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Kulturvolk Blog Nr. 123

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

23. März 2015

Berliner Kriminaltheater


„Alles, was wir wissen, ist, dass er die Leiche gefunden hat“, sagt Chief Inspector Parker zu Sergeant Hastings, der schon kocht vor Wut und Hass. Denn vor den beiden Polizisten sitzt der steinreiche Staranwalt Barklay, der die Leiche gefunden hat: das acht Jahre alte Mädchen Sue („ein fröhliches Kind, und sehr zutraulich“) erst wurde es vergewaltigt, dann grausam ermordet. Schon beim ersten Verhör drängt sich der Verdacht auf: Barklay hat Dreck am Stecken, Barklay ist der Böse. Und tatsächlich kommen im Verlauf des Verhörs, das einer Gehirnwäsche gleicht, noch viele schlimme und einige schlimmste Dinge ans Licht. Sieht wirklich nicht gut aus für den honorigen Anwalt. Die Schlusspointe in diesem Kammerspiel-Psychothriller – sie wird hier nicht verraten , aber sie haut alle um.

 

Der Theaterkrimi „Das Verhör“ basiert auf dem englischen Bestseller-Roman „Brainwash“ von John Wainwright. Er ist derart spannend, dass er gleich zwei Mal verfilmt wurde: Erst in Frankreich („Garde a Vue“, 1981) mit Lino Ventura und Michel Serrault, dann in Hollywood („Under Suspicion“, 2000) mit Morgan Freeman und Gene Hackman. Und jetzt kommen die scharf geschliffenen Rededuelle zwischen Inspektor Parker (Thomas Gumpert) und dem kleinen süßen Mädchen sonderlich zugetanen Rechtsanwalt Barklay (Ulrich Voß) unter Regie von Wolfgang Rumpf im Berliner Kriminalheater auf die Bretter, die einer Londoner Polizeistation gehören (Szenenbild: Manfred Bitterlich).

 

Um es gleich zu sagen: Eine großartige Sache! Schon das Casting, mit dem die Sache steht und fällt, ein toller Coup: Gumpert & Voß. Der eine ein drahtiger Kerl, der mit höchster Verhör-Raffinesse und (meist) eisiger Beherrschtheit die Daumenschrauben unerbittlich fest und fester dreht; der andere ein massiger, bei aller Lässigkeit schon etwas schlapper Gesellschaftslöwe mit durchaus angeschafft wirkender Souveränität und Selbstgerechtigkeit, der sich zunehmend bemüht, seine Angst und Verzweiflung fein wegzustecken und schließlich, nach einigem Aufbäumen, schwer in sich zusammensackt. Da prallen nicht nur Polizist und Tatverdächtiger, Aufklärer und Vertuscher, sondern auch zwei sehr gegensätzliche Charaktere hart aufeinander. Die beiden schenken sich nichts in ihren rhetorisch ausgetüftelten Zweikämpfen, die der Regisseur mit hoher psychologischer Präzision in Szene setzt. Es geht um entsetzliche Verbrechen, das wird in keiner Sekunde ausgeblendet. Und dennoch ist dieses intellektuelle Ringen zweier starker Männer – Action ist hier ausnahmsweise nicht angesagt, nur Spannung pur ein großartiges und erstaunliches Vergnügen voller Überraschungen.

 

(wieder am 23., 26. März; am 3., 4., 24. April)

 

Kammerspiele des Deutschen Theaters

Das Spezielle der gern feinsinnigen Theater-Erzählerin Dea Loher ist: Sie spielt gern und luftig mit dem Fantastischen und Komischen, mit überraschend Irrwitzigem. So ertüftelte sie jetzt eine lustig-spinnerte Geschichte über ein junges und vitales, verlassenes, in Ärmlichkeitsverhältnissen lieblos und ohne Aussichten auf bessere Zeiten aufgewachsenes Geschwisterpaar. Titel: „Gaunerstück“. Hänsel und Gretel ziemlich robust und ausstaffiert mit Stehaufmännchen-Qualitäten im Dickicht eines rauen Daseins. Gewöhnlich hat das von dieser Autorin gern und gewitzt und ohne Tränendrüsendrückerei thematisierte Elend etwas unvermutet Zartes, Berückendes sowie einen Stich ins Märchenhafte, gelegentlich auch ins Daseins-Philosophische. Diesmal jedoch war ihr luftiges Gestrick allzu luftig. Anders gesagt: Lohers „Gaunerstück“ ist ziemlich platt, dafür dekoriert mit einer kecken Pointe, die hier nicht verraten sein soll.

 

Die niederländische Regisseurin Alize Zandwijk (das DT kooperiert mit dem Ro-Theater Rotterdam) hat die dick mit Freundlichkeit ausgepinselte Chose nicht ohne Humor inszeniert in einem vom Ausstatter Thomas Rupert hingebungsvoll versifft hergerichteten Leeraum, quasi dem Knast, in dem die Underdogs ruppig und allzeit gierig auf Knete herumtollen. Es gibt einige schöne Momente für die vier Schauspieler Judith Hofmann, Miquel de Jong, Fania Sorel und dem heraus stechenden Hans Löw, denn das Geschwisterpaar wird als Doppel gespielt, was die simple Sache noch ein bisschen aufpeppt. Freilich, manch angestrengt motorisches Hickhack hätte die Regie sich verkneifen sollen; erst recht aber die von gängigen Mustern des zeitgenössischen Ausdruckstanzes inspirierte Körperakrobatik die bläst die musikalisch stimmungsvoll durch Beppe Costa grundierte Prekariats-Petitesse bloß auf. So wäre man schon in 90 statt erst 110 Minuten zum aberwitzigen Finale gekommen. Und hätte entspannt gerufen: Zumindest in der Kürze lag Würze. Immerhin bekommen wir den holprig gereimten, dafür knappen philosophischen Merksatz mit auf den Heimweg: „Ohne zynisch zu werden leben, aber mit Stil, das wäre ein Ziel." Na, das ist ja wenigstens etwas…

 

(wieder am 27. März)

 

Schaubühne

Der italienische Regisseur Romeo Castellucci steht auf den deutschen Dichter Friedrich Hölderlin – eine höchst ehrenwerte Passion. Sonderlich begeistert ihn die wahrlich faszinierende Macht seiner Sprache. Der Rausch am Hinreißenden ist ihm sehr viel mehr als das Verstehen, die Allmacht des Magischen viel wichtiger als das Konkrete – und so ist denn auch Castelluccis Theater: hochmögend, abstrakt, deklamatorisch. Bedeutung liegt tonnenschwer in der Luft, doch das meiste bleibt rätselhaft. Oder verquast und verschwurbelt.

 

Und so ist es jetzt bei „Ödipus der Tyrann“ von Sophokles in der Übersetzung von Hölderlin. Dass die archaische Tragödie vom thebanischen König Ödipus, der unverschuldet seinen Vater tötet und die Mutter heiratet, dass dieser so erschütternde Schuldkomplex uns nicht erschüttert, liegt nicht an Hölderlin und schon gar nicht an Sophokles, sondern an der verstiegenen Idee des Regisseurs, das antike Stück zu „christianisieren“ und von Nonnen in einem Kloster aufsagen zu lassen. Sozusagen in einem weihevollen Breitwand-Mysterienspiel. Das soll, meint die Regie, einen neuen Blick werfen auf „das Urbild familiärer und sexueller Traumata und Tabus“. Aber es wirft nicht, und wenn, dann höchstens mit Nebelkerzen (oder bitteschön: mit dampfenden Weihrauchfässern - der ganze Saal duftet nach Messe). Allerliebst freilich der Auftritt eines lebenden Schafs als Lamm Gottes, das „Määäh!“ macht sowie vor Aufregung ein kleines Käckerle. Ansonsten: Großer bühnenbildtechnischer Aufwand, große Besetzung, wenig Sinn, keine Wirkung. Eine mit heiligem Ernst zelebrierte Kunstanstrengung, die elitär gespreizt den Edekitsch packt und unfreiwillig tapfer die Lächerlichkeit streift.

 

(wieder am 26., 27., 30., 31. März)

 

Filmtipp

„Die letzten Gigolos“ ist ein wehmütig-warmherziger Film für alle Freunde der Kreuzschifffahrt; und das sind vornehmlich die etwas älteren, etwas wohlhabenderen Semester. Im Mittelpunkt des reportagehaften Streifens stehen zwei graumelierte Herren um die siebzig. Ihre Kennzeichen: Wohlhabenheit, Eleganz, Eloquenz, Intelligenz, Fitness, Einfühlungsvermögen und Tanzlust. Es sind keine professionelle Schwerenöter oder Abzocker, sondern (verwitwete), gut situierte Herren, die, vermittelt von einer Agentur und engagiert von der Reederei, ihren Lebensabend teils auf Kreuzfahrtschiffen verbringen (Kost und Logis frei plus kleine Aufwandsentschädigung). Um dort die lebens- und tanzlustigen alleinstehenden Damen allabendlich übers Parkett zu wirbeln und auch sonst einigermaßen geistreich zu unterhalten. Macht ihnen Spaß. Auch liegt da gelegentlich allerhand Erotik in der Salzluft, doch zu sexuellen Tätlichkeiten, um das klar zu stellen, kommt es höchst selten (Kabinenbesuche sind offiziell verboten). Sind doch beide Seiten eher erpicht aufs charmante Amüsement, auf moderate Blutdruckerhöhung, auf Gesellschaft sowie, und das vor allem, auf Wiener Walzer, Fox und Tango, wobei man Glitzerkleider vorführen und obendrein zeigen kann, was Kniegelenke und Hüftprothesen noch alles her geben. Man macht sich schick und freut sich des Lebens; so gut es noch geht. Praktizierte Lebenskunst!

 

Regisseur Stephan Bergmann bringt uns diese mittelständische Luxusgesellschaft auf äußerst einfühlsame Art nahe. Auch vermag er, die Senioren gesprächsweise zu überraschender Offenheit zu bewegen. Wir erleben herzergreifende, auch komische, sogar alberne, meist aber äußerst lebenskluge Offenbarungen. Ein berückendes Hohelied auf die (auch von Schmerzlichkeit nicht freie) letzte Lebensphase und das Privileg, sich noch ein kleines Stück vom späten Glück leisten zu können. Wofür man sehr dankbar ist nicht zuletzt auch den beiden so sympathischen Gigolos, die sich so nicht nennen, sondern „Gentleman Host“ heißen und ganz gern ein Küsschen in Ehren vergeben und nur ganz selten ein ganz kleines bisschen mehr als das.