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Kulturvolk Blog Nr. 14

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

11. Dezember 2012

Deutsches Theater


Tilla Durieux wurde rasend schnell zur Legende: In bloß sechs Jahren als Ensemblemitglied des Deutschen Theaters von 1905 bis 1911. Sie gehörte zu jenen, die Schluss machten mit altbacken-konventionellem Aufsage-Theater. Die Durieux war Theater-Avantgarde! Und scharfe Skandalnudel, gleißender gesellschaftlicher Fixpunkt. Vor allem durch die exzentrisch aufgeladene Ehe mit dem so berühmten wie reichen Verleger und Kunstmäzen Paul Cassirer, die tief traurig endete: Kurz vor Unterzeichnung der Scheidungsurkunde erschoss sich Cassierer im Nebenraum der Anwaltskanzlei. In seinem Stück „Jannings & Tilla“ hat der Berliner Autor Christoph Hein die an Glanz wie Tragödien reiche Biografie der von Nazi-Deutschland ins Exil getriebenen Durieux dem vergleichsweise glatten Lebenslauf von Emil Jannings gegenüber gestellt. Dessen Staats-Schauspieler-Großkarriere blühte in der NS-Zeit unbeschadet weiter ...

 

Bei der Uraufführung des Hein-Textes in den DT-Kammerspielen entfiel nun allerdings der Jannings-Part. Wie auch die schlimme Flucht- und Exilgeschichte der Durieux. Das Stück unter nun neuem Titel „Tilla“ schrumpfte zur sarkastischen Anekdotenplauderei über Tillas Ehe-Hickhack während der DT-Glanzzeit in einer von Gabriele Heinz szenisch aufbereiteten Lesung. Also zur süffisanten Kramerei in der Beziehungskiste Cassirer-Durieux. Und das wiederum ist ein hübsches Geschenk für einen DT-Altstar von heute: Nämlich die sagenhafte Inge Keller und deren mit gut 89 Jahren noch immer faszinierende, hier zwischen delikat ironischer Distanz und vornehmer Einfühlung changierende Vortragskunst. Aufgepasst: Eine Legende des gegenwärtig deutschen Theaters ist in ihrem Deutschen Theater jetzt leibhaftig zu bestaunen. Große Könnerschaft! Ein Abend der alten und doch niemals altmodischen hohen Schule des Sprechens. Ein herber Abend aus Grazie und Grandezza. Diventum, höchste Reife, durchweht von leiser Abschiedsbitterkeit. Eine unvergessliche, durchaus spektakuläre Seltsamkeit.

 

Hans Otto Theater Potsdam

Das Jubiläumsjahr des großen Preußen-Königs ist fast vorüber, aber noch immer tobt olle Fritz ziemlich durchgeknallt als toller Hecht im Hans Otto Theater. Dort besteht seine aristokratische Bühnen-Herberge aus einem Klettergerüst, dick dekoriert mit Lampen, Kabelsträngen, Verteilerkästen und der – aha! – einem Bordell gemäß rosa Neonreklame „Sans Souci“. Dort lässt es Regisseur Tobias Wellemeyer ordentlich krachen, blitzen, bumsen – mit dem eigens zum 300. Geburtstag des weltberühmten Monarchen verfassten „Theaterspiel für den König von Preußen“ von Uwe Wilhelm. Die rhetorisch-anzüglichen und pyrotechnischen Feuerwerke sollen dieser, um es gleich zu sagen, Bühnengeschwätzigkeit den nötigen Theater-Zunder geben. „Fritz!“, so der respektlos imperative Titel des Auftragswerks, * Spieler haben einen Gewinnrate von 36 zu 1, was Roulette zu einem der lohnenswertesten Casinospiele macht. ist ein historisch-fiktives Vexierspiel. Verpackt in ein arg verwirrendes Anekdoten-Gespinst. Der Autor wollte die Vielschichtigkeit der Epochenfigur und zugleich „den deutschen Helden“ vom Denkmalssockel schubsen. Verlor sich jedoch in einem grellen Gewirr aus Künstler- und Ehedrama, surrealer Tragödie, Sex-Klamotte (mit einer Flöte als Dildo) und Intrigen-Zirkus. Bisschen viel auf einmal. Und obendrein offene Türen einrennend: Denn die Entdämonisierung Friedrichs ist längst Allgemeingut. – Also kein Sturz vom Sockel, höchstens einer in den Pott randvoll mit Kakao. Doch immerhin in der Flut der Szenchen und Bildchen einige starke Momente, die aufs Konto von Rita Feldmeier gehen: Im Abendkleid gibt sie den großen Friedrich als schwarze, sarkastisch zynische Domina mit fein verruchter Gesangsstimme. Ein Eis- und Höllenengel. Eine moderne Figur, aasig auf- und abgeklärt. Der sehenswerte Glanz- und Fixpunkt dieser ansonsten chaotisch zerfransten Friedrich-Farce im kabarettistisch böllernden Hohenzollern-Stadel.

 

Tipp für Weihnachtsfeier im BE

Mal nicht mit Freunden oder Kollegen gleich in die Kneipe. Sondern erst zum poetisch-süffigen Vorspiel, zum Weihnachtsmärchen im Theater: Zwar ohne Kling-Glöchen-Klingelingeling doch total märchenprächtig inszenierte nämlich im Berliner Ensemble unser durchtriebener, mit allen Wassern (des Lebens) gewaschener Spaßvogel Katharina Thalbach William Shakespeares fantastisches Bäumchen-Wechsle-Verwechsle-Spiel „Was ihr wollt“. Eine knallbunte, krachend komische und hoch artistische, zirkushaft verspielte Klamotte. Wer mag, hört hintenherum fein philosophischen Hintersinn. Alles zusammen bringt schön in Stimmung. Und Rotwein, Braten, Pfefferkuchen schmecken noch besser.

 

Schaubühne

Ach, ich war soo scharf auf noch ein zweites, vielversprechendes Weihnachtsmärchen! Auf die artifiziell schauer-romantische Mär vom teuflisch bösen Jäger, der von Drogen vergiftet, zur blutroten Hölle fährt. Und vom braven Jäger, der in den süßen rosa Ehe-Himmel kommt. Pustekuchen! Denn Friederike Heller hat in der Schaubühne „The Black Rider“, dieses magische Traumspiel-Musical der beiden Altrocker Tom Waits und William S. Burroughs, mit der Band "Kante" total verzappelt und verkichert, doof verblödelt und verballhornt. Immerhin, es wird ordentlich gesungen und musiziert. Trotzdem, der Laden kommt nicht auf Touren. Da rockt nix los und gespenstert nichts. Keine Dämonie, keine Magie, bloß Lichtgeflacker. Auch keine Erotik, bloß Gefummel. Schwere Enttäuschung.

 

Staatsoper im Schiller Theater

Mein Rat: Statt Schaubühne die schier unschlagbare Vorlage gucken! „Der Freischütz“, große romantische Oper von Carl Maria von Weber – der so populäre wie unheimlich abgründige Hit demnächst neu vom viel gerühmten Berliner Regisseur Nikolaus Lehnhoff an der Staatsoper im Schiller Theater. Mehrmals im Januar; wäre doch ein prima Weihnachtsgeschenk. Auch neu: „Freischütz“-Workshop für Familien (12. Januar, 10 und 14 Uhr, Staatsoper in der Schiller Theater-Werkstatt).