Gorki unter Regie von Hakan Savas Mican.

 

Die Sache verlief zwiespältig. Einerseits misstraute Mican (nicht zu Unrecht) dem historischen Sujet; der Kapitalismus heute ist ein andersartig ausbeutender als damals. Weshalb denn auch plakativ von Flexibilität, Motivation oder Work-Life-Balance die Rede ist, irre Slapstickiaden aufgeklebt und von einem Trio aus Akkordeon, Klavier, Trompete folkloristisch-jazzige Musiknummern eingebaut werden. Alles bloß wacklige Brücken ins Heute.

 

Anderseits ist die romantisierende Lovestory (Trotzallem: Wir schaffen das!) eine so schöne und gute Sache jenseits aller Zeiten. Also erzählt sie Mican auch sehr einfühlsam nach mit dem herrlich holden Paar: Anastasia Gubareva ist die starke Frau und Mutter; Dimitrij Schad der schicksalsergebene, demütig sich abrackernde Kerl, der es nun mal nicht schafft, ganz und gar seinen Mann zu stehen als starker Ernährer. Die beiden spielen das sehr genau und sehr berührend. Die anderen fünf Akteure übernehmen die vielen verschiedenen Rollen, von denen Tim Porath, ein herrlicher Verwandlungskünstler mit großem Talent fürs Komische, die meisten übernimmt wobei er allerdings zuweilen überschäumend ins Karikaturenhafte abrutscht. Soweit ganz gut.

 

Aber eben auch nicht. Denn allmählich entstand eine theatralische Gemengelage, die eine bittersüße Volkstheater-Revue sein wollte, aber doch eher bloß süßlich volkstümelnd daherkam. Der romantisch grundierte Autor ist sehr viel härter im Schildern eines gnadenlosen Überlebenskampfes als der romantisch grundierte Regisseur. Seine Inszenierung mit so manch trefflichem Detail streift halt arg das Kitschige und zerfällt letztlich, ergibt kein stringentes Ganzes – und schon gar keine scharfe Momentaufnahme einer schweren, von extremen Widersprüchen gezeichneten Zeit, in der schon das Nazitum schwelt.

(wieder am 27. Januar sowie am 6., 25. Februar)