0

Kulturvolk Blog Nr. 13

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

4. Dezember 2012

Deutsches Theater


Zunächst rasch ein Blick auf die Statistik. Der Deutsche Bühnenverein vermeldet: Die Anzahl der Produktionen im deutschsprachigen Bühnenraum hat sich in den letzten zehn Jahren um ein Drittel erhöht, die Anzahl der Ensemblemitglieder ist seit 1992 um ein Drittel gesunken, doch gespielt wird abends noch fast genauso oft wie eh und je. Also sind die Aufführungsserien deutlich kürzer geworden. Immer weniger Personal wirft mithin immer mehr auf die Bretter, was dann immer schneller abgespielt wird – rasendes Verfallsdatum.

Auch wenn die Ressourcen des privilegierten DT im Wesentlichen gehalten wurden über die Jahre, der Produktionsausstoß ist (wie an allen Berliner Häusern) enorm gestiegen. Blickt man jedoch vorbei an den vielen durchaus potenten Ideen auf die alles in allem künstlerisch eher bescheidenen DT-Resultate (der Intendanz Khuon fehlen auch noch in der dritten Saison über lokale Erregung weit hinausreichende Hits), da darf man schon fragen, ob etwas weniger Produktionshektik womöglich sehr viel mehr wäre – also bessere Qualität brächte. Immerhin erwartet man an diesem Spitzenhaus Bundesliga-Leistungsspitze.

 

Nun zum jüngsten DT-Produktionsdoppel aus dem Fundus der Weltliteratur. Erstens, in den Kammerspielen: Die Schiller-Erzählung „Verbrecher aus verlorener Ehre“ reflektiert sehr differenziert Sinn und Unsinn des Justiz- und Gefängniswesens am Fall eines räuberischen Kneipenwirts mit sinnigem Namen Christian Wolf. Regisseur Simon Solberg rekonstruiert den wortgewaltig ausgebreiteten Fall kurz und knapp mit viel Witz und noch viel mehr Klamauk und Klamotte (das total alberne 18. Jahrhundert?). Und überblendet ihn unter Großeinsatz theatralischer Mittel mit dokumentiert gegenwärtiger Justiz- und grauenvoller Knastpraxis. Eigentlich prima Idee: Kritische Auseinandersetzung mit heutigem Strafwesen, kontrapunktiert mit der historischen Perspektive Schillers.

Doch die prima Idee wird zermalmt vom poppigen Multimedia-Halligalli; der spannende dramaturgische Ansatz zugeschüttet mit vielen tollen und ganz vielen albernen Regie-Ideen. Dazu schweißtreibender Dampf- und Kalauerschauspielbetrieb. Unausgegorene und postdramatisch dröhnende Theater-Schnellschießerei statt Konzentration aufs immerhin höchst ernste, stark relevante Thema.

 

Zweitens: Dimiter Gotscheffs Collage „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige“ im großen DT-Haus. So vielversprechend der Titel, so enttäuschend die Veranstaltung. Denn die spielt nicht etwa wie verrückt mit dem archaischen Thema Gewalt aus Lust, aus Machtgier oder gar um des Fortschritts willen, die lässt vielmehr die grandiose Spieler-Truppe der Gotscheff-Familie bloß an die Rampe treten, um von dort kontextlos diverse Schreckenstext-Schnipsel einschlägiger Shakespeare-Schocker den Leuten an die Köpfe zu schmeißen. Das macht zwar gelegentlich ein bisschen Effekt, verpufft aber ansonsten. Weder spielt die Regie mit den Mördern und Opfern, noch spielen die untereinander oder mit ihrem Autor und dessen grinsender Abgründigkeit. Neckische Theaterblutspritzerei, hübsch umrahmt von einer Free-Jazz-Band, ist arg wenig für Shakespeare wie fürs Publikum. Das nämlich winkt bei der bloßen, immerzu aufs neue resignierten Kurz-Behauptung, die Welt sei ein Schlachthaus, längst nur noch genervt ab. Ärgerlich, diese billige Shakespeareblut-Schmiere.

Staatsoper im Schiller Theater

Auch der Regisseur Hans Neuenfels gehört zu jenen vielen lebensfrohen Burschen, die liebend gern jenseits des Bauchnabels nesteln. Der hohe Herr mit der rostigen Reibeisenstimme und dem feinen Schal mit den vielen weißen Pünktchen drauf ist einer der ganz wenigen Regisseure (oder gar der einzige?), der an allen drei Berliner Opernhäusern inszeniert und obendrein literarisch kann. Und so posaunte Neuenfels in seiner wirklich lesenswerten, wahrlich romanesken Autobiografie „Bastardbuch“ (Bertelsmann) eine bemerkenswerte Intimität mutig in die Welt: nämlich wie er zu seinem Beruf fand. Und das ging so: Er beobachtete einst in seiner Essener Studentenbude, wie zwei nackte Kerle, die sich soeben bei seiner als Hure werkelnden Zimmerwirtin erleichtert hatten, in Erinnerung an ihre Seligkeit onanieren. Da habe er als schwitzender Voyeur den Regisseur in sich entdeckt. „Weil das Nacherlebte eines Geschehnisses ebenso stark zu werden imstande war wie das Geschehnis selbst und es sich sogar übertrug.“ Vertrackte Dialektik zwischen Leben und Kunst!

Damit spielt er gerade jetzt wieder in seiner Staatsopern-Adaption von Mozarts neckischer Komödie „Die Gärtnerin aus Liebe“; nunmehr unter neuem Titel „La finta giardiniera – Die Pforten der Liebe“ – denn vom albernen Libretto eines gewissen Petrosellini blieb nicht viel übrig. Neuenfels hat neu geschrieben und zwei Figuren hinzuerfunden: Ein altes Paar, ein bisschen wie er mit Frau Gemahlin. Es singt nicht, sondern giftet, grantelt, schweinigelt sich zwischen den Mozart-Arien und -Ensembles entlang – bis schließlich der sexistische Knacker per Schlaganfall aus dem spätherbstlich kalten Garten der Lüste in die eisige Ewigkeit fällt. Zur Premiere krachten die Buhs! Quatsch! Was hätte der Regisseur (71) sonst machen sollen mit dieser frühen Mozartpetitesse? Er toupiert dramatisch hoch, arrangiert ein inszeniertes Konzert mit zwei aasigen Konzertführern: Und eben diese beiden grauen Panther haben mich besonders berührt mit ihrem Sarkasmus, ihrer spröden Melancholie. Ein weltweises Paar am Rande zum Grab. Die Neuenfelsschen Ehe-Endspielchen, eingestreut in Mozarts um Pubertäts-Pickel kreiselnde Noten, waren bitterkomischer Kontrapunkt zum Küss-und-Klopp-mich-Singsang am Tor zur Liebe – und dem, was man dafür hält. Im „Bastardbuch“ steht sehr viel mehr davon. Man kann sich den Mozart durchaus sparen und gleich zum Buch greifen … Vielleicht stopft Nikolaus die 512 Seiten noch ins geputzte Schuhwerk?!

Zum Schluss nochmal Deutsches Theater; nochmal ein Tipp für Nikolaus

Im DT steht der Star des schönen Hauses auf der Bühne zusammen mit einem Star des Welttheaters: Ulrich Matthes liest Schiller-Balladen! Eine Kostbarkeit! Für ganze zehn Euro Eintritt auf allen Plätzen am 9. Dezember. Nikoläuse hergehört: Das ist ein Supertipp! Liegt mir sehr am Herzen. Wer schon liest heutzutage noch Gedichte, noch Friedrich Schiller, dessen Balladen allemal spannende Dramen sind? Und grandiose Wortkunstwerke. Hingehen. Es wartet ein unvergessliches Erlebnis – ein gleißender Lichtblick im Advent. Im trotz aller Umtriebigkeit ziemlich trüben Alltag des Deutschen Theaters, das gerade an diesem großen und leider seltenen Abend einmal ganz zu sich findet.