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Kulturvolk Blog Nr. 144

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

26. Oktober 2015

Deutsches Theater -


Es fängt ziemlich kabarettistisch an; man könnte meinen, Roland Schimmelpfennigs Konversationsstück „Wintersonnenwende“ sei eine Satire. - Ist es auch, aber nur halbwegs, womit wir bereits beim Problematischen des Abends wären. Inspizieren wir zunächst das Setting: Ein bloß mäßig erfolgreiches, erstaunlicherweise trotzdem ganz gut verdienendes Mittelstandsehepaar mittleren Alters mit Vorschulkind im Berliner Kreativen-Milieu: Da ist Albert (Felix Goeser als Weichei in rosa Klamotten), der seit Jahren verkopfte Bücher ähnlichen Inhalts schreibt unter Titeln wie „Die Zukunft der Vergangenheit“, „Vernichtung“, „Diktatur oder Tod“; da ist Bettina (Judith Hofmann als scharfzüngige Zicke), die die nur schwer verkäufliche Filme inszeniert, weil kaum einer sie sehen mag. Es ist kurz vor Weihnachten, Bettinas Mutter Corinna (Jutta Wachowiak als taffe Alte) kommt zu Besuch und geht der Kleinfamilie gehörig auf die Nerven, während zwischen allen der ewig klamme, mithin wenig reüssierende Maler und weinerliche Familienfreund Konrad geistert (Edgar Eckert). Sein abstraktes Großformat „Der Kampf“ ziert die hohe Zimmerwand in der weiträumigen Altbauwohnung, cool dekoriert mit Möbel-Mix aus Ikea und Biedermeier und, großbürgerliches Accessoire, mit einem Konzertflügel. Soweit der durchaus vornehme Rahmen, in dem es prompt ganz unvornehm zur Sache geht: Nämlich mit einer ganz und gar gewöhnlichen abendlichen Schlammschlacht, in der jeder jeden beleidigt und erniedrigt. Wutexplosionen und Hassausbrüche wechseln mit heulendem Selbstmitleid und hektischem Aneinander-vorbei-Quatschen, befeuert von teurem, dennoch reichlich fließendem Rotwein. Das haben wir gefühlt tausend Mal schon erlebt nicht nur in diesem Theater; freilich oft spannender, bösartig zugespitzter, zynischer und abgründiger (sogar in Schimmelpfennig-Stücken unter Regie von selig Jürgen Gosch). Diesmal also das komisch-kabarettistische, arg klischeehafte familiär-häusliche Gezänk auf die ganz und gar altbackene Art.

 

Ort der von Regisseur Jan Bosse flott arrangierten, mit einschlägigen Turbulenzen hübsch garnierten Veranstaltung ist ein riesiger, für wirkliche Kommunikation wenig tauglicher Wohnzimmertisch (dafür wird gern auf ihm herum gekraxelt und gängiger Schimpf abgelassen). Er beherrscht die Mitte der ansonsten leeren Bühne (Stéphane Laimé). Also kein Ikea-Biedermeier-Interieur, das wird bloß beschreibend hergesagt. Vielmehr ein schwarzer Großraum, begrenzt von bühnenhimmelhohen Wänden aus dicht gespannten, aber dennoch durchlässigen Gummiseilen. Wir kapieren: Hier herrscht Abstraktion, hier hallt Verallgemeinerung, hier gähnt Finsternis stellvertretend für jeden Weltenort - hier geht‘s um mehr als bloß eine eheliche Wohnzimmerschlacht. Und die solide situierte, ostentativ linksliberal gefärbte Kleinbürgerwelt, in der keiner je konservativ gewählt hat, ist eben überhaupt nicht solide, sondern höchst brüchig. Von innen heraus, das sowieso; aber eben auch von außen. Und das nicht nur durch die geheimen Liebschaften der Eheleute (ja diese Üblichkeit natürlich auch noch), sondern vor allem durch Rudolph Mayer, den Bernd Stempel unheimlich bieder als graue, schließlich grauenvolle Eminenz und Überraschungsgast des Abends funkelnd vorführt.

 

Dieser seltsame, höchst manierliche, diskret exotisch erscheinende ältere Herr in Schlips und Bügelfalte, Arzt von Beruf, Deutscher und aus Paraguay kommend, ist eine Zufallsbekanntschaft von Großmutter Corinna, die sie unterwegs auf ihrer Reise zum Weihnachtsbesuch bei Albert und Bettina im Intercity aufgabelte. Und Mayer fasziniert zunehmend nicht nur Corinna. Er plaudert gepflegt über altdeutsche Vornamen, über so schöne, doch leider „verlorene“ deutsche Vokabeln wie „ritterlich“, „anständig“, „stolz“, über Kunst und ihre Aufgabe, „ins Licht zu führen“. Sonderlich eloquent vermag er Musik in Worte zu fassen (tolles Solo für Stempel). Und dann spielt er auch noch perfekt Chopin und Bach und klimpert ein bisschen Wagner („Tristan“) auf dem ansonsten fatal stummen Konzertflügel. So sind denn alle hingerissen, bis auf den hypochondrisch wehleidigen, tablettensüchtigen Albert, der zunehmend „Druck auf den Brustkorb“ bekommt und ahnt: „Mit Mayer stimmt was nicht. Wer weiß, wen man da ins Haus gelassen hat...“

 

Auch unsereins im Parkett schwant längst: Mit diesem scheinbar ach so liebenswürdigen und kultivierten Biedermann aus Südamerika kam etwas offensichtlich extrem Fremdes, Böses ins Haus, tropft etwas in die Köpfe und Seelen dieser vorweihnachtlichen Gesellschaft, von dem sie meint, ansonsten nichts damit zu tun zu haben. Es ist das hier verführerisch süß schmeckende Gift faschistoider Ideologie, die vom Schönen und Guten schwärmt, vom sauberen, wohl geordneten Garten, der von Blattläusen gesäubert sein müsse, von der Vermischung mit Unkraut. Denn immer und überall müssten Ordnung und Reinheit über dreckiges Chaos triumphieren, womit selbstredend unser Liberal-Libertinäres, Kränkliches, unsere Glaubens- und Orientierungslosigkeit gemeint ist, dem der Untergang drohe. So wie in der Natur das Niedere und Schwächere dem Höheren, Gesunden und Stärkeren weichen müsse.

 

Damit ist in Schimmelpfennigs neuem Opus (deutschsprachige Erstaufführung) endlich heraus, was im schwarz abstrahierten Bühnenbild schon angedroht wurde: am Ende Schlimmes, eben kein Kabarett, keine Satire. Doch zuvor gibt es genau das in langen 100 Minuten. Quasi als grobkörniges Vorspiel zum subtil gedachten Menetekel: Nämlich die notorische Anfälligkeit der total demokratisierten, total freiheitlich sich dünkenden, unentwegt mit sich hadernden und letztlich ziellosen Bürgerlichkeit (und nicht nur der!) fürs Totalitäre mit seinen klaren Ansagen. Diese werden in der letzten halben Stunde aberwitzig illustriert durch Rudolph Mayers geschliffene Hardcore-Rederei gegen das Ungeziefer, das sich zersetzend einniste im abendländisch Hehren und Edlen, wofür die westlich individualistische, jammerlappenhafte Verweichlichung den Nährboden liefere; wobei dem immer strammer werdenden Bieder-Mayer unversehens schon mal das Wort „Saujude“ von den Lippen flutscht. Zum absurden Finale vereint sich die verzankte Sippe zu einer Art Abendmahl, das Mayer austeilt. Alle schlucken ein Glas irgendwie geweihtes Wasser als „Destillat des Lebens, als Vermächtnis und Auftrag…“ Auch Albert schluckt, dabei schreibt er gerade an einem neuen Buch; Titel: „Weihnachten in Auschwitz“...

 

Der Autor, durchaus mutig und problembewusst, kapert ein nicht einfaches, aber ewig virulentes Thema: Der Hang des einzelnen zur Freiheit sowie Ein- und Unterordnung; seine Kühnheit und zugleich Ängstlichkeit. Bei Schönwetter mag sich das austarieren, bei Schlechtwetter kippt es schnell – Wintersonnenwenden... Eine kriegerische Angst- und Frust-Kompanie wird da unversehens zur erlösungssüchtigen Fascho-Gemeinde. Ja wirklich, ein großes Thema, aber doch nur ein hölzernes Thesenstück. Noch dazu in Schimmelpfennigs nervender Collage- und Verfremdungstechnik immerzu treten die Figuren heraus aus ihren Rollen, um sich selbst oder gegenseitig zu kommentieren. Und obendrein die aktionistisch witzelnde Regie-Routine, vom Hochleistungsensemble immerhin intensiv durchexerziert. Und als Schlusspointe, auch das noch, ein Kitschbild mit Kind und Weihnachtskerze.

 

Warum nur fanden weder Regie noch Dramaturgie den Mut, aus der plakativen, wenig originellen, dafür unendlich breit gewalzten sozialpsychologischen Vorlage "Wintersonnenwende" eine so straffe wie ätzende Polit-Satire zu keltern? Eben alles in schnellen 90 Minuten Kabarett, wie man anfangs dachte. (wieder am 27. Oktober)

Komödie am Kurfürstendamm -

Ihre Ehe hat kalte Füße bekommen. Dabei fing natürlich alles supertoll an: Tauchurlaub in südlichen Gewässern, grenzenlose gegenseitige Bewunderung, schwere Verliebtheit, rasender Sex. Doch nach 14 Jahren Ehe verlor die Himmelsmacht Liebe schmerzlich an Kraft Seitensprünge, Gleichgültigkeit, die Sorgen mit den beiden Kindern und im Ehebett ist auch nix mehr los. Das Übliche. Jetzt beleben Frust, Dauernörgeln und Machtkrämpfe den ansonsten langweiligen häuslichen Alltag von Joana und Valentin (Elisabeth Lanz, Götz Otto); sie Historikerin, er leitender Ingenieur in der Flugzeugindustrie. Diese böse gegenseitige Verkrampfung demonstrieren die beiden Kampfhähne denn auch drastisch beim Paartherapeuten (Peter Prager). Den immerhin haben sie für teuer Geld gebucht, um ihren schwer ramponierten um nicht zu sagen: kaputten – Ehebetrieb eventuell doch noch wieder flott zu kriegen. Denn von Trennung, wie der Psychologe eiskalt vorschlägt, von Scheidung soll erstaunlicherweise keine Rede sein. Also ist da noch etwas bei den beiden durchaus feschen flotten Enddreißigern, was sie beieinander hält in all ihren tagtäglichen Kriegereien. Was aber ist das?

 

Wird hier nicht verraten! Denn das ist die Pointe in Daniel Glattauers Redeschlachten-Stück „Die Wunderübung“. Ein durchtriebener dramatischer Überraschungscoup sorgt dafür, dass bei Joana und Valentin nach allerhand Blitz und Donner - wenn nicht noch alles schief läuft ein zweiter Frühling im Anmarsch ist.

 

Der österreichische Journalist Daniel Glattauer, der mit seinem in 35 Sprachen übersetzten und fürs Theater adaptierten Roman „Gut gegen Nordwind“ (anno 2009 ein Kudammbühnen-Hit!) zum Bestseller-Autor avancierte, liefert auch jetzt wieder mit „Der Wunderübung“ eine schlau gebaute, beträchtlich funkelnde Konversationskomödie; uraufgeführt Anfang dieses Jahres am Wiener Theater in der Josefstadt. Zugleich liefert der scharfe Lebensbeobachter aus Wien ein bissiges, dabei gefühlvolles Porträt eines situierten, gebildeten Mittelstandspaares, das zwar elend in der Sackgasse steckt, aber eben doch wunderbarerweise trotz (!) psychologischer Paartherapie wieder herausfindet aus dem erstickenden Sack. Freilich am Ende nix Neuers unter der Sonne, doch schaut man dem immer wieder gebannt zu.

 

Die Chose ist als pfiffig demonstrierter Modellfall gekonnt schnörkellos inszeniert von Rüdiger Hentzschel. Und wird glänzend gespielt von klasse Könnern ihres Fachs. Intelligente Unterhaltung vom Feinsten, gewürzt mit einer gehörigen Dosis gewitzter Lebensschulung. Und obendrein ein passabler Lockermacher für nicht allzu hartleibige Eheknochen. Darauf eine Pulle Sekt! (bis 29. November)