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Kulturvolk Blog Nr. 156

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

18. Januar 2016

Komödie am Kudamm


Neil LaBute, Jahrgang 1963, zählt zu den flotten US-amerikanischen Vielschreibern mit Stich ins Virtuosentum sowie mit stocknüchternem Blick für den Kommerz erst für Hollywood, später auch für den Bühnen-Boulevard. Die mit Sarkasmus garnierten Texte des bärtigen Wuschelkopfes und ruhmreichen Lieblings der Szene flutschen und schnurren wie von der Nähmaschine genadelt. Macht schon Spaß, hat Hintersinn, wenn der auch in seinem Konversations-Quartett „Lieber schön" leider arg ins Hintertreffen geriet. Da wird sehr viel und dank der Regie Folke Brabands rasend schnell geredet, wobei das Express-Tempo im gegebenen Fall zum Autor passt und dessen dramatische Schwäche und inhaltliche Plattheit einigermaßen überspielt.

 

Dabei ist das Thema, das die vier auftretenden Figuren umtreibt, überhaupt nicht banal: Es geht um einen – weithin verbreitet äußerst oberflächlich verstandenen, ja verinnerlichten Schönheitsbegriff, um Freundschaft, Kollegialität und um Aufrichtigkeit in Zweierbeziehungen. Da „treibt“ es ein Vierer von Mittzwanzigern zwar nicht wie anzunehmen überkreuz, er redet nur flach überkreuz, was freilich zerstörerische Konsequenzen zeitigt. Wobei die Flachheit der Rede – logisch! keine Fallhöhe aufbaut, die ein Sturz in die Zerstörung braucht, um aufzuregen und zu überzeugen.

 

Der simple Ausgangspunkt der Veranstaltung: Ein gewisser Greg (Oliver Mommsen) äußert gelegentlich gegenüber seinem Freund und Arbeitskollegen Kent (Roman Knizka), das seine, also Gregs Freundin Steph (Tanja Wedhorn) „normal“ aussehe. Diese daher gesagte Äußerung wird von Kents Freundin Carly (Nicola Ranson) eilend der lieben Steph hinterbracht, was diese prompt in wütende Hysterie stürzt: Sie wolle nicht für „normal“, sondern für schön, für extravagant, für hinreißend etc. gelten. Dieser ziemlich albern eitle Anspruch ist der dürftige Anlass für Steph (beständig im Kreisch-Modus) und für die drei anderen, darüber hin und her zu schwafeln bis endlich der Pausenvorhang fällt. Nervig! Steph ist flink und simpel genug, schnell noch aufgrund des Wörtchens „normal“ ihrem angeblich geliebten Greg den Laufpass zu geben. Tja, da hat man im Foyer bei Bier oder Bowle was zum Grübeln…

 

Im Teil zwei der Handy-gestützten, teils sehr vorhersehbaren und sich wiederholenden Rederei stellt sich heraus, das Kent seine inzwischen geschwängerte Frau Carly obsessiv mit jugendlichem Frischfleisch betrügt. Eine Sauerei, aus der ein elendes Lügengespinst wuchert, über das der Autor und eben auch die Regie flink hinweg rutschen. Auch wenn das Script an Anämie krankt (passiert auch preisgekrönten Schreibern wie LaBute), hätte man therapeutisch durchaus gegensteuern können mit einem an Nuancen deutlich reicheren Spiel, das die papiernen Figuren charakterlich (und vielleicht auch sozial) stärker konturiert und Psycho-Spannungen aufbaut. Das Quantum Ernst, das immerhin in diesem ansonsten langweilenden Plapper-Stück steckt, blieb also weitgehend unbelichtet. Der im einschlägigen Genre doch so erfahrene Regisseur hat hier unbegreiflicherweise alles bloß laufen und das offensichtlich arg unterforderte, strikt auf Schnellsprech dressierte Ensemble weitgehend im Stich gelassen. Immerhin ein Lichtblick: Oliver Mommsen, ein herausragendes Talent, war sichtlich stark und eigenständig genug, seiner Figur des Greg zumindest einige berührende Momente des Innehaltens, der Wehmut und des Schmerzes zu geben.

(bis Ende Februar außer montags)

Box im Deutschen Theater

Vor gut drei Jahrzehnten klapperte die Berliner Autorin Irina Liebmann Wohnungen in einem alten Ostberliner Mietshaus ab, kam mit den denkbar unterschiedlichsten Leuten dort, im Prenzlauer Berg, ins Gespräch und machte aus diesen Plauderstunden (Interviews?) ein sehr anrührende Büchlein, das von den Lebensschicksalen dieser DDR-Normalos erzählt. Jetzt tat die junge Autorin Jelena Schulte das gleiche und klingelte an Türen ihr fremder Leute nun nicht mehr allein in Prenzlberg, sondern Ganz-Berlin, um deren Lebenswege zu erfahren. Das vermischte sie mit Liebmanns Recherchen und arrangierte daraus den kleinen feinen Theaterabend namens „Wodka-Käfer“, den Brit Bartkowiak mit viel Humor, Ironie und sanfter Einfühlung in der DT-Box inszenierte.

 

Dieses Patchwork Berliner Miniaturen erzählt viel von der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit dieser Stadt; von Lebensumständen vor und nach 1990: Psychogramme, soziale Skizzen, die sich letztlich zu einem pittoresken Gesamtberliner Daseinspanorama fügen. Alles, so wird bekräftigt, sei dokumentarisch belegt, auch wenn es noch so heftig nach Klischee klingt. Sei’s drum. Die hundert locker frech und wie aus dem Ärmel geschüttelten Minuten präzise Berlin-Beobachtung sind unterhaltsam und aufschlussreich, nicht nur für Einheimische und Zugereiste, sondern auch für – ja doch – für Touristen. Eine witzige, auch aberwitzige und (im schnellen, kontrastreichen Wechsel) tragisch-traurige soziokulturell-sozialpsychologische Stadtführung. Voller Sentiment und Lakonie. Des Lebens spärlicher Glanz und heulendes Elend, die Tränen lax weggesteckt. Prolls, halbwegs Erfolgreiche, Verlierer, Verlorene, Vereinsamte, Aufmotzer und Auferstandene. Fesselnd wird dieser Mix erst recht durch die Kunst einer Handvoll starker Schauspieler (der Star am DT ist immer wieder, in welchem Format auch immer, das Ensemble!): Michael Gerber, Gabriele Heinz, Barbara Schnitzler, Olivia Gräser, Jonas Vietzke. Berlin-Feeling in schillernder Grau-Abstufung wie hingezaubert. Die Hauptstadt-PR sollte mit „Wodka-Käfer“ werben für unsere Stadt. (wieder am 20., 22. Januar)

Film-Tipp

Großformatige Werbung auf U-Bahnhöfen für ein cineastisches Kammerspiel. Ist selten, ist schön. Ist sehr zu Recht; weil: Es betrifft den mit „Kirschblüten und rote Bohnen“ betitelten Film der berühmten japanischen Regisseurin Naomi Kawase. Seine Handlung ist einfach und klar erzählt und enthält dennoch – um es gleich zu sagen – eine überraschend bittere Wendung zum Schluss.

 

Da ist ein noch junger Imbissbuden-Besitzer, der von einer alten Dame gebettelt wird, bei ihm kochen zu dürfen. Weil: Keine könne wie sie die im Lande so beliebte, doch kompliziert herzustellende rote Bohnenpaste namens „An“ zubereiten. Stimmt auch. Der Chef der kleinen Garküche in einem Provinznest ist sofort überzeugt von der Kochkunst und stellt die begnadete, offensichtlich alleinstehende, einsame alte Köchin ein. Und prompt floriert sein Laden wie nie zuvor. Die rote Paste ist der Renner! Schließlich aber ist zu beobachten, dass die Hände der tollen Köchin allmählich seltsam verkrüppeln. Es stellt sich heraus: Die Dame ist, was sie zu verheimlichen sucht, an Lepra erkrankt und lebt in einer Art Quarantäne-Station am Rande der Stadt. Ihr wird gekündigt und alsbald stirbt sie.

 

In dieser hier knapp skizzierte Geschichte voller komischer, exotischer, liebevoller und auch schrecklicher Momente steckt im Kern eine Tragödie antiken Ausmaßes. Die berühmte japanische Meister-Regisseurin Naomi Kawase hat sie ohne viele Worte auf teils dokumentarische Art in eindringliche Bilder übersetzt - in denen doch auch immer Poetisches betörend schimmert. Ein gefühlvoller, schmerzensreicher und doch unsentimentaler, stringent gebauter Film. Mit psychologisch präzisen Schauspielern, deren eher lakonisches, unaufdringliches Spiel aus dem routiniert Alltäglichen das Unalltägliche, ja Entsetzliche, aber auch das Wundersame wachsen lässt. Es ist eine stille, zwischen Kirschblütenschnee und Bohnenküchendunst angesiedelte Geschichte über Existenzielles, über unauflösliche Zwänge, zarte Zuneigung und schroffe Trennung, Aufrichtigkeit und Lüge, Schuld, Reue. Über Erleuchtung, Lebensbejahung und Tod. Große und letzte Fragen werden da unaufdringlich, ja lapidar und gerade dadurch packend eingekreist.

 

Ich war zutiefst berührt, auch erschüttert und verließ dennoch das Kino mit einem Gefühl sanfter Gelöstheit und Zuversicht. Liegt doch das Großartige dieses kleinen, bescheiden auftretenden Films darin, das Traurige einzubetten in eine von zaghaft keimender Liebe umwehten Menschlichkeit. Ein tröstliches Trotzdem. Was für ein beglückender, wunderbarer Beginn dieses Kino-Jahres.